Israel

Zur Welle pilgern

Von Konstantin Arnold
© Louis Josek, F.A.S.

Warum der Reisepass noch so neu sei und ob man das weiße Hemd selbst gebügelt habe, möchte die Grenzbeamtin am Terminal 1, Abflugbereich C in Frankfurt gerne wissen. Wer den Koffer gepackt habe und wieso unser Fotograf unbedingt im Wasser fotografieren möchte, auch. Wer ihm denn den Zweitnamen „Amon“ gegeben habe und wieso wir zum Surfen überhaupt nach Israel fliegen würden? Wo genau wir uns aufhalten würden und welche Erwartungen wir an diese Reise hegten? Weshalb der Profisurfer Leon Glatzer dafür gerade aus Lissabon angereist sei und wir uns in unseren Antworten nicht besser abgesprochen hätten, kann ich drei Stunden vor Abflug auch noch nicht genau sagen. Dafür aber, dass Israel schon am Check-in beginnt. Dort, wo deine Urlaubsstimmung unter Aufsicht von Maschinengewehren geprüft wird und sich die Menschen in weißen Räumen für dich und die Herkunft deiner intimsten Pflegeprodukte interessieren.

Bar Refaeli, heiliges Land und jahrtausendealte Konflikte. Mehr Fragen als Antworten und Religion als unüberwindbarer Schatten extremer Gefühle. Was man eben so weiß, und natürlich habe ich mein weißes Hemd selbst gebügelt. Aber Israel ist für uns mehr als vorgefertigte Antworten auf hermetisch abgeriegelten Kontrollzwang. Mehr als Stereotypen und viel mehr als eine Destination zum Wellenreiten. Wir hoffen, uns durch diese Sportart Zugang zu Räumen zu verschaffen, die wir unbedingt betreten möchten – zwischen Tel Aviv und Jerusalem, Hebron und Haifa.

Wenn Israel bereits am Check-in beginnt, hört das in Tel Aviv direkt wieder auf. Weltoffen bis in jeden einzelnen Backstein, ein internationaler Schmelztiegel, der das Beste aller Mentalitäten vereint: die Schönheit Brasiliens, den Stil der Franzosen, die Ausgelassenheit Australiens, die Offenheit der Italiener und sogar den Tiefgang der Deutschen.

Seit 1957 wird in Israel gesurft

Jeder Barbesuch im „Rotschild 12“ kann zu einer bewusstseinserweiternden Lehrstunde werden, weil etwa jede Barbesucherin mindestens zwei Jahre Militärdienst geleistet hat. Jedes Gespräch führst du, als wäre es dein letztes, du bestellst den nächsten Gin Tonic, als wäre es dein erster, und genießt alles zusammen in Freiheit, als gäbe es kein Morgen. Keine sittliche Gesinnung, keine befohlene Moral, außer deiner eigenen und der, dass man Falafel wirklich nur zur Wochenmitte und um die Mittagszeit essen sollte. Nach einer Woche in dieser Stadt willst du dein Leben ändern, deine Beziehung beenden, alles Bestehende in Frage stellen und deine Koffer von nun an nur noch hier auspacken, weil es sich wie Verschwendung anfühlt, nur eine Minute ohne dieses Pulsieren verbringen zu müssen. Tel Aviv ist ein Staat im Staat, der den Nahen Osten noch näher bringt, was mit ein Grund dafür ist, dass wir in den Nächten dort so wenig geschlafen haben. Es ist eine Überlastung an Möglichkeiten, die über die Purim-Feiertage ihren alljährlichen Höhepunkt findet. Direkt zum Start unserer Reise sind alle Juden dazu aufgefordert, verkleidet richtig viel Wein zu trinken. Die ganze Stadt heißt uns willkommen. Sogar die Hummusverkäuferin an der Ecke beteuert Morgen für Morgen, dass sie deutsche Touristen am allerliebsten hat, während nach acht Uhr abends nur noch Anzügliches durch die Vokabeln einer heiligen Sprache dringt oder Badende an der Promenade klarstellen, warum „Tel Aviv eine einzige Blase ist, in der man nichts, absolut nichts von Mauern, Gewehren und Konflikten“ mitbekommt und „einfach nicht über Politik reden möchte“. Die Wellen des Tiefdruckgebiets im Mittelmeer haben gerade erst Griechenland erreicht. Das gibt uns hier noch zwei Tage.

