Wo Jane Austen lebte

Vier Damen in einem Cottage

Von Stefanie Bisping
© Stefanie Bisping, F.A.Z.

Vor der Standuhr steht in einer Ecke des Esszimmers das zwölfeckige Tischchen. Kaum größer als ein Tablett ist es. Nur die schützende Glasscheibe lässt ahnen, dass dieses Möbelstück kein zufälliges Dekorationsstück ist. Denn hier nahm jeden Morgen nach dem Frühstück Jane Austen Platz und schuf Weltliteratur. Ihre Romane „Verstand und Gefühl“ und „Stolz und Vorurteil“ überarbeitete sie, „Mansfield Park“, „Emma“ und „Überredung“ schrieb sie am Walnusstisch neben dem Fenster. Manchem Besucher, so heißt es, schössen angesichts des so bedeutsamen Miniaturmöbels Tränen in die Augen.

Leichthändig, elegant und mit subtiler Ironie beschrieb Jane Austen die Welt der englischen Mittel- und Oberschicht um die Wende zum 19. Jahrhundert, so dass mancher Leser kaum erfasste, welche Brandsätze da zwischen Picknicks, Bällen und Besuchen plaziert waren. „Männer haben immer den Vorteil vor uns gehabt, dass sie ihre Geschichte selbst erzählen konnten“, bemerkt etwa Anne Elliot in „Überredung“: „Sie haben die Vorzüge der Bildung in viel größerem Maß genossen; sie haben immer die Feder in der Hand gehabt.“ Jane Austen wusste nur zu gut, wovon sie schrieb: Ihre eigene Schulausbildung endete, als sie elf Jahre alt war. Fortan lasen sie und ihre ältere Schwester Cassandra sich durch die elterliche Bibliothek, doch ihre formale Erziehung galt als abgeschlossen.

Hier nahm Jane Austen jeden Morgen nach dem Frühstück  Platz und schuf Weltliteratur.
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Das Haus im Dörfchen Chawton, in dem sie mit Cassandra, ihrer Mutter und der Freundin Martha Lloyd die letzten acht Jahre bis zu ihrem Tod am 18. Juli 1817 verbrachte, ist als einzige erhaltene Wohnstätte der Schriftstellerin seit 1949 ein Pilgerziel. An einer Biegung der Hauptstraße erhebt sich das unauffällige Gebäude. Gegenüber liegen der Pub „The Greyfriar“ und ein Parkplatz, der in Stoßzeiten schnell überfüllt ist. 40 000 bis 50 000 Besucher strömen jedes Jahr durch das Haus der vier Damen. Als im Jahr 1995 die BBC-Verfilmung von „Stolz und Vorurteil“ mit Colin Firth als Mr Darcy – nicht zuletzt durch eine Szene Firths im tropfnassen weißen Hemd – eine neue Welle der Austen-Begeisterung lostrat, erreichten die Zahlen Rekordwerte.

Ehelosigkeit ist der Heirat mit einem unpassenden Partner vorzuziehen

In diesem Jahr könnte es ähnlich werden. Zum 200. Todestag Jane Austens im Juli enthüllt die Stiftung, die das Haus verwaltet, neu restaurierte Tapeten und zeigt die Ausstellung „Jane Austen in 41 Objects“. 41 im Wechsel präsentierte Gegenstände vom Bücherschrank aus ihrem Elternhaus bis zum von ihr bestickten Schal sollen ihr Leben besonders nahebringen. Seit dem Frühling ächzen die Holzdielen laut unter der Last der vielen Besucher. Sie betrachten das Schlafzimmer im oberen Stockwerk, das die Schwestern sich wie in Jugendtagen teilten; den riesigen Quilt hinter Glas, den die vier Frauen an ungezählten Abenden nähten; Vitrinen mit einer Locke des Vaters und Briefen sowie eine Kopie von Jane Austens Testament an der Wand. Fast alles hinterließ sie ihrer Schwester. 808 Pfund hatte sie erschrieben, ein immenses Vermögen für eine Frau, die weder geerbt noch geheiratet hatte.

Das Haus im Dörfchen Chawton, in dem Jane Austen mit ihrer Schwester Cassandra, ihrer Mutter und der Freundin Martha Lloyd die letzten acht Jahre bis zu ihrem Tod am 18. Juli 1817 verbrachte, ist als einzige erhaltene Wohnstätte der Schriftstellerin seit 1949 ein Pilgerziel.
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Die übersichtlichen Möglichkeiten von Frauen, ihr Leben zu gestalten, waren das Leitmotiv ihres Lebens und ihrer Bücher. Die unglücklichen Ehepaare ihrer Romane, meist in der Parentalgeneration der Heldin anzutreffen, sind warnendes Beispiel und Beweis, dass Ehelosigkeit der Heirat mit einem unpassenden Partner vorzuziehen sei. Doch in einer Zeit, da Erwerbstätigkeit von Frauen aus der Mittel- und Oberschicht nicht vorgesehen war, brachte solch mangelhafte Kompromissbereitschaft einen schwerwiegenden Nachteil mit sich: Unverheiratet blieb die Frau ohne Vermögen auf Wohlwollen und Unterstützung männlicher Verwandter angewiesen.

