Garmisch-Partenkirchen

Die Wehmut des schaukelnden Schuhkartons

Von Alex Westhoff
 - 14:57
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Es ist, als ob sich die Piste von einem Meter auf den anderen in kalte Luft auflöste. Das Land klappt einfach senkrecht weg. Niemand, der an der Kante nicht anhält, sich langsam vornüberbeugt und einen ehrfürchtigen Blick hinunterwirft. Ist das noch Hang oder schon Wand? Das Gefälle: zweiundneunzig Prozent. Die Fehlertoleranz: null. Das Gefühl: beklemmend. „Freier Fall“ heißt diese Passage der so berühmten wie berüchtigten Kandahar-Abfahrt – wie treffend, zumindest für die Weltcup-Rennfahrer. Die Profis bekommen dieses steilste Stück Piste ihres Wettkampfkalenders nämlich gar nicht unter die Ski, weil sie eben nicht an der Kante anhalten, sondern darüber hinwegfliegen und vierzig, fünfzig, sechzig Meter weit auf den Zielhang geschleudert werden.

Unsereins wird dagegen zurückgeworfen, und zwar auf die überwunden geglaubte, aufs reine Überleben fixierte Schonhaltung finsterster Anfängerzeiten, als noch jeder Schwung den ganzen Mut und Mann erforderte. Wir sind dem Schild Richtung „Kandahar-Umfahrung“, das wie die letzte Ausfahrt für Zauderer wirkt, bewusst nicht gefolgt. Wir wollen es wissen, wir wollen spüren, wie es sich fährt auf der Piste mit einem Ruf wie Donnerhall, benannt nach einem britischen General. Wir wollen erfahren, ob der Mythos noch lebt und wie die unbarmherzigsten Steilstücke den Adrenalinspiegel deregulieren. Furcht und Sucht liegen hier eng beieinander.

Sensationssieger, Favoritensterben, Blutzoll

Eigentlich ist es unvorstellbar, dass die gesamte Strecke für die Profis vor ihrem Rennen komplett vereist wird, damit die Fahrer von der ersten bis zur letzten Startnummer die nahezu gleichen Bedingungen vorfinden. Die Kandahar gilt als eine der technisch anspruchsvollsten Schussfahrten und wird im alpinen Weltcup-Zirkus in einem Atemzug genannt mit der Lauberhorn-Abfahrt und dem Hahnenkamm-Rennen. Nach dem Start kommen die Fahrer schneller von null auf hundert Stundenkilometer als mancher Sportwagen. Sensationssieger, Favoritensterben, Blutzoll – wenn die besten Skifahrer der Welt in Garmisch-Partenkirchen Station machen, sind spektakuläre Bilder garantiert, wie unlängst am letzten Januarwochenende bei strahlendem Sonnenschein. Nur dass bei der Männerabfahrt viele ihren bayrischen Höchstgeschwindigkeitsritt mit gerissenen Bändern und ausgekugelten Gelenken vorzeitig beenden mussten.

Der Nervenkitzel einer Begegnung im wahren Leben mit der Kandahar steht im Kontrast zu dem sonst so angenehm unaufgeregten Wintersportbetrieb zwischen Hausberg, Kreuzeck und Osterfelderkopf. In Deutschlands größtem Skigebiet, dem vierzig Pistenkilometer und fünf beschneite Talabfahrten umfassenden Garmisch-Classic, geht wochentags alles seinen gewohnten Gang mit geruhsamer Note und viel Geschichtsbewusstsein als Austragungsort der ersten und bisher einzigen Olympischen Winterspiele in Deutschland 1936; aus Olympia 2018 in München mit der Kandahar-Abfahrt als einem der Herzstücke wurde ja nichts. Es gibt wenig Halligalli, kaum Ufftata mit Party-Heulern aus der Box, dafür ein stolzes Dasein als alpiner Traditionsort. Hier wurde zwischen 700 und 2050 Metern Höhe eigentlich schon immer Ski gefahren, nicht jeder „Schmarrn“ mitgemacht und das grandiose Panorama fortwährend gelobt.

Das Gegenteil einer Wintersportkunstwelt

Fährt man mit dem modernen, das Gesäß wärmenden Kandahar-Express hinauf zum Kreuzjoch, sieht man immer Familienoberhäupter dastehen, die mit den Skistöcken Kreise auf den Horizont malen. Sie erklären, die Alpspitze im Rücken, ihren Liebsten mit ausladendem Gestus den wohlgeformten Talkessel, in dem Garmisch-Partenkirchen zwischen Wank, Kramer und Zugspitzmassiv residiert. Die Skischanze drüben am Gudiberg wirkt von hier oben wie eine riesenhafte, freischwebende Skulptur.