Ein orthodoxer Jude in der Nähe der Klagemauer in Jerusalem.
© Louis Josek, F.A.S.

Israel gibt es seit 1948. Surfing in Israel seit 1957, als Dorian „Doc“ Paskowitz die Surfkultur in das Heilige Land brachte. Der ewig reisende Amerikaner starb vor wenigen Jahren, er wurde hier bereits zu Lebzeiten wie ein Heilsbringer verehrt. Im authentischsten Surfshop der Stadt, der „Klinika“, direkt am Hilton Beach, hängt heute ein Gemälde des Vorreiters mit dem Zitat: „Menschen, die miteinander surfen, können auch miteinander leben“. So wie in Haifa, der nördlichen Küstenmetropole, die einen Großteil von Bewohnern und Surfern arabischer Herkunft beherbergt und von Stränden umzingelt ist, die anders als im quirligen Tel Aviv auch mal weniger Surfer im Wasser zulassen. Spricht man Arthur Rashkovan oder Shachar Aharoni, die Mitbegründer von „Surfing For Peace“, auf die Legende Paskowitz an, wird die harte Schale gestandener Männer schnell zur sensiblen Gänsehaut, denn Wellenreiten ist nicht nur im Gazastreifen, sondern in ganz Israel von hoher emotionaler Bedeutung. Seit 2016 ist die „World Surf League“ erstmals wieder mit einer Veranstaltung vertreten und gibt nationalen Stars wie Yoni Klein oder den Lilior-Schwestern eine heimatliche Bühne des internationalen Wettkampfs. Auch David Noy und Ely Cassirer, zwei junge Talente, die gerade mit einem Sixpack Bier (immer noch Purim) in unserem Hotel aufgekreuzt sind, würden in diesem Jahr gerne alles in den Traum des Profisurfens stecken und wieder an internationalen Wettkämpfen teilnehmen, müssen jedoch unmittelbar nach den Feiertagen ihren dreijährigen Wehrdienst antreten. Danach ist man entweder zu alt, zu geschädigt oder verdammt in Eile, wenn man den sportlichen Karrierezug noch erwischen möchte. Indonesien, das Land, in dem die perfekten Wellen fließen, darf man mit israelischem Pass nicht besuchen, was für die Launen des Mittelmeeres ein Segen wäre. Die Entwicklung israelischer Surftalente wird dadurch mehr als nur beeinträchtigt. Umso mehr feiert Israels Surfszene den Besuch des Surfstars Leon Glatzer. Sohn deutscher Eltern, geboren auf Hawaii, aufgewachsen in Costa Rica, zählt der Zwanzigjährige zu den international erfolgreichsten Surfern mit deutschem Pass.

Wellen vor Ruinenpanorama

Endlich: Das Tiefdruckgebiet hat Israels Küste erreicht. Wir haben jetzt jeden Tag Wellen. Sogar in Tel Aviv, zwischen den Molen. Sogar einen Geheimtipp, eine Riffplatte nördlich von Netanja, dürfen wir surfen – ein Ruinenpanorama südlich von Haifa. Und dürfen dort sogar Bilder machen! Nur nicht von den angrenzenden Militärstützpunkten, wenngleich die Soldaten hinter dem Stacheldrahtzaun jedes einzelne Manöver mit Getöse verfolgen. Sie wollen, dass wir der Welt erzählen, wie weit sich Israel bereits zu einer ernst zu nehmenden Surf-Nation entwickelt hat. Auf dem Weg zurück sprechen wir über Tunnel, Grenzen und den wahren Vitamingehalt von Trockenfrüchten. Shachar erzählt, dass sein Vater ein hoher Sicherheitsbeamter war und sie den Gazastreifen seit Jahren mit Neoprenanzügen und Surfboards versorgen möchten, doch immer wieder an der Willkür der Hamas-Regierung scheitern.

