Günstig übernachten

Wir wollen doch nur spielen

Von Brigitte Scherer
© Stephan Lemke for 25hours Hotels, F.A.Z.

Die Welt der Hotels steckt voller Mysterien. Hätten Sie gedacht, dass einmal Billighotels zu Vorbildern in Sachen Lifestyle avancieren? Mit Dachterrassenbar, Designersofa und eigenem DJ zu Publikumsmagneten werden wie angesagte Clubs? Es macht nichts, wenn Sie noch nie etwas von „Lean Luxury“-Hotels gehört haben oder rätseln, was unter „Budget Design“ im Hotel zu verstehen ist. Schauen Sie einfach auf Berlin. Dort wird gerade die alte Welt der nach Sternen geordneten Hotels auf den Kopf gestellt. Oder wie soll man es sonst nennen, wenn der Branchenklatsch vor der Eröffnung eines neuen Billighotels wie des Motel One Upper West nur ein Thema kennt: Wie heftig wird es benachbarte Fünf-Sterne-Häuser das Fürchten lehren?

Noch im Frühjahr soll das neue Flaggschiff der Budget-Kette zwischen Gedächtniskirche und Grandhotel Waldorf Astoria öffnen, fünfhundertachtzig Zimmer auf neunzehn Stockwerken im neuen Hochhaus Upper West. Schon jetzt macht Furore, was man in Wort und Bild dazu hört: „Schlafkomfort wie im Luxushotel“ wird versprochen, dazu Boxspring-Betten, feine Bettwäsche. Regen-Dusche im Bad und pompös geheftete Ledersofas in der Lounge. Vierzig Sorten Gin an der Bar, Dachterrasse mit Freiluftkino, ein urbaner Treffpunkt unter dem roten Faden „Cinema“, also auch Filmabende oder eine James-Bond-Nacht. So ist es gedacht. Was eine Übernachtung kostet? Ab 79 Euro für Einzelreisende, ein Festpreis „an mindestens dreihundert Tagen“ im Jahr.

Das Markenzeichen: Wer einmal im Motel One war, der kennt den Egg Chair von Arne Jacobsen.
© Motel One, F.A.Z.

Da schnappt man erst mal nach Luft. Und gleich schwirren Fragen im Kopf herum: Wie machen die das zu diesem Preis? Und warum? Motel One auf dem Weg ins Unterhaltungsfach? Wir kennen Motel One als das Ikea unter den Hotelketten, und auf dem besten Weg zu einer ähnlichen Erfolgsstory. Mit Motel One gab es zum ersten Mal Billighotels mit Designanspruch, die Sparte wurde schick und klassenlos. An Vielfalt war nicht gedacht. Ein Haus glich wie ein Ei dem anderen, überall der gleiche türkisfarbene Sessel von Arne Jacobsen, die identischen Minizimmerchen und die Lounge mit Bar, der kulinarische Teil beschränkte sich auf Sandwiches. Standardisierung spart schließlich Kosten. Aber jetzt, mit im Moment fünfundfünfzig Hotels und sehr ehrgeizigen Wachstumsplänen, verblüfft das neue Flaggschiff mit einer Umwertung der ureigenen Erfolgsphilosophie doch.

Zimmer schmal wie Schiffskabinen

Von „wohnlich“ ist jetzt die Rede, von „regional“ und „individuell“. Die Lounge als „Wohnzimmer“ ist als Treffpunkt von Einheimischen und Hotelgästen angelegt, der „poetische und kommunikative“ Mittelpunkt und so etwas wie die Quintessenz der Stadt. Jedes einzelne Haus soll in Zukunft auch unter einer Headline seine eigene – meist natürlich erfundene – „Geschichte“ erzählen, die sich von Design bis Veranstaltungen durch das ganze Hotel zieht.

Ab sofort wird regionalisiert: Die Lobby des Motel One in Amsterdam.
© Motel One, F.A.Z.

Die radikale Umorientierung zeigt: Die Lage ist ernst. Es geht um mehr als nur um eine Mode, es geht um einen Wertewandel bei der Kundschaft. Erst war billig schick. Dann „Budget Design“. Und jetzt „Lean Luxury“, aber bitte mit Erlebnisgarantie. Gemeinschaftsgefühle sind gesucht, Gemütlichkeit, lokale Identität. Leute treffen, etwas Tolles erleben. Authentisch soll das Zuhause auf Zeit sein. Das wollen heute immer mehr Reisende in allen Hotel-Preisklassen. In einer fremden Stadt mittendrin zu sein im Leben, das haben die einen beim Mieten einer Wohnung bei Airbnb erlebt. Die anderen sind öde Übernachtungsmaschinen - Konferenzhotels! Ferien-Bettenburg! - oder versiffte, lieblose Mittelklassehotels auf dem Land einfach nur leid.

In einem Hotel im Herzen der Stadt braucht man heute weder Restaurant noch Roomservice – dafür eine Bar, die rund um die Uhr geöffnet ist, wie im Berliner Motel One am Tiergarten.
© Motel One, F.A.Z.

