Maria – I 2014 © Lurdes R. Basolí

Spuren eines Flusses

Von FREDDY LANGER

10. März 2017 · Acht Fotografinnen folgten dem blauen Band der Donau und dokumentierten eine Welt jenseits von Walzerseligkeit und Romantik – eine Ausstellung in Frankfurt.

Als besonders romantisch scheint Inge Morath die Donau nicht empfunden zu haben, als sie sich Anfang der fünfziger Jahre zum ersten Mal aufmachte, den Fluss und seine Umgebung zu fotografieren. Und besonders weit kam sie damals auch nicht. Der Eiserne Vorhang versperrte ihr bald schon den Weg. Aber um ein verträumtes Bild war es ihr gar nicht zu tun. „Ein Fluss hat eine Geschichte“, schrieb sie damals, „an seine Ufer geschrieben von Generationen von Menschen.“ Danach suchte sie. Nach den Spuren, die Menschen hinterlassen haben, und nach diesen Menschen selbst: So fotografierte sie hier Schlossmauern oder Fabrikschornsteine, die über dem Ufer steil in den Himmel ragen, und dort Kinder, die im seichten Wasser spielen, Familien, die unter Bäumen faulenzen, und Männer, die sehnsüchtig in die Ferne schauen, weil man in der Strömung eines Flusses ja immer etwas vom Leben zu erkennen meint. Wie es vorbeizieht und wie es vergeht.

© Inge Morath Foundation / Magnum Photos / Agentur Focus Jugoslawien. Die Donau bei Smederevo. 1958

Inge Morath, 1923 in Graz geboren, jedoch lange Zeit in Berlin, Paris und später, verheiratet mit Arthur Miller, in New York zu Hause, ließ die Donau nicht mehr los. Noch in den neunziger Jahren reiste sie den Fluss entlang, und in gewisser Weise spiegelt sich in dessen Wasser auch ihre Karriere: von der Assistentin Henri Cartier-Bressons über die Aufnahme als erste Frau in die renommierte Bildagentur Magnum bis zur Autorin herrlicher Fotobände über Persien, Tunesien und Russland. Dabei betrachtete sie die Welt über ein halbes Menschenleben hinweg stets mit einer gewissen Lakonie. Und deshalb finden sich in ihrem Buch „Donau“, das 1995 endlich erschien, viel weniger Brüche, als es die politischen Umwälzungen in gut vier Jahrzehnten erwarten ließen.

Nach Inge Moraths Tod im Jahr 2002 wurde in Österreich ein international ausgelobter Fotopreis nach ihr benannt, eine Auszeichnung für junge Fotojournalistinnen, nicht älter als dreißig Jahre. Und während eines Empfangs bei der zehnten Vergabe kamen einige der Preisträgerinnen auf die Idee, Moraths Reise zu wiederholen. Am Ende machten sich acht von ihnen auf den Weg: von der Quelle im Schwarzwald bis zum Schwarzen Meer – zweitausendachthundert Kilometer durch zehn Länder in vierunddreißig Tagen mit Stopps in neunzehn Städten. Begleitet wurden sie von einem Lastwagen, auf dessen Wand abends Donau-Bilder von Inge Morath projiziert wurden und in dessen Laderaum eine Ausstellung mit ihren Fotos hing. „Schaut“, soll eine Besucherin unterwegs gerufen haben. „Das bin ich! Von der Morath fotografiert. Wie lang das her ist.“

Die acht Fotografinnen hatten die Bilder von Inge Morath im Kopf, als sie losfuhren. Aber sie haben sich nicht an ihren Motiven orientiert, wie jetzt eine Ausstellung mit alten Schwarzweißaufnahmen von Inge Morath und Arbeiten der jungen Bildjournalistinnen im Fotografie Forum Frankfurt zeigt. Es ging ihnen nicht einmal darum, ihre Reise nachzuerzählen oder ein umfassendes Bild der Flusslandschaft vorzulegen. Vielmehr schaute sich jede von ihnen in ihrer eigenen Nische um, folgte dem eigenen Temperament und suchte nach individuellen Bildlösungen – mit Ausrüstungen vom Mittelformat bis zum Smart Phone.