Kaum jemand wusste das besser als Jane Austen selbst. Während es der mittellosen Fanny Price, der ebenso armen Elinor Dashwood und der mit dem schweren Gepäck von vier teils albernen Schwestern und einer geschwätzigen Mutter auf den Heiratsmarkt entsandten Elizabeth Bennet gelingt, Versorgung und Romantik in der Partnerwahl zu einen, blieb die Autorin ihr Leben lang von ihren Brüdern abhängig. Eine Romanze mit zwanzig endete ohne Verlobung. Den Antrag des jungen Harris Bigg-Wither, bei dem nur die Finanzen stimmten, lehnte sie sieben Jahre später ab.

Mit dem Umzug nach Chawton kam der Erfolg

Da selbständiges Wohnen für ledige Frauen keine Option war, zog Jane Austen, am 16. Dezember 1775 in Steventon in Hampshire als siebtes von acht Kindern des Pfarrers George Austen und seiner Frau Cassandra Leigh geboren, ihr Leben lang der Familie hinterher. Als sie 25 Jahre alt war, ging Vater Austen in den Ruhestand. Die Eltern räumten das Pfarrhaus, in dem Jane ihre ersten drei Romane geschrieben hatte, für Sohn James, der dem Vater nachfolgte, und gingen mit den beiden Töchtern nach Bath. Das Leben im trubeligen Kurort war ein Schock, auf den Jane Austens literarisches Schweigen in jener Zeit zurückgeführt wird.

40 000 bis 50 000 Besucher strömen jedes Jahr durch das Haus der vier Damen.
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Nach dem Tod des Vaters 1805 zogen Jane und Cassandra zu ihrem Bruder Frank, einem Admiral, nach Southampton. Als Bruder Edward das beträchtliche Erbe eines Cousins seines Vaters antrat, bot er Mutter, Schwestern und ihrer Freundin Martha an, ein Cottage auf seinen Gütern zu beziehen. Die Frauen entschieden sich für das nicht weit von Steventon gelegene Chawton in Hampshire, wo viele ihrer Freunde lebten. Am 7. Juli 1809 zogen sie ein.

„Als sie nach Chawton kam, hatte sie noch nichts veröffentlicht“, erklärt eine der Damen, die im Haus über das Mobiliar wachen, und fügt stolz hinzu: „Mit ihrem Einzug kam der Erfolg.“ Zum ersten Mal kehrte Ruhe in ihr Leben ein. Die Vormittage gehörten intensiver Arbeit, die Nachmittage Spaziergängen, Klavierspiel und Unterhaltung, die Abende der Lektüre. Schlag auf Schlag erschienen nun die Romane: 1811 „Verstand und Gefühl“, 1813 „Stolz und Vorurteil“, beides hier überarbeitete frühe Werke; 1814 dann „Mansfield Park“ und ein Jahr später die unsterbliche „Emma“.

Zehntausend Werke aus der Zeit von 1600 bis 1830 befinden sich in der Chawton House Library

Die vier Damen wohnten komfortabel im Cottage, das eher ein Landhaus mit Garten und Wirtschaftsgebäuden war, und spazierten zum zehn Gehminuten entfernten Herrensitz, wann immer Edward dort mit seiner Familie residierte. „Zwischen drei und vier ging ich zum Großen Haus hinüber und vertrödelte dort sehr angenehm eine Stunde“, notierte Jane 1814. Chawton House liegt noch immer idyllisch an einem Hügel, von Parkland und Schafweiden umgeben und vom Kirchlein St. Nicholas flankiert, auf dessen Kirchhof später Janes Mutter und Schwester bestattet wurden.

Da selbständiges Wohnen für ledige Frauen keine Option war, zog Jane Austen ihr Leben lang der Familie hinterher.
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Chawton House ist seit 2015 fürs Publikum geöffnet. Als Edwards Nachfahren es verkauften, sollte es zum Golfhotel umgebaut werden. Doch dann trat die amerikanische Unternehmerin Sandy Lerner auf den Plan, ließ das Haus aufwendig restaurieren und verwirklichte 2003 ihren Traum, eine wissenschaftliche Bibliothek für die Werke früher englischer Autorinnen zu begründen. Zehntausend Werke aus der Zeit von 1600 bis 1830 besitzt die Chawton House Library, darunter viele Erstausgaben.

„Zu unseren ehrenamtlichen Helfern gehören auch Nachfahren von Edwards Familie“, sagt Anthony Hughes Onslow, Manager von Chawton House und studierter Germanist. Doch wichtiger als die andauernde Verbindung zu Jane Austens Familie sei die Bibliothek selbst: „Jane Austen war die berühmteste der frühen englischen Schriftstellerinnen, aber sie war weder die erste noch die einzige.“ Heute sitzen Studenten und Doktoranden hier an komfortablen Arbeitsplätzen und studieren die Werke der ersten englischen Dramatikerin Aphra Behn, von Frances Burney und Mary Shelley, aber auch Arbeiten weniger prominenter Schriftstellerinnen. „Wir wollen Autorinnen bekannt machen, die unter schwierigsten Bedingungen schrieben, oftmals, um sich und ihre Familien durchzubringen“, erklärt Hughes Onslow.

