Portland, Stadt der Hipster

Bart, aber herzlich

Von Eva Berendsen
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Wohin wir auch gehen, ob nach Berlin-Neukölln oder Williamsburg, New York - wir sind immer schon da. Gefangen in einer Endlosschleife von Abgrenzungsversuchen. Auf der Hawthorne Bridge in Portland

Wir fahren nach Portland, in die Stadt der Hipster, weil wir nicht anders können. Wir sind relativ jung, verdienen relativ wenig Geld, hören relativ coole Musik, sind oft dagegen (Turbokapitalismus), hin und wieder dafür (Bio-Essen, Homo-Ehe). Prinzipiell sind wir aber unentschieden. Besser: Wir sind uns der Ambivalenzen gesellschaftlicher Modernisierung bewusst. Dass wir zum Beispiel irgendwo hinziehen, weil es billig ist, und dann ist es teuer, weil das Viertel angesagt ist. Wegen uns.

Man nennt uns Hipster, wir selbst würden uns nie so bezeichnen. Hipster, das sind die anderen. Also Leute wie wir. Und das ist genau unser Problem: In welches Viertel wir auch gehen, ob Berlin-Neukölln oder Williamsburg, New York - wir sind immer schon da. Gefangen in einer Endlosschleife von Abgrenzungsversuchen.

Also auf nach Portland. Dort versteht man uns wenigstens. Portland liegt im nordwestlichen Teil der Vereinigten Staaten, in Oregon. Die Stadt hat 500.000 Einwohner, bei guter Sicht blickt man auf den schneebedeckten Mount Hood, der Pazifik ist nicht weit und der nächste Biosupermarkt um die Ecke. Das muss man den Hippies lassen, die in den Siebzigern aus San Francisco kamen, weil es ihnen da zu voll wurde mit ihresgleichen auf LSD und auch zu teuer.

Auch der Comiczeichner Craig Thompson wird uns später von einem Tross erzählen, der auf der Suche ist - und sei es nur nach billigem Wohnraum. Wir sind mit Thompson verabredet, in der Division Street auf der anderen Seite des Flusses. Deshalb steigen wir in der Innenstadt mit ihren mittelhohen Hochhäusern in einen Bus. Die Straßen sind numeriert und im Schachbrett angeordnet. Sind sie nicht numeriert, heißen sie „Lovejoy“ oder „Flanders“, wie die beiden besonders religiösen Figuren aus den „Simpsons“. Der Erfinder, Matt Groening, stammt aus Portland. Wieder ein Pluspunkt: Wir lieben Zitate und Referenzen.

Und dann klingelt ein iPhone

Der Bus überquert den Willamette River. Auf der anderen Seite erstreckt sich wilder Osten, Hipster-Gefilde, steht im Lonely Planet. Als niemand hinguckt, hieven wir uns die tonnenschwere Sonnenbrille ins Gesicht. Wir wollen nicht eitel rüberkommen. Der Bus hält an der Division Street, wir sehen Holzhäuser mit Veranda und Vorgarten in Reihe, amerikanische Vorstadt. Aber es ist anders als in den Kulissenstädten amerikanischer Filme, wo hinter dem nagelscherenbeschnittenen Rasen der Wahnsinn zu Hause ist. An der Division Street sind vielmehr Bars, die lokal gebrautes Bier anbieten, es gibt mehr als 50 Mikrobrauereien in Portland. Und die Vintage-Shops verkaufen nicht bloß Teile aus den zwanziger, sechziger und achtziger Jahren, sondern schon Blousons und Riesenshirts aus den Neunzigern.

Craig Thompson zeichnet
© Eva Berendsen, F.A.S.
Craig Thompson zeichnet

Im Café „Stumptown“ fragen wir uns, welcher von den vielen Rauschebärten wohl der von Craig Thompson ist, die kreative Klasse findet Bärte gerade gut. Doch ein glattrasiertes Gesicht kommt auf uns zu, stellt sich als Craig vor und führt uns an den Tresen, wo ein Mann mit bunt tätowierten Unterarmen Kaffee in einem gläsernen Dekanter zubereitet. Eine fast vergessene Methode, grummelt der Kaffeetyp durch das Dickicht seines Bartes und sieht zu, wie braunes Gebräu durch einen Riesenfilter tropft. „Ein Typ aus Deutschland hat das in den zwanziger Jahren erfunden.“ Kommt sofort in unser kleines schwarzes Notizbuch. Craig Thompson wählt trotzdem Cappuccino.

