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Hochgebirgsutopia

Niemand in Shangri-La kennt Shangri-La

Von Stefan Nink
 - 13:22
Glücksritter, Heilsuchende, Gralsforscher wollten das mystische Shangri-La finden. Nun ist es aufgetaucht: Der Wan-Gu-Pavillon auf dem Löwenberg über der chinesischen Stadt Lijiang. Bild: Stefan Nink, F.A.S.

Am Ende wurde Wasser nachgegossen, immer wieder, das ist in China so. Die Teeblätter bleiben in der halb vollen Tasse, es gibt lediglich frisches Wasser dazu, unser westliches Nur-zwei-Minuten-ziehen-lassen-Mantra wird in der Heimat des grünen Tees komplett ignoriert. Es wurde also Wasser nachgegossen, und wir tranken Tee, Friedenstee gewissermaßen, denn vor dem Tee hatte es Streit gegeben und vor diesem einen Mord. Das war das Wort, das mein Fahrer im Englischen verwendete: murder, meinte er, die Dorfbewohner sagen, wir hätten einen Mord begangen. Ich war mir sicher, dass sich da in der Übersetzungskette Naxi-Mandarin-Englisch irgendwo eine kleine Bedeutungsverschiebung eingeschlichen haben musste, ganz bestimmt, aber an der allgemeinen Erregtheit änderte das natürlich nichts.

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Die Dorfbewohner hatten uns umzingelt, immer mehr waren es geworden, und alle hatten lautstark auf uns eingeredet und dabei wild gestikuliert, man kennt solche Bilder ja aus den Fernsehnachrichten. Der Leichnam lag vor uns auf der Straße; er war noch warm. Und wir beteuerten unsere Unschuld und bedauerten unser Tun, das Verdikt aber stand längst fest: Wir hatten den Yak umgebracht. Mit unserem Geländewagen. Unmittelbar hinter einer Kurve. Eine Minute später hatten uns die Dorfbewohner umzingelt, und nach langen Diskussionen war der Besitzer des Opfers mit umgerechnet fünfzig Euro versöhnt worden. Der Tee im „Shangri-La First Teahouse“ war im Preis enthalten.

Das Land, von dem alle nur träumen

Shangri-La! Jetzt ist es raus, und deswegen auch gleich Achtung: Wir waren in einem Land unterwegs, in das bis vor kurzem noch niemand reisen konnte – es wusste nämlich niemand, wo es lag. Wie für El Dorado, Xanadu oder andere Sehnsuchtsorte des Westens gab es auch für Shangri-La keine Koordinaten; das Land existierte lediglich in der Phantasie. Oder als Namensgeber für eine Hotelkette, für diverse Lieder, Filme, Bücher und Mangas. Costa Cordalis hat es besungen, aus dem Himalaja-Mythos in einem Akt geographischer Kühnheit allerdings eine Insel gemacht. Diverse Konsolen- und Computerspielhelden suchen es; der sonst so bodenständige Mark Knopfler benannte ein Album nach ihm.

Und ein Mann namens James Hilton hat es 1932 für einen Roman – erfunden? Nein, nein, hat der Schriftsteller immer wieder beteuert, nicht erfunden, beschrieben habe er es! „Der verlorene Horizont“ handelt von vier Europäern, die nach einer Bruchlandung im Himalaja ein geheimnisvolles Tal mit einem Kloster entdecken. Dessen Bewohner sehen wie 45-Jährige aus, sind aber Hunderte Jahre alt und leben in einer Art himmlischem Frieden, sie lesen, meditieren, schauen zu den Sternen und sehen zu, wie die Schatten der fliegenden Vögel über die Bergflanken ziehen. Hilton behauptete, seine Informationen von einem der Europäer erhalten zu haben. Und setzte so den Mythos Shangri-La in die Welt.

