Baukasten-Reiseanbieter

Gegessen wird natürlich mit der Hand

Von Freddy Langer
 - 09:31
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Die schönste Anekdote im Leben von Stefanie Härpfer und Ralf Wiemann ist vielleicht die, dass sie beide erst durch die Stellenanzeige in einem Fachblatt von dem Reiseveranstalter Erlebe-Fernreisen erfuhren – dabei waren sie seit Jahr und Tag im Tourismus tätig, sie für Pierre & Vacances-Center Parcs, er bei Gebeco und Wikinger Reisen. Aber es habe ja, sagt Ralf Wiemann weniger als Entschuldigung denn als Erklärung, noch bis vor kurzem zur Philosophie des Unternehmens gehört, „unterhalb des Radars zu fliegen“: keine Werbung, keine Messeauftritte, keine Broschüren, nur Mundpropaganda – aus Furcht, die Konkurrenz würde auf das Konzept aufmerksam und kopiere die Idee.

Vor anderthalb Jahren wurden Stefanie Härpfer und Ralf Wiemann Geschäftsführer von Erlebe-Fernreisen. Ihr erklärtes Ziel ist es, die Firma aus dem Schattenreich zu holen: mit Werbung, mit Messeauftritten, mit eigenen Broschüren, aber auch mit neuen Konzepten – darunter Gruppenreisen für Individualisten.

„Präsenz zeigen“ könnte man das nennen, wobei die Betonung auf „zeigen“ liegt. Denn der Kontakt zwischen der Firma und ihren Kunden war stets eng, sehr viel enger als bei den meisten Mitbewerbern. Aber er beschränkte sich bisher aufs Telefonieren. Jetzt begegnen die Angestellten bei Veranstaltungen erstmals ihren Kunden. Manchmal, erzählen sie, sei es, als träfen sich Freunde. Denn die Beratungsgespräche dauerten mitunter sehr lang.

Etwa hundert Mitarbeiter hat Erlebe-Fernreisen. Obwohl ihr Altersdurchschnitt kaum über dreißig Jahre liegt, arbeiten die meisten von ihnen bei einer flachen Führungshierarchie in kleinen, selbststeuernden Teams. Wer ein Reiseziel verantwortet, ist zuständig für nahezu alles und entwickelt gemeinsam mit Partnern am Ort die Programme, die er später verkauft und dem Kunden aus eigener Anschauung detailliert beschreiben kann. Vermarktet werden die Reisen vor allem über das Internet, einerseits über bezahlte Anzeigen, die zur Homepage führen, andererseits, in dem man durch google-relevante Begriffe und entsprechende Inhaltsaufbereitung auf sich aufmerksam zu machen versucht. Das tun andere Veranstalter freilich auch, und wer etwa die Stichworte „Beste Reisezeit Thailand“ in eine Datensuche eingibt, landet augenblicklich bei den Klimatabellen nahezu aller großen deutschen Reiseunternehmen – samt deren Preisen, Reisedaten und Buchungstabellen. Bei Erlebe-Fernreisen jedoch lacht einem das Gesicht einer jungen Frau entgegen, und neben ihrer Telefonnummer steht der Hinweis: „Ich berate Sie gern.“

Als andere das Internet noch fürchteten

Das Konzept für Erlebe-Fernreisen haben Johannes van Stephaudt und Mark Lindner entwickelt. Es ist eine Art Baukasten, aus dessen Teilen sich die Urlauber ihre jeweils eigene Reise zusammenstellen. Mal sind es mehrtägige Ausflüge, mal sind es mehrtägige Aufenthalte an besonderen Orten. Mal in Begleitung eines Fahrers und Dolmetschers, mal ist man auf eigene Faust unterwegs. Hier fährt man mit der Vespa durch die Toskana, dort mit dem Kajak durch den Abel-Tasman-Nationalpark. In Portugal übernachtet man in Landhäusern, im australischen Outback unter freiem Himmel. Manche der Bausteine kann man auch dann buchen, wenn man sich den Rest der Reise auf anderem Weg organisiert. Die Homepage macht es leicht, sich durch die Länder und die jeweiligen Arrangements zu klicken. Schon als andere das Internet noch fürchteten, hatte sich Johannes van Stephaudt als ein Online-Anbieter verstanden, der sich jenseits „der Opodos der Welt“ seine Nische suchen wollte.

