Südafrika

Nachts im Museum

Von Katharina Wilhelm
 - 12:24
zur Bildergalerie

Treppe hoch, den Flur entlang. Am Ende des Gangs müsste die Nummer 10 sein. An der Tür jedoch steht: 3. Ich finde mein Zimmer nicht. Was daran liegen könnte, dass der letzte Wein, den Manuel „Manny“ Cabello, chilenischer Sommelier des Ellerman House, uns präsentierte, der beste war. Ein Pinotage, samtig, volles Aroma. Es könnte aber auch daran liegen, dass das Hotel an der Bantry Bay in Kapstadt ein wenig wirkt wie das Haus eines guten Bekannten, den man zum ersten Mal besucht, das eng und verwinkelt ist, und in dem man befürchtet, auf dem Weg ins Bad die falsche Tür zu erwischen und plötzlich in einem Schlafzimmer zu stehen. Was prompt passiert. Ups.

Keine Geschichte verpassen: F.A.Z. Reise bei Facebook

Zurück auf dem Flur, sehe ich dann das Bild mit den Zulu-Kriegern beim Kriegstanz. Der Krieger in der Mitte trägt einen auffällig großen Schild, sein Speer ist kampfbereit erhoben, und sein Federkleid flattert wild um ihn herum. Und jetzt erinnere ich mich auch wieder an das Porträt der jungen Frau mit den blauen Rastazöpfen. Nach den Zulu-Kriegern geht es durch kolonialzeitliche Landschaften und an der Bibliothek vorbei, aus der mir Szenen aus der Lebenswelt der indigenen San in Erinnerung geblieben sind. So weist mir die Kunst den Weg zu meinem Zimmer.

Talita Swarts, Kunst-Concierge des Ellerman House, hatte uns tags zuvor die Bilder erklärt: „War Dance of Emigrant Zulus“ mit dem Zulu-Krieger von John Thomas Baines, einem britischen Künstler und Entdecker; „Portrait of a Girl“, gemalt von Alexis Preller. Auf einer anderthalbstündigen Führung zeigte die Aafrikanerin den Gästen die Schätze des Hauses. Und das sind einige: Achthundert Kunstwerke aus der Sammlung mit insgesamt tausend sind auf dem Grundstück des Ellerman House ausgestellt. Das erstreckt sich auf einer Fläche von rund sechs Hektar. Sogar in der Wäschekammer hängt hochwertige Kunst, und viele der Arbeiten in den Zimmern könnten genauso gut im Nationalmuseum hängen, sagt Swarts. Zu den Highlights zählen Originale von Gerard Sekoto, dem ersten international erfolgreichen schwarzen südafrikanischen Künstler, von John Meyer, einem der führenden modernen Künstler Südafrikas, und Penny Siopis, die als Urmutter der südafrikanischen Malerei gilt und sich mit Themen wie Diskriminierung und Vergewaltigung auseinandersetzt.

Kein Stück der Sammlung steht zum Verkauf

In einem mit Efeu bewachsenen Gartenhaus ist eine Galerie mit zeitgenössischer südafrikanischer Kunst eingerichtet, deren Bilder alle drei Monate gewechselt werden, da der Besitzer und Kunstsammler Paul Harris ständig neue Werke hinzukauft. Im Garten, von dem aus man einen spektakulären Blick nach Westen über die Bantry Bay und den Atlantik bis nach Robben Island hat, streiten sich Skulpturen untereinander und mit umherwandernden Hagedasch-Ibissen um die besten Plätze. Die Sammlung ist dreimal so viel wert wie das Haus selbst, sagt Talita Swarts. Das hat einiges zu bedeuten, denn das Ellerman House ist das exklusivste und teuerste Hotel Kapstadts. Entsprechend bewacht ist die Anlage, selbst in einem Viertel, in dem jedes Anwesen von einem hohen Zaun umgeben ist.

Für Gäste, die sich die Kunst lieber in Ruhe und auf eigene Faust anschauen möchten, gibt es eine „Self-guided iPad-Tour“, die einen durch das Gerät in der Hand mit Informationen versorgt und in die richtige Richtung lenkt. Verkauft oder ausgeliehen werden die Bilder nicht. „Sie gehören einer sehr speziell kuratierten Kollektion an, und wenn man eines herausnimmt, verliert die ganze Sammlung an Wert“, behauptet Talita Swarts. Aber wenn ein Gast von einem der modernen Werke völlig begeistert ist, stellt sie, die mit vielen der Künstler befreundet ist und sich in der Szene bestens auskennt, den Kontakt zu dem Künstler her. „Er hat ja noch mehr gemalt!“

Mister Harris sieht man im Ellerman House nicht allzu häufig, von Videobotschaften auf dem Flachbildschirm in der Weingalerie einmal abgesehen. Der ehemalige Geschäftsführer von First Rand Limited, einer südafrikanischen Bankengruppe und zugleich eines der größten Unternehmen Afrikas, lebt in Johannesburg. Der Südafrikaner steht laut „Forbes“ auf dem vierzigsten Platz der Liste der vierzig reichsten Menschen Afrikas. Der Pensionär sammelt ausschließlich Kunst aus seinem Heimatland. Er kaufte das Ellerman House im Jahr 1988, nachdem er sich von seinem Nachgrundstück aus in die 1906 erbaute Villa verliebt hatte.

