Hotel am Gardasee

Lass doch den Bademantel an

Von Melanie Mühl
 - 15:43
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Man muss diese Geschichte mit der spektakulären Aussicht beginnen, damit, wie blau und glänzend und friedlich der Gardasee in der Ferne lag, von Bergen beschützt, die Richtung Norden immer höher werden und im Süden schließlich ganz verschwinden – wobei Ferne genau genommen nicht das richtige Wort ist. Von hier oben bis hinunter nach Gargnano und ans Seeufer sind es nur sechs lächerliche, aber kurvenreiche Kilometer. Aber sechs Kilometer können umgekehrt auch bedeuten, dass am Ende der Strecke eine andere Welt liegt.

Die Welt, die wir zugegebenermaßen ein wenig unterschätzt hatten, weil sie wie so viele luxuriöse, letztendlich aber einander ähnelnde Spa-Resorts mit einem Tiefenentspannungsversprechen wirbt, heißt Lefay Resort & SPA Lago di Garda. Dass dieses Versprechen indes viel mehr als nur ein dem Zeitgeist huldigender Marketingspruch ist, ahnten wir bereits beim Betreten des Hotels, in dem es so frisch und sauber und irgendwie zitronig roch, als hätte das Management eine Armee von Geruchsspezialisten eingestellt, die sich rund um die Uhr der Duftperfektionierung widmen. An der Rezeption lehnte ein Paar mittleren Alters. Die Gesichter der beiden waren von einer gesunden Röte überzogen, ihr Haar noch feucht. Wahrscheinlich kamen sie gerade aus einer der Saunen oder waren eben noch in einem der Pools geschwommen, denn sie trugen den Hotel-Bademantel und an den Füßen die blauen Hotel-Flipflops. Als sie Richtung Spa davonschlappten, hakten sie einander lächelnd unter, und später, beim Mittagessen, am Buffet, hatten sie ihren Bademantel und die Flipflops immer noch an, und sie waren bei weitem nicht die einzigen Gäste in diesem Aufzug.

Alle Wege führen ins Spa

Es gibt wohl kein größeres Kompliment für ein Spa-Resort als Urlauber, die ihre mitgebrachte Garderobe ganz selbstverständlich im Schrank lassen (fürs Abendessen gilt das allerdings nicht) und zum Bademantel greifen. Im Lefay, das über neunzig Suiten unterschiedlicher Kategorien verfügt, allesamt mit Seeblick, ist das Abtauchen in die Spa-Welt freilich gewünscht, zumal sich die Bedeutung des 3800 Quadratmeter großen Spas bereits in der Architektur des Resorts widerspiegelt: Alle Wege führen dorthin, es bildet das Zentrum der weitläufigen Anlage, es ist das Herzstück, jener Ort, der hinter den Panoramafenstern am hellsten strahlt und der selbst Skeptiker überzeugen dürfte.

Das Etikett „Wellnessbereich“ wäre in diesem Fall eine Beleidigung. Die Wohlfühlphilosophie beschränkt sich nicht auf oberflächliche Körperbehandlungen, sie zielt ins Innere. „Das Gesamtwohlbefinden ist für uns entscheidend. Deshalb hat ein wissenschaftliches Team für das Lefay Spa eine Methode entwickelt, die die Grundsätze der klassischen Medizin mit der westlichen Forschung vereint“, sagt Anke Hähnsen. Sie kommt aus Hamburg und leitet das Spa, eine zierliche, elegante Frau, die ihr graues Haar als Bob trägt. Sie spricht von traditionellen Massagetechniken, von Naturmedizin, von Akupunktur, Drainage, Hydro-Aromatherapien, von Ayurveda, Thalassotherapien und von Meridianen, die man sich am besten als den Körper durchziehendes, komplexes Leitungssystem vorstellt, durch das unsere Energie fließt – oder eben nicht, wenn wir zum Beispiel gestresst sind, traurig, träge und gefangen in einer negativen Gedankenwelt.

Ein Spa-Katalog von siebzig Seiten

„Unsere energetischen Massagen zielen darauf ab, die Energiekanäle zu reaktivieren“, sagt Anke Hähnsen. Eine klassische Massage allein könne das nicht leisten, weil erst eine Anregung der spezifischen Energiepunkte und Meridiane tiefgreifend und nachhaltig wirke. Das Lefay-Spa-Angebot, zu dem auch medizinische Fachberatungen und Therapien gehören, ist jedenfalls so umfangreich, dass es in keine Broschüre mehr passt, weshalb in den gemütlichen Zimmern ein Siebzig-Seiten-Katalog liegt, den man abends, wenn auf der gegenüberliegenden Seeseite die Lichter funkeln und durch die geöffnete Balkontür das Zirpen der Grillen dringt, entspannt lesen kann.

