Glamping

Walter, das Zelt hat eine Küche

Von Katharina Wilhelm
 - 13:38
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Ein wenig irritiert räume ich zu Hause das Campinggeschirr zurück in den Schrank. Ich werde es wohl nicht brauchen, denn auf der Internetseite des kroatischen Campingplatzes steht, seine Glamping-Zelte hätten eine vollausgestattete Küche. Auch den Schlafsack kann ich dann wohl daheimlassen, Betten gebe es nämlich auch, außerdem ein Badezimmer mit Dusche, Satellitenfernsehen, Kaffeemaschine und „alle anderen Annehmlichkeiten“. Das muss ein sehr großes Zelt sein, denke ich mir und habe unweigerlich die Modelle vor Augen, die Harry Potter und seine Freunde für gewöhnlich benutzen: Von außen sind sie mit ihrer normalen Größe unscheinbar, aber im Innern befindet sich eine komplett möblierte Wohnung.

Das Wort Glamping ist etymologisch leicht herzuleiten. Es ist eine Verschmelzung der Worte „glamourous“ und „camping“, bezeichnet also die luxuriöse Variante des Campings. Der Trend stammt aus den Vereinigten Staaten, fasste danach in Großbritannien Fuß und setzt sich nun auch in Kontinentaleuropa durch. In Deutschland gibt es mittlerweile ein Magazin namens „Glamping“ und verschiedene Websites wie www.glamping.info, www.selectcamp.de oder www.glamping-urlaub.de, die sich mit dem Thema beschäftigen.

Die Entscheidung, ohne Schlafsack nach Kroatien zu fahren, erweist sich als richtig. Das Zelt im Glamping-Dorf des Campingplatzes Lanterna an der Westküste der istrischen Halbinsel, sechs Kilometer von der Stadt Poreč entfernt, verdient seinen Namen eigentlich nur aufgrund seiner Form und des Stoffs, aus dem die ockerfarbenen Wände gemacht sind. Wäre der nicht, wähnte man sich in einem Hotelzimmer oder einer Ferienwohnung. Das Zelt steht auf einem Holzpodest und hat eine überdachte Veranda mit Loungemöbeln und Dielenfußboden. Im Innern befindet sich alles, was im Internet versprochen wurde, und noch mehr: das Badezimmer mit Toilette, Dusche und Waschbecken, die Küche mit hochwertigem Geschirr, Mikrowelle, Kaffeemaschine, großer Arbeitsfläche, Cerankochfeld und Gasherd, der einem in dieser Umgebung fast schon steinzeitlich vorkommt. In einem weiteren Raum gibt es zwei Etagenbetten, das große, bequeme Doppelbett steht in einer Nische im Hauptraum, die mit einem Vorhang abgetrennt werden kann. Ein Fernseher hängt an der Wand, all das auf neun mal vier Metern. Damit könnte man sich auf dem Zeltplatz jeder Quidditch-Weltmeisterschaft sehen lassen.

Die Schnittstelle zwischen Wohnwägen und gewöhnlichen Zelten

Die Glamping-Anlage wurde nach einer Testphase 2014 zunächst mit sieben Zelten gebaut, im vergangenen Jahr wurde die Zahl verdoppelt. Mit den dreizehn Nachbarparteien im Glamping-Dorf teile ich mir einen dreieckigen Pool und einen eigenen, kleinen Strandabschnitt mit Liegestühlen und Sonnenschirmen an der Tarska-Vala-Bucht. Abends beim Sonnenuntergang trifft sich die Glamping-Gemeinde am Pool, um Selfies zu schießen. Eine Nachbarin kommt aus Friaul, hat im Internet von den Glamping-Zelten in Kroatien gelesen und wollte das Ganze einmal ausprobieren. „Bei uns in Italien gibt es das auch auf einigen Campingplätzen an der Adria oder am Gardasee, aber hier ist es günstiger“, sagt sie. Und wie findet sie das Luxus-Camping? „Bellissimo. Ich würde wieder kommen.“ Andere Nachbarn kommen aus Gießen. Auch sie sind hellauf begeistert, nur die Preise zur Hauptsaison im Juli und August finden sie zu hoch. „Für dreitausendzweihundert Kuna, umgerechnet knapp vierhundertdreißig Euro, bekommen wir auch eine Ferienwohnung mit meinem eigenen Pool“, sagen sie.