Residieren in absoluter Privatsphäre

Wer der Architekt des Ellerman House ist, weiß heute niemand mehr. Erbaut wurde es im sogenannten „Cape Edwardian“-Stil und nach häufig wechselnden Besitzern zuletzt 1962 von John Ellerman und seiner Frau gekauft. Der englische Reeder und Baronet gab dem Haus seinen Namen und lebte dort bis zu seinem Tod im Jahr 1973. Es hieß, er beobachtete von hier seine Schiffe, die im Atlantik vorbeizogen. Nachdem Harris das Haus gekauft hatte, baute er es zunächst zu einem Sieben-Zimmer-Privathotel um, weitere Aus- und Anbauten folgten, darunter zwei Villen, bis es nun in seiner heutigen Form nicht mehr erweitert werden könnte, ohne dafür Nachbargelände aufkaufen zu müssen.

Die beiden Villen können nur komplett gemietet werden – samt eigenem Koch und rund um die Uhr verfügbarem Personal. Im Gegensatz zum eher klassisch eingerichteten Haupthaus sind die Villen eine Ausgeburt der Moderne, mit Glastreppen und -fronten, einem Heimkino und einer Außendusche über dem Ozean. In den Zimmern des Haupthauses dominieren dagegen Kunst aus Kolonialzeiten, Kronleuchter, viel Holz und schwere Teppiche. Auf den Balkonen mit Meerblick steht gusseisernes, verschnörkeltes Mobiliar. Überall liegen schwere Coffee Table Books zu den Themen Kunst und Wein, aus hohen Regalen kann man sich DVDs oder Romane ausleihen. Neben den beiden Dreizimmer-Villen gibt es dreizehn Zimmer unterschiedlicher Kategorien, in die man sich verlaufen kann. Die Nacht in der untersten Kategorie, ohne Balkon und Meeresblick, kostet in der Nebensaison vierhundert Euro.

Lindsy Terry, Sales Manager des Ellerman House, betont, es sei Harris’ Wunsch gewesen, seinen Besitz mit anderen zu teilen, deshalb die Idee mit dem Hotel. Doch steht die ehrenhafte Einstellung ein wenig im Kontrast dazu, dass die Sammlung des Hauses allein den Gästen vorbehalten und nicht für die Öffentlichkeit zugänglich ist. So wolle man die Exklusivität des Hauses wahren. Teilen macht Spaß, aber nur mit denen, die dafür zahlen wollen. Wichtig sei ja außerdem, dass die Gäste in ihrer absoluten Privatsphäre residieren könnten, sagt Terry: „Sie sollen sich wie zu Hause fühlen.“ Deshalb dürfen sie auch in die Küche gehen und den Köchen bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen oder sich nachts in der „Sugar Shack“ bedienen, einer Kammer voller Süßigkeiten. Es gibt auch keine Kleiderordnung, jeder soll tragen, worin er sich wohl fühlt.

„Auf diesem Preisniveau können die Gäste sehr fordernd sein“

Die Küche bezeichnet Tirry als „nicht unbedingt Fine-Dining, sondern eher modern-europäisch, aber aus lokalen Produkten“. Kapstädter seien die entspanntesten Südafrikaner, sagt sie und lacht. Nur Kindern gegenüber ist die Einstellung weniger lässig – im Haupthaus dürfen sie erst wohnen, wenn sie vierzehn sind oder älter. In die Villa One können Familien mit Kindern jeden Alters ziehen.

Die exklusive Privatsphäre funktioniert so gut, dass man die anderen Gäste nicht zu Gesicht bekommt – obwohl welche da seien, wie Terry versichert. Die Gäste kämen fast ausschließlich aus dem Ausland, hauptsächlich aus Amerika, gefolgt von Großbritannien, Deutschland, der Schweiz und Skandinavien, sagt Tirry. Und ja, auch einige prominente Namen seien darunter, aber die dürfe sie nicht nennen. Eines sei sicher: „Auf diesem Preisniveau können die Gäste sehr fordernd sein.“

Auch in Kapstadt wird es kühl, zumal im Herbst und Winter. Tagsüber mag es noch zwanzig Grad sein, doch wehen kühle Winde aus Südost und Nordwest, welche vier Jahreszeiten an einem einzigen Tag bescheren können, wie man hier sagt. Sie führen aber auch dazu, dass es im ganzen Haus angenehm nach Meer und Salz riecht, denn sie tragen den Geruch des nahen Ozeans herein.

In der Weingalerie duftet es ein wenig anders. Wir sind eingeladen zur Weinprobe mit Tapas-Tasting und schauen uns im Champagner-Keller um, Regal um Regal gefüllt mit allen Jahrgängen von Dom Pérignon – Harris ist mit dem Champagner-Chef Richard Geoffroy befreundet. Auch hier gibt es Kunst. Doch nun wird zuallererst ausgeschenkt. Wein aus einer Auswahl von hundert Weingütern der umliegenden Winelands. Und dann eben die Sache mit dem Zimmer. Blaue Rastazöpfe, Zulu, Landschaften und an den San vorbei. Am nächsten Tag finde ich mein Zimmer auf Anhieb – der Kunst sei Dank.

Luxus an der Bantry Bay

Das Ellerman House: www.ellerman.co.za

Südafrika exklusiv: www.artoftravel.de

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAtlantikKapstadtSüdafrika