„GoT“-Orte in Nordirland

Zurück ins Mittelalter

Von Stefan Nink
© Stefan Nink, F.A.S.

Ein Amulett, natürlich, mehrere aufeinandergelegte Hände, aus Bronze und relativ wuchtig: alles machbar. Kette mit großen Gliedern? Kein Problem. Das Schmuckstück sollte alt aussehen? Echt jetzt? Stephen Montgomery erinnert sich noch, was er dachte, als die Frau am Telefon um etwas Patina bat, aber hey: Was wusste er schon über Frauen und Schmuck? Kein Mann auf dieser Welt kannte sich da doch wirklich aus, auch nicht einer, der sich seit Jahren beruflich mit nichts anderem beschäftigte. Also: Hände, Bronze, antiker Touch, alles klar, dann würde sich das Team mal an ein paar Entwürfe setzen, habe er der Anruferin mitgeteilt. Worauf die ihm wiederum mitteilte, dass er bis übermorgen Zeit habe. Für das Schmuckstück. Inklusive Lieferung nach Belfast. Entwürfe seien ihr egal.

Acht Jahre später steht Stephen Montgomery am Fenster und schaut hinaus in einen dieser nordirischen Küstenmorgen, die mit ihren übereinandergestapelten Wolkenbergen und dem gepeitschten Atlantik exakt so aussehen, wie man sich nordirische Küstenmorgen vorstellt. Montgomery sieht zum Parkplatz hinüber, den sich das Juwelierunternehmen Steenson’s mit der örtlichen Tourist-Information von Glenarm teilt. Noch steht da kein Bus, deshalb hat er Zeit, also erzählt er nochmals, wie das war damals und was bisher geschah: Wie sie erst nach dem Anruf realisiert hätten, dass sich da eben ein Filmstudio gemeldet hatte. Dass die Brosche dann später tatsächlich zu sehen war, in der ersten Folge, drei Sekunden lang. Wie sich die Frau meldete und dann immer wieder, um Nachschub in Auftrag zu geben: Kronen und Ketten, Ringe und Diademe. Und als sich dann herumgesprochen hatte, dass all das aus dem kleinen Glenarm an der Antrim Coast stammte, da mussten sie irgendwann das Atelier schließen und hierhin umziehen, direkt an die Hauptstraße. Weil die alten Räume zu klein geworden waren. Und wegen des Parkplatzes. Auf dem können die „Game of Thrones“-Fans ihre Mietwagen abstellen. Und die Busfahrer ihre Busse.

Down Cathedral in Downpatrick.
© Stefan Nink, F.A.S.

Schnell ein bisschen Hintergrund für alle, die damit nichts anfangen können: Dieses „Game of Thrones“ (das Fans gerne GoT abkürzen) ist momentan die erfolgreichste Fernsehserie der Welt. In bislang sechs Staffeln – die siebte ist weltweit gerade angelaufen, in Deutschland bei Sky – wird der Kampf zwischen diversen Königshäusern erzählt. Diese Seven Kingdoms liegen in einer fiktiven Welt und befinden sich gerade in einer Epoche, die dem europäischen Mittelalter ähnelt, wenn man über feuerspeiende Drachen, Riesen und Heerscharen grimmer Wiedergänger hinwegsieht (Letztere warten hinter einer Mauer aus Eis auf den passenden Moment, um über die Welt der zerstrittenen Dynastien herzufallen). Labyrinthische Handlungsstränge, ständig wechselnde Schauplätze und ein unüberschaubares Arsenal an Charakteren machen GoT zu einer hochkomplexen Angelegenheit. Eigentlich hätte die Serie deswegen gnadenlos durchfallen müssen. Dass sie stattdessen triumphierte und in über 170 Ländern zu sehen ist, liegt sicherlich auch daran, dass in jeder Folge gehurt oder gemetzelt wird, oder vergewaltigt, oder gefoltert, und manchmal alles zusammen. Und daran, dass epische Geschichten über Verrat und Treue, Liebe, Zweifel, Machtgier und Inzest eben schon ein bisschen länger funktionieren. „Shakespeare mit Drachen“ hat ein Kritiker GoT genannt.

150 Millionen Pfund

Gedreht wurde für die bislang sechzig Folgen zwar auch in Marokko, Island, Kroatien und Spanien – vor allem aber stand Nordirlands fulminante Antrim Coast mit ihren beinahe surreal schönen Landschaften Kulisse. Und damit kamen dann Leute wie Stephen Montgomery ins Spiel. Und alle anderen, die clever genug waren, den weltweiten Rummel zu antizipieren. Jedenfalls hat sich im Laufe der Staffeln eine florierende Industrie rund um die Serie entwickelt. Bei Steenson’s füllen sich die Ladenräume jeden Morgen mit Fans. Gebracht werden die Thronies in grasgrünen Bussen mehrerer Unternehmen, die die Drehorte der Serie abklappern. Wer nicht während einer solchen Tagestour anrückt, übernachtet in pittoresken Städtchen wie Carnlough oder Ballygally, wo Hotelbesitzer euphorisch von Buchungssteigerungen berichten, die „absolutely massive“ seien. Auch die nordirische Gastronomie hat die Serie verändert: Mehrere Restaurants bieten Themenabende an. In Strangford hat sich das „Cuan Inn“ auf üppige GoT-Bankette spezialisiert, bei denen die Gastgeber Wild und Fisch auftischen und erzählen, wie das war, damals, als die Hauptdarsteller im Haus wohnten. Dazu kann man Kostüme aus der Serie anziehen. Und nach zwei oder drei Pints an der Bar auch einen gewaltigen Helm, den in der Serie ein grobschlächtiger Leibgardist namens „The Hound“ trug.