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In den folgenden Jahrzehnten machten sich die üblichen Verdächtigen auf die Suche: Glücksritter, Heilsuchende, Gralsforscher, sogar die Nazis forschten nach dem Land der ewigen Jugend. Als später der Tourismus zum Wirtschaftsfaktor wurde, behaupteten Chinas Nachbarn Bhutan, Ladakh und Sikkim, das wahre Shangri-La zu sein. Dann ließ ein chinesischer Provinzpolitiker wissen, er sei mit den Romanfiguren verwandt. Was man im Tal nebenan natürlich nicht gerne hörte. Und im Tal daneben auch nicht. Dorfmuseumsverwalter schleppten vergilbte Dokumente an, aus denen angeblich hervorging, dass es ihr Dorf, und nur das ihre, sei; aber noch bevor irgendetwas auch nur geprüft werden konnte, hatte das Nachbardorf (oder das Nachbartal oder die Nachbarregion) bereits irgendwo verwitterte Stelen ausgegraben, die den eigenen Anspruch untermauern sollten. Jahrzehntelang hatte man Shangri-La gesucht. Plötzlich war es überall.

Peking schafft Fakten

Als das Getöse zu laut wurde, schuf Peking dann kurzerhand Fakten – und richtete Groß-Shangri-La ein: Fünfzig Bezirke im Grenzgebiet von Yunnan, Sichuan und Tibet, einer landwirtschaftlich geprägten Region und Heimat etlicher ethnischer Minoritäten. Dann gab es plötzlich sogar einen Shangri-La-Airport, in Zhongdian. Das übrigens jetzt nicht mehr so heißt, seit es neulich ganz offiziell in Shangri-La umbenannt wurde, so etwas geht in China ja ratzfatz. Die andere große Stadt ist Lijiang 170 Kilometer weiter südlich. Von dort kamen wir gerade, als das mit dem Yak passierte.

Ohne die Karambolage mit dem Rindvieh hätten wir den Heimflug wahrscheinlich mit einem somnambulen Dauerruhepuls angetreten, so tiefenentspannt hatte uns dieses Land werden lassen. Auf Chinareisen verbringt man ja immer zu viel Zeit in den Städten, das tut einem nicht gut. Chinas Multimillionenmoloche befinden sich in einem Zustand der Dauermetamorphose, sie erneuern sich praktisch rund um die Uhr und das ganze Jahr über. Für Besucher ist das eine Katastrophe, weil sie völlig orientierungslos sind.

Mit einem zwei Jahre alten Reiseführer nach Weinan, Anqing, Wuxi oder Nantong zu fahren (oder auch nach Peking oder Schanghai), das ist in etwa so, als laufe man mit einem Baedeker von 1938 durch das Berlin von 1952: Nichts ist, wie es sein soll. Keine Straße da, wo sie hingehört. Kein Gebäude dort, wo es stehen sollte. Altstadtgassen sind mittlerweile Schnellstraßen, Parks sind Paradeplätze und Paradeplätze sind Parks, und manchmal sind ganze Stadtviertel vom Erdboden verschwunden. Wie keinem anderen Land gelingt es China, sämtlichen Zustandsbeschreibungen davonzulaufen. Die größte Baustelle des Planeten eignet sich nicht für Reiseführer. Eher für Instagram. China ist ein Land der Momentaufnahmen. Ein Land für den Augenblick.

Niemand in Shangri-La kennt Shangri-La

Deswegen hatten wir uns für die Entschleunigung entschieden und für die Provinz: nördliches Yunnan, Hochplateau, nah an der Grenze zu Tibet und einer Berggruppe, die auf der Karte Jadedrachen-Schneegebirge heißt, was, so fanden wir, doch ziemlich nach Shangri-La klang. Mit seinen Gletschergipfeln, den Feldern und Weiden und den kleinen Dörfern wirkte es auch so. Wir hatten in buddhistischen Klöstern meditiert und waren auf Almwiesen spazieren gegangen, hatten dick verpackt in der Höhensonne gesessen und Momos gegessen, tibetische Teigtaschen, und natürlich literweise Tee getrunken. Nachts hatten wir geschlafen wie kleine Kinder, neun, zehn Stunden lang; wenn es hell wurde, saßen wir vor der Tür und schauten zu, wie sich der neue Tag heranpirschte. Morgens sahen die chinesischen Ausläufer des Himalajas aus, als wären sie über Nacht von einem Künstler an den Himmel getuscht worden, mit wenig Farbe und viel Wasser. Den Horizont füllten dann pastellene Gipfelsilhouetten, kleine Wolken hingen wie fasrige Wattebäusche über den Wiesen. Alles wirkte unfertig. Und gleichzeitig so, als sei es schon seit Ewigkeiten da.

