Belize

Die Kreuzfahrtgesellschaftsinsel Harvest Caye

Von Thomas Lindemann
 - 10:40
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Der Himmel kennt alle Farben von Weißblau über Tiefblau bis nach Türkis. Irgendjemand aus der Reisegruppe will auf einer Anzeigetafel etwas von „100 Grad Fahrenheit“ gesehen haben, das wären 38 Grad Celsius. Doch am Boden liegt Nebel. Jedenfalls, wenn man die Insel Harvest Caye zuerst betritt. Überall am Wegesrand ragen Stangen aus dem Boden, als hätte ein Gärtner den Spleen gehabt, Besenstiele in die Erde zu rammen. Die seltsamen Gebilde versprühen feinen Nebel – sie sind dazu da, die Badegäste ein wenig abzukühlen, das trockene heiße Klima für den Moment etwas zu mildern.

Wem gehört die Insel?

Dan, der interessierte Gruppen über die Insel führt und das Konzept erklärt, kommt ins Stocken, wenn man wissen will, ob die Insel der Firma Norwegian Cruise Line gehöre. Einerseits: Natürlich nicht, wir befinden uns in dem Land Belize, der kleinen, armen Republik in Mittelamerika, eingeklemmt zwischen Mexiko, Guatemala und Honduras. Das einzige Land der Region, dessen Amtssprache Englisch ist und das vor 35 Jahren erst aus der Abhängigkeit von Großbritannien entlassen wurde. Andererseits: Von alldem sieht man hier nichts, auf Harvest Caye befinden sich nur Gäste der Norwegian-Kreuzfahrt und die vierhundert Angestellten, die ihnen Wege säubern, Cocktails mixen und Golfschläger von einem Ort zum anderen fahren.

Oder die Menschen an „Ziplines“ binden. Das sind Drahtseile, die an mehreren Orten quer über die Insel gespannt sind. Das längste führt rund neunhundert Meter über die Bucht. Ganz oben auf dem vierztig Meter hohen Leuchtturm (der nicht leuchtet, sondern ausschließlich eine Touristenattraktion ist, wie alles hier) kann man sich anketten lassen und flutscht dann, herabschauend wie Superman, quer über die Badenden hinweg zur Pier hinüber. Immer wenn einer so über die Köpfe der anderen Gäste hinwegschießt, winken sie und deuten aufgeregt nach oben. Wir befinden uns im Einflussbereich der amerikanischen Unterhaltungskultur. Auf einer Karibikkreuzfahrt mit Norwegian sind rund 90 Prozent der Gäste Amerikaner.

Die Schiffe, die eine einwöchige Fahrt durch die Karibik absolvieren, die sogenannte „Seven Nights Cruise“ oder 7NC, die in Florida startet und endet und für viele Amerikaner eine Traumreise ist, machen immer einige Stationen unterwegs. Honduras und Mexiko in der südwestlichen Karibik, oder auch mal Jamaika und Haiti im Norden. Auf diesen Wegen, die stark befahren sind – unterwegs sieht man fast immer am Horizont noch einen anderen Kreuzfahrtkoloss die gleiche Route nehmen –, haben schon mehrere Gesellschaften einen privaten Rückzugsort aufgebaut. Ganze Inseln, die nur für Menschen mit dem richtigen Ticket da sind.

Fast jede Reederei hat eine

Norwegian, die nun mit Harvest Caye das jüngste Projekt dieser Art gestaltet haben, waren auch die Ersten mit einer solchen Idee: 1977 kauften sie die einstige Militärbasis Great Stirrup Cay auf den Bahamas und errichteten dort eine Trauminsel. Sie blieb das Vorbild für spätere: viel Strand, viel angepflanzte Kokospalmen, blaue Sonnenliegen überall. Ein Dutzend folgten: Coco Cay, Labadee, Half Moon Cay, so heißen Privatinseln anderer Reedereien. Norwegian hat seine neue über 15 Monate lang von Gärtnern und Architekten ummodeln lassen, das Projekt soll Gerüchten zufolge 50 Millionen Dollar verschlungen haben.