Eben ist er von einer Lesereise aus Jordanien zurückgekommen, hat dort „Habibi“ vorgestellt, ein gezeichnetes Märchen. Ein Spiel mit der arabischen Schrift und den Chiffren der Globalisierung, mit Gestern und Heute. Wir vermuten, dass Thompson seinem Comic etwas von der Tiefenimprägnierung seiner Wahlheimat eingeschrieben hat. Portland kommt uns vor wie altes Amerika und junge Avantgarde zugleich. Leatherman, das hier erfunden wurde, Flanellhemd, das die Leute aus dem Umland in die Stadt getragen haben. Und dann klingelt ein iPhone.

Am schönsten ist es samstags

Eine Frau wirbelt an unseren Tisch und tauscht mit Craig Thompson Nettigkeiten aus („Dein letztes Buch habe ich geliebt!!!“). Conny wisse alles über die Stadt, sagt Craig. Conny, asiatische Züge, lackierte Fingernägel (Pfirsich), erzählt, sie habe eben ein Kochfestival mit allen Chefköchen Portlands organisiert. „Essen ist das große Ding in Portland“, sagt sie und notiert ihre E-Mail-Adresse auf einen Zettel, die mit Lady Conny beginnt. Eine Art Society-Lady, denkt man, auch wenn das ganz schön etabliert klingt.

Conny Wohn nennt sich Lady
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Conny Wohn nennt sich Lady

Als Craig Thompson Anfang der neunziger Jahre von einem Örtchen in Wisconsin über Europa nach Portland zog, gab es noch keine Lady Connys. Damals sei Portlands Osten eher Hippie als Hipster gewesen. Zwischen Division Street und Hawthorne Boulevard hatten sie sich niedergelassen, zahlten wenig Miete und eröffneten Yogaschulen oder Esoterikbuchläden. „Ich wohnte mit so einem Typen zusammen, der die ganze Zeit auf seine Trommel schlug“, sagt Craig. So ist es mit den Hippies, wir belächeln sie für ihren unermüdlichen Kampf für die Rechte von Frauen, Pflanzen, Tieren oder Radlern. Und wir beneiden sie um ihre Ernsthaftigkeit für die ganz großen Themen, ihren ungebrochenen Idealismus.

Was das Radeln angeht, kommen Hippies und Hipster immerhin zusammen. In Portland fährt alle Welt Fahrrad, schmale Fixies, behäbige Hollandräder und afrikanischen Boda-bodas nachempfundene Geräte, mit denen man eine halbe Patchworkfamilie und noch den Einkauf vom Farmers’ Market transportieren kann.

Am schönsten ist es samstags, auf dem Markt vor der Universität. Die langhaarigen Kleinbauern kommen aus dem Willamette Valley in die Stadt und bieten ihre Biokarotten, Biopilze und ihre toten, aber zu Lebzeiten glücklichen Hühner an. Eines der ersten Biosiegel der Welt stammte übrigens aus Oregon. Die guten Bürger von Portland strömen indes aus ihren Brownstone-Häusern. Die Kürbisse sind zu prachtvollen Pyramiden geschichtet. Es duftet nach geschmorten Paprika.

Craig, das neue Hipsterland

„Eigentlich wollte ich ja nach Seattle, wegen der Comicszene“, sagt Craig und holt uns zurück ins Café beziehungsweise in die neunziger Jahre, als es losging in Portland, als die Stadt sich langsam in Hipsterland transformierte. Eine Freundin habe ihm Seattle ausgeredet: Der Comic-Tross sei längst dabei, weiterzuziehen. Nach Portland, wo sich um den Verlag Dark Horse zu der Zeit junge Zeichner tummelten. Craig habe sich sofort wohlgefühlt in Portland mit seinen niedrigen Mieten und dem europäischen Flair. Aus Wisconsin war er den American Way of Life gewohnt: Familien in Vorstädten. Die jeden Tag mit dem Auto ins Shoppingcenter fahren. In Oregon hielten die Politiker schon vor dreißig Jahren nichts von dem Trend der Suburbanisierung, der die Innenstädte verwaisen ließ. Sie duldeten Neubausiedlungen nur in den Grenzen der Städte.

