Südafrika

Tafelbergfreuden im Getto des Glücks

Von Jakob Strobel y Serra
 - 16:59
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Eine Kanone am Kopf kann ein Leben verändern, zum Guten wie zum Schlechten. Im Fall von Sheryl Ozinsky ging es glücklich aus, auch wenn sie die Begegnung mit dem Tod ihr früheres Leben kostete. Als ihr die Räuber in ihrem Haus die Pistole an die Schläfe hielten, war sie die Tourismuschefin von Kapstadt und auf dem besten Weg, Südafrikas nächste Tourismusministerin zu werden. Doch statt Karriere zu machen, zog sie Konsequenzen: Sie kündigte ihren Job, kaufte eine Farm am Fuß des Tafelbergs und wollte fortan als Bäuerin und Marktfrau ihre Heimatstadt zum Besseren verändern. „Wir können nicht immer höhere Mauern bauen, sondern müssen miteinander leben und miteinander reden. Und nirgendwo sonst kommt man so gut ins Gespräch wie beim gemeinsamen Essen“, sagt Sheryl Ozinsky, eine elegante Frau mit fein geschnittenem Gesicht und kokettem Kurzhaarschnitt, die trotz Speckschürze und klobigem Schuhwerk eher an eine Jeanne d’Arc der Landlust als an eine Ackerfrau aus der Kartoffelzucht erinnert. Deswegen gründete sie den Oranjezicht City Farm Market, verkaufte dort die Ernte ihres Bauernhofs, lud gleichgesinnte Kleinproduzenten ethisch unbedenklicher Lebensmittel und Garküchenbetreiber mit ökologisch korrektem Street Food ein und war sehr schnell so erfolgreich, dass sie mit ihrem Markt vom Tafelberg hinunter an die Victoria & Alfred Waterfront ziehen musste.

Samstag für Samstag trifft sich nun zwischen dem Atlantik und dem verwaisten Fußballstadion der Weltmeisterschaft von 2010 das neue, friedliche, gemeinsam gut gelaunt schmausende Südafrika unter einem selbstgemalten Schild mit der Aufschrift „Have a nice, healthy weekend“. Man deckt sich mit Dünenspinat und Kap-Steinpilzen fürs Gesundheitswochenende ein, nascht vom selbstgemachten Honig oder von der handgefertigten Schokolade aus tansanischem Kakao und ordert an den Imbissständen Ethno-Food mit Authentizitätsgarantie: Samosas und Pho Bos, Tortillas und Huevos Rancheros, Rote-Bete-Macadamia-Kuchen und Thunfisch-Teriyaki-Burger, die an grob gezimmerten Holztischen verspeist werden – alles zu hundert Prozent antiindustriell und gerne auch komplett probiotisch.

Die Stimmung ist blendend, das Essen ausgezeichnet, das Publikum schön und schlank, und Sheryl Ozinskys Traum einer pazifistischen Mischung aus Freaks und Gourmets, Ökobauern und Besserverdienern, Gesundheitsaposteln und Schlemmermäulern scheint aufzugehen wie eine glückliche Saat – mit einem einzigen, winzigen Makel: Fast alle Menschen auf dem Markt, ganz gleich, ob Händler, Koch oder Kunde, sind weiß. Die einzigen Schwarzen, die wir sehen, sind die Parkplatzwächter, Müllsammler und Kokosnussklopfer, die mit ein paar geübten Macheten-Hieben die Nuss genussfertig für uns zurechthauen. Und so saugen wir ein wenig irritiert an ihrer Milch, blicken gedankenverloren hinüber zur Gefängnisinsel Robben Island und fühlen uns eine Sekunde lang so, als säße ihr berühmtester Insasse noch immer dort drüben.

„Slow Fast Food“ oder „Sexy Food“

Natürlich ist das nur eine Schrecksekunde, ein verstörender Blick in die schmerzvolle Vergangenheit – ausgerechnet in jener Stadt, die wie keine zweite in Südafrika die Post-Apartheid-Zeit genutzt hat, um Weltkarriere als Touristenziel zu machen. Kapstadts Besucherzahlen steigen seit Jahren ins Schwindelerregende, der Flughafen platzt aus allen Nähten, die größten Kreuzfahrtschiffe der sieben Weltmeere geben sich am Kap der Guten Hoffnung die Ankerkette in die Hand, und die guten, alten Zeiten, als man im windigen Südwinter noch sein Winterschläfchen halten konnte, sind schon lange vorbei. Jetzt empfängt Kapstadt rund ums Jahr seine vielen Verehrer mit der souveränen Gelassenheit einer Diva, die ihre Schönheit für ein gottgegebenes Geschenk hält – allen voran den kolossalen Tafelberg, der sich wie ein Götterthron über der Stadt erhebt, um sie gütig vom Lärm des afrikanischen Kontinents abzuschirmen und ihr einen Logenplatz am Meer mit einer steinernen Balustrade im Rücken einzurichten, sechshundert Millionen Jahre alt und so überwältigend schön wie am ersten Schöpfungstag.