Wir fahren nicht zurück nach Tel Aviv, sondern nach Jerusalem. Die Stadt ist das Gegenteil von Tel Aviv und ein wunderbarer Ort, um Atheist zu werden oder sich in den unzähligen Touristenshops bis auf die Socken völlig neu einzukleiden. Ein Ausverkauf von Religion, der nicht einmal vor den Ritualen der Klagemauer haltmacht. Fotowütige Abenteuertouristen inmitten jahrtausendealter Gassen, Gartenstühle, die vor Heiligkeit und Abnutzung strotzen. Wie wir zum Felsendom kommen, will uns auf jüdisch-orthodoxer Seite niemand sagen. Und dass man diesen Ort nur noch zu bestimmten Zeiten besuchen darf, weil sich jüdische Terroristen, als Touristen verkleidet, immer wieder in die Luft zu sprengen versuchen, erfahren wir auch erst von unserem Taxifahrer, mit dem wir gerade auf dem Weg nach Hebron sind. Tags zuvor wurde am Löwentor, dem Eingang zum muslimischen Viertel der ummauerten Altstadt, ein Fundamentalist von Soldaten erschossen. „Ein Muslim, auf dem Weg zu seinem Mittagsgebet“, beteuert unser Taxifahrer. „Ein bewaffneter Terrorist“, schreiben die israelischen Zeitungen.

Zwischen Wellenbrechern und Skyline: Trumpeldor Beach, der Stadtstrand von Tel Aviv.
© Louis Josek, F.A.S.

Wir passieren Checkpoints und unwirklich wirkende Siedlergebiete. Eine zerfetzte Landschaft ohne Grenzen, in der sich Menschen schuldig und bedroht zugleich fühlen. Die Geisterstadt Hebron ist eine der heiligsten Stätten für gläubige Juden und Palästinenser, sie gilt als Eingang zum Garten Eden, als Verbindung zum Himmel, ist aber heute der Schauplatz eines der größten Konflikte unserer Zeit. Die „Höhle Machpela“, Ruhestätte der Erzväter Abraham, Isaak und Jakob, wurde 1994 zur Hölle, als Baruch Goldstein, ein Sanitätsoffizier und Terrorist, 29 betende Muslime tötete und 150 weitere schwer verletzte. Unser Guide erklärt uns, dass eine fast 20 Zentimeter dicke Metalltür heute beide Weltreligionen voneinander trennt. Amin ist wie viele junge Palästinenser gut gebildet und voller Freude, seine 16 Semester Geschichtswissenschaften endlich auf einige verirrte Touristen loslassen zu können. Wir aber wollen wissen, wie es sich an diesem Ort lebt? Amin blockt ab. Er will wissen: Wo wir gerade herkämen? Tel Aviv. „Der Tod ist besser als dieses Leben. Es gibt keine Hoffnung, keine Perspektive und keine Chance, diesen Ort jemals zu verlassen!“, sagt er und verliert seine Fassung, kommt in Fahrt, zeigt auf die laufenden Sicherheitskameras der Israelis und ruft: „Sie nehmen uns die Luft zum Atmen, die Würde, das Leben. Auf meinem Weg zur Arbeit passiere ich achtzehn Checkpoints, zum Einkaufen muss ich durch drei. In Palästina gibt es keine Flughäfen, und wenn ich fliehe, verrate ich mein Land. Sie kontrollieren alles, unsere Grenzen, die Währung und Bilder, die von der Welt gesehen werden.“ Wir spüren plötzlich, dass unsere Beine wackelig werden. Es ist das Gefühl, langsam die Kontrolle zu verlieren. Einschusslöcher, Gefühlsausbrüche, Spannungen, militärische Präsenz sind vielleicht zu viel für das Gemüt eines Surfers, aber doch immer noch zu wenig, um wirklich zu verstehen, wenn man versuchen möchte, Israel und Palästina im Ansatz zu erfassen.

