© Christian Horan Photography / is

Man lebt nur zweimal

Von BARBARA LIEPERT

02.05.2017 · Hier wurde James Bond geboren: An der jamaikanischen Nordküste werden Ian Flemings Schreibtische für Gäste aufbewahrt.

Dass an diesem Nachmittag die Sonne auf den kleinen Strand an der Nordküste Jamaikas fällt, ist dem britischen Schriftsteller Ian Fleming zu verdanken: Er hat den Felsen, dessen Schatten auf die Bucht fiel, mit ein paar Stangen Dynamit wegsprengen lassen. Passend gemacht, was nicht passend war in seinem karibischen Versteck, in das er sich vor dem lichtlosen Londoner Winter flüchtete. Fleming nannte das 1946 erworbene Anwesen „Goldeneye“, angeblich nach einer geheimdienstlichen Operation, an der er beteiligt war.

© Island Outpost Octopussys Welt: Hier schwimmen noch immer die Zutaten für Ian Flemings Literatur – reiche und schöne Menschen und exotische, eventuell auch toxische Tiere.

„Goldeneye“ ist mittlerweile eine noch immer wachsende, exklusive Ferienanlage mit momentan 60 Betten – und sicherlich einer der profitabelsten Teile des Immobilienportfolios von Chris Blackwell, dem Mann, der nicht nur Bob Marley, U2, Grace Jones und viele andere zu Superstars gemacht hat, sondern selbst einen Sitzplatz in der Rock and Roll Hall of Fame hat. Das Haus des James-Bond-Erfinders heißt jetzt „The Fleming Villa“, nicht einmal Gäste des „Goldeneye“ haben hier Zutritt, und auch nicht zu der zurechtgesprengten Bucht.

© Christian Horan Photography / is, Island Outpost Innenansicht und Bad von „The Fleming Villa“

In der Kurzgeschichte „Octopussy“ geht es – ganz anders als im gleichnamigen Bond-Film aus dem Jahre 1983 – um Dexter Smythe, Major der Königlichen Marine, dessen Tage im Ruhestand an der Nordküste Jamaikas zwischen Cocktails und Korallenriff versanden. Nach dem Tod seiner Frau noch melancholischer als ohnehin, versinkt Smythe in einer Welt, in der er Vögel füttert, sich nur von Papageienfischen geliebt fühlt und wie besessen versucht, das Vertrauen eines Kraken, den er in einem Korallenstock in einem Sack gefangen hält, zu gewinnen. Nur eine Kreatur fürchtet er, den Skorpionfisch. Diesen perfekt getarnten Jäger mit Giftstachel wollte er im Riff finden, aufspießen und seinem Kraken zum Fraß darbringen. „Er wollte wissen, ob einer der großen Räuber des Ozeans die Tödlichkeit eines anderen erkennen und die Wirkung des Gifts kennen würde. Würde der Oktopus“, schreibt Fleming, „den Bauch fressen und die Stacheln zurücklassen?“

© Christian Horan Photography / is Die Terrasse

Aber eines schönen Vormittags wird Smythe von seiner Vergangenheit eingeholt; ein Herr namens James Bond sucht ihn auf. Die Kurzgeschichte führt den Leser in die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs, nach Tirol, zu Hannes Oberhauser, der im jüngsten Bond-Film von Christoph Waltz gespielt wird, und auch eine Kiste voller Nazigold taucht auf in den Händen der chinesischen Mafia in Kingston. 1943 war Fleming während einer geheimdienstlichen Mission zum ersten Mal auf Jamaika, und wenn es nicht brütend heiß war, regnete es durchgehend. Trotzdem stand Flemings Plan schnell fest: „Wenn wir diesen verdammten Krieg gewonnen haben, werde ich in Jamaika leben. Ich werde einfach leben in Jamaika, es aufsaugen und schwimmen und Bücher schreiben.“ Und genau das hat er ab 1946 gemacht. Bis zu seinem Tod 1964 floh Fleming jedes Jahr mindestens zwei Monate auf die große Antilleninsel – Frau und Sohn ließ er mit dem Verweis auf die starke Tropensonne und gefährliche Haie im Meer in Kent beim Kindermädchen zurück. Fleming wollte beim Schreiben nicht abgelenkt sein, jedenfalls nicht von den beiden.