„Wir ärgern uns über Bath, das sie hasste und das sie nun vermarktet“

Neben Literaturwissenschaftlern finden nun auch Austen-Fans den Weg hierher; sechstausend waren es 2016. Sie betrachten die große Tafel im Dining Room, an der Jane und Cassandra mit den Verwandten speisten, bewundern im großen Treppenhaus die Porträts englischer Autorinnen und flanieren durch Garten und Park, die Vorbild für die Grünflächen in „Mansfield Park“ gewesen sein sollen.

Jane Austen ging viel und gerne spazieren. Ein literarischer Wanderweg ermöglicht die Erkundung der Gegend in ihren Fußstapfen; er beginnt vor ihrem Cottage und führt durch eine Landschaft, die sich – abgesehen von einer lauten Landstraße – kaum verändert hat. Für Einkaufsfahrten ins nahe Alton spendierte Edward der Mutter einen Eselskarren. Die Schwestern liefen die drei Kilometer lieber. In Alton machten sie Besuche und Besorgungen, gingen zur Bank ihres Bruders Henry, bis sie 1812 bankrottging, oder zum Arzt und nahmen gelegentlich vom Swan Hotel aus die Kutsche nach London. Eine Plakette an der High Street 10 erinnert an die Bank des Bruders, doch ein Denkmal der berühmten Schriftstellerin ist hier nicht zu finden.

Jane Austens Vormittage gehörten intensiver Arbeit, die Nachmittage Spaziergängen, Klavierspiel und Unterhaltung, die Abende der Lektüre.
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„Wir haben diese wertvolle Verbindung und machen nichts daraus“, seufzt Pat Lerew, Englischlehrerin im Ruhestand und Initiatorin einer Karte, die den Weg durch Alton auf den Spuren Austens weist. Ansonsten begnügt Alton sich mit der jährlichen „Jane Austen Regency Week“ Ende Juni. Dabei könnte das Städtchen, in dem viele Leser das Highbury aus „Emma“ wiedererkennen, ein Mekka für Austen-Fans sein. „Wir ärgern uns über Basingstoke, wo Jane Austen vermutlich niemals war und das ein Stück vom Kuchen haben will, nur weil Steventon heute zu Basingstoke gehört“, sagt Pat. „Aber wir ärgern uns noch mehr über Bath, das sie hasste und das sie nun vermarktet.“ Dabei habe Bath das als Unesco-Weltkulturerbe gar nicht nötig. Dass Jane Austen in Winchester starb und nicht hier, sei für Alton geradezu tragisch.

1816 beendete Jane Austen „Überredung“. Bald darauf gab ihre Gesundheit Anlass zur Sorge. Im Mai 1817 erklärte ihr Arzt, dass er nicht weiterwisse. Jane und Cassandra zogen nach Winchester in die Nähe eines Arztes, der noch Hoffnung sah. Doch auch der konnte nichts für sie tun. Am 18. Juli starb Jane Austen mit einundvierzig Jahren; ihre letzte Ruhe fand sie in der Kathedrale. Vermutlich litt sie an Morbus Addison, einer Nierenerkrankung, die sich heute gut behandeln ließe. Vor zweihundert Jahren war sie unbekannt.

Im Herzen Hampshires

• Anreise: Mit dem Zug von London Waterloo nach Alton oder mit dem Auto über die A3 und A31.

• Übernachten: Das Swan Hotel in Alton steht seit dem 16. Jahrhundert an der High Street und verfügt heute über 37 renovierte Zimmer und einen angenehmen Pub. Das DZ mit Frühstück kostet ab 70 Pfund (Telefon: 00 44/142/ 08 37 77). Außer Jane Austen sollen auch Elisabeth I., Sir Francis Drake und der Dichter Edmund Spenser hier gerastet oder Kutschen gewechselt haben.

• Jane Austen House: Das einzige erhaltene Wohnhaus Jane Austens – das Pfarrhaus in Steventon wurde um 1824 abgerissen, ihre anderen Wohnstätten sind nicht zu besichtigen – öffnet von März bis Mai sowie September bis Dezember täglich von 10.30 bis 16.30 Uhr und Juni bis August von 10 bis 17 Uhr. Der Eintritt kostet für Erwachsene 8 Pfund (Winchester Road, Chawton, Hampshire, Internet: www.jane-austens-house-museum.org.uk).

• Chawton House Library: Geöffnet von Ende März bis Ende Oktober montags bis freitags 12 bis 16.30 Uhr, sonntags 11 bis 17 Uhr. Der Eintritt für Haus und Garten kostet für Erwachsene 8 Pfund. Wer zuvor im Museum war, bekommt ein Pfund pro Ticket erlassen (South Downs National Park, Chawton, Hampshire, Internet: www.chawtonhouse.org). Für die Nutzung der Bibliothek muss man sich anmelden. • Allgemeine Auskünfte bei der Fremdenverkehrszentrale Visit Britain, www.visitbritain.com/de.

Quelle: F.A.Z.
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