So weit, so verständlich. Nur: Wie kriegen die das mit dem „Luxus“ hin im Lean-Luxury-Erlebnishotel? Und was bedeutet das überhaupt? Die Antwort ist einfach: Weglassen. Halb so große Zimmer wie im Hoteldurchschnitt, schmal wie Schiffskabinen. Kein Schrank, keine Minibar, weder Zimmerservice noch Restaurant, kein Konferenzsaal, weniger Personal. Doch gute Betten, teure Materialien, Designerlampen. Und das Wichtigste: Eine spektakuläre Lounge mit Bar. Dort, unter interessanten Menschen aus der fremden Stadt, nicht einsam im Hotelzimmer, spielt sich das Wohnen ab.

Ein intellektuelles Spiel gegen die Monotonie im Kettenhotel

Die junge Firma „Ruby“, die bis jetzt ein Hotel in Wien und eins in München betreibt - das Motto dort: „Monaco Franze“ - erklärt das auf ihrer Website so: „Luxus heißt für uns unkomplizierter Komfort anstatt Förmlichkeiten.“ In einem Hotel im Herzen der Stadt brauche man weder Restaurant noch Roomservice. „Dafür wollen wir eine lässige Bar, die rund um die Uhr geöffnet ist.“

Es geht bei den jungen Hotels um mehr als nur um eine Mode, es geht um einen Wertewandel bei der Kundschaft - ein Zimmer des Goldman 25hours-Hotel in Frankfurt.
© Rüchel, Dieter, F.A.Z.

Wie Motel One versteht sich auch die noch sehr kleine Ruby-Kette als Anbieter preiswerten Übernachtens. Dabei ist der Preis beim Thema „Lean Luxury“ keineswegs das bestimmende Element. Es geht um ein Lebensgefühl wie schon bei Bürgerschreck Ian Schrager. Die Geschichte wiederholt sich. Mit der legendären New Yorker Disco „Studio 54“ hatte sein Aufstieg vor vierzig Jahren begonnen. Dem folgte mit dem ebenso legendären „Morgans“ das erste Lifestyle-Hotel: ausgefallenes Design, private Atmosphäre und ziemlich viel los.

Gemeinsam mit dem Designer Philippe Starck setzte Schrager ein Hoteltheater nach dem anderen in die avantgardistische Schickeria-Welt: Ein intellektuelles Spiel gegen die Monotonie im Kettenhotel und den Muff des gewöhnlichen Beherbergungsgewerbes. Schrager entwickelte später auch Designhotel-Marken für Hotelkonzerne und Konzepte für das Low-Budget-Segment. Seinen neuen Luxus sollte sich jeder leisten können.

Hotels als Kinderspielplatz für Erwachsene

Das Prinzip Lifestyle statt Unterkunft in allen Varianten zwischen Billighotel und Luxusherberge ist bis heute geblieben. Doch was bei Schrager ein Minderheitenprogramm war, ist heute eine breite Bewegung. Wir haben es lustig im Hotel, aber blicken kaum mehr durch bei dem Ansturm der Hotel-Individuen mit schrägen Namen. Jaz und Andaz, Autograph Collection, Me and All, 25hours, Ruby Sofie in Wien, Ruby Lilli in München. Mal handelt es sich um Einzelkämpfer, die als Start-up ihr Glück versuchen, mal um finanziell gut gepolsterte Ableger von Hotelkonzernen. Übernachtungspreise und Ausstattung reichen von Low Budget bis Luxus.

Ein Spelplatz für Erwachsene: Zooblick mit Affenschaukel in einem Zimmer des 25hours im Bikini-Haus Berlin.
© Stephan Lemke for 25hours Hotels, F.A.Z.

Nehmen wir zum Beispiel „Jaz“, in der Eigenwerbung „dein fancy Designhotel in Amsterdam“: Weiter: „Maximaler Stylefaktor“, Bio-Frühstück, Fitnessraum, Yoga, „Rhythms Bar & Kitchen“. Jaz will „die lokale Szene“ ins Hotel holen, die nächste Neueröffnung in Stuttgart bietet dazu eine Hiphop-Akademie mit Live-Performance auf, samt Roofbar, DJ, Cigar Lounge und Platz für „Meet and greet“ mit den Stars des Abends. Das Ziel: Hotelgäste werden Teil der Szene. Jaz ist eine neue Marke des ehemaligen Steigenberger-Konzerns, der heute „Deutsche Hospitality“ heißt. Die Preise liegen im mittleren Level, auf Bettenqualität werde großer Wert gelegt, heißt es, ein Restaurant ist vorhanden.

Vorbild der deutschen Hotelgeneration „Lifestyle“ ist nicht mehr Ian Schrager aus New York, sondern Christoph Hoffmann aus Deutschland. Wie einst Schrager zeichnet es auch den Miterfinder der Lifestyle-Hotels „25hours“ aus, mit Provokationen und Brüchen zu spielen. Vor wenigen Wochen wurde Hoffmann in Berlin beim deutschen Hotelkongress der renommierte Branchentitel „Hotelier des Jahres“ zuerkannt. So, wie er sich als Edelrebell und seine Hotels als Kinderspielplatz für Erwachsene präsentiert, könnte er ein Bruder Schragers sein.