Wollmütze und Fahrrad gehen immer in Portland
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Wollmütze und Fahrrad gehen immer in Portland

Downtown in Portland geht es kultiviert zu, mit kleinen Kinos wie dem Living Theater, in dem erlesenes Essen zum Film serviert wird. Allerdings wohnen auch die Beschäftigten von Intel oder Nike hier, die im Pearl District in sanierte Fabriken gezogen sind. Ein paar Straßen weiter, auf der Burnside, fühlen wir uns wohler, da belegt Powell’s Books einen ganzen Block. Auf 6000 Quadratmetern nimmt dieser Laden alles ernst, was zwischen Buchdeckel passt: die Fiction zeitgenössischer amerikanischer Autoren, Graphic Novels, wie Craig sie sich ausgedacht hat, Wälzer über afroamerikanische Geschichte oder queerfeministische Zines.

Wir verabschieden uns von Craig, der uns auf die Alberta Street schickt. Das sei das neue Hipsterland, so neu, dass es noch nicht im Lonely Planet steht. Wieder steigen wir in einen Bus, der uns vom Südosten in den Nordosten bringt, die mehrspurige Interstate schneidet unseren Weg, die sich entlang des Willamette Rivers durch die Stadt krakt.

Den Hype um Elektromusik hat man verschlafen

Auf der Alberta Street wirken die Holzhäuser nur ein wenig renovierungsbedürftig. Ein heller Raum lädt im Erdgeschoss zu Bastelkursen ein. Große Tische, an denen man lernen kann, Schmuck zu schmieden, Deko-Vögel zu falten oder sich einen Bart zu häkeln. Man versteht hier etwas von Geschlechtergerechtigkeit.

Und lässt alle mitmachen. Schon die Hippies glaubten, man könne alles selbst werkeln, statt immer nur entfremdete Dinge einzukaufen. Die Hipster spinnen diese Idee weiter und sagen: „Do it yourself.“ Oder sollte man „Just do it“ sagen? Der Slogan des Portlander Sportkonzerns Nike wurde Ende der neunziger Jahre von der Portlander Werbeagentur Wieden & Kennedy erfunden.

Wir wollen Teil einer Jugendbewegung sein! Blick vom hippen Portland auf den Mount Hood
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Wir wollen Teil einer Jugendbewegung sein! Blick vom hippen Portland auf den Mount Hood

Doch an der Alberta geht es noch unkommerziell zu. „Sing uns ein Lied, und du bekommst eine vegane Praline umsonst“, liest man an einem Straßenstand, als die Sonne schon untergeht. Wir haben uns so lange treiben lassen, dass das Straßenfest schon begonnen hat. Einmal im Monat öffnen die Künstler von Alberta ihre Galerien. Knarzige Musik tönt aus den Boxen, eine jaulende Gitarre, ein ruppiges Schlagzeug, eine krächzende Stimme.

Den Hype um Elektromusik, die aus den Clubs anderer Städte dröhnt, hat man in Portland verschlafen. Charmant. Im Hinterhof einer Kunstbuchhandlung spielt die bekannte Indie-Band The Shins, die natürlich aus Portland kommt, ein kostenloses Konzert. Wir denken an unsere Freunde in Europa, die ihre letzten Chucks geben würden, um dabei zu sein.

Das mit den Bärten, was soll das eigentlich?

Neil Perry hat das Konzert leider verpasst. Der Künstler sitzt in dem winzigen Raum seiner Galerie, reicht Rotwein und weist auf die Stücke der Ausstellung: Bigfoot im Holzrahmen, Geweihe, um die buntes Garn gewickelt ist. Ideen, die den dunklen, feuchten Wäldern Oregons entkrochen sein müssen. Wie der Galerist selbst: Kariertes Hemd, der wohl prächtigste rote Bart auf der Alberta Street. „Meine Freunde sagen, ich sollte an Wettbewerben teilnehmen“, sagt er.