© Archiv Blanche Blackwell und Ian Fleming

Alle vierzehn James-Bond-Bücher sind in Goldeneye entstanden, den Namen seines Erfolgshelden klaute er aus dem wichtigsten Nachschlagewerk in seinem Regal: „The Birds of the West Indies“, vom Ornithologen Bond verfasst, ist auch 80 Jahre nach Erscheinen ein Standardwerk für Vogelkundler. Wie sehr sich „Octopussy“ um das Leben des Autors dreht, versteht man spätestens beim Blick in Andrew Lycetts Fleming-Biographie, die praktischerweise im Buchregal der „Fleming Villa“ steht: Es gibt da ein Foto, das ein gutgelauntes Paar in Badekleidung mit Dreizack, wie er üblicherweise zur Krakenjagd benutzt wird, und Taucherbrille am Strand zeigt. Die Frau neben Fleming ist Blanche Blackwell, die Mutter von Chris Blackwell, Teilzeitmuse des Schriftstellers und Vorlage für die Figur Pussy Galore aus „Goldfinger“. „In seiner sorgfältig ausgewählten Kleidung, die seine Krampfadern verbarg und seinen Bauch mit Hilfe eines diskreten Stützgürtels hinter einem tadellosen Kummerbund flach aussehen ließ, gab er auf Cocktailpartys oder bei Abendessen in North Shore immer noch ein beeindruckendes Bild von einem Mann ab“:
So wird Smythe in „Octopussy“ beschrieben, genau so sieht Fleming auf dem Foto aus – auch wenn er da nur eine Badehose trägt. Morgens schwamm Fleming in seiner kleinen Bucht, um dann „bei geschlossenen Jalousien zu schreiben, denn der Blick aufs Meer hat ihn zu sehr abgelenkt“, sagt Clayton, der seit fast 30 Jahren auf „Goldeneye“ arbeitet. Begonnen hat er mit 16 als Butler von Chris Blackwell. 2500 Wörter war sein tägliches Pensum; erst danach habe er sich Drinks genehmigt. Es gab einen zweiten Schreibtisch im Hinterhaus, dorthin habe er sich auch oft verzogen, so Clayton. Beide stehen jetzt im Haupthaus.

© Barbara Liepert Ian Fleming konnte nur bei geschlossenen Jalousien schreiben, der Blick aus seinem „Goldeneye“ genannten Ferienbungalow lenkte ihn zu sehr ab. Der Schreibtisch steht noch heute in der Ecke.

„Der Mann lehnte sich lässig gegen die breite Fensterbank aus Mahagoniholz“, schreibt Fleming, wo Bond in der „Octopussy“-Kurzgeschichte auftaucht. Die enorme Fensterbank gibt es immer noch. Fleming wollte keine Fenster, sogar warmes Wasser fand er überflüssig. Noël Coward, ein anderer illustrer englischer Künstler und Dauergast an dieser Küste, zog ihn deswegen gerne auf. Cowards „Firefly“ genanntes Haus lag etwas weiter im Hinterland und hat noch heute einen sensationellen Ausblick. Es ist denkmalgeschützt und heute ein Museum. Chris Blackwell konnte es vor einigen Jahren zurückkaufen; seine Mutter Blanche, die heute 104-jährig in England lebt, hatte das Terrain seinerzeit an Coward verkauft.