Eine Übernachtung im Glamping-Zelt kostet mindestens fünfunddreißig Euro pro Zelt und Nacht, je nach Saison können es aber auch hundert Euro mehr sein. Die mobilen Ferienhäuser, die auf dem Campingplatz ebenfalls in thematischen Dörfern wie dem „Istrischen Dorf“ oder dem „Mediterranen Dorf“ angeordnet sind, kosten in der Standardvariante nicht viel weniger. Für eine Nacht zahlt man siebenundzwanzig Euro pro Häuschen aufwärts. Die Ausstattung ist dabei ähnlich, allerdings handelt es sich um feststehende Häuser, die in einer weniger exklusiven Lage dicht gedrängt aneinanderstehen und meist nicht über einen direkten Zugang zum Pool oder Meer verfügen. Eine Parzelle für den eigenen Wohnwagen oder das eigene Zelt ist für etwa zehn Euro zu haben.

„Ein Glamping-Zelt ist die Schnittstelle zwischen den feststehenden Häusern oder Wohnwägen und den gewöhnlichen Zelten“, sagt Karlo Grebac, der Direktor des Campingplatzes Lanterna. Sobald die Zelte auf den Markt kamen, habe man sich bei Valamar Riviera, der Muttergesellschaft von Lanterna, für den Trend interessiert. „Wir wollen öfter etwas Neues ausprobieren und erhielten mit den ersten sieben Zelten schon viele positive Bewertungen“, sagt Grebac. Genutzt würden die Glamping-Zelte nun vor allem von Familien aus Deutschland und Holland. Weitere Luxuszelte sind in Planung.

Zwei Kilometer vom Trubel entfernt

Dabei ist das Konzept des Glamping keineswegs neu. Schon die Jagdgesellschaften des englischen Adels ließen pompöse Zelte errichten, und die Sultane der Osmanen zogen sogar mit eigenen Zeltarchitekten in den Krieg, die ihre Pavillons errichteten. Als touristischer Vorreiter des Trends können die afrikanischen Safari-Camps gelten. Als Safaris Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts ein Muss für die europäische Oberschicht wurden, wollte diese auf keinen Fall auf ihren gewohnten Luxus verzichten und ließ sich ihren halben Hausstand durch den Busch hinterhertragen. Und da Häuser in diesen Gegenden nicht zur Verfügung standen, mussten eben sehr große Zelte her. Bis heute haben sie sich in den Camps der Nationalparks Afrikas gehalten. Auch diese Zelte verfügen über ein eigenes Bad, bequeme Betten und eine geschmackvolle Einrichtung. Schlangen, Spinnen und Skorpione machen ein Holzpodest unumgänglich. Da in der afrikanischen Savanne allerdings ohnehin nur selten Besucher ihre eigenen Zelte aufschlagen, sah man sich bisher nicht gezwungen, die Safarizelte mit einem eigenen Begriff zu adeln.

In Kroatien findet man Glamping-Zelte bisher nur auf Campingplätzen der Valamar-Gruppe, die mit einer Kapazität für achtundvierzigtausend Gäste in Hotels, Resorts, Apartments und Campingplätzen das größte Tourismusunternehmen des Landes ist. Der Viersterneplatz Lanterna wiederum ist der größte Campingplatz Kroatiens mit einer Fläche von zweiundachtzig Hektar. Er ist eine eigene Stadt mit Supermärkten, mehreren Pools, einem Sandstrand, einem Markt für Fisch, Obst und Gemüse, sechs Bars und sieben Restaurants. Das Animationsprogramm reicht vom Kieselsteinebemalen bis zu einem eigenen Oktoberfest, für das viele Gäste eigens anreisen. Das Glamping-Dorf liegt weit abseits von allem Trubel. Vom Zentrum des Campingplatzes aus sind es etwa zwei Kilometer an die Tarska-Vala-Bucht. Das Internet des Campingplatzes funktioniert hier nicht mehr, was für die einen Luxus, für die anderen ein Stressfaktor sein dürfte. Dafür ist es hier sehr ruhig. Keine Beachbar dreht ihre Boxen auf wie im Zentrum des Campingplatzes. Nur ein paar Kinder machen Lärm bei dem Versuch, im doch recht kleinen Pool zu spielen – der große Aquapark mit dem Piratenschiff liegt ein paar Kilometer entfernt bei den Durchschnittscampern.