Zwischen Crossover- und Shabby-Schick

Und so urteilte jetzt die Jury: Hoffmann habe mit seinen derzeit acht 25hours-Häusern „die Blaupause für die modernen, lokal verankerten Lifestyle-Hotels“ geliefert, als er 2005 zusammen mit Partnern die 25hours Hotel Company gründete. Ihr Ziel: lokale Geschichten zu erzählen und die dazu maßgeschneiderten Konzepte zu verwirklichen. Heute sind Elemente von 25hours in vielen anderen Hotels zu finden. Nach Meinung der Fachkollegen sei ihrem Preisträger auch eine Wiederbelebung der Hotelgastronomie gelungen - die Achillesferse vieler Hotels - zum Beispiel mit dem Restaurant Neni im 25hours Bikini Berlin.

Vornehm ist so ein 25hours-Modell trotz recht saftiger Preise überhaupt nicht: Auf Hochglanz bei der Hardware wird wenig Wert gelegt.
© Stephan Lemke for 25hours Hotels, F.A.Z.

Unter Stammkunden genießen 25hours-Hotels Kultstatus. Nimmt man in seiner Begeisterung jedoch konservative Freunde ins 25hours-Hotel im Berliner Bikinihaus mit, kann man auch entgeisterte Ablehnung erleben. Vornehm ist so ein 25hours-Modell trotz recht saftiger Preise überhaupt nicht. Auf Hochglanz bei der Hardware wird wenig Wert gelegt, teils zufällig durch Abnutzung wie bei den schwarzen Waschbecken-Armaturen in der legendären Toilette mit glasklarer Zoo-Aussicht, meist aber absichtsvoll. In der - gleichfalls legendären - Monkey Bar kommen die drei Hummusvariationen auf Emailtellerchen mit blauem Rand wie einst bei Oma auf den Tisch. Man hockt unter Hängepflanzen auf kleinen Lederpuffs oder rückt auf treppenartigen Holzbänken wie im Stadion zusammen. Unten die Elefanten und Affen des Zoos, oben die Lebewesen des Großstadtdschungels aus aller Herren Länder, sorgfältig gestylt zwischen Crossover- und Shabby-Schick. Mittendrin kichert sich mit glühenden Wangen an riesigen Cocktailgläsern nippend, ein betagtes Damenkränzchen aus Berlin durch den trüben Nachmittag. Man hat immer etwas zu gucken und zu staunen. Unten und oben. Man könnte es schlechter haben im Leben.

Überall baumeln Hängematten. Überall ist etwas zum Entdecken und Spielen da. Die Souvenirs, in Schuhkartons verpackt. Ein Arbeitsplatz samt Laptop auf einem Hochsitz. Die Fahrradstation in der Lounge. Der Tresen ist mit grünen Kacheln wie in der U-Bahn gefliest. Designerstühle aller Richtungen, von buntem Metall bis Papierfilz vor Gummibaum. Ein bisschen sieht das aus wie auf einem Kindergeburtstag für Erwachsene.

„Kennst du eins, kennst du keins“

Die Garderobe besteht aus einer schwarzen Schnur mit giftgelben Kleiderbügeln vor einer riesigen Collage aus Fotos, wie sie der reisende Mensch zur Erinnerung schießt. Menschen, Tiere, Attraktionen. Was habe ich beim ersten Besuch vor zwei Jahren nicht alles versucht, diese tolle Fototapete für meine Garderobe zu Hause zu erwerben - leider ein Einzelstück, und im Wortsinne exklusiv für dieses Hotel und für sonst niemand. Das Motto der 25hours-Hotels heißt eben: „Kennst du eins, kennst du keins“.

Kindergeburtstag für Erwachsene: Das 25hours wartet auf die lokale Szene, die sich hier gerne einfinden darf.
© Stephan Lemke for 25hours Hotels, F.A.Z.

Ob das so bleibt, ist fraglich. Um mehr Geld zu haben für die geplante Große Expansion, begaben sich die niedlichen 25hours-Hotels gerade unter die Fittiche des Hotelriesen Accor - zumindest teilweise. Accor beteiligte sich mit dreißig Prozent an 25hours. Jetzt sind wir gespannt, wie Christoph Hoffmann es durchhält mit der Individualität seiner Lifestyle-Hotels.

Hotelpioniere wie er revolutionierten schon Länder und Lebensstil. Einst begann mit dem Badrutt Palace in St. Moritz in der eisigen Schneewüste der Schweizer Alpen das Zeitalter des Wintersports. Konrad Hilton erfand das Hotel als Fort, das sich selbst genügt in unwirtlicher Umgebung. Cesar Ritz baute mit dem Grandhotel das Schloss, in dem die Bürger Adel spielen konnten. Denn eines wollen wir in keinem Hotel, ob Budget oder Luxus: uns langweilen.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite

Themen zu diesem Beitrag:
Berlin | Airbnb | Ikea