Surfen als Form des Protest

Trotz erheblicher Unterschiede in der Lebensqualität beider Regionen sind die Menschen im Westjordanland nicht weniger aufgeweckt. Immerhin darf man laut Koran vier Frauen heiraten, wenn man sie nur alle gleich behandelt. Viele interpretieren dies als eine Glaubenslehre zum Wohlfühlen. Ein Zigarettenverkäufer erklärt uns, dass wir beim Über-die-Straße-Gehen einfach die Augen schließen sollten. Im scheinbar hoffnungslosen Gazastreifen hat sich das Surfen inzwischen zu einer ganz eigenen Form des Protestes entwickelt, es steht für den zurückgewonnenen Spaß am Leben, für ein Stück Selbstbestimmung und die Flucht aus einer Welt voller Krieg und Gewalt. Der 2008 gegründete „Gaza Surf Club“ bietet den Menschen einen wirklichen Alltagsausbruch, der mit westlichen Surfslogans nichts mehr gemein hat.

Am Abend sind wir zurück in Tel Aviv. Zurück in der Leichtigkeit des Lebens. In einer Bar in Herzlia, Israels Malibu, werden die israelischen „Surfing Awards“ vergeben. Es gibt Sekt und Plastikpokale für die besten Surferinnen und Surfer des Jahres. Es wird gefeiert, als ob es kein Palästina gäbe. Wir reden mit Yossi Zamir, dem Präsidenten der „Israel Surfing Association“, über das Potential dieser Sportart in Bezug auf die politischen Konflikte, bis wir fast unseren Rückflug verpassen. Der Flug geht früh am Morgen. Aber erst, nachdem der Grenzbeamte diesmal wissen möchte, warum das weiße Hemd nicht gebügelt sei und Leon Glatzer nicht mit uns nach Frankfurt, sondern Lissabon fliege. Ob wir im Wasser fotografiert und unsere Tasche selbst gepackt hätten? Und wieso wir überhaupt so verdammt spät dran seien?

© F.A.Z., F.A.S.

Der Weg nach Israel

An- und Einreise Die israelische Fluglinie El Al, Air Berlin und Lufthansa fliegen von verschiedenen deutschen Flughäfen direkt nach Tel Aviv, Ben Gurion (ab ca. 290 Euro; intensiver Sicherheits-Check, drei Stunden sollte man einplanen und einen mindestens sechs Monate gültigen Reisepass vorweisen können). Zu den Stränden fährt man am besten per Mietwagen, etwa bei Eldan (sieben Tage / 300 Euro).

Surfstrände gibt es jede Menge: um Tel Aviv, Haifa, Netanja und dazwischen. Es gibt geschützte, urbane Hafenmauerwellen, offene Beachbreaks und Riffe. Generell gilt, dass an den Spots zwischen den Städten wenig los ist. Beste Saison ist von September bis April.

Unterkunft Das „Beachfront Hotel“ in Tel Aviv gilt als eines der besten Hotels der Stadt – und der Trumpeldor Beach ist vor der Tür (DZ ab 50 Euro/Nacht, www.telavivbeachfront.co.il). Zentral gelegen, genau wie das etwas luxuriösere „Brown Beach House“ (DZ ab 200 Euro/Nacht, www.brownhotels.com). Im Norden des Landes setzt das „Elma Arts Complex Luxury Hotel“ in Zichron Ja’akow Maßstäbe. Es liegt unweit von Haifa und seinen unzähligen Surfspots (DZ ab 250 Euro/Nacht, www.elma-hotel.com).

Quelle: F.A.S.
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