Brot, Spiele und vor allem Schmuck: Wer an die Drehorte der derzeit erfolgreichsten Fernsehserie kommt, bekommt alles.
© Stefan Nink, F.A.S.

Insgesamt über 150 Millionen Pfund hat „Game of Thrones“ dem kleinen Land bisher vermutlich eingebracht. Die großzügigen Steuervergünstigungen, mit denen Nordirland die Serie den Schotten weggeschnappt hat, werden nur einen Bruchteil dessen ausgemacht und sich längst amortisiert haben. 900 neue Arbeitsplätze im Tourismus und Kreativbereich hat GoT angeblich landesweit geschaffen. Und Kenny und Jennifer Gracey hat die Serie die Existenz gerettet.

Die Forthill Farm liegt in der Nähe von Armagh in einem sanft gewellten, sattgrünen Hügelreich, über dem frühmorgens Nebelschwaden schweben wie gezupfte Wattebäusche. Seit dem 18. Jahrhundert bewirtschaften die Graceys das Land, Vieh und Schweine, Enten, Hühner, Generation um Generation ging das so. Kenny und Jennifer haben sich auf die Zucht alter Haustierrassen spezialisiert, die altertümliche Namen wie Belted Galloway, Gloucestershire Old Spots und British Saddleback tragen – und wären vor zehn Jahren beinahe selbst die Letzten ihrer Art geworden: Ihre Farm stand kurz vor dem Aus. Gracey suchte nach alternativen Verdienstmöglichkeiten. Erhielt die Gelegenheit, zwei seiner Schweine für die Dreharbeiten zu einer Doku auszuleihen. Nutzte die Chance. Wurde von den GoT-Scouts entdeckt.

Sieben Königreiche

„Die nehmen ihren Job sehr, sehr genau“, sagt er am Tisch seiner Küche, und dann sagt er erst einmal nichts mehr, weil er Murphy und Hennessy hinausbugsieren muss, zwei Wolfshundmischlinge, die so groß sind, dass er sie auch als Reittiere mit zum Set hätte bringen können. Als er wieder da ist, sitzen Kelly und Kim auf seinem Stuhl, das sind die beiden anderen Hunde im Hause Gracey, die dann auch kurz nach draußen verbannt werden, bloß um wenig später zusammen mit Murphy und Hennessy zurückzukehren. Noch mehr Durcheinander wird es später auf der Weide geben, wo der Hausherr von einer Stampede aus begeisterten Ziegen, einer Hirschkuh und vor Freude schreienden Eseln bestürmt wird – alles, was fehlt, sind ein paar Drachen.

Game-of-Thornes-Touristen an der Antrim Coast.
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„Wo waren wir?“ Dabei, dass die Filmleute ihren Job sehr genau nehmen. „Oh ja. Die hätten ja auch einfach Schäferhunde anfordern können. Sie wollten aber Arten, von denen man weiß, dass sie schon seit Jahrhunderten an Höfen gehalten wurden.“

So kamen Murphy und Hennessy ans Set, und Herrchen gleich mit, als Statist im Lederrock, weil ja jemand auf die beiden Riesenhunde aufpassen musste.

Seitdem ist er pausenlos für GoT im Einsatz (und hat über siebzig Folgeaufträge bei anderen Produktionen absolviert). Auch alle anderen Tiere in der Serie stammen von seinem Hof: Pferde, Esel, Geflügel sowie die Hirschkuh Jana, die Kelly mit der Flasche großgezogen hat. Und natürlich sämtliche Kühe und Schweine. „Für die erste Folge hab’ ich alle in den Innenhof der Anlage gebracht, die im Film die Burg Winterfell ist. Der Boden wurde mit Planen abgedeckt, da kam Heu drüber, und dann gab’s viel zu fressen, eine Woche lang, und dann . . . Wie gesagt: die achten wirklich auf die kleinsten Details. Wer keine Stiefel trug, hatte da ein Problem.“

