Im hohen Norden

Alles steht Kopf

Von Sonja Kastilan
 - 16:31
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Rosa ist keine Farbe, die einen sofort an Eis und Schnee denken lässt. Wer aber einmal sah, wie Eisberge im Morgenlicht erglühen, wenn sie von den ersten Sonnenstrahlen erfasst werden, um dann immer heller zu leuchten, während alles andere noch im Graublau verharrt, wird Rosa für immer mit Winter assoziieren. Und sich daran erinnern, wie das Eismeer die Seele wärmt, sich die frische trockene Luft anfühlt und dass Wäsche neben Fischen auf der Leine hängt: Westgrönland bei minus 22 Grad Celsius.

Wer die Kälte an diesem Wintermorgen scheute, nicht gleich in den dicken Schneeanzug und die Stiefel steigen wollte, konnte das Lichtspektakel vom Hotelzimmer aus verfolgen. Mit bester Sicht auf die legendäre Diskobucht waren wir in Ilulissat im Vier-Sterne-Hotel „Arctic“ untergebracht. Hier ließ sich die Sehnsucht nach Schnee auch im Schaukelstuhl hinter Fensterglas stillen. Aber Ilulissat, mit rund 4500 Einwohnern Grönlands drittgrößte Stadt, hielt echte Abenteuer für unsere Gruppe bereit. Erlebnisse der besonderen Art, für die eine Teilnehmerin aus Rio angereist war und mit denen ein Ehepaar seinen 45. Hochzeitstag feierte, denn „aus dem Paradies der Erinnerungen“ könne einen niemand mehr vertreiben.

So sahen wir rosig schimmern, was später per Boot und Kleinflugzeug erkundet werden sollte. Im Bewusstsein, dass jene „magische Welt aus Schnee und Eis“, die uns die Reisebroschüre versprach, auf Grönland dem Klimawandel unterworfen ist. Von dieser Vergänglichkeit ging ein Zauber aus, den wir wenige Tage zuvor bereits in Nordschweden und in Island wahrnehmen konnten. Wir hatten das Rathaus in Kiruna besichtigt, das bald durch einen Rundbau abgelöst wird, weil es der Erzmine weichen muss. Hatten bei Minustemperaturen im „Icehotel“ übernachtet, das mitsamt „Icebar“ jedes Jahr neu aus dem Flusseis des Torne entsteht. Im isländischen Þingvellir-Nationalpark waren wir durch eine verschneite Idylle geschlendert. Eine Landschaft, die vom Vulkanismus geprägt ist und sich nach wie vor verwandelt, denn dort, wo im Jahr 930 die erste Volksversammlung abgehalten wurde, treiben zwei Kontinentalplatten auseinander.

Sechs Tage, drei Länder

Nichts schien für die Ewigkeit bestimmt. Auch nicht jene kristallene Pracht, mit der Gullfoss, der Goldene Wasserfall, sich uns präsentiert hatte. Mitreisende schwärmten beim Lunch zwar von intensiveren Farbkontrasten im Sommer, und davon überzeugten sich 2015 vermutlich die meisten der eine Million Touristen, denn Island will diesen Boom. Für die Facetten des Winters lohnte es aber nicht minder, den Kampf gegen den schneidenden Wind aufzunehmen. Mit Handschuhen gewappnet, die Kapuze eng ums Gesicht gezurrt, ließ sich zumindest oberflächlich erfassen, welche Naturgewalten wirken. Über sie wachte ein kleiner Schneemann, den irgendjemand mitten im Weg errichtet hatte. Vielleicht als Ermahnung, trotz bitterer Kälte zu lächeln.

Sechs Tage waren wir im Frost unterwegs. Nach Lappland und Island stand Grönland auf dem Plan, bevor es aus dem nördlichen Polargebiet wieder Richtung Hamburg gehen sollte. Von dort war unsere Gruppe nach einer Nacht im „Vier Jahreszeiten“ gestartet - im Privatjet „Albert Ballin“, auf individueller Route. Vierzig Gäste fanden in der gecharterten Boing 737 komfortabel Platz, umsorgt von einer aufmerksamen Crew, die uns nicht nur bewies, wie stilvoll Plüschtiermützen sein können. Wenn Maja, die Chefin der Kabine, zur Begrüßung Champagner oder roten Beerensaft reichte, konnte man sich entspannt zurücklehnen, anerkennend, dass nicht nur während des Fluges kleinste Details bedacht wurden. Für den Fall der Fälle war vorgesorgt, und mit von der Partie: ein Bordarzt, eine Reiseleiterin sowie zwei sogenannte Lektoren, die mit Charme, Humor und großer Erfahrung treue Fans fanden. Diese wussten nämlich fundierte Kenntnisse ebenso wie Erzähltalent zu schätzen. Ganz zu schweigen von einem reibungslosen Ablauf, schließlich ließen sie sich das Gesamtpaket rund 26 600 Euro kosten. Und man fragte sich, wofür?