Kapstadt weiß, dass es der wichtigste Garant für Südafrikas Einzigartigkeit als Touristenziel ist. Denn dank seiner Lebenslust und Lebenskunst kann man zwischen dem Kruger-Nationalpark und der Karoo-Halbwüste nicht nur wilde Tiere bestaunen, sondern auch sämtliche Freuden des zivilisatorischen Genusses auskosten, allen voran des Essens, des zuverlässigsten Indikators für die Kultiviertheit und den Gemütszustand einer Stadt. Am Kap könnte er nicht besser sein, denn inzwischen liegen neun der zehn besten Restaurants des Landes in Sichtweite des Tafelbergs. Und der beste Ort, um Kapstadts gegenwärtigen kulinarischen Puls zu messen, ist die Bree Street mitten in Downtown, bis vor kurzem noch die Heimat von Autowerkstätten, Reifenhändlern und Ersatzteillieferanten. Jetzt dreht sich hier kaum noch etwas um Keilriemen, sondern fast alles um Chia-Samen und Lammkarees, weil sich die Bree Street mit rasender Geschwindigkeit in eine Parade aus Gastro-Pubs, Tapas-Bars und Gesundheitsimbissen verwandelt. Sie servieren im keimfreien Vintage-Ambiente „Slow Fast Food“ oder „Sexy Food“, wobei sich die Erotik auf die kulinarischen Höhepunkte der Makrobiotik beschränkt, immerhin dargereicht mit dem berühmten Zitat des Hippokrates: „Das Essen sei deine Medizin, und die Medizin sei dein Essen.“

Lustvoll gesündigt wird an der Bree Street aber auch, in Craft-Beer-Kneipen, die mit Corrida-Devotionalien ausstaffiert sind, oder in einer sündhaft gut sortierten Gin-Bar namens „Mother’s Ruin“, die zwischen einem Käse- und einem Schinken-Degustationslokal eingequetscht ist. In diesem Triptychon der Völlerei kann die wachsende Schar von Liebhabern handgefertigter Lebensmittel vor dem Wacholderschnapsrausch auf Käseweltreise gehen und sich durch das Sortiment eines südafrikanischen Spitzenkochs und Schinkenenthusiasten kosten, der seine Schinken sogar zu Marmeladen, Relishs und Butter verarbeitet. Und weil der Mensch nicht von Butter und Brot allein lebt, sind an der Bree Street auch alle anderen Insignien des globalen Weltdorfes zu finden – von Hipster-Friseursalons, in denen ausschließlich Herrschaften mit akkurat gestutzten Rauschebärten Herrschaften akkurat die Rauschebärte stutzen, bis zu Fahrradgeschäften, die dem postmodernen, postkapitalistischen Großstadt-Cowboy „Revolution Cycles“ mit dem Konterfei Che Guevaras verkaufen.

Hier ist Südafrika so, wie es sich Nelson Mandela erträumt haben mag

Das berühmteste Lokal an der Bree Street ist das „Chef’s Warehouse“ der südafrikanischen Kochlegende Liam Tomlin, eine Kombination aus Feinkostgeschäft, Küchenzubehörhandel und Tapas-Bar. Im Angebot sind Kochmesser aus Damaszener Stahl, Wüstensalz aus der Kalahari und achtgängige Tapas-Menüs aus der Speisekammer der Globalisierung mit Kimchi, Miso und Yaki, Käse-Fondant, Thunfisch-Tartar und Gurkenasche. Wir essen uns munter durch die Welt, kosten vom Steinpilz-Risotto aus der kleinen Kupfer-Casserole und vom aromensatten Entrecôte mit Mais-Velouté – und machen uns nichts vor: Das ist eine handwerklich blitzsaubere Küche mit makelloser Geschmacksbalance, aber nicht die Speerspitze der weltweiten Gastro-Avantgarde. Denn trotz der kulinarischen Erweckung seit der Fußball-Weltmeisterschaft, trotz der Siebenmeilenschritte, mit denen die Stadt gastronomisch aufholt, hinkt sie doch noch ein paar gute Jahre hinter Barcelona, Berlin oder New York her.