Natürlich haben Johannes van Stephaudt und Mark Lindner die Welt nicht neu erfunden, aber sie haben sich über das Bekannte hinaus auf die Suche nach abgelegenen Attraktionen gemacht und nach kleinen, familiengeführten Hotels oder Pensionen. An manchen Reisezielen, etwa in Laos und Ecuador, arbeiten sie mit Dorfkooperativen zusammen, so dass die Gäste in privaten Häusern untergebracht werden können. Dann ist es nicht ausgeschlossen, dass der Urlauber gebeten wird, in der Küche zu helfen – im Gegenzug nimmt er das eine oder andere neue Rezept mit nach Hause.

Das vor allem steht bei allen Reisen des Unternehmens im Vordergrund: ein enger Kontakt zur Bevölkerung. Deshalb kommt es auch vor, dass ein Fahrer den Gast am Ende des Tages zu sich nach Hause einlädt. Dann sitzt man einen Moment lang verunsichert und beschämt in einer winzigen Wohnung, die aus nicht mehr besteht als einem vollgestellten Zimmer, in dem Betten und Herd aneinanderstoßen, das gesamte Hab und Gut der Familie in zwei Regalen gestapelt ist und ein durchgewetzter Teppich auf dem Boden den Tisch ersetzt. Gegessen wird mit der Hand. Gemeinsam aus einer großen Schüssel. Noch so eine Hürde, die man erst einmal überwinden muss. Aber am Ende des Abends bringt der Gast die Kinder mit deutschen Gute-Nacht-Liedern ins Bett – und wird anschließend vom Nachbarn mit dem Moped zum Hotel zurückgefahren. Alles passiert, alles selbst erlebt. In Kathmandu.

Fröhliches Durcheinander

Die Unternehmensgeschichte von Erlebe-Fernreisen reicht zurück bis Ende der achtziger Jahre. Johannes van Stephaudt hatte damals im Keller des elterlichen Friseurbetriebs sein erstes Reisebüro eingerichtet, das war in Walbeck, einer Ortschaft in der Nähe von Goch. Bald sollten weitere folgten. Diese dann schon überirdisch. Im Jahr 2005 tat er sich mit Mark Lindner zusammen, um das Konzept individuell zusammengestellter Reisen auf größere Füße zu stellen. Ursprünglich schwebte ihnen im ehemaligen Militärflughafen Weeze, nahe der holländischen Grenze, ein kleines Ladengeschäft vor. Stattdessen bezogen sie nur einen Steinwurf vom Flughafen entfernt einige Räume in einer ehemaligen Schule. Es dauerte nicht lange, da hatten sie die beiden Stockwerke des architektonisch eher einfallslosen Gebäudes komplett übernommen.

Es war ein fröhliches Durcheinander. Die Großraumbüros in den Klassenzimmern waren mit Gebetsfahnen dekoriert wie für ein Kulturfestival, an den Wänden hingen hier meterlange Fotografien der Reiseziele, dort gerahmte Schnappschüsse von unterwegs, auf denen die Angestellten an ihren Lieblingsorten zu sehen waren. Da saß dann Esther zwischen Massai und Marc neben dem Nikolaus. Überall standen Souvenirs herum. Jeder richtete sich ein, wie er mochte. Und gleich auf den ersten Blick begriff selbst ein Fremder, wer sich hier mit welchem Teil der Erde beschäftigt.

Laufkundschaft gab es keine, umso glücklicher waren die Geschäftsführer mit der Postadresse: Flughafenring 199. Das klang nach großer Welt. Doch ganz so international darf man sich Weeze nicht vorstellen, selbst wenn die Dorfstraßen Namen wie London Street und York Way haben – vermutlich ein Erbe der hier früher stationierten Rheinarmee. Am Ende fiel es dem Unternehmen immer schwerer, gutes Personal in die Provinz des unteren Niederrheins zu locken.

