Island

Bunt schimmert die Musikhalle

Von Thomas Lindemann
 - 23:19

Die Reiseleiterin lacht. Über uns. „Ich weiß schon, ihr Deutschen esst im Winter kein Eis, und die Eiscafés schließen alle“, sagt sie. „So ein Unsinn. Isländer essen immer Eis.“ Also tun wir genau das, draußen, bei acht Grad. „Warum nicht?“, fragt sie noch, und keinem fällt eine Antwort ein. Eine Kugel Türkisch-Pfeffer und eine Kugel Kürbis – vielleicht gibt es das interessanteste Eis Europas gar nicht in Mailand oder Rom. Sondern bei „Valdis“, in der Grandagarður im Norden Reykjavíks, direkt am Fiskihöfn, dem alten Hafen der Stadt.

Es schmeckt phantastisch in der zugigen kleinen Straße am Wasser, wir befinden uns in Grandis. Reykjavík ist selbst eine längliche Halbinsel, das kleine Viertel Grandis noch mal eine Landzunge, die sich im Nordwesten an die Stadt anschließt und seltsam vergessen daliegt. Der neue Food-Distrikt, heißt es. Kleine Läden mit Designobjekten oder teurem Fisch reihen sich aneinander. Man könnte kurz glauben, das Szeneviertel von Islands Hauptstadt gefunden zu haben. Weil es aber bloß 500 Meter lang ist und aus kaum drei Straßen besteht, erfüllt es vielleicht gar nicht die Mindestbedingungen. So etwas wie eine Ausgehmeile gibt es gar nicht im engeren Sinn, in der Hauptstadt mit nur 120 000 Einwohnern. Damit leben aber mehr als ein Drittel aller Isländer hier.

Island ist als Urlaubsland zurzeit sehr in Mode, die jährlichen Übernachtungen ausländischer Touristen haben sich von rund 450 000 vor zehn Jahren auf derzeit gut anderthalb Millionen mehr als verdreifacht. Dabei interessieren sich Touristen aber vor allem für Vulkane und Gletscher. Stadturlaub in Reykjavík ist nicht unbedingt ihr Ziel. Hier fährt man durch oder schlägt sein Lager auf, und manchmal nicht einmal das, seit die Billig-Airline „Wow“ direkt am Flughafen Keflavík auch noch ein eigenes günstiges Hotel gebaut hat und dafür wirbt, bei einem „Stopover“, etwa auf dem Weg in die oder aus den Vereinigten Staaten, doch auch noch den Südwesten Islands zu entdecken. Das Problem ist nur: Für dieses Land reicht ein hektischer Stopover nicht, auch nicht für seine Hauptstadt.

Wal-Verwandtschaften

Tatsächlich ist die Schönheit von Islands Hauptstadt ein wenig versteckt. Klassisches Flanieren funktioniert hier nicht überall. Spaziert man durch den Laugavegur, die zentrale Einkaufsstraße, ertappt man sich immer wieder bei dem Gedanken, ob das nicht vielleicht doch Leverkusen oder Pinneberg sei, so lieblos und eckig stehen die Häuser aneinandergeklebt. Doch zwischen traurigen Boutiquen findet sich dann immer wieder ein Juwel, etwa ein Geschäft voller hölzerner Globen und gläserner Skulpturen, das aussieht wie Dumbledores Büro. Und dann kommt doch wieder so etwas Verstörendes: das Phallusmuseum, das Tierpenisse und erotische Kunst ausstellt.

Fußgängerzonen sind vermutlich nicht die große Stärke der Isländer, aber dafür haben sie allerdings viele andere. Etwa die vielleicht größte Wal-Galerie der Welt, das „Whales of Iceland“. Eine Art Kunsthalle, die nichts anderes als Wale zeigt. Maßstabsgetreue, gigantische Pappmaché-Wale, die von der Decke hängen. Interaktive Filme über Wal-Anatomie. Glaskästen mit Walknochen. In dem beruhigenden bläulichen Licht der Ausstellung und umgeben von den bizarren Wal-Sounds kommt dann wieder dieses Gefühl zurück, man halte sich in einem äußerst seltsamen Land auf.