Bei guter Sicht geht der Blick bis zum Starnberger See und zur Stadtgrenze Münchens. Von dort kommen die Menschenmassen an sonnigen Wochenenden überfallartig angefahren, eine imposante Blechkarawane, deren Insassen die kurze Anreisezeit bis zum Skierlebnis im Münchner Naherholungsgebiet schätzen. Dann ist die Zugspitzstraße, die zentrale Achse durch Garmisch, hoffnungslos verstopft, und die Zufahrt zu den Parkplätzen an der Hausbergbahn ebenso überfüllt. Denn die Bauern geben ihre angrenzenden Wiesen nur bei tiefgefrorenem Boden als weitere Parkplätze frei. Ebenjener schmale Wiesenstreifen nur trennt Bergbahnen und Pisten von Garmisch-Partenkirchen.

Die Bindestrich-Gemeinde ist das Gegenteil einer in die Berge gezimmerten Wintersportkunstwelt. Sie ist vielmehr ein alteingesessener, unverkennbar bayerischer Flecken mit knapp dreißigtausend Einwohnern, mit urigen Kaffeehäusern, hölzernen Balkons vor urbayerischen Häusern und Fachgeschäften, die das Markenallerlei deutscher Fußgängerzonen angenehm unterbrechen. Und die Wirtshäuser erst! Besucher und Einheimische mischen sich und ihre Mundarten, in trauter Eintracht hinter Biergläsern sitzend, ganz selbstverständlich in den Gaststuben. Im „Wildschütz“, einer der Garmischer Schmankerl-Institutionen, ist selbst montagabends ohne Reservierung kein Tisch zu bekommen. Im dreihundertfünfzig Jahre alten „Bräustüberl“ ergattern wir noch den Zipfel eines Tisches, der sich zu biegen scheint unter der Last von Haxen, Knödel und Schweinebraten. So lässt sich doch ein bayerischen Skitag standesgemäß genüsslich beenden – vor allem, wenn am Stammtisch vorne rechts in der Stube, direkt neben dem alten Ofen, eine Gruppe kräftiger Burschen hockt, die einem bayerischen Bilderbuch entsprungen sein könnten. Die urbayerischen Laute, die herüberwehen, sind unverständlich, aber die helle Freude.

Die Geschichte hat sich gegen die Partenkirchner gewendet

In Garmisch-Partenkirchen wird bei weitem nicht alles dem Tourismus untergeordnet. Die Bedenkenträger und Beharrungskräfte im Gemeinderat können ein Projekt bisweilen so lange blockieren, bis selbst die hartnäckigsten Investoren die Nerven verlieren. So hat der Ort im Gegensatz zu seinen alpinen Nachbarn noch immer kein großes Fünfsternehaus, was in den Augen mancher Tourismusverantwortlichen langfristig zu einem Problem werden könnte, zumal die Hotelstruktur ohnehin ein wenig verblichen wirkt.

Und doch hat Garmisch-Partenkirchen im vergangenen Jahr mit knapp vierhundertsechzigtausend Gästen ein Rekordjahr erlebt. Die Marke von anderthalb Millionen Übernachtungen, gespeist aus einer zunehmenden Beliebtheit bei Arabern, Asiaten und Amerikanern, haben sie hier im bayerischen Oberland seit 1962 nicht mehr erreicht. Doch Glamour auf die Hänge zu bringen und zum Promi-Auftrieb zu bitten, das sollen andere machen. Garmisch-Partenkirchen bietet „Gold-Rosi“ Mittermaier und Christian Neureuther auf. Und natürlich deren Spross Felix Neureuther, der dank seiner Gene und des Trainings vor der Haustür die scheinbar immerwährende Misere der deutschen Skiherren beendet hat. Mit ihm gibt es endlich wieder einen deutscher Siegfahrer, dazu „made in Garmisch-Partenkirchen“. Auch Olympiasiegerin Maria Höfl-Riesch stammt von hier.

Doch nicht alles in der Doppelgemeinde ist eitel Sonnenschein. Die Partenkirchner können es bis heute nicht ausstehen, wenn ihre Heimat schlicht „Garmisch“ abgekürzt wird, auch wenn den Gästen und den jungen Leuten das strikte Proporzdenken vieler Altvorderer einerlei ist. Noch immer können es manche nicht verschmerzen, dass die beiden sich nicht eben freundlich gesinnten Nachbarorte im Vorfeld der Olympischen Spiele 1936 von den Nationalsozialisten zwangsvereinigt wurden.

Wir mit denen? Niemals!

Für die Partenkirchner fühlte es sich damals wohl so an, als ob man Schalke04 und Borussia Dortmund zur Fusion zwinge. Wir, der ältere und wohlhabende, noch von den Römern gegründete Handelsort an der Route Venedig-Augsburg gemeinsam mit denen da unten? Mit den ärmlichen Garmischer Bauern und Flößern? Niemals! Je nach Blickwinkel hatte man am Fuße der Zugspitze nur Geringschätzung und Neid füreinander übrig. Und die Geschichte des Garmischer Radfahrers, der in Partenkirchen einen Platten bekam und sein Rad heimschob, weil er keine Partenkirchner Luft in seinem Reifen haben wollte, ist viel mehr eine heitere Anekdote.