Schwierig, Partner zu finden, die die Absichten verstehen

Denkt euch was aus, sollen Johannes van Stephaudt und Mark Lindner den beiden neuen Geschäftsführern gesagt haben. Obwohl gerade erst Mitte fünfzig, graute ihnen vor der Vorstellung, eines Tages als graue Eminenzen über den Korridor zu laufen. Unter einer Bedingung gaben sie die Führung aus der Hand: dass das Konzept erhalten bleibe. Dazu gehört an oberster Stelle der Anspruch, sozial und ökologisch verantwortlich zu handeln, was sie in ihrem vor zwei Jahren gegründeten Tochterunternehmen Fairaway Travel zu perfektionieren versuchen. „Öko“, sagen die beiden, dürfe nicht zum Aushängeschild werden, sondern müsse eine Selbstverständlichkeit sein. Und weil man bei Fernreisen schwerlich aufs Fliegen verzichten könne, unterstützen sie als Ausgleich für den CO2-Ausstoß Umweltprojekte in Brasilien, Vietnam und Indien.

Nun ist Erlebe-Fernreisen in die Innenstadt von Krefeld gezogen und hat sich in mehreren Stockwerken eines früheren Möbelhauses eingerichtet. Nein, sagt Ralf Wiemann, man habe keinen amerikanischen Innenarchitekten zu Rate gezogen – aber die Bilder der neuen Google-Zentrale bei Palo Alto in Kalifornien habe man sich sehr genau angeschaut. So führt der Weg zum gläsernen Konferenzraum an einer Tischtennisplatte und Yoga-Matten vorbei, an einem Ruheraum, an Sitzecken mit antik aussehenden Möbeln und an einer modernen Küche samt langem Esstisch, an dem die Angestellten in drei Schichten Mittag machen. In einem Kabuff kann man Tischkickern. In den Fluren hängen Grafiken und Organigramme, die im Laufe eines Wochenendseminars erarbeitet wurden. Und auf dem Tisch in dem kleinen Versammlungsraum regt ein Schild an: „Probiert mal ein Meeting im Stehen.“ Daneben eine Stoppuhr. Gemütlichkeit und Effizienz, so denkt man hier, schließen einander keineswegs aus.

Wie es weitergehen soll, haben Stefanie Härpfer und Ralf Wiemann in einem Fünfjahresplan zusammengefasst. Weit oben auf der Liste stehen die Ziele, die Markenbotschaft zu verstärken, die Begegnungen in der Fremde noch weiter zu intensivieren, das Produkt Familienreisen auszubauen und die Zahl der Kunden von jetzt gut fünfzehntausend auf zwanzigtausend im Jahr zu erhöhen, weshalb neuerdings auch mit Reisebüros zusammengearbeitet wird. Daran, das Portfolio von knapp fünfzig Destinationen um neue Reiseziele zu erweitern, ist hingegen nicht gedacht. Es sei schwierig, Partner zu finden, die ihre Absichten verstünden, sagen sie, in Japan habe man dafür ein ganzes Jahr gebraucht. Lieber sucht man deshalb in Ländern, mit denen man schon lange zusammenarbeitet, nach neuen Ferienmöglichkeiten. So unterstützt Erlebe-Fernreisen momentan ein Dorf in Costa Rica beim Bau eines Hotels, das den Bewohnern gehören wird.

Vorgekommen ist es hingegen, dass Länder aus dem Programm genommen wurden, etwa die Türkei. Aus touristischer Sicht sei das Land für ihr Konzept geradezu ideal gewesen, aber aus politischen Gründen, hatten schon Johannes van Stephaudt und Mark Lindner entschieden, sei es nicht mehr zu verantworten gewesen, Urlauber dorthin zu schicken.

Do It Yourself

Information auf der Hompage www-erlebe-fernreisen.de oder telefonisch unter: 0 21 51/3 88 05 00.

Quelle: F.A.Z.
Freddy Langer
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.
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