Portland
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Portland

Und es ist kein Scherz: Die Leute von Portland küren in regelmäßigen Abständen den längsten Bart der Stadt. Portland ist wie dem Lehrbuch eines Kulturtheoretikers entsprungen, der schreibt: Den Hipster zeichnet ein ironischer Blick auf den eigenen Lebensstil aus. Besonders witzig finden wir „Portlandia“, die Fernsehserie läuft seit vergangenem Jahr im amerikanischen Fernsehen, in Deutschland kann man sie auf DVD kaufen.

Der Komiker Fred Armisen und die Musikerin Carrie Brownstein, die selbst zu Portlands kreativer Klasse zählt, präsentieren die Hippie-Hipster-Stadtkultur in ihrer Zuspitzung. Wenn etwa ein Paar von der Kellnerin im Restaurant wissen will, ob das Hühnchen auf dem Teller ein gutes Leben und gute Freunde gehabt habe. Und die Kellnerin eine Kladde mit dem Lebenslauf des Huhns auftischt, samt Foto. Aber mal ernsthaft: Das mit den Bärten, was soll das eigentlich? „Bei mir ist es Faulheit“, sagt Neil Perry. „Und Style. Ich glaube aber, dass es bei vielen Typen etwas mit einer Sehnsucht nach dem einfachen, dem simplen Leben zu tun hat. Wie vor zweihundert Jahren.“

„I am in the WOODS“

Ob dieses Gefühl daher rührt, dass der Künstler mit etwa tausend Dollar im Monat über die Runden kommen muss? Oder reibt sich etwa ein ganzes Milieu an der etwas kratzigen Romantik eines Vollbartes? Neill Perry zieht die Kreditkarte einer Kundin durch ein winziges Lesegerät, das er an seinen Laptop anschließt. „Ich weiß ja auch, dass ich damals nicht gelebt haben möchte: traditionelle Familie, starre Hierarchien und so.“ Er blickt etwas versonnen in seinen Computer. Ja, es ist anstrengend, Hipster zu sein. Weil man sich ständig mit sich selbst beschäftigen muss. Und zwar kritisch.

Craig Thompson hatte noch von Gentrifizierung gesprochen, bevor wir aufgebrochen sind, von armen schwarzen Familien, die sich im Osten die Mieten nicht mehr leisten könnten. „Die meisten Kreativen sind wie ich“, hatte Craig gesagt, „nämlich weiß.“

Es ist gut, dass man sich von Portland aus schnell in die Natur zurückziehen kann, wenn man sich von sich selbst erholen will. Als wir Lady Conny über E-Mail kontaktieren wollen, kommt eine automatische Antwort zurück: „I am in the WOODS“. Und dass es in den Wäldern zum Glück kein W-Lan gebe.

In etwas mehr als einer Stunde erreichen wir die Küste, die an manchen Tagen nebelverhangen ist. Der Pazifik tost, und die Umrisse mächtiger Felsen treten aus dem Dunst. Wer hier steht und versucht, einen Wal zu erspähen, vergisst vielleicht für eine Weile die nagende Frage: Locken wir mit diesem Text womöglich zu viele Hipster nach Portland?

Der Weg nach Portland

Anreise Nach Portland/Oregon fliegen ab Frankfurt zum Beispiel Delta oder American Airlines (Preise ab ca. 800 Euro).

Übernachtung Das „Ace Hotel“ in der Innenstadt (SW Stark Street, www.acehotel.com/portland) hat Zimmer mit Wandtattoos und Sperrholzmöbeln, ab 130 Euro pro Nacht und Person. Im Hotel „Jupiter“ (SE Burnside) kosten Doppelzimmer ab 124 Euro (www.jupiterhotel.com).

Weitere Informationen bei Oregon Tourismus: www.traveloregon.de

Diese Reise wurde von Travel Oregon unterstützt.

Quelle: F.A.S.
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