Schweden

Lass den Lippenstift links liegen

Von Kiki Krey
 - 17:34
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Mats Lodalen schwört seine Gäste auf eine ganz besondere Stadtrundfahrt ein: „Ihr müsst eure Balance finden, eure innere Mitte und nicht so sehr hin und her wackeln, das erste Stück wird bestimmt etwas ruppig.“ Göteborg soll vom Wasser aus erkundet werden, mit dem Paddel in der Hand – so kommt man einer Stadt am Wasser ganz besonders nahe.

Der Großteil der Gruppe steht an Land und hat das Einsteigen noch vor sich, das allein schon eine Herausforderung ist. Erst ein Bein, dann das nächste, nicht zögern, mit den Armen abstützen, langsam auf den Sitz hinunterrutschen. Haltung bewahren! Nicht am Steg schon kentern. Auch später ist das nicht zu empfehlen, denn erstens wird der Paddler dabei nass, und zweitens muss er wieder einsteigen, sich hineinfädeln ins schmale, enge Loch, in dem sich der harte Sitz befindet, und das auch noch vom Wasser aus. „Das passiert aber auch so gut wie nie“, beruhigte Lodalen, der Gründer des Kayak Centers Point 65°Nord, seine Kundschaft bei der Ausgabe der Schwimmwesten. Wer sich schon einmal bei Kanuten und Paddlern umgesehen hat, weiß, dass Rettungswesten zur Standardausrüstung gehören. Und falls es mal frischer werden und der Wind vom Kattegat hereinwehen sollte, wärmen sie auch noch ein bisschen.

Es gilt das Rechtsfahrgebot

Einer nach dem andern nimmt Platz im eigenen Kajak, legt ab und versucht sich an den ersten Schlägen. Die Mole des Lilla Bommen, was übersetzt so viel wie „kleiner Schlagbaum“ heißt, scheint auf einmal unerreichbar hoch. Der Hafen an der Mündung des Göta Älv ist für größere Schiffe ausgelegt. Die kleinen gelben, roten, grünen, blauen Kajaks tanzen an den Liegeplätzen der Yachten hinaus auf den Fluss, der sich keine zehn Kilometer weiter westlich endgültig im Meer verliert.

Auf der Steuerbordseite steht unweit der Hafeneinfahrt der „Lippenstift“, so nennen die Göteborger ihr modernes rot-weißes Gebäude, das Hafen und Stadt weit überragt. Wie ein Leuchtturm ragt es empor. Der Skanskaskrapan Utkiken, der „Wolkenkratzer Aussicht“, lässt die danebenliegende Viermastbark Viking beinahe schmächtig erscheinen. Dabei ist der alte Segler der größte Windjammer, der je in Skandinavien gebaut wurde. Die Größenverhältnisse ändern sich und lassen die Kajaks, die das Hafenbecken verlassen, noch kleiner erscheinen. Das moderne Opernhaus wacht auf der anderen Seite der Hafeneinfahrt über die schmalen Boote. Vom Wasser aus kommt der moderne Bau erst richtig zur Geltung. 1994 wurde es eröffnet, erzählt die paddelnde Stadtführerin, während sie auf den Schiffsbetrieb rundherum achtet.

Es wird kippelig, die Balance muss stimmen. Zügig tauchen die Blätter der Paddel in den Älven, den Fluss, und werden am Rumpf der Kajaks durchs Wasser nach achtern gezogen. Ausflugsschiffe sorgen für zusätzliches Herzklopfen. War die Eingewöhnung im Hafenbecken zu kurz? Nathalie, die im eigenen Boot die Gruppe begleitet und dabei gleichzeitig als Stadtführerin fungiert, beruhigt und achtet darauf, dass keiner den Anschluss verliert. Sie hätte in diesem Jahr erst zwei Kenterungen erlebt, beruhigt sie die anfangs noch flattrigen Nerven der Teilnehmer. Inzwischen ist es August. Mark aus London paddelt stetig, er kommt gut voran. Lu aus China ist noch etwas zögerlich. Die Gruppe ist gemischt, hat dabei aber eines gemeinsam: Jeder möchte Göteborg von seiner anderen, seiner faszinierenderen Seite erleben. Es ist eine Wasserstadt mit dem größten Hafen Schwedens, mit Kanälen und Wassergräben. Ideal also für einen Bootsausflug, vor allem auch für jene, die selbst aktiv werden und nicht nur hinter einem hochgehaltenen Schild herlaufen wollen.