Vom Wind zerzauste Hochebenen und Strandabschnitte

Bislang fällt der GoT-Tourismus bei einer Reise durch Nordirland nicht unbedingt auf. Was bestimmt auch daran liegt, dass die Seven Kingdoms nicht so leicht zu finden sind. Und auch nicht zu erkennen. Vom Wind zerzauste Hochebenen und Strandabschnitte sehen eben nun mal aus wie vom Wind zerzauste Hochebenen und Strandabschnitte, wenn Reiterheere und Drachen fehlen. Und in Castle Ward (das in der Serie Winterfell heißt und anfangs das Zuhause der sympathischsten Königsfamilie ist) vermisst man sogar beinahe das komplette Castle: Der einzige Turm des bescheidenen Ensembles wurde in der Postproduktion verdrei- und vervierfacht, dazu kam jede Menge digital erzeugtes Mauer- und Bollwerk, bis das Film-Winterfell am Ende wie eine Trutzburg für tausend Mann wirkte. Bevor die Fans zu enttäuscht darüber sind, dass die Realität damit verglichen ziemlich mickrig daherkommt, werden sie in Kostüme gesteckt und zum Bogenschusstraining geschickt. Simuliert wird dann ein Angriff der Wiedergänger auf die Mauer aus Eis, der abgewehrt werden muss. Vor allem Besucher aus Asien lieben das.

Der wahrscheinlich einzige Ort, den man sofort aus der Serie wiedererkennt, ist eine Allee prächtiger, dreihundertjähriger Buchen südlich von Bushmills. Die Dark Hedges sind auch jene Stelle, an der der GoT-Rummel außer Kontrolle geraten ist. Jeder, der mit dem Mietwagen in die Allee einbiegt und an den ersten Spalier stehenden Bäumen vorbeifährt, hält an. Weil es hier wirklich aussieht wie auf der King’s Road im Film. Weil alle anderen auch schon angehalten haben. Weil überall Leute herumstehen und Selfies machen. Weil immer wieder diese irischgrünen Tagesausflugsbusse durch die Allee fahren, an deren Ende wenden und anschließend wieder zurückkommen.

Wo es ums Mittelalter geht sind Bogenschützen nicht weit weg.
© Stefan Nink, F.A.S.

Ach ja. Für Nordirlands Image ist die Serie natürlich ein Segen. Trotz aller landschaftlichen Grandezza und der Herzlichkeit seiner Menschen leidet das Land in seiner Außendarstellung noch immer unter jenen Jahrzehnten, in denen sämtliche Nachrichten von hier von Bombenattentaten und Straßenschlachten handelten. Die troubles, wie die blutigen Auseinandersetzungen zwischen unionistischen Protestanten und irisch-nationalistischen Katholiken hier verharmlosend genannt werden, sind zwar seit fast zwanzig Jahren offiziell Geschichte – das Bild eines zerrissenen Landes aber sitzt noch immer fest in den Köpfen vieler, die über eine Reise hierhin nachdenken. Möglicherweise wäre es gut für Nordirland, wenn noch viel mehr Fantasyfilme hier gedreht würden.

© F.A.Z., F.A.S.

Was durchaus passieren kann. Zumindest sieht es nicht danach aus, als würde der Erfolg von GoT irgendwann in nächster Zeit nachlassen. Als HBO den Start der neuen Staffel neulich mit einem kurzen Trailer ankündigte, wurde der 61 Millionen Mal im Netz angeschaut – innerhalb der ersten 24 Stunden. Nach der achten Staffel soll zwar Schluss sein, mittlerweile aber wird längst über mögliche Spin-offs diskutiert. Und wenn die anderswo gedreht werden sollen, bleibt wahrscheinlich genügend filmisches Knowhow im Land, um weitere Großproduktionen anzulocken.

In Nordirland hat man vor dem Ende der Schlacht um den Thron der Sieben Königreiche keine Angst. Viel mehr fürchtet man eine andere Gefahr: Wenn mit dem Brexit eine Grenze zum touristisch ungeheuer populären Nachbar-Irland gezogen würde, wäre möglicherweise schnell Schluss mit den GoT-Tourismus. Sehr viele Fans verbringen ihren Urlaub nämlich in Irland – und kommen nur auf einen Abstecher in den Norden.

Der Weg nach Irland

Anreise Aer Lingus fliegt ab Berlin, Frankfurt, Düsseldorf, Hamburg und München direkt nach Dublin; dann am besten weiter im Mietwagen (ca. zwei Stunden).

Game of Thrones Steenson’s in Glenarm verkauft Replikas einiger Schmuckstücke, die hier für die Serie gefertigt wurden (www.thesteensons.com). Im „Cuan Inn“ in Strangford (www.thecuan.com) waren die Hauptdarsteller während der Dreharbeiten untergebracht, heute kann man hier GoT-Bankette buchen. Die Ausbildungskurse zum Bogenschützen werden um die Ecke in Castle Ward angeboten (www.gameofthrones-winterfelltours.com/archerysettour). Für die Drehorte entlang der Küste ist Ballygally ein guter Standort; im Ballygally Castle gibt es die wahrscheinlich eindrucksvollste GoT Door zu sehen (www.hastingshotels.com/ballygally-castle).

Die Dark Hedges besucht man am besten früh am Morgen; ein guter Ausgangspunkt ist beispielsweise das traditionsreiche „Bushmills Inn“ (www.bushmillsinn.com).

Allgemeine Informationen zu Irland und Nordirland unter www.ireland.com, www.facebook.com/entdeckeirland und www.youtube.com/entdeckeirland

Quelle: F.A.S.
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