ITB

Kann man denn nirgendwo mehr Urlaub machen?

Von Katharina Wilhelm
 - 15:17
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Sicherheit ist das höchste Gut der Reiseindustrie und fehlende Sicherheit ihre größte Bedrohung. Da wir in Zeiten der allgemeinen Unwägbarkeiten leben, ist es kein Wunder, dass die Internationale Tourismusbörse in Berlin in diesem Jahr kein rauschendes Freudenfest war. Zu viele Sorgen plagen die Branche, zu viele vermeintliche Garanten des weltweiten Tourismus sind zu unsicheren Kantonisten geworden. Und wenn man weiß, dass in einer Studie des Tourismusberatungsunternehmens IPK International ein Viertel aller Befragten angegeben hat, nur noch in sichere Länder wie Kanada, Australien oder Schweden reisen zu wollen, kann man die Größe des Problems erahnen, mit dem sich die Tourismusindustrie gerade konfrontiert sieht.

Das größte Sorgenkind ist zur Zeit die Türkei. Aktuell liegen die Buchungen für einen Sommerurlaub in dem Land laut dem Marktforschungsinstitut GfK um sechzig Prozent unter dem Vorjahresniveau. Auf der Pressekonferenz der Türkei im Rahmen der Messe verkündete der Minister für Kultur und Tourismus, Nabi Avci, dass die Türkei „Maßnahmen“ gegen die Probleme ergriffen habe, die den Tourismus betreffen. Außerdem habe man das Angebot dementsprechend modifiziert. Die Frage der anwesenden Journalisten nach der Beschaffenheit dieser Maßnahmen leitete der Minister unwirsch weiter: „Die Branche weiß sehr wohl, um welche Fördermaßnahmen es geht. Wenn Sie dort nachfragen, werden Sie alle Informationen bekommen.“ Eine solche „Maßnahme“ war bereits im vergangenen Jahr ein Zuschuss der türkischen Regierung für die Treibstoffkosten von Charterfliegern in die Türkei in Höhe von sechstausend Dollar pro Flugzeug. Da diese Zuschüsse nun auf alle Linienflüge ausgeweitet werden sollen, könnten Türkei-Reisen noch billiger werden, als sie ohnehin schon sind.

Minister Avci appellierte an das Vertrauen der Deutschen in die Gastfreundschaft des türkischen Tourismus, betonte die Relevanz der deutschen Urlauber für die Türkei und erwähnte Bundeskanzlerin Merkel als vorbildliches Beispiel – sie habe die Türkei neulich ja auch besucht. 2017 soll besser werden als das Vorjahr, man will zum Volumen von 2013 zurück und dieses sogar noch übertreffen, all den Missstimmungen der jüngsten Zeit und wohl auch den bisher bekannten Zahlen zum Trotz. Osman Ayik, Präsident des Hotelverbandes Türofed, betonte, dass diese Missstimmungen ohnehin nur vorübergehend seien und fünfundachtzig Prozent treue Kundschaft von der historisch bedingten Nähe der deutschen und türkischen Kultur zeugten.

Einige Länder profitieren von der misslichen Lage der Konkurrenz

Maßgeblich am bisherigen Erfolg der Türkei beteiligt gewesen seien die deutschen Reiseveranstalter, sagte Minister Avci bei der Pressekonferenz. Der Veranstalter mit dem umfangreichsten Türkei-Portfolio ist Öger Tours, dessen Pressesprecherin Kathrin Rüter-Pantzke von positiven Buchungseingängen in den letzten Wochen, die aktuell auf Vorjahresniveau liegen, zu berichten weiß. Das liegt laut ihr unter anderem am abermaligen Sinken der Preise, bei Öger Tours etwa um acht Prozent für diesen Sommer. „Insgesamt ist die Türkei jetzt dreißig bis vierzig Prozent günstiger als Urlaubsziele im westlichen Mittelmeer“, so Rüter-Pantzke. Die Reiselust bei Pauschaltouristen sei ungebrochen. „Diese Art des Urlaubs kommt dem Sicherheitsbedürfnis der Touristen sehr entgegen, da wir zum Beispiel eine vierundzwanzigstündige Erreichbarkeit und Flexibilität bei den Buchungen bis zu zehn Tage vor der Abreise vorweisen können“, sagt Rüter-Pantzke. Die politischen Verwerfungen zwischen der Türkei und Deutschland oder deren Auswirkungen möchte Öger Tours nicht kommentieren.