Es empfiehlt sich, Bögen um die Innenstadt zu ziehen, ihren Rand zu erkunden. Vielleicht einfach nur die Skúlagata entlangzuspazieren, den nördlichsten Weg am nördlichen Rand der nördlichsten Hauptstadt der Welt, und den Blick auf die unbewohnte, manchmal vereiste Insel Engey zu genießen. Dass es am Ufer noch einen Skulpturengang gibt, mit interessanten Werken wie der „Sólfar“ des Künstlers Jón Gunnar Árnason, einem quasi skelettierten Wikingerschiff – das ist beinahe unwichtig. Die Landschaft spricht für sich. Ein weiter flacher Streifen trennt die letzten Häuser der Stadt vom Meer, und dann blickt man in die Faxabucht und letztlich auf den Nordatlantik. Die Küste gibt ein monumentales Bild ab, auch ohne jede Kunst – unter einer Sonne, die in Island so kalt und blau strahlt wie sonst nirgends.

„Sónar“ und „Draumur“

Der Spazierweg führt zur Harpa, dem erst sechs Jahre alten Wahrzeichen Reykjavíks. Das Konzerthaus steht direkt am Wasser, wirkt wie ein sehr auffälliger, glänzender Felsen – also wie Hamburgs Elbphilharmonie, nur hübscher, und ohne den anstrengenden Wirbel drum herum: Wer reinwill, geht einfach hin. Musiker, die spielen möchten, auch Bands, können das auf den Gängen und in der Vorhalle jederzeit tun. Der Künstler Ólafur Elíasson hat die aus Tausenden lebendig wirkenden, gläsernen Waben bestehende Außenhülle entworfen. Ihre Felder werden bei Dunkelheit bunt beleuchtet, so dass farbige Muster über die Haut der Philharmonie huschen.

Was mit Musik zu tun hat, findet hier statt – und nicht nur Beethoven (mit dessen Neunter das Haus eröffnet wurde). Auch Islands Ableger des „Sónar“-Festivals für elektronische Musik findet ganz in der Harpa statt. Die vier Hallen können an die Musik angepasst werden. Wird barock oder klassisch gespielt, werden Schlitze in den Wänden geöffnet, die den Raum zu riesigen Seitengalerien öffnen, die nur für den größeren Nachhall da sind. Kommt eine Rockband, werden Lamellen und Filzflächen an den Wänden hochgefahren.

So verfügt eine Stadt, die auf einen ersten Blick verschlafen wirken kann, unter anderem über eine hervorragende Musikszene. Es gibt keinen McDonald’s und keinen Burger King in Reykjavík - und der erste H&M hat erst vor wenigen Wochen eröffnet. Manche Krankheiten der urbanen Zivilisation haben diesen Ort einfach verschont. Wer feiern will, muss zwar wissen, wo gerade eine private oder halb-private Party stattfindet. Aber wer Jazz hören möchte, kann sich auch einfach in die Lobby des Hostels „Kex“ setzen, ein Craft Beer bestellen und warten – in einer Ecke der Halle wird gejammt. Ähnlich geht es im „Stúdentakjallarinn“ zu, dem „Studentenkeller“, der ganz und gar nicht aussieht, wie sein Name vermuten lässt. Designsessel und Innenbegrünung charakterisieren diese große Bar, in der Bands wie FM Belfast oder Múm spielen, die Größen des neuen Island-Pop. Und das Essen und die Drinks sind nicht einmal teuer, das Bier kostet umgerechnet sieben Euro.

Das ist günstig in einem Land, in dem sparsame Reisende wohl stets auf der Hut sein müssen – wer sich abends auf dem Rückweg ins Hotel noch einen Schokoriegel und ein Getränk holt, wird leicht zehn Euro los. Dafür hält er dann aber auch einen „Draumur“ in der Hand, ein langes Stück Schokolade, in dessen Innerem zwei scharfe Lakritzstangen auf überraschte Gaumen warten. Nicht nur Hákarl, der vergorene Hai, der in Island gern wie ein Snack gegessen wird, ist gewöhnungsbedürftig. Wieder eine dieser eigentümlichen isländischen Erfahrungen. Aber genau deswegen ist man schließlich hier.

Der Weg nach Island

Anreise Die derzeit günstigsten Verbindungen bietet Wow Air, täglich ab Frankfurt und Berlin, ab 70 Euro. Auch Island Air und Lufthansa fliegen nonstop.

Unterkunft Das größte Hotel Islands ist das „Fosshotel Reykjavík“, sehr zentral in der Þórunnartún 1, fosshotel.is, DZ ab ca. 140 Euro.

Weitere Informationen bei der Organisation Visitreykjavik.is, die im Rathaus in der Tjarnargata 11 eine hervorragende Info-Station betreibt.

Quelle: F.A.S.
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