Die nächste Bree Street könnte in Woodstock liegen, einem Viertel voller Lofts und Lagerhäuser, das noch ein wenig zögerlich zwischen Gentrifizierung, Hipsterisierung und Kriminalisierung schwankt. Immer mehr Künstler, Köche und andere Enthusiasten des guten Geschmacks ziehen hierher, so wie die beiden ehemaligen Wirtschaftsanwälte Lucy und Leigh, die jahrelang in der Londoner City schufteten und eines Tages des „Rattenrennens“, wie sie es nennen, überdrüssig waren. Jetzt destillieren sie in einer alten Fabrikhalle Gin nach allen Regeln der Branntweinkunst, aromatisieren ihn mit Koriander, Kardamom, Zimt und Zitronengras, verkaufen ihn unter dem rätselhaften Namen „Hope on Hopkins“ und feiern völlig zu Recht rauschende Erfolge, weil ihre Gins wahre Craft-Kunstwerke sind, aristokratische Schnäpse mit verblüffend vielfältigen Bouquets. Wir nippen andächtig an diesen Aromenbomben, prosten den beiden Anwaltsaussteigern dankend zu, denken nur für uns, dass in Europa der Gin-Hype längst zugunsten des Wermuts vorbei ist, und werden dann dringend gebeten, die Destillerie nicht zu Fuß, sondern im Taxi zu verlassen. Eine glänzende Idee, wie wir feststellen, als wir durch das nächtlich finstere, nur von Schattenwesen bevölkerte Woodstock fahren und uns nicht wunderten, wenn plötzlich Kurt „die Klapperschlange“ Russell um die Ecke biegen würde.

Das Bild des gelassenen, genusssüchtigen Kapstadt wird an den Rändern schneller brüchig, als uns lieb sein kann. Dieses Bild ist beileibe keine Schimäre, und doch fühlen wir uns an Orten wie der Gin-Destillerie, der Bree Street und noch viel stärker an der Waterfront mit ihren Open-Air-Restaurants und Kunsthandwerksmärkten, Shopping Malls und Luxushotels wie in einem Getto des Glücks. Hier ist Südafrika schon so, wie es sich Nelson Mandela erträumt haben mag, ein reiches, zufriedenes, optimistisches Land, in dem die schwarze und die weiße Mittelklasse selbstverständlich am selben Tisch sitzen und die einzige Schicksalsfrage darin besteht, ob man zum Hummer aus der False Bay einen Sauvignon Blanc oder einen Chardonnay bestellt. Und endgültig zur Vergewisserung dessen, was Südafrika sein könnte, wenn es nicht von seinen korrupten Politikern und raffgierigen, schwarz-weißen Eliten ruiniert werden würde, wird die Waterfront im September sein. Dann soll in einem alten Getreidesilo, in dessen oberen Etagen sich Kapstadts teuerstes Hotel eingenistet hat, das Zeitz Museum of Contemporary Art Africa eröffnet werden, das bedeutendste seiner Art auf dem afrikanischen Kontinent. Es ist allerdings kein Fanal südafrikanischen Bürgersinns, sondern die Wohltat des deutschen Philanthropen und Afrika-Liebhabers Jochen Zeitz, ehemals Chef des Sportartikelherstellers Puma, dessen Sammlung den Grundstock des Museums bildet.

Verrostete Container statt kubistischer Architektur

Ob auch Paul Harris die eine oder andere Pretiose aus seiner Privatsammlung an das Museum ausleihen wird, steht nicht zu erwarten, zumindest weiß niemand etwas von solchen Plänen. Der schwerreiche Bankier und Kunstfreund, einer der vermögendsten Männer Afrikas, zieht es vor, seine Gemälde und Skulpturen einem erlauchten Kreis im Ellerman’s House vorzubehalten, seinem prachtvollen Luxushotel in Bantry Bay hoch über Kapstadt, das zugleich ein Privatklub ist. Seine Sammlung macht aus seinem Hotel in dichtester Petersburger Hängung eine großartige Asservatenkammer des Kunstgenusses mit ebenso grandiosem Ausblick auf Kapstadt und den Atlantischen Ozean – mit dem einzigen Wermutstropfen, dass die Eintrittskarte ein paar hundert Euro kostet.