Die Reisenden mussten sich weder um Einreiseformalitäten kümmern noch um Gepäck, Transport oder Check-in. Die Restaurants waren erlesen, und Scouts hatten im Auftrag des Veranstalters Hapag-Lloyd ein straffes Programm zusammengestellt, das uns mit Unterstützung von einheimischen Guides keine Sehenswürdigkeit oder landestypische Aktivität verpassen ließ. Langeweile, Hunger und Durst hatten kaum eine Chance, nicht einmal kalte Finger. Wo nötig, lagen Leih-Overalls nebst Fäustlingen in der gewünschten Größe bereit, damit niemand auf dem Hundeschlitten oder als Lenker eines Snowmobils frieren musste; nach Ilulissat wurde diese Ausrüstung in ausreichender Zahl extra eingeflogen. Trotzdem war es nicht immer leicht, alle Gäste zufriedenzustellen, noch dazu gleichzeitig. Die Erwartungshaltung wuchs, und irgendwann konnte sich fast jeder dabei ertappen, dass die Erfüllung spezieller Wünsche selbstverständlich schien. Ebenso der Rundum-verwöhn-Service. Oder ein Dinner, zu dem man nur per Schiff gelangte, wie das im Insel-Restaurant auf Viðey, welches natürlich nur für uns geöffnet hatte. Und mit der schönen Stimme von Reiseführerin Hlín im Ohr wollte man plötzlich jemanden bitten: Sing mir ein Volkslied.

Eisbären und Polarlichter

„You are the lucky ones“, wurde der Moderator und Physiker Ranga Yogeshwar nicht müde zu betonen. Als mitreisender Experte war er für unsere Fragen zuständig, erklärte die Farben des Eises oder der Polarlichter, erzählte von Tieren in der Arktis, dem Rückzug der Gletscher und seinen Polarerfahrungen. Dass das Wetter mitspielte und unser Programm weder mit Sturm noch Schneetreiben sabotierte, schien demnach ein kleines Wunder. Dass sich Nordlichter über Reykjavíks heller Innenstadt abzeichneten und wir ihre grünen Bänder am Abendhimmel bestaunen konnten: ein Geschenk zwischen Hauptgang und Dessert. Fast unwirklich, als hätte man diese nordischen Lichtspiele für uns inszeniert.

Nicht einmal die Grippe des Co-Piloten, der in Island mit Fieber ausfiel und kurzfristig ersetzt werden musste, sorgte für Schwierigkeiten. Lediglich für etwas Verspätung, mit der wir im Privatjet von Reykjavík nach Kangerlussuaq in Westgrönland aufbrachen. Von dort, bei nahezu minus 30 Grad Celsius, ging es nun mit Air Greenland weiter, und im bedeckten Ilulissat blieb uns Zeit für eine erste Hundeschlittentour beziehungsweise die erste Flugrunde über den Gletscher.

Exklusiv gestaltete Touren dieser Art liegen international im Trend, wie eine Branchenanalyse im vergangenen Jahr bestätigte. Das Wachstum von Luxusreisen war in den fünf Jahren zuvor mit 48 Prozent doppelt so hoch wie das aller anderen Auslandsreisen, hieß es da nach Auswertung des World Travel Monitors. Der Marktanteil war demnach von 3,9 Prozent im Jahr 2009 auf 4,6 Prozent 2014 gestiegen, es wurden beispielsweise 172 Milliarden Euro für Auslands-Luxusreisen ausgegeben. Dazu zählten alle Kurzreisen, die mehr als 750 Euro pro Nacht kosteten, sowie alle längeren Reisen mit mehr als 500 Euro pro Nacht.

Beliebt sind laut Analyse neben Städtereisen auch Kreuzfahrten, und andere Studien besagen, dass jedes Jahr fast 260 Milliarden Euro vererbt werden. Warum also nicht auf „Kreuzflug“ gehen? Wenn vor allem Zeit ein begrenztes Gut ist, aber Naturphänomene und Kulturstätten in Afrika locken. Asiens Vielfalt - innerhalb von zwei Wochen? Oder Südamerika? Für einen Besuch des Kontinents veranschlagten die Reiseprofis von Hapag-Lloyd achtzehn Tage. Einladend klingen Programmtitel wie „Juwelen“ oder „Seide“, und wer würde nicht neugierig den Karawanen von Usbekistan nach Venedig folgen, erstklassig im Privatjet? Exklusivität hat jedoch ihren Preis. Einen hohen.