Glamping-Zelte brauchen viel Platz und günstige Windverhältnisse. Das ist ein Grund dafür, warum es sie in Kroatien bisher nur auf einem weiteren Valamar-Campingplatz gibt: auf der Insel Krk, deren Fünfsterneplatz bisher jedoch erst ein Luxuszelt hat. „Wir befinden uns noch in der Testphase“, sagt Andrej Šircelj vom Management, „in der Saison 2016 hatten wir zehn Buchungen, aber wir merken, dass die Leute sehr neugierig auf das Glamping-Zelt sind.“ Der Campingplatz, der wie die große Schwester Lanterna bereits vom ADAC als „Best Campsite“ ausgezeichnet wurde, ist mit elf Hektar Fläche, hundertsiebzehn mobilen Ferienhäusern, dreihunderteinundsechzig Stellplätzen und Platz für tausenddreihundert Personen aber wesentlich kleiner. Er liegt zwei Kilometer von der Krker Altstadt entfernt, auf die man einen schönen Blick vom Strand des Zeltplatzes aus hat. Camping Krk ist der erste Fünfsterneplatz an der kroatischen Adria und gleichzeitig der einzige mit einer Wellness- und Spa-Abteilung. Die fünf Sterne bedeuten, dass es auch ein gehobenes Restaurant sowie einen Transferservice auf das Festland gibt.

Einsam vor dem Flachbildschirm

Die Neugierde auf das Glamping-Zelt merke auch ich schnell. Es steht in exponierter Lage in Strandnähe hinter ein paar Oleanderbüschen und ist vor allem für die deutschen Gäste eine zentrale Sehenswürdigkeit. Keine zehn Minuten nachdem ich Vorhängeschloss und Reißverschluss geöffnet habe, höre ich Schritte auf der Veranda. Drei Leute spähen hinein. „Da schau her, Couch, Tisch, Fernseher“, sagt ein Mann. Dann bemerken sie mich und entschuldigen sich hastig. Im Laufe des Tages tauchen weitere Besucher auf, Kinder, die von ihren Eltern zurückgepfiffen werden, oder eine Dame, deren knirschende Schritte im Kies vor der Veranda meinen Mittagsschlaf beenden, den ich auf dem Maisonettebett unter dem Dach halte. Unten taucht ihr blonder Schopf am Eingang auf, und sie ruft begeistert nach hinten: „Walter, das Zelt hat eine Küche!“ Am Abend beleuchten auch noch zwei kleine Säulen den Eingang zum Glamping-Zelt. So wundert es mich nicht, dass ich nach dem Abendessen ein Pärchen samt Hund auf meiner Veranda vorfinde. Sie entschuldigen sich erschrocken: „Da war die ganze Zeit niemand!“ Etwas pikiert schiebt der Mann hinterher: „Und Ihnen gefällt das so, ja?“

Das kann ich so sagen. Die Einrichtung ist elegant, graues Holz und tief hängende Lampen. Gleich zwei Klimaanlagen sorgen dafür, dass es nachts wohlig warm und am Tage angenehm kühl ist. Im Bad stehen ausgewählte Kosmetikprodukte, auf dem Tisch ein Obstkorb. Meine Wertsachen kann ich in einen Safe einschließen. Ob sich das Licht in der Dusche – wie im Werbeprospekt angekündigt – positiv auf meine Stimmung auswirkt, vermag ich nicht zu sagen. Doch es ist ein so erhabenes wie merkwürdiges Gefühl, morgens nicht aus dem klammen Schlafsack über den halben Zeltplatz in Richtung Dusche zu wanken und danach in feuchte Kleidung zu schlüpfen, sondern nur zwei Schritte weiter ins Badezimmer zu gehen und sich dort mit vorgewärmten Handtüchern abzutrocknen. Nur abends auf der Couch vor dem Flachbildfernseher kann es ein bisschen einsam werden. Draußen, hinter den Oleanderbüschen, hört man das Gelächter der anderen, die Wohnwagen an Wohnwagen stehen und einander zuprosten. Aber vielleicht gibt es auf Krk auch bald ein Glamping-Dorf, und dann können sich die Glamper gemeinsam vom Rest abheben.

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Luxuszelte in Kroatien

Informationen: Die beschriebenen Campingplätze sind von Ende April bis Anfang Oktober geöffnet. Auskünfte zu Preisen und Verfügbarkeiten der Zelte online unter www.camping-adriatic.com.

Quelle: F.A.Z.
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