Wenn man so will, hat sich die Geschichte gegen die Partenkirchner gewendet. Das Geld wird jetzt vorwiegend in Garmisch verdient, daran hat auch die aufwendige Herrichtung der Ludwigstraße mit ihren Fassaden voll traditioneller Lüftlmalerei nicht viel verändert. Partenkirchen steht für die nordischen Sportarten; die monumentale Skischanze, auf der das große Neujahrsspringen im Rahmen der Vierschanzentournee stattfindet, befindet sich hier. Das glanzvollere Treiben auf den Skipisten ist indes Garmisch vorbehalten. Die beiden Ortsteile sind längst zusammengewachsen, und doch hat das verbliebene Autonomie- und Abgrenzungsbestreben nicht nur einen folkloristischen, sondern auch einen ernsten Kern. Dass jeder Ortsteil noch eine eigene Feuerwehr, einen eigenen Trachtenverein und einen eigenen Skiclub unterhält, gehört zur argumentativen Standardausrüstung eines jeden überzeugten Garmischers und Partenkirchners.

Es soll mehr Einheimischenpräsenz auf die Piste

Florian Wörndle ist so ein Partenkirchner, eine Partenkirchner Hausgeburt, weil an jenem 14. März 1944 so viel Schnee lag, dass kein Taxi zum Krankenhaus durchgekommen wäre. Seine Mutter war schon bei den Olympischen Spielen 1936 als Dolmetscherin dabei und danach jahrzehntelang im Weltcup und bei Olympia als Stadionsprecherin aktiv. Er selbst war Rennfahrer, dann Trainer und Skischulleiter am Hausberg. Die Ski-Weltmeisterschaft 1978 habe schon für einen erheblichen Aufschwung gesorgt, die WM 2011 aber habe „einen Riesenschub“ gebracht, sagt er. Allein 27 Millionen Euro sind in die Modernisierung des „Classic“-Skigebiets geflossen. Neue Lifte wurden gebaut, die Beschneiungsanlagen erweitert.

Lange Zeit sei es ein Vabanquespiel gewesen, ob an Weihnachten genug Schnee zum Skifahren gelegen habe. Auf nur siebenhundert Metern Höhe hilft auch die schönste Nordhanglage nicht immer. Da kommt die Garmischer Besonderheit zum Tragen, zwei nicht verbundene Skigebiete sein Eigen nennen zu können. Zu den vierzig Pistenkilometern im „Classic“-Gebiet kommen noch die 22 bis weit ins Frühjahr hinein schneesicheren am Zugspitzplatt auf mehr als zweitausend Metern Höhe hinzu. Nur liegen sie vom Ortskern aus so nahe und doch so fern. Wenn Wörndle mit einer Gruppe Schüler vom Hausberg loszieht, mit der zuckelnden Zugspitzbahn bis zum Eibsee fährt, dort in die Seilbahn zur Zugspitze steigt und vom Gipfel mit der Gletscherbahn wieder abwärts ins Skigebiet fährt, ist er hin und zurück knapp drei Stunden unterwegs.

Deutschlands höchster Briefkasten

Wir stehen in der dreiundfünfzig Jahre alten, von Tausenden Berg- und Talfahrten patinabehafteten Kabine neben dem kurzärmelig daherkommenden Postboten. Wind pfeift durch die Ritzen und wirbelt auch ein paar Flocken ins Innere dieses schwebenden Schuhkartons. Oben angekommen, leert der Postler schnurstracks Deutschlands höchsten Briefkasten. Wir dagegen blicken voller Anerkennung auf die harten Kerle auf Deutschlands höchster Baustelle, die im Schneetreiben eine neue Seilbahn errichten, die zum Aushängeschild von Garmisch-Partenkirchen werden soll.

Ob die neue Bahn auch einheimische Skifahrer wieder vermehrt auf die Bretter bringt? Skilehrer Wörndle ist skeptisch und bedauert, dass er zu einem Garmisch-Partenkirchner Relikt seiner Generation auf den Pisten geworden ist. Doch er streitet vehement für mehr Einheimischenpräsenz auf der Piste. Und so nimmt er die Garmisch-Partenkirchner Ärzte, Apotheker oder Anwälte mit hinauf auf seine Berge, und bergab schwingen sie alle hinter ihm her.

Uns zieht es auch noch mal auf die Kandahar, wir sind noch nicht fertig mit ihr. Und dann auf die parallel verlaufende, rote „Olympia“, ein herrliches, sporthistorisches Stück Schneise durch den Wald. Und dann wieder auf die Kandahar. Sind wir noch bange oder schon süchtig? Und dann noch mal die Kandahar. Und dann noch mal.

Wehmut mit Patina

Informationen online beim Tourismusamt unter www.gapa.de oder telefonisch unter 08821/180700.

Quelle: F.A.Z.
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