Abenteuer und Luxus

Diesen zu bezahlen, waren die „Albert Ballin“-Gäste aus Deutschland, Österreich und der Schweiz augenscheinlich bereit. Mit dem Kurztrip ins Eis begab sich eines der mitreisenden Paare auf seinen zehnten Kreuzflug, hatte den elften bereits gebucht. Ein älteres, selbst kinderlos, teilte gerne mit Neffen oder Nichten das Vergnügen. So war unsere Gruppe bunt zusammengewürfelt, durchaus prominent, relativ fit und jung - die Jahrgänge 1980 und 1933 bildeten dieses Mal den Rahmen. Manche zählten mit Anfang 60 sonst hin und wieder zu den Jüngsten.

Der Privatjet war fast ausgebucht, und im Verlauf der Tage setzte wie überall eine Gruppendynamik ein; zu Tisch fanden sich Runden den Temperamenten entsprechend ein. Allein blieb niemand, auch war weder Anzug noch Abendkleid gefragt. Das Programm verlangte eher nach Skiunterwäsche, Pullovern und festen Schuhen. Meist ging es leger zu, da passten Ugg-Boots zum Nerz. Oder wir stapften einheitlich gekleidet durch den Schnee: In warme, aber unförmige Anzüge gepackt, um etwa auf Motorschlitten über Lapplands gefrorene Flüsse zu knattern. Paarweise, in drei Kolonnen, dicht hintereinander, was angesichts der Abgasentwicklung nicht nur spaßig war. Das kommentierten die Lektoren mit Ironie: Sie begleiteten uns als schier allwissende Organisatoren, waren Sensoren für das Stimmungsbild und lösten Gewitter auf, noch bevor Donner grollten.

Während das Snowmobil für die einen zur Kraftprobe wurde, konnte es ein Mittsiebziger kaum erwarten, ans Limit zu gehen. Maximal Tempo 70 hieß das. Teamleiterin Frida ließ uns aber auch auf sicherer Strecke langsamer fahren, selbst dann konnten die Motorschlitten ins Schlingern kommen. Und was, wenn man bei der Durchquerung eines Wäldchens die Bäume streift? Oder einem Hundegespann auf dem schmalen Weg nicht ausweichen kann? Abenteuer und Luxus standen immer mal wieder im Widerspruch, der sich in solchen Fällen nur mit Hilfe eines besonderen Sicherheitsplans lösen ließ.

Der Auftrag, stets etwas Besonderes zu bieten, hatte seine Tücken. Nicht nur Unternehmungen konnten für die Teilnehmer zur Prüfung werden, womöglich ein Spaziergang über Eis und Schnee, sondern ebenso die Wahl der Hotels und Restaurants. Bei der Übernachtung im „Icehotel“ ließ man uns die kostspielige Wahl, ob wir umgeben von Eis im Schlafsack übernachten wollten oder lieber in einem Bett: Minus fünf Grad oder Zimmertemperatur? Uns stand beides offen. Wir konnten auch einfach mitten in der Nacht ins Warme wechseln, wo sowieso das Gepäck und ein eigenes Bad warteten.

Auf andere Weise zeigte es sich während der „Golden Circle Tour“, auf der wir mit überdimensionierten Superjeeps - eine isländische Spezialität - unterwegs waren. Zwischen Geysir und Gullfoss fuhren wir zum Lunch in die „Trophy Lodge“ des Abenteurers, Jägers und Kochs Jóhannes Stefánsson. Nur auserwählten Gästen zugänglich, richtete uns der erfolgreiche Restaurantbesitzer hier ein Mittagsbuffet aus. In einem Saal, dessen Chalet-Atmosphäre manche als gemütlich und archaisch empfanden, andere nannten es die „Höhle des Schreckens“. Mit Rentier, Elch, Moschusochse und ausgestopftem Eisbär hätten sie sich vermutlich arrangieren können. Aber abgesehen von diesen nordischen Jagdtrophäen gab es in den Nebenräumen zig Präparate aus aller Welt: von Löwen, einigen Antilopen, Giraffe, Zebra, Nashorn und weiteren Arten. Sogar Elefantenfußhocker.

Eisberg voraus

Für unsere Reisebegleiter weit mehr als eine unangenehme Überraschung. Sie verstanden sich als Naturliebhaber und wussten außerdem, dass einige der Teilnehmer weit gereist waren, um solche Tiere lebend in freier Wildbahn zu sehen. Deshalb entschuldigten sie sich später in aller Form, was manchen Gästen schon wieder zu viel war. Aber auch Ranga Yogeshwar konnte man das Entsetzen nicht nur ansehen. Er hatte sich bereits intensiv mit den Problemen von Wilderei und Großwildjagd auseinandergesetzt. Wenn über einen Schuss oft nur der Preis entscheidet, nicht der Natur- oder Artenschutz. Fassungslos erwägte der Moderator gar eine Anzeige, nahm seine Kritik in den Abschlussvortrag auf: Niemals hätte er damit gerechnet, auf dieser Reise ein Rhinozeros zu finden. Danach sprach er weiter über Polarforschung und die Besonderheiten des Eisbärfells.