Torsten Richter, Global Chief Editor des Reiseschnäppchen-Portals Urlaubspiraten, ist da weniger optimistisch. Nach seinen Beobachtungen schreiben viele Nutzer vor allem auf Facebook, dass sich eine Reise in die Türkei oder auch nach Amerika derzeit nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren lässt. Mindestens genauso viele Nutzer des Portals sprechen laut Richter aber auch davon, dass der Hotelier in Antalya für die politische Situation nichts könne. „Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es zur Zeit nirgendwo“, meint Richter zudem.

Den griechischen und italienischen Inseln, Kroatien, aber manchen türkischen Regionen wie Antalya sagt Richter aufgrund ihrer günstigen Preislage einen erfolgreichen Sommer voraus. Weiter zeichnet sich bei den Buchungen auf Urlaubspiraten ab, dass einige Länder von der misslichen Lage der Konkurrenz profitieren. So werden Ägypten und Marokko anstelle der Türkei wieder stärker nachgefragt, während Kanada an Urlaubern gewinnt, die die Vereinigten Staaten meiden. „Allerdings sind die Vereinigten Staaten günstiger geworden, seit Trump Präsident ist“, sagt Richter, betont jedoch zugleich, dass das auch an einem gerade herrschenden Preiskampf der Fluggesellschaften liegen könnte.

Trudeau statt Trump?

Der „Trump-Effekt“ manifestiert sich nicht nur in Kommentaren auf Facebook, sondern war auch auf der ITB das Gesprächsthema der Stunde. Die amerikanischen Urlaubsziele zeigten sich unterschiedlich nervös, was die Auswirkungen des Wahlergebnisses auf ihre Touristenzahlen betrifft. Annika Heckler von Texas Tourism hält es noch für zu früh, um die Auswirkungen von Trumps Wahl auf den Fremdenverkehr einschätzen zu können: „Ende des Jahres werden wir mehr wissen. Aber Texas gilt ohnehin schon immer als konservativer Staat.“ Florida bleibt selbstbewusst: „Wir haben den Touristen so viel zu bieten, dass die politische Situation das nicht beeinflusst hat“, sagt Claudia Claussen von Visit Florida. Auch Kathrin Berns vom Colorado Tourism Office betont das ungebrochene Interesse vor allem an der einzigartigen Landschaft der Vereinigten Staaten – und den Umstand, dass Colorado Trump nicht gewählt hat. Nachbarstaat Arizona, für den Deutschland der wichtigste Markt ist, hofft ebenfalls, dass etwa der Grand Canyon für die Touristen wichtiger bleibt als Donald Trump.

New York könne noch keinen Besucherrückgang nach der Wahl feststellen, bereite sich aber auf einen solchen vor, sagt Evelyn Dathe von NYC&Company. Zur Sicherheit startet die Stadt in diesem Jahr eine Kampagne mit dem Namen „Welcoming the World“, die auf den Eigenschaften New Yorks als multiethnischer Schmelztiegel aufbaut und auch in Mexiko lanciert wird. Eine ganze Reihe neuer Attraktionen soll zudem helfen, an den Besucherrekord vom Vorjahr mit 60,7 Millionen Besuchern anzuknüpfen. „Dass New York aufgrund seines Multikulturalismus eine Art Sonderstellung in den Vereinigten Staaten genießt, kann sich jetzt zu unseren Gunsten auswirken, aber wir wollen uns nicht nur darauf verlassen“, so Dathe. In Illinois, dem „Land of Lincoln“ und „Home of Obama“, gibt man sich hingegen gelassen: „Wir haben eine große Werbekampagne gestartet und hatten in den vergangenen Jahren bereits einen Anstieg der Besucherzahlen zu verzeichnen“, sagt Cory Jobe, der Direktor des Illinois Office of Tourism. Auf der ITB warb Illinois zudem für sich als besonders attraktives Ziel für „Reisende mit LGBTQ-Hintergrund“ und präsentiert sich somit ebenfalls als weltoffener Staat.