Blanche wurde rasch Flemings engste Vertraute auf Jamaika – und zum Problem für die Ehefrau, die immer häufiger anreiste und Fleming drängte, mehr Zeit in England zu verbringen. Der Grad der Frivolität und der Ausgelassenheit der Feste, die auf Jamaika nach dem Krieg gefeiert wurden, ist noch heute legendär, und das will was heißen auf einer Insel, deren Einwohner Reggae, Ska und das Prinzip Soundsystem erfunden haben – riesige Lautsprecherboxen auf Lastwagen, ein paar Plattenteller und ein Mikrofon, und in Sekunden hat man eine Riesenparty.

© Christian Horan Photography / is Der Garten mit Blick zum Meer

Jetzt lehnt Clayton am Mahagonifensterbrett und blickt in den Garten, in dem auch Truman Capote schon abgestürzt ist, auf das Meer, das gerade dieses Glitzern hat, das den Untergang der Sonne ankündigt. „Glücklich war Fleming nicht.“ Er rauchte und trank viel zu viel, seine Frau nahm lieber Tabletten, Affären hatten beide, der Sohn nahm sich mit 23Jahren das Leben. Der junge Blackwell hatte mehr Glück im Leben, seinen ersten Job gab ihm Fleming – als Location Scout für „Dr. No“. Dieser erste Bond-Film wurde teilweise ein paar Kilometer westlich gedreht. Der berühmteste Bikini der Filmgeschichte wurde am Laughing Waters Beach in der Nähe von Ocho Rios in Szene gesetzt. Ocho Rios ist ein mittlerweile vom All-inclusive-Tourismus weitgehend entstellter Ort, an dem es – außer vielleicht dem „Jamaica Inn“, einem herrlich gestrigen Kolonialhotel und Handlungsort in „Octopussy“ – nicht viel zu sehen gibt. „Immer wenn ich ein bisschen Geld hatte, habe ich Land gekauft“, sagt Chris Blackwell. Und tatsächlich hat er nicht nur ein Gespür für Musik, sondern auch für Hotels: „Strawberry Hill“ auf einem Hügel über Kingston ist sicherlich eines der schönsten Hotels der Karibik.

© F.A.Z.-Karte sie.

Wer sich in „Goldeneye“ einkauft (die Preise für Ferienhäuschen gehen bei 1,4 Millionen Dollar los), der hat gute Chancen, zu Hause von Popstars der 80er am Strand erzählen zu können. Hier funktionieren Service und Diskretion wie an wenigen anderen Orten auf der Insel. Dass Prominente hier Urlaub machen, wird mit großem Trara nicht erzählt, ist aber in allen Klatschzeitungen. Und natürlich treibt es die Preise nach oben, dass Johnny Depp hier ein Bäumchen gepflanzt hat; Blackwell hat auch ein Schild anbringen lassen. Aber was würde Fleming zur Einrichtung sagen? Wuchtige Bambusmöbel aus Bali verstellen das Wohnzimmer, aus seiner Garage wurde ein Fernsehraum mit Riesenscreen und noch größerer Matratze und ein paar goldenen Schallplatten an der Wand, die dem Umstand zu verdanken sind, dass Sting in „Goldeneye“ „Every Breath You Take“ geschrieben hat. Kein sehr karibischer Song, aber immerhin ein Hit, wie all die Bond-Bücher, die hier entstanden.

„The Fleming Villa“

Anreise: Wer sich eine Nacht in der „Fleming Villa“ leisten kann, reist für gewöhnlich im Privatjet an, der Ian Fleming International Airport ist acht Minuten entfernt.

Unterkunft: „The Fleming Villa“ Das ehemalige Ferienhaus von Ian Fleming liegt neben dem „Goldeneye Resort und Spa“ und besteht aus einem Hauptgebäude mit drei Schlafzimmern (und zwei Schreibtischen von Ian Fleming) und zwei neu errichteten Nebengebäuden. Maximal zehn Gäste können hier absteigen, Preis pro Zimmer und Nacht: ab 5350 Euro, über Weihnachten 8300 Euro. Weitere Informationen unter www.theflemingvilla.com.

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Quelle: F.A.Z.