Das Lefay ist das erste Fünf-Sterne-Superior-Hotel am Gardasee, einer Gegend, in der es an teuren Unterkünften nicht gerade mangelt. Allerdings, – und damit sticht das Lefay von vornherein heraus – hat es sich dem Nachhaltigkeitsgedanken verschrieben. Der Energieverbrauch ist auf ein Minimum reduziert worden: 85 Prozent der benötigten Wärme erzielt das Resort aus erneuerbaren Energiequellen, beim Strom sind es hundert Prozent – sechzig Prozent davon durch die eigene, auf der Rückseite des Resorts liegende technologische Zentrale. Auf dem Dach des großen Restaurants wurde eine Photovoltaikanlage zur Senkung des Kohlendioxidausstoßes installiert. Die Liste der Auszeichnungen, mit denen das Lefay seit seiner Eröffnung 2008 geradezu überhäuft wurde, ist lang. 2018 soll das nächste Resort eröffnen, in Madonna di Campiglio, ein drittes ist in der Toskana geplant.

Vom Stahlunternehmer zum Hotelier

Dass das Lefay tatsächlich ein außergewöhnlicher Ort ist, liegt sicherlich auch daran, dass hinter dem Eco-Resort kein renditeorientierter Konzern steht, sondern eine Familie. Alcide und Liliana Leali sind die entscheidenden Protagonisten hinter dem Konzept, die Geschäfte führt ihr Sohn. Dabei lag ein Einstieg in das Hotelgeschäft gar nicht auf der Hand: Zunächst arbeitete Alcide Leali nämlich im familieneigenen Stahl- und Eisenbetrieb, bevor er 1989 gemeinsam mit seiner Gattin Liliana, einer Architektin, die Fluggesellschaft Air Dolomiti gründete, die sie 2003 an die Lufthansa verkauften. Anstatt die Menschen weiterhin von einer Destination zur nächsten zu transportieren, konzentrierte sich das Ehepaar nun darauf, einen Ort zu erschaffen, der Licht und Raum und Ruhe bietet, eine luxuriöse, geschmeidig in die Landschaft eingebettete Spa-Oase, in der man idealerweise zumindest für einen Moment bei sich selbst ankommt.

Und da auch wir uns nach diesem Gefühl des Einklangs sehnten, ließen wir uns ausgiebig massieren, trieben in der märchenhaften Salzwassergrotte und schwitzten im Hamam, wo unsere Haut derart durchfeuchtet wurde, dass sie sich wie ein nasser Schwamm anfühlte. Da ständiges Liegen und Sitzen freilich nicht tagesfüllend ist, schlenderten wir durch die sehr große Parkanlage, die sich auch joggend erkunden lässt. Die Jogging-Strecke beträgt etwa 2,5 Kilometer, der Höhenunterschied liegt bei 150 Metern. Man sollte jedoch höllisch aufpassen, sich nicht vom Blick auf den See ablenken zu lassen, sonst stolpert man womöglich noch über eine Wurzel.

Einladung zur Abschottung

Ungefährlicher ist der energetisch-therapeutische Garten, für den wir uns ohne Zögern entschieden. Seine Konzeption orientiert sich an der Theorie der „Fünf-Elemente-Lehre“ der chinesischen Medizin. Alle fünf Elemente – Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser – stehen miteinander in Verbindung. Die einzelnen Stationen der Wanderung repräsentieren jeweils ein Element. Los geht es mit der im kühlen Wald gelegenen Station „Il Drago verde“ (Der grüne Drache), die das Holz-Element repräsentiert, das wiederum für Lebensenergie steht, für den Frühling, für die Erneuerung der Natur. Etwas unheimlich, aber auch düster romantisch ist die sogenannte schwarze Schildkröte, ein verwunschener, dicht bewachsener Rückzugsort mit einer kleinen Höhle. Eine Einladung zur Abschottung, die das Gegenstück zum auf einer grünen Terrasse gelegenen roten Phönix bildet, wo alles weit ist und hell.

Nichts gegen Kontemplation, doch hin und wieder tut es gut, die Ruhe kurz zu durchbrechen. Wir fuhren also hinunter nach Gargnano und ließen uns mit dem Schnellboot nach Salò bringen, wo niemand einen Bademantel trug und die Menschen sonnenbebrillt und weintrinkend die Cafés an der Uferpromenade bevölkerten. Man muss in Salò gar nicht an die Geschichte und an Mussolini denken, der hier einst die Italienische Sozialrepublik ausrief, der Blick aufs Wasser genügte erst einmal. Als die Sonne dann langsam unterging und wir müde wurden vom Sehen und Gesehenwerden, kehrten wir froh an jenen Entschleunigungsort oberhalb des Sees zurück und vergaßen schnell wieder, dass es irgendwo da draußen noch einen Alltag gab, in dem der Wind bisweilen ziemlich rauh weht.

Informationen unter www.lefayresorts.com/deu.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Melanie Mühl
Melanie Mühl
Redakteurin im Feuilleton.
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