Tilo Krause-Dünow von Canusa Touristik, einem Spezialreiseveranstalter für Nordamerika, kann trotz der Wahl noch gut schlafen. Denn die Buchungszahlen für die Vereinigten Staaten entsprachen im Januar und Februar denen des Vorjahrs. Es gebe jedoch Kunden, die aufgrund der Wahl Trumps verunsichert seien und den Veranstalter darauf ansprächen. „Wir antworten dann, dass es beim Urlaub in San Francisco oder New York keine Rolle spielt, wer im Weißen Haus sitzt“, sagt Krause-Dünow. Das Land und seine „Willkommenskultur“ habe sich nicht verändert. Dass die Verunsicherung etwa aufgrund der Debatte um die Einreiseverbote Kunden von den Vereinigten Staaten nach Kanada führt, glaubt Krause-Dünow trotz zweistelliger Zuwachsraten für Kanada-Reisen bei Canusa Touristik nur bedingt: „Diese Steigerung machte sich schon vor Trumps Wahl bemerkbar und hängt mit anderen Faktoren zusammen – etwa einer starken Kampagne mit den Kanadiern oder der Beliebtheit des kanadischen Präsidenten Trudeau in Europa.“

„Get no fake news, get real news“

Destination Canada verzeichnete mit mehr als 18,6 Millionen Touristen im vergangenen Jahr die zweithöchste Besucherzahl seit dem Rekordjahr 2002. Aus Deutschland kamen 369000 Gäste. Kanada baut unterdessen 2017 nicht allein auf „Trudeau statt Trump“, sondern wirbt mit freiem Eintritt in alle Nationalparks im Zuge des hundertfünfzigsten Geburtstags der kanadischen Konföderation. Der anhaltend günstige Kanadische Dollar dürfte den positiven Reisetrend für Kanada weiter verstärken.

Die Unsicherheiten in den ehemaligen Reiseschwergewichten führen dazu, dass einige Länder jetzt ihre Chance wittern, die zuvor als Urlaubsziele eher ein Nischendasein führten. So präsentierte sich Uganda auf seiner Pressekonferenz während der ITB als „Insel des Friedens“ inmitten einer Welt terroristischer Attacken und wirbt neben Gorillas und Artenschutz mit einem einunddreißig Jahre währenden Frieden als touristischem Verkaufsargument. Auch die Tourismusministerin Äthiopiens, Hirut Woldemariam, zählte auf der Pressekonferenz von Ethiopian Airlines und der Ethiopian Tourism Organization nicht nur die historischen und landschaftlichen Sehenswürdigkeiten des Landes auf, sondern auch, welche internationalen politischen Kongresse in jüngster Zeit im Land reibungslos abgehalten worden sind.

Somit hat sich auf der ITB gezeigt, dass alles eine Frage der Darstellung ist. Auch auf der Pressekonferenz der Türkei fand man letztlich einen Schuldigen für die Missstimmungen, die sich auf den Tourismus des einst bei den Deutschen so beliebten Reiselandes auswirken. Es sind, wenig überraschend, „die Medien“. Minister Avci unterbreitete den anwesenden Journalisten gleich einen Verbesserungsvorschlag: Man müsse die Wahrnehmung der Menschen „moderieren“, die Türkei gut- und nicht schlechtreden, und die „Mainstream-Medien“ dürften sich nicht von manipulativen Internetquellen beirren lassen. „No fake news“ – und wenn, dann machen wir sie selbst. Für neue Missstimmung sorgte dann sogleich ein deutscher Fernsehjournalist, der fragte, ob der Minister garantieren könne, dass er als Medienvertreter bei einer Reise in die Türkei nicht verhaftet werde. „Dafür kann ich genauso garantieren, wie Deutschland dafür garantieren kann, dass Sie hier nicht verhaftet werden“, lautete Avcis Antwort.

„Get no fake news, get real news“, forderte auch der Präsident von Visit USA, Hans Gesk, und verlas während einer Veranstaltung der Vereinigten Staaten in Berlin einige seiner Ansicht nach lobenswerte Beispiele solcher „real news“ aus positiven medialen Berichten über die Vereinigten Staaten. Diese betonen immer wieder, dass man hinfahren müsse, um das Land zu verstehen. Vielleicht ist dies tatsächlich das konsequenteste Resümee der diesjährigen ITB: Man muss selbst reisen, damit niemand die Wahrnehmung moderieren kann.

Quelle: F.A.Z.
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