Höhlentauchen

Die Verzauberung der Welt: Tauchen in den Opalminen von Červenica

Von Linus Geschke
 - 13:45
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Niemand kommt nach Červenica, zumindest nicht zufällig. Die kleine Gemeinde in der Ostslowakei liegt keine siebzig Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt, fernab aller Sehenswürdigkeiten. Neunhundert Menschen leben in dem Ort, es gibt einen kleinen Lebensmittelladen und eine halb verfallene Bushaltestelle, an der nur noch selten ein Bus hält. Wer von hier aus der Bundesstraße 3440 nach Norden folgt, stößt nach wenigen Kilometern auf ein Hinweisschild, auf dem Opálové bane steht – einst die größte Opalmine der Welt.

Besucher, die dort abbiegen, müssen sich kurz darauf entscheiden: für Wanderschuhe oder Taucherflossen, für Outdoorjacke oder Trockentauchanzug. Die mehr als 22 Kilometer langen Bergschächte der stillgelegten Mine verteilen sich auf siebzehn Ebenen, von denen die untersten fünf mit Grundwasser gefüllt sind – eine versunkene Welt, die bis in 150 Meter Tiefe führt. „Die Opalsuche wurde um 1920 herum eingestellt“, erzählt Peter Kubička, der für den Tauchbetrieb vor Ort verantwortlich ist. „Bis zu 350 Menschen haben damals hier gearbeitet, und den Großteil ihrer Gerätschaften haben sie zurückgelassen.“

Schatten wie Wesen aus dem Totenreich

Kubička ist einer der bekanntesten Höhlentaucher der Slowakei, fast eine Legende. Jahrelang hat er dafür gekämpft, die wassergefüllten Schächte für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Unzählige Behördengänge liegen hinter ihm, Genehmigungen wurden erteilt, widerrufen, neu erteilt, und erst seit zwei Jahren ist das Tauchen dort offiziell erlaubt. „Vorausgesetzt“, schränkt er ein, „die Besucher können eine sogenannte Full-Cave-Ausbildung vorweisen.“

Unter Wasser und unter Tage schneidet das Licht der Taucherlampen über schmale Gänge und Schienenstränge hinweg. Man sieht Hämmer und Schaufeln, Loren und Spaten. Schatten huschen an den Wänden entlang, als seien es Wesen aus dem Totenreich. Durch das kristallklare Wasser reichen die Sichtweiten bis in die Unendlichkeit, und dennoch wirkt das Ganze düster, mystisch und geheimnisvoll. So, als würden sich die Minenarbeiter jeden Moment aus dem Schlick des Bodens erheben und das Sediment von den blanken Knochen schütteln.

Besser an der Leine bleiben

Anders als in einem Kohlebergwerk ist hier nichts klar strukturiert oder symmetrisch. Die Gänge winden sich wie Gedärme durch den Berg, kreuzen und überlagern sich, und immer wieder stößt man auf vertikale Schächte, die die verschiedenen Ebenen miteinander verbinden. Ohne die durch weite Bereiche gespannten Führungsleinen wäre man binnen kürzester Zeit verloren, gefangen in einem Unterwasserlabyrinth, in dem 1775 auch der „Harlekin“ gefunden wurde: mit 3035 Karat das größte Opalstück Europas und heute im Naturhistorischen Museum Wiens zu bewundern.

Mehr noch als die Hinterlassenschaften der Bergleute sind es die Farben, die die Taucher faszinieren. Die Wände leuchten in Purpur, Orange, Rot und Gelb, kein Gang gleicht dem anderen. Immer wieder blitzen Opalstücke wie Leuchtsignale auf – ein buntfleckiges, schillerndes Farbenspiel. „Ich habe weltweit Hunderte Höhlen gesehen“, sagt Unterwasserfotograf Martin Strmiska, „aber keine, die es mit der Opálové bane aufnehmen könnte. Das ist die Spitze – der Mount Everest unter Wasser!“

Ein versunkenes Industriemuseum

Insgesamt fünf Kilometer Gesamtlänge erreichen die unter Wasser liegenden Gänge, und nicht jeder davon ist mit einer Führungsleine versehen. Vorsicht lautet das oberste Gebot, ein tödlicher Unfall könnte immerhin das Ende aller Unternehmungen dort sein. „Ich kenne alte Höhlentaucher, und ich kenne risikofreudige Höhlentaucher“, wird Kubička später sagen. „Aber ich kenne keinen alten risikofreudigen Höhlentaucher.“

Der Höhepunkt des Tauchgangs ist der Hauptminenschacht, der zwei Ebenen miteinander verbindet. Ein Verkehrsknotenpunkt, von dem aus mehrere Schienenstränge in diverse Gänge abzweigen. Das Wasser ist kalt, drei bis vier Grad, und durch den niedrigen pH-Wert fühlt es sich auf der Haut leicht säureartig an, was das Kältegefühl zusätzlich unterstreicht, aber gleichzeitig auch dafür sorgt, dass der Zersetzungsprozess metallener Gegenstände nur langsam voranschreitet.

Zurück geht es durch einen Gang, in dem Stalaktiten wie abgenagte Finger von der Decke hängen. Der Blick nach hinten fällt auf durch die Flossen leicht aufgewirbeltes Sediment, welches wie Frühnebel wirkt, dann ein helles Licht am Ende des Tunnels. Nicht das Ende, sondern die Vorboten des Ziels, das Nahen des Aufstiegs. Hinaus aus einer Welt, die einerseits ein versunkenes Industriemuseum ist, andererseits ein Palast der Farben. Selbst Kubička kann sich nicht festlegen, welcher der beiden Punkte für ihn interessanter ist, und wenn man ihn fragt, was die Mine für ihn sei, antwortet er: „Eine Schatzkammer! Größtenteils geplündert, aber immer noch wunderschön.“

Der Weg zu den Opalen

Anreise Mit dem Auto erreicht man Červenica von Deutschland aus am einfachsten via Nürnberg und Prag über die A6/E50. Der 35 Kilometer entfernte Flughafen Košice wird von mehreren deutschen Flughäfen aus angesteuert, wobei jeweils ein Stopp notwendig ist. Tauchen Das Tauchen in der Opalmine ist nur Tauchern erlaubt, die eine Full-Cave-Ausbildung nachweisen können. Trockentauchanzug und ein Doppelgerät/Rebreather sind Pflicht. Weitere Informationen unter www.opalmine.eu.

Quelle: F.A.S.
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