  • © Claire Martin Wann ist ein Mann ein Mann? Junge Roma aus der Serie „The Văcărești Lake“, 2014
  • © Claire Martin Eine Roma-Familie entspannt sich in ihrem Garten in der Goveđi-Brod-Siedlung, Belgrad, Serbien July 2014 aus der Serie „The Văcărești Lake“, 2014

Kathryn Cook aus den Vereinigten Staaten, die ihre kleinen Kinder mit auf die Tour gebracht hatte, suchte nachts, während die Kleinen schliefen, nach Märchenkulissen, zauberhaften Momenten, in denen man sich nicht wunderte, wenn Nixen aus dem Wasser stiegen oder Feen zwischen Bäumen auftauchten, aber anschließend verfremdete sie die Aufnahmen, als wollte sie viel lieber experimentelle Lyrik illustrieren als die Brüder Grimm.

© Kathryn Cook Wald aus der Serie „The Black“, 2014

Olivia Arthur aus England, selbst mittlerweile Mitglied bei Magnum, nahm die Reise zum Anlass, Beziehungsgeschichten nachzugehen. Sie fotografierte junge Menschen zu Hause und auf der Straße, manche verliebt, manche verlassen – weshalb die mächtige schwarze Wolke am Himmel, deren exaltiertes Aufbäumen gleich mehrere der Fotografinnen in ihren Bann gezogen hat, hier nicht als bloße Dokumentation des Wetters zu verstehen ist.

© Olivia Arthur O.T. aus der Serie „In and out of love“, 2014

Und Claire Martin aus Australien, die ursprünglich Sozialwissenschaft studiert hat, scherte aus dem Frauenverband aus, um sich in Serbien von einer Gruppe junger Roma deren Männlichkeitskulte um ungestüme Pferde und ihre trainierten Körper erklären zu lassen.

Romantisch ist auch all das nicht, und wie bei Claudia Guadarrama in Ungarn das Wrack eines riesigen Schiffs mitten im Fluss vor sich hin rostet oder bei Emily Schiffer Menschen in Bulgarien in abbruchreifen Häusern leben, wird hier der Armut jeder Anflug von Idyll ein für allemal ausgetrieben.

  • © Claudia Guadarrama Ungarn 21. Juli 2014, Bootsfriedhof bei Pilismarot aus der Serie „Entre lo sólido y lo efímero“, 2014
  • © Ami Vitale O.T. aus der Serie „in motion“, 2014
  • © Jessica Dimmock O.T. aus der Serie „Untitled“, 2014

Die Ausstellung verbreitet keine Walzerseligkeit, und sie sucht nicht nach einem den Tourismus fördernden Prospekt. Eher gleichen die jungen Frauen Forschungsreisenden, die angesichts einer ihnen fremden Welt das Staunen an den Anfang der Arbeit gestellt haben und ihre mitgebrachten Ideen schnell korrigierten. Erstaunlich ist, mit welcher Sicherheit die Jury des Morath-Preises deren Talente früh erkannt hat. Viele von ihnen arbeiten heute für große Magazine. So gibt die Ausstellung nicht zuletzt einen Überblick über den Stand der Reportagefotografie in unseren Tagen – jenseits von Krieg und Krawall.

„Donaureise – Auf den Spuren von Inge Morath: Olivia Arthur, Lurdes R. Basoli, Kathryn Cook, Jessica Dimmock, Claudia Guadarrama, Claire Martin, Emily Schiffer und Ami Vitale“, vom 25.02. bis 28.05.2017 im Fotografie Forum Frankfurt, Braubachstraße 30-32, 60311 Frankfurt; www.fffrankfurt.org Kein Katalog.

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10.03.2017
Quelle: F.A.Z.