Von Shangri-La allerdings wollte niemand etwas wissen. Wen wir auch fragten, immer gab es die gleiche Reaktion: Schulterzucken, Stirnrunzeln, allgemeine Ratlosigkeit – niemand in Shangri-La kannte Shangri-La. Natürlich hätten wir bei einem Bürgermeister nachfragen können oder bei einem der zahlreichen „Shangri-La“-Tourveranstalter, aber denen trauten wir nicht, und außerdem konnten wir uns deren Antwort vorstellen. Stattdessen fragten wir Bauern am Wegesrand und Gemüseverkäufer auf dem Markt, wir erkundigten uns bei Ziegenhirten und buddhistischen Mönchen und am Ende sogar bei einer Schulklasse und ihrem Lehrer, aber niemand hatte je etwas gehört. Es war, als suchten wir eine Utopie. Was wir ja im Grunde auch taten.

Unser Fahrer hatte uns Lijiang empfohlen: schöne Altstadt, Unesco-Weltkulturerbe, die besten Restaurants weit und breit, unbedingt müssten wir dahin. Wir wollten nicht. Wir hatten gelesen, dass Lijiang eine Million Einwohner hat, und ahnten, dass uns die Stadt aus unserem wunderbar sirupartigen Gefühlszustand holen würde. Schließlich willigten wir doch ein. Zwei Stunden steckten wir in einem Endlosstau durch die Randbezirke. Dann stiegen wir am Rand der Altstadt aus.

Sind wir in einer Art Themenpark unterwegs?

Während der ersten Stunden in den Gassen waren wir entzückt von der Aufgeräumtheit, den vielen Menschen in ihren Trachten, den steinernen Brücken und den historischen Straßen, über deren steinaltes Kopfsteinpflaster man bummelt, alles autofrei, alles verkehrsberuhigt. Dann beschlich uns der Verdacht, dass wir in einer Art Themenpark unterwegs sein könnten – als wäre dieses Lijiang überhaupt nicht das Original, sondern nur eine jener Kopien, die China ja gerne detailgetreu produziert. Mal abgesehen davon, dass ein merkwürdiger Geruch nach eingelegtem Yakfleisch über der Stadt lag, von dem wir instinktiv wussten, dass er uns noch lange verfolgen würde.

Am späten Nachmittag saßen wir auf einem der Altstadtplätze, blinzelten in die tief stehende Sonne und beobachteten die alten Frauen, die zum Tanzen zusammenkamen. Zuerst waren es nur zehn oder zwölf, weil ihr Lachen aber ansteckend und die Tanzschritte simpel waren, machten bald immer mehr mit, bis der ganze Platz im Kreis zu tanzen schien und die Musik wie eine Wolke über den Dächern hinauf zu den Hügeln über der Stadt schwebte. Unser Fahrer saß im Teehaus gegenüber und konnte übersetzen, also fragten wir zwei der alten Damen nach dem Leben in Shangri-La. Die beiden hatten den Begriff noch nie gehört. Ihre zwanzig besten Freundinnen ebenfalls nicht.

Wir beschlossen, endgültig aufzuhören mit unserer idiotischen Fragerei. Und stattdessen essen zu gehen. Die Enkelin einer der Tänzerinnen besaß ein kleines Restaurant, ihre Großmutter hatte uns den Weg beschrieben. Die junge Frau lächelte, als wir den kleinen Raum betraten, wahrscheinlich hatte Oma vorher angerufen. Von einer laminierten Karte wählten wir die beiden Gerichte, deren Namen aus kalligrafischer Sicht am nettesten wirkten. Die Enkelin brachte zwei große Schüsseln Suppe, mit hausgemachten, breiten Nudeln, Bambussprossen und Lauch. Es schmeckte vorzüglich. Die Enkelin lächelte noch immer. Sie lächelte so schön, dass wir es am liebsten eingepackt hätten, das Lächeln, eingepackt und mitgenommen nach Hause, für schlechtere Zeiten. Hinter dem Imbiss lag ein kleiner Gemüsegarten, und in dem begann ausgerechnet dann ein Vogel zu singen, beinahe kitschig war das schon. Es roch nach süßem Parfüm und frischem Ingwer.