Bald sind sich die Fremden nicht mehr fremd

Weiter geht es, am Ufer entlang nach Westen und dann raus aus dem betriebsamen Fluss und hinein in die Stadt. Es gilt das Rechtsfahrgebot, wenn man auf Kurs bleiben kann und keine Schlangenlinien fährt. Doch inzwischen gelingt es uns ganz gut. Nathalie scheint zufrieden, denn kaum sind wir im Rosenlundskanal angekommen, steht auch schon das Lernen auf dem Plan. Die paddelnde Stadtrundfahrt ist gleichzeitig auch ein kleiner Paddelkurs. Aufstoppen ist eine der ersten Lektionen. Das sei gerade im Kanal wichtig, wenn man sich mal zu nahe kommt. Seinen Namen hat er übrigens den Rosen zu verdanken, die hier bis Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wuchsen. Ein schöner Kontrast zur Fiskekôrka, die mit ihren Spitzbogen-Fenstern zwar aussieht wie eine Kirche, aber den Fischmarkt beherbergt. Fisch kaufen passt jetzt allerdings nicht in den Plan und muss auf später verschoben werden. Es wird weitergepaddelt, damit die Tour auch in zweieinhalb bis drei Stunden geschafft werden kann, inklusive einiger Übungsstopps.

Stoppen, anpaddeln, dann ein kleiner Rechtsbogen – das sieht leichter aus, als es ist. Nathalie erklärt geduldig, macht vor, hält das Boot der verzagten Chinesin, dreht den Bug ein wenig und leitet das Manöver ein – es klappt. Wir paddeln den Kungsparken, den Königspark, entlang. In seinem Grün wird gepicknickt und gespielt, gesonnt und gewandelt, und das mitten in der Stadt. Die bunten Kanus werden für die Landtouristen zum Fotomotiv. Dafür stoppen wir alle ganz dicht beieinander – eine Lektion für Fortgeschrittene. Die lachenden Gesichter, die Rufe und Kommentare zeigen, dass sich die Fremden in der Gruppe inzwischen nicht mehr fremd sind. Diese besondere Art des Sightseeings bringt die Gäste zusammen, bietet Gesprächsstoff und Platz für so manchen Hilferuf, wenn das Bremsen doch nicht geklappt hat. Ein Schluck aus der Wasserflasche sorgt für neue Energie. Das Stora Teatern bleibt nach kurzer Bewunderung rechts liegen. Aufgepasst, der Vallgraven, der ehemalige Wallgraben, ist etwas kurviger. Und es geht an noch mehr Grün vorbei – die Gärten des Trädgårdsföreningen mit Palmenhaus und Rosarium folgen.

Danach bleibt nur eine Möglichkeit, nämlich links abzubiegen, geradeaus geht es nicht weiter. Paddel ins Wasser und das Boot drehen, noch eine kleine Gegenbewegung, und es passt. Es geht wieder heimwärts. Blumenkästen an schmiedeeisernen Brückengeländern, nach tiefen Brücken wieder hinaus ans Licht, alte Gebäude, goldene Wappen, ratternde Straßenbahnen, enge Kanäle, blonde Schwedinnen, deren Beine im Wasser baumeln, drängelnde Ausflugsboote, bepackte Paddler auf langer Tour, Tyska Kyrkan und Stadsmuseum. Göteborg, vom Wasser aus gesehen, erstaunt und strahlt Ruhe aus – trotz allen Trubels.

Die letzten Paddelschläge führen uns wieder in Richtung Lippenstift. Das Ausbalancieren der Wellen geschieht inzwischen schon unbewusst. Eine Lockerheit hat sich breitgemacht, genau so, wie die Stadt sie verbreitet, und das nicht nur auf dem Wasser. Ein letzter tiefer Atemzug, der schon nach Meer schmeckt, dann ist sie schon vorbei, die Stadtrundfahrt mit dem Paddelboot.

Paddeln in Göteborg

Information: Buchung über Point 65° N, Kayak Center, Göteborg, Schweden, E-Mail: goteborg@ point65.se, im Internet unter Kayaks.point65.com. Weitere Auskünfte erhält man auch über www.goteborg.com und www.visitsweden.com.

Quelle: F.A.Z.
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