Der Reisemanager Dan spricht während seiner Führung nicht über solche Zahlen. Er zeigt die Trinkwasserstationen – alle zwanzig Meter kann man sich einen Becher geben lassen, um die Hitze zu überleben –, die Ausleihe für Kanus und Stehpaddelflöße, die Restaurants und die Shops.

Auf dieser Insel kann man studieren, was offenbar die zurzeit gültige Vorstellung von Luxus und Wohlbefinden ist. Vierhundert Meter Strand, und zwar großzügig breiter Strand, mit hellstem feinem Sand, und es fühlt sich nie voll an, auch wenn die drei- bis viertausend Gäste eines mächtigen Kreuzfahrtschiffs gleichzeitig an Land gehen. Dazu noch mal hundertfünfzig Meter Privatstrand für alle, die sich eine von fünfzehn Hütten für den Tag mieten – dieser Abschnitt ist bewacht, für die anderen Gäste nicht zugänglich, und die „Cabanas“, die kleinen Bungalows „mit Sichtschutz und Getränkeservice“, kosten am Tag rund zweihundert Dollar.

Bis zur Brust im Wasser

Ja, der Strand ist traumhaft. Ja, das Türkis des Wassers ist beeindruckend. Und nein, man muss sich ja nicht mit zweihundert anderen an die Bar drängeln, die direkt an den Pool angrenzt – da trinkt man sein Bier bis zur Brust im Wasser stehend, es gibt Hocker und Tische, die in die Schwimmlandschaft eingelassen sind. Stört man sich nicht daran, dass hier alles künstlich ist und diese Trauminsel genauso gut unter einer großen Kuppel auf dem Mars stehen könnte, kann man diesen Landgang genießen. Wohin das Auge auch blickt, sieht es Ansichten wie von einer Kitschpostkarte.

Hätte Norwegian doch bloß jemanden mit Geschmack (oder historischer Allgemeinbildung) beauftragt, den Eingang zur Insel zu gestalten: Man betritt sie durch ein schwarzes, gusseisernes Tor, das eine große Inschrift führt und von Wachleute flankiert wird. Ist man einmal drin, kommen auch schon die Stangen, die ein seltsames Aerosol versprühen. Das ist assoziativ nicht einfach für Europäer. Aber wer nicht mehr mag, kann jederzeit zurück aufs Schiff. Es liegt, groß wie ein Hochhaus, vor Anker und wartet.

Exklusivität inklusive: Der Weg auf die Kreuzfahrt- Insel

Privatinseln haben heute alle großen amerikanischen Kreuzfahrtgesellschaften im Angebot. Die meisten gehören zu den Bahamas. Die Anlagen sind nicht überfüllt, und das Bezahlen kann über die Bordkarte des Schiffs abgewickelt werden - wenn nicht sogar Angebote schon inklusive sind. Es empfiehlt sich, die Preislisten anzusehen - Extras wie „Ziplines“ oder das Paragliding an einem Motorboot werden berechnet und können schnell mehr als 100 Dollar kosten. Kreuzfahrten mit Norwegian Cruise Lines, zum Beispiel in die östliche Karibik, ab 879 Euro, als Paket mit Flug 1900 Euro. Eine Außenkabine kostet, je nach Termin, zwischen 1100 und 1800 Euro. Eine Suite mit Zugang zum Luxusbereich „The Haven“ ist in den Feiertagen für rund 6000 Euro zu haben. Alle Angebote sind inklusive der Standardrestaurants und der meisten Getränke zu verstehen. Vereinzelt kosten Freizeitangebote auf dem Schiff extra. Flüge nach Miami mit Air Berlin nonstop aus Berlin (ab 500 Euro), mit Lufthansa oder Delta aus Frankfurt (ab 600 Euro)

Quelle: F.A.S.
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