150 Jahre Kanada

Nord mit Aussicht

Von Stefan Nink
 - 20:19
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Das Ahornblatt

Gibt es ein perfekteres Blatt? So sattrot, so wild gezackt und symmetrisch zugleich? Und existiert in Kanadas tiefen Wäldern ein Baum, der ähnlich glutherzig den Herbst begrüßt wie acer saccharum, der Zucker-Ahorn? Na also. Schon die Franko-Kanadier entlang des St. Lawrence erkannten das im 18. Jahrhundert; sie waren die ersten, die das Ahornblatt als Emblem verwendeten. Die Anglo-Kanadier wiederum schmetterten bei jeder Gelegenheit Alexander Muirs „God save our Queen and Heaven bless The Maple Leaf forever!“. Dass sich in Kanada alle darauf einigen konnten, passiert nicht so oft, und deswegen war klar, was auf der kanadischen Flagge sein musste, die 1965 vorgestellt wurde. Von da an lief alles ganz von selbst für das Ahornblatt.

Mittlerweile prangt es von jedem nur erdenklichen Souvenirgedöns, Pyjamas, Kaffeetassen, Frisbeescheiben und Schulranzen, wo ein Ahornblattmotiv Platz hat, wird eines drauf gepappt. Besonders beliebt ist es bei Amerikanern. Die nähen sich Maple-Leaf-Sticker auf ihre Rucksäcke, damit sie auf Europareisen für Kanadier gehalten werden. Bis vor ein paar Monaten machten sie das aus Angst vor Beschimpfungen, Entführungen und anderen Dingen, vor denen sich Amerikaner auf Reisen fürchten. Mittlerweile fremdschämen sie sich einfach nur für ihren Präsidenten.

Die Hudson’s Bay Company

Für viele Kanadier ist das eine Kaufhauskette mit Filialen in allen größeren und mittleren Städten, und wenn man das mitbekommt, kann einen schon plötzlich ein Hauch von Melancholie umwehen. Einst nämlich war die HBC das mächtigste Handelsunternehmen der Welt, eher schon eine Art eigenes Königreich, das ein Drittel des heutigen Kanadas beherrschte. Einfluss und Reichtum der HBC basierten auf dem Handel mit Fellen und Pelzen, die eine Flotte Dreimaster während der eisfreien Monate über die Hudson Bay nach Europa schipperte. Das funktionierte zwei Jahrhunderte lang prächtig. Als der Pelzhandel dann zusammenbrach, orientierte sich die HBC anderweitig. Im ersten Weltkrieg transportierten ihre 300 Schiffe Proviant, Treibstoff und Truppen zu diversen Kriegsschauplätzen; allein 1918 lieferte die Company täglich 11000 Tonnen Fracht in französische Häfen. Später machte man in Öl und Gas, bevor die HBC sich vor etwa zwanzig Jahren auf den klassischen Einzelhandel konzentrierte. Zumindest da ist nun wieder Alles beim Alten: Wer warme Kleidung für den langen kanadischen Winter braucht, bekommt die bei der Hudson’s Bay Company. Auch, wenn Mäntel, Mützen und Jacken heute nicht mehr aus Pelz, sondern aus Kunstfaser sind.

Der Totempfahl

Bei Karl May und Hollywood stehen die Dinger quer über den Wilden Westen verteilt, in Wirklichkeit aber haben nur einige Native-American- und First-Nation-Stämme im Pazifischen Nordwesten Totempfähle geschnitzt und aufgestellt. Die beeindruckendsten Originale findet man auf den Inseln des Haida-Gwaii-Archipels vor der Küste British Columbias: verwitterte, schief in den Himmel ragende Zedernstämme mit stilisierten Orca-, Bären- und Rabengesichtern, die meist die Geschichte der Besitzerfamilie erzählen – was die Totempfähle vergleichbar mit den europäischen Hauswappen macht.

Auf Haida Gwaii hat sich die Kunst der monumentalen Kunstschnitzerei bis heute erhalten; in Old Masset zum Beispiel stehen moderne Pfähle zwischen Pick-up und umnetztem Trampolin im Vorgarten. Wer bei seiner Kanadareise nicht so weit herumkommt, kann schöne Exemplare in Vancouvers Stanley Park sehen, und am anderen Ende des Kontinents besitzt das Canadian Museum of Civilization in Ottawa einige prächtige Exemplare.

Der Leuchtturm

Hoch und schlank sind auch Kanadas Leuchttürme. Bis auf Alberta und Saskatchewan besitzt jede kanadische Provinz eine stattliche Zahl davon, 72 sind es in Neufundland, 160 in Nova Scotia, 56 auf Prince Edward Island, 59 in Quebec, 104 in Ontario, 78 in New Brunswick und immerhin zehn an den Gestaden des Lake Winnipegs in Manitoba. Kanadas Leuchttürme stehen im Regenwald der Pazifikküste, mitten in Stadtparks (wie am Brockton Point in Vancouver) oder klammern sich an wellengepeitschte Inselchen; auf einigen müssen die Leuchttürme mit Stahltrossen gesichert werden, sonst wären sie längst weg. Die Kanadier lieben ihre Küsten-Ikonen, ihnen sind sie Symbol maritimer Größe und Erinnerung daran, dass Kanada den Menschen einen sicheren Hafen bietet. Touristen mögen sie auch – als Fotomotive.

