Island

Drei Wünsche an Guðrúns Grab

Von Freddy Langer
 - 10:01
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Eine Passage im Reiseführer hatte uns auf den Helgafell neugierig gemacht. Er sei der heilige Berg der Isländer, stand dort. Um das Jahr 1200 hatten Augustiner auf dessen Plateau ein Kloster errichtet, von dem Reste zu sehen seien. Und noch früher soll Guðrún Osvifursdóttir dort gelebt haben, eine der Hauptfiguren der Laxdæla saga. Sie sei schön und klug gewesen, so ist es überliefert, und habe ein wildes Leben geführt, in dessen Verlauf sie immerhin vier Mal verheiratet war, bevor sie sich dem Glauben zuwandte, auf dem Helgafell eine Klosterkapelle errichten ließ und Islands erste Nonne wurde. Das stand schon nicht mehr im Reiseführer, das fischten wir mit dem Mobiltelefon aus dem Internet. Der Reiseführer hingegen behauptete, dass jedem ein Wunsch frei stünde, der zum ersten Mal die dreiundsiebzig Meter zu Guðrúns Grab hinauf steige. Und diese Gelegenheit wollten wir uns nicht entgehen lassen – wenngleich das Einlösen mit einigen Tücken verbunden ist: Man darf sich während des Aufstiegs nicht umdrehen, sondern muss konsequent bergauf schauen, gen Osten. Darf nicht reden. Muss sich völlig auf seinen Wunsch konzentrieren. Und darf damit keinesfalls böse Absichten hegen. Alles machbar, bestätigten wir uns gegenseitig und fuhren hin.

Der Helgafell ist nicht zu übersehen. Ein einsamer Huckel, der sich nahe der Hafenstadt Stykkishólmur aus der Ebene reckt. Trotzdem weist eine Tafel an der Hauptstraße eigens auf den Abzweig hin. Ein Geheimtipp ist er also nicht, begriffen wir augenblicklich. Am Parkplatz stand ein weiteres Schild: Vierhundert Kronen Eintritt, das sind etwas mehr als drei Euro, wofür man in Island sonst nichts, aber auch gar nichts bekommt. Und vermutlich auch nirgendwo sonst auf der Welt einen freien Wunsch erfüllt. Trotzdem machte der Wagen vor uns kehrt und fuhr wieder davon. „Das machen jetzt viele“, sagte Johanna und zuckte mit dem Schultern. „Aber wir brauchen das Geld.“

Ihrer Familie gehört der Grund – Äcker, Wiesen, ein paar Seen, ein kleines Gehöft samt Kirchlein und eben dieser Berg. Dreihundert Besucher seien früher pro Tag gekommen. Die hätten den Helgafell regelrecht zertrampelt, was sie mit gerahmten Fotografien in ihrem kleinen Kiosk belegen konnte. Nun ist ein Weg angelegt, der Parkplatz verbessert und ein Toilettenhäuschen gebaut. „Das war viel Arbeit und kostete eine ganze Menge“, sagte sie. Ihr rotblondes Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, dazu in scharfem Kontrast trug sie eine türkisfarbene Lesebrille, durch die sie auf ihr Handy starrte und nach einer Vokabelübersetzung suchte. „Now we have control“, sagte sie endlich. Allerdings zählten sie jetzt nur noch fünfzig Personen am Tag. Die meisten wendeten, sobald sie das Schild sehen.

Man hört nicht einmal den Wind übers Gras ziehen

Vielleicht war der Autor unseres Reiseführers falsch informiert. Vielleicht ist es auch eine Marketing-Idee von Johanna, um die zahlenden Gäste bei Laune zu halten. Jedenfalls erklärte sie uns, dass jeder Besucher drei Wünsche frei habe – was sich ja auch ganz wunderbar in die Tradition von Feen und Flaschengeistern fügt. Mich machte die Freizügigkeit zunächst verlegen. Und auch das kennt man ja aus Märchen. Drei Wünsche bedeuten eine gewisse Verantwortung. Die Kinder sausten unbekümmert vorneweg, als liefen sie um die Wette, was sie vermutlich auch taten, und vermutlich vergeudeten sie den ersten Wunsch darauf, als Sieger oben anzukommen. Die Eltern hingegen folgten bedächtig. Ich nahm sogar ein paar Fotos der Umgebung auf, von Johannas Hof, dem kleinen Kirchlein und den Seen, die wie Augen im Grün der Landschaft lagen – und begriff zu spät, dass ich damit meinen Anspruch auf die drei Wünsche verspielt hatte.

Es war ein trüber Tag. Nur in Richtung Meer konnte man unter den tief liegenden Wolken hindurch bis in die Unendlichkeit schauen. Hier und da erhoben sich Vogelfelsen aus dem Wasser. Die hatten wir am Vormittag besucht. An Bord eines Schiffs, das den steilen Klippen so nahe kam, dass wir deutlich erkennen konnten, wie die Küken der Möwen mit aufgerissenen Schnäbeln die Rückkehr der Eltern erwarteten, und wir den Papageientauchern direkt in ihre kleinen Clownsgesichter schauen konnten, ehe sie sich vom Klippenrand stürzten und in zittrigem Flug davonflatterten. Es war ein rechtes Geschrei an diesen Felsen gewesen. Hier hingegen hörte man nicht einmal den Wind übers Gras ziehen. Ganz still war es. Und es hatte auch noch keiner von uns etwas gesagt, als hingen alle ihren Wünschen nach.

„Ich hab’s versemmelt mit meinen Wünschen“, gestand ich schließlich und erzählte von den Fotos. Woraufhin unsere Tochter zu schluchzen begann, aber nicht aus Mitleid wegen meines Fauxpas, sondern weil sie Guðrúns Geist darum gebeten hatte, dass unsere entlaufene Katze doch bitte wieder nach Hause käme. Dass man seinen Wunsch nicht verraten darf, behielt ich vorsichtshalber für mich. Dann suchten wir vergeblich Guðrúns Grab.

„Das Grab?“ Johanna lachte, als wir wieder an ihrem Kiosk angelangt waren. „Es ist nicht auf dem Berg. Es ist neben der Kirche. Ich habe es eingezäunt. Ihr werdet es erkennen.“ Dann öffnete sie uns das Gatter zu ihrem Hof. Wir gingen hin, ohne ein Wort zu reden, und es würde mich nicht wundern, wenn sich auch die anderen noch einmal etwas gewünscht hätten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Langer, Freddy (F.L./La.)
Freddy Langer
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.
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