Kurze Augenblicke perfekten Glücks

Möglicherweise sind es ja Momente wie dieser, die den Mythos Shangri-La über all die Jahrzehnte genährt haben: kurze Augenblicke des perfekten Glücks. Eine Suppe im Gasthaus. Ein Vogel im Garten. Ein Blick auf einen Gletschergipfel, über dem die Sonne gerade einen Eimer Gold auskippt. Vielleicht ging es James Hilton überhaupt nicht um ein Hochgebirgsutopia dreitausend Meter über dem Meeresspiegel. Vielleicht wurde „Der verlorene Horizont“ auch deshalb ein Bestseller, weil es - nein: eben nicht bloß die Option einer besseren Welt aufzeigte, sondern auch, dass es im Kleinen und Unscheinbaren liegen kann, das Glück. Und vielleicht ist das ja wirklich so: Vielleicht findet man sein persönliches Shangri-La manchmal, ohne es überhaupt zu bemerken. Weil man die Dinge viel zu oft für selbstverständlich hält. Weil einem der Augenblick nicht genügt und man stattdessen nach der Ewigkeit giert. Weil man sich umdreht und weitergeht.

Zehn Tage und ein totes Yak später wurde im „Shangri-La First Teahouse“ Wasser nachgegossen. Der Tee dampfte, die Brillengläser beschlugen, für kurze Zeit konnte man Shangri-La nicht mehr sehen, sondern nur noch hören. Das Klackern der Mahjong-Steine vom Nebentisch, an dem die Alten spielten. Das Zischen der Teekessel. Und die aufgeregten Schritte unseres Fahrers, der Neuigkeiten brachte. Irgendetwas an unserem Auto war beim Zusammenstoß mit dem Yak in die Brüche gegangen, und offenbar war das Ersatzteil nicht auf Lager. Vier, fünf Tage, habe der Mann in der Werkstatt gesagt, eher eine Woche, meinte unser Fahrer. Er sah hilflos aus, wie er da im Teehaus stand, aber ich war mir sicher, dass sich da in der Übersetzungskette Naxi-Mandarin-Englisch irgendwo eine kleine Bedeutungsverschiebung eingeschlichen haben musste, ganz bestimmt.

Der Weg nach Shangri-la

Anreise: Über Peking nach Lijiang mit Air China zum Beispiel oder mit China Eastern über Schanghai, Preis ab 1000 Euro Veranstalter: Bei „Art of Travel“ können Aufenthalte in Lijiang und Shangri-La mit unterschiedlichen Routen durch China kombiniert werden. (www.artoftravel.de, Tel. 0 89/2 11 07 60). Bei Marco Polo Individuell gibt es eine 19-tägige private China-Rundreise (marco-polo-reisen.com/5586). Unterkunft: Das „Banyan Tree Lijiang“ führt die Architektur der Weltkulturerbe-Altstadt fort; die gleiche Hotelgruppe betreibt mit dem „Banyan Tree Ringha“ ein Hotel-Highlight in Shangri-La: Eine Fahrt in die entlegene Gebirgsregion lohnt sich allein wegen dieser Unterkunft (www.banyantree.com). Shangri-La ist auch eine der größten asiatischen Hotelketten mit über 70 Häusern, eines der schönsten Shangri-La-Hotels ist das in Paris (www.shangri-la.com). Literatur: James Hilton: „The Lost Horizon“, Deutsch: „Der verlorene Horizont“ ist derzeit nur als Hörbuch oder gebraucht erhältlich.

Quelle: F.A.S.
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