Das Kanu

Wenn man bereit ist, sein Boot zwischendrin ein paar Mal kurz über Land zu ziehen, kann man die nördliche Hälfte Kanadas von den Rockies bis zur Ostküste komplett im Kanu durchqueren. Über Bach zu Bach, Fluss zu Fluss, Strom zu Strom und See zu See. Von denen hat Kanadas so viele, dass sie erst ab drei Quadratkilometer Größe gezählt werden, aber selbst dann kommt man noch auf – Achtung: 31752 Stück (insgesamt sind es wohl über zwei Millionen). Kein Wunder, dass das Kanu lange, lange Zeit das wichtigste Verkehrs- und Transportmittel war. Die Kanadier lieben es noch immer: Sobald es im Frühling warm wird, hat gefühlt jedes dritte Auto ein Kanu auf dem Dach. Und natürlich gilt auch folgender Spruch noch immer: Ein Kanadier ist jemand, der weiß, wie man in einem Kanu Sex haben kann, ohne umzukippen.

Das Schneemobil

Allerdings kann man mit so einem Kanu im Winter ziemlich wenig anfangen. Und weite Teile Kanadas sind über weite Teile des Jahres tief verschneit. Für Joseph-Armand Bombardier hatte das im Januar 1934 schreckliche Konsequenzen: Sein kleiner Sohn starb an einer Infektion, weil die Familie wegen des Schnees in Québec nicht zum Krankenhaus kam. Der erschütterte Vater verbrachte anschließend Jahre mit der Entwicklung eines Fahrzeugs, mit dem Kanadas Orte im Winter nicht länger von der Außenwelt abgeschnitten sein würden. Seine ersten Snowmobile wurden von Ärzten und Priestern gekauft, aber schon bald besaß so gut wie jeder Haushalt einen der Motorschlitten. Viele Kanadier düsen damit zum Spaß durch den Schnee. Im Norden aber, dort, wo weite Teile Kanadas über weite Teile des Jahres tief verschneit sind – dort ist das Schneemobil noch immer das wichtigste Transportmittel. Und es rettet noch immer Leben.

Der Ahornsirup

Irgendwann schlug dann sogar das Landwirtschaftsministerium Alarm: Die Chinesen fälschten mittlerweile nicht nur Louis-Vuitton-Taschen, Golfschlägersets und Österreichische Bergdörfer, warnte Ottawa, sondern auch Kanadas Ambrosia, den wunderbaren Ahornsirup. Zuvor hatten die Behörden bei mehreren Kontrollen Ware entdeckt, die mit Zuckerrohrsirup gestreckt und trotz Gütesiegel mitnichten aus kanadischer Produktion stammte. Ja ist denn nichts mehr heilig auf dieser Welt? Wird vor nichts mehr Halt gemacht? Und die armen Ahornsirupmacher – haben die es nicht schon schwer genug? Müssen mühsam all die Bäume anritzen, deren Saft in Eimern sammeln und ihn anschließend so lange kochen, bis der Zuckergehalt zwischen 66 und 67 Prozent liegt, eine Knochenarbeit ist das. Und dann fahren nachts Lastwagen vor, und irgendwelche Halunken klauen tausende Liter und verschwinden auf Nimmerwiedersehen, wie neulich in Quebec, schlimm ist das, ganz schlimm.

Augen auf beim Sirupkauf also! Und Vorsicht bei Hinweisen wie „echter Sirup mit Ahorngeschmack“ oder „made in Canadah“, und bei Billigangeboten sowieso: Guter kanadischer Ahornsirup kostet um die 30 Euro pro Liter. Am besten kauft man auch gleich das „Maple Syrup Cookbook“ von Ken Haedrich, ein Standardwerk mit über hundert Rezepten. Gibts im Duty Free Shop am Flughafen, gleich neben dem Sirup.

Der Eisberg

Twillingate klammert sich an den Rand Neufundlands, als habe es Angst, hinunter zu fallen. Wie die meisten anderen Orte der Provinz lebte man auch hier früher vom Kabeljau. Als Kanadas Fischereiminister John Crosbie dessen Fang Mitte der Neunziger verbot, wurden 30000 Neufundländer über Nacht arbeitslos. Seitdem macht Twillinggate sein Geld mit Eisbergen. Die stammen von den Gletschern in Grönland, und wenn sie dort abgebrochen sind, werden sie von einer Meeresströmung erfasst und treiben Richtung Süden (wobei sie in der Vergangenheit gerne mal das ein oder andere Schiff erledigt haben). Sobald die Kolosse dann vor Twillinggate auftauchen, schippern Bootsbesitzer zahlende Gäste zu den weißen Riesen hinaus. Einige Kleinunternehmer sammeln auch im Meer schwimmende Bruchstücke ein, mit ihren alten Kabeljaunetzen. Manche fahren so dicht an die Eisberge heran, dass sie Stücke abschlagen können; offenbar werden größere Stück auch mal mit der Flinte weggeschossen. Das tausende Jahre alte Eis wird dann später an kanadische Spirituosenhersteller verkauft. Angeblich schmeckt man das später an der Bar, wenn man kanadischen Eisbergwodka trinkt. Nach dem sechsten oder siebten Glas ist da tatsächlich was. Also: fast.