Auf die Begegnung mit einem ausgehungerten Eisbären legte allerdings niemand gesteigerten Wert. Auf Grönland hielten wir auch Abstand zu den Schlittenhunden, wie es uns empfohlen wurde, sahen ihnen verwundert zu, wie sie sich wohlig im Schnee wälzten, nachdem sie uns querfeldein gezogen hatten. Die Minustemperaturen schienen ihnen zu gefallen, aber wie mag es hier im Sommer für sie sein? Im Wappen der Großkommune um Ilulissat, wo Tausende dieser Hunde gehalten werden, sind sie als Schlittengespann verewigt. Darüber die Symbole von Sonne, Mond, Schneeflocke - und Polarlicht, das sich uns wieder zeigte.

Den letzten Tag verbrachten wir in kleineren Gruppen, stießen mit Kapitän Thorvald Jensen - mit grauem Bart und Mütze eine Bilderbuchbesetzung - und seinem Kutter „Esle“ durchs Eis. Er manövrierte uns routiniert zwischen gefrorenen Platten und Schollen aus dem Hafen - und so nah, wie es eben ging, an kleine Eisberge heran. Keine schwimmenden Riesen im „Titanic“-Killer-Format, ihr Türkis ließ sich trotzdem noch in der Tiefe erspähen.

Wir genossen die Fahrt bei strahlendem Sonnenschein, sahen Eismöwen Steinen gleich auf der weißen Fläche ruhen und Kormorane im Hafenbecken tauchen. Es war knackig kalt, Dampf stieg über dem Wasser auf. Kaum vorstellbar, dass in dieser Region bereits vor mehr als 4000 Jahren Menschen siedelten. Funde aus der Grabungsstätte Sermermiut bezeugten es - im Stadtmuseum ließ sich einiges über Paläo-Eskimos erfahren. Ebenfalls über den Polarforscher und Ethnologen Knud Rasmussen, der in diesem Gebäude 1879 geboren wurde. Was würde er von unserer Art des Schnupperreisens wohl halten? Immerhin lernten wir mit „Qujanaq“, danke zu sagen.

Über die Farben des Eises, das Kalben der Gletscher und ihr Verschwinden waren wir inzwischen bestens informiert. Doch wirkte diese Szenerie aus Weiß, Grau und Blau surreal, als wir im Kleinflugzeug zur Gletschertour aufbrachen: Still und starr lag der Eisfjord, in den der gigantische Sermeq Kujalleq mündet; das Welterbe der Unesco hielt Winterschlaf. Die untergehende Sonne verstärkte die Kontraste am späten Nachmittag, tauchte alles in ein goldenes Licht. Spätestens jetzt erlag man der Faszination des Eises, Hunderte Kilometer nördlich des Polarkreises, während der Himmel sich dunkelrosa färbte. Wir feierten abends mit Heilbutt-Tatar und Moschusochsen im Restaurant des Hotels. Am nächsten Morgen ging es via Kangerlussuaq zurück nach Hamburg.

Kaum hatten wir wieder unsere Plätze im Privatjet eingenommen, wurden die nächsten Reisen reserviert. Sydney per Kreuzfahrt, der Kreuzflug nach Südamerika - mit Frühbucher- und Bordrabatt. Verführerisch, wenn man gerade sechs Tage Luxus erlebt hatte und über das nötige Budget verfügte. Davon können viele nur träumen, aber wie war das noch mit dem Paradies der Erinnerungen?

Der Weg ins Eis von Island und Grönland

Eine fünftägige Hapag-Lloyd-Kurzreise nach Island und Grönland mit dem Privatjet „Albert Ballin“ findet in diesem Jahr nicht im Winter, sondern im Polarsommer statt und kostet 16 900 Euro pro Person (inklusive Transfer, Übernachtung im DZ und Vollverpflegung). Termin: 17. Juni bis 21. Juni 2016. Mehr unter: www.hl-kreuzfahrten.de/privatjet

Wer nicht über das nötige Budget verfügt, kann Island und Grönland mit dem Seereise-Veranstalter Hurtigruten entdecken. Zum Beispiel auf der zwölftägigen Expeditionsreise: „Faszination Arktis: Island und Grönland“, ab 5500 Euro pro Person, buchbar über: www.hurtigruten.de.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kastilan, Sonja
Sonja Kastilan
Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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