Der Moskito

Neubürger Kanadas bekommen von der Regierung in Ottawa ein Welcome!-Kit, und in einer Broschüre findet sich dort folgender Satz: „Moskitos sind kleine Insekten, die stechen. Viele Leute versuchen, sie zu vermeiden.“ Ja, möchte man da ausrufen, wie nett, dass Ihr die Leute aus Syrien und Afghanistan darauf hinweist! Aber müsstet Ihr Euren Neubürgern nicht eher mitteilen, dass es im schönen Kanada exakt 82 aggressive und nimmermüde Arten gibt, die einem Leben, Aufenthalt und Reise zur Hölle machen können? Und sie sich am besten schleunigst das potenteste Moskitospray anschaffen, das es zu kaufen gibt, das in der orangefarbenen Sprühflasche? Je nach Jahreszeit und Wohnort empfiehlt sich auch noch eines dieser Moskitonetze, die man über den Kopf ziehen kann, um zumindest Augen, Ohren, Mund und Nase zu schützen. In Kanadas Moskitohauptstadt ist das ein Muss. Im sommerlichen Churchill weit oben in Nordens Manitobas fliegen mehr Moskitos als irgendwo sonst auf der Welt, bis zu tausend Insekten pro Kubikmeter Luft, das kann und will man sich überhaupt nicht vorstellen. Auch die Einheimischen halten die Invasion nur aus, indem sie sich in Sarkasmus flüchten: Die Fliegen seien mittlerweile so groß, geht ein typischer Churchill-Witz, dass sie demnächst Identifikationsnummern unter ihren Flügeln tragen müssten – wie andere Flugzeuge auch.

Der Inukshuk

Rund um Churchill und überhaupt in den Weiten des hohen Nordens ist Kanada ein sehr leeres und sehr flaches Land, dessen Landschaften kaum Orientierungspunkte bieten. Die Inuit haben deswegen vor langer Zeit ein komplexes Wegzeichensystem entwickelt: Sie stapeln Steine zu bestimmten Gebilden, an deren Form andere Inuit erkennen können, in welche Richtung sich die Karibus davon gemacht haben. Zum Beispiel. Aus welchen Gründen auch immer hat Restkanada diese Skulpturen adoptiert. Jetzt sind die Inukshuks überall, große und kleine und winzige, in den Vorgärten, auf den Schreibtischen, als Anhänger beim Juwelier und vor ein paar Jahren sogar als Emblem der Olympischen Winterspiele. Bloß: Das, was alle Inukshuk nennen, ist eigentlich keiner, sondern – ein Inunnguaq. So bezeichnen die Inuit nämlich jene Steinfiguren, die wie kleine Menschen aussehen, mit einem breiten Stein für die Arme und obendrauf einen für den Kopf. Die echten und eigentlichen Inukshuks sind eher unauffällig. Meistens sehen sie aus, als habe jemand einen Haufen Steine übereinander geworfen.

Der Biber

Und damit wären wir beim Wappentier Kanadas, dem Biber. Auf den ersten Blick ist diese Wahl natürlich eine Katastrophe. Der Biber! Ausgerechnet! Schlimme Zähne, nackter Schwanz, Mitleid heischender Watschelgang, mal ganz abgesehen von einer desaströsen Umweltbilanz – sowas soll den zweitgrößten Staat der Welt repräsentieren? Wie denn das bitteschön?

Ganz einfach: Der Biber ist Kanadas Wappentier, weil es ohne den Biber Kanada nicht geben würde. Was wiederum mit der bereits erwähnten Hudson Bay’s Company zu tun hat. Der Staat Kanada existierte damals noch nicht, und die Grenzziehung zwischen den noch sehr jungen Vereinigten Staaten und den Weiten im Norden verlief eher willkürlich. Deswegen reklamierten die Pelzhändler flugs ziemlich viele Jagdgründe für sich. Ohne es zu wissen, ebneten sie so dem modernen Kanada den Weg: Es waren die 173 Handelsposten der Hudson’s Bay Company, die ein Vordringen der US-Pioniere nach Kanada verhinderten. Die Pelzjäger duldeten nämlich keine amerikanischen Siedler. Sie duldeten überhaupt keine Siedler. Siedler störten die Biber. Siedler waren schlecht fürs Geschäft.

Später haben die Kanadier den Nager zum Wappentier ernannt und ihn gleich auch noch auf ihre 5-Cent-Münze geprägt. Als kleine Wiedergutmachung dafür, dass sie ihm so vehement an den Pelzkragen gegangen sind. Und zum Dank dafür, dass er die Amerikaner nicht ins Land gelassen hat. Und man deshalb in diesem Jahr den 150. Geburtstag feiern kann.

Quelle: F.A.S.
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