Wir sitzen auf der Terrasse unserer noch viel teureren Ellerman-House-Privatvilla, trinken als Sundowner einen ausgezeichneten südafrikanischen Schaumwein und dürfen uns eine Nacht lang so fühlen, als gehörten wir zu den Schönen, Sorgenfreien, Schwerreichen, die ihr Leben in Bantry Bay und dem benachbarten Clifton genießen. Es ist die teuerste Gegend des gesamten Landes, in der kürzlich ein Vier-Zimmer-Apartment für zehn Millionen Dollar verkauft wurde und in der die Häuser wie kubistische Kunstwerke mit freiem Meerblick an der Steilküste kleben, wenn auch geschützt wie Hochsicherheitsgefängnisse mit fünffachen Elektrozäunen. Auch wir sitzen auf unserer Terrasse hinter solchen Drähten, in Freiheit, nicht hinter Gittern, überlegen uns, dass im Umkehrschluss draußen das Gefängnis sein müsse, dass also Südafrika ein Zuchthaus sei – verwerfen aber diesen albernen Gedanken sofort wieder und denken lieber darüber nach, ob wir am nächsten Morgen direkt oder mit einem kleinen Umweg ins Weinland am Kap der Guten Hoffnung zu dem einzigen Menschen weit und breit fahren sollen, der es an Leidenschaft für südafrikanische Kunst mit Paul Harris aufnehmen kann: dem Diamanten-Tycoon Laurence Graff.

Wir nehmen den Umweg und fahren zuerst zu Gloria Bebeza, dorthin, wo man nicht in kubistischer Architektur wohnt, sondern in verrosteten Containern haust und für zehn Millionen Dollar tausend Häuser statt vier Schlafzimmer bekommt. Gloria, eine winzige Person mit riesenhaftem Herzen, fing mit einer Suppenküche in Khayelitsha an, der größten Township Kapstadts, Heimat und oft genug auch Endstation Hoffnung von geschätzten anderthalb Millionen Menschen, ziemlich genau auf halbem Weg zwischen den Milliardären Harris und Graff gelegen. Inzwischen betreut Mama Gloria, wie sie von Groß und Klein genannt wird, mit einer Heerschar freiwilliger Helfer und dank vieler Spenden auch aus Europa dreihundert Kinder im Alter von sechs Monaten bis achtzehn Jahren, kocht für sie, singt mit ihnen, hilft bei den Hausaufgaben, kämpft Tag für Tag den Kampf des Sisyphos oder auch den des Herkules gegen die Hydra des Elends.

Die Heilige der Schicksalsschlachthöfe

Aids sei das größte Problem, sagt Mama Gloria, mindestens die Hälfte der Mütter seien infiziert und würden von ihren Männer auch noch beschuldigt, die Krankheit ins Haus geschleppt zu haben. Dabei seien die Kerle, viele von ihnen saufende, prügelnde, herumlungernde, herumhurende Taugenichtse, meist selbst schuld. Wenigstens könnten die Frauen ihre Kinder bei ihr abgeben und arbeiten gehen, bei dreihundertfünfzig Rand Sozialhilfe pro Monat, umgerechnet fünfundzwanzig Euro, sei das überlebenswichtig. Sie selbst gebe übrigens allein für Essen zwanzigtausend Rand im Monat aus, nur damit wir eine Vorstellung hätten. Und während sie das alles sagt, lacht Gloria unentwegt, als erzähle sie Witze am laufenden Band, als sei ihre Sozialstation kein Hoffnungsanker inmitten eines Ozeans der Perspektivlosigkeit, sondern ein bukolisches Bullerbü auf der grünen Wiese.

Dann zeigt sie uns voller Stolz ihren winzigen, stacheldrahtbewehrten Spielplatz, einen Käfig voller fröhlicher, vergnügter Kinder. Gleich dahinter liegt ein verwahrloster Bolzplatz, auf dem Lumpenjungen einem Lumpenball hinterherjagen, und gleich dahinter erstreckt sich das Barackenmeer von Khayelitsha fast bis zum Fuß des Tafelbergs. Ihre Arbeit könne nicht mehr sein als ein Tropfen auf den heißen Stein, sagt die großherzige Gloria, diese nimmermüde Heilige der Schicksalsschlachthöfe, fast entschuldigend, als sich unsere Blicke wieder kreuzen. Und wir sagen ihr nicht, was wir denken: Es ist kein Tropfen auf den heißen Stein. Es ist ein Tropfen auf eine ganze Wüste.

Der britische Diamanten-Milliardär Laurence Graff teilt mit Mama Gloria nichts außer den Blick auf den Tafelberg. Er hat sich für sein privates Gesamtkunstwerk den schönsten Flecken in einer der schönsten Gegenden des südlichen Afrika ausgesucht: einen exponierten Hang mit Logenlage im Herzen des größten und ältesten Weinbaugebiets Südafrikas. Vor fast vierhundert Jahren begannen Holländer und Hugenotten mit dem Weinbau rund um den Tafelberg, pflanzten eine feingliedrige Kulturlandschaft in die rauhe Natur und schufen entzückende Städtchen im kapholländischen Stil wie Stellenbosch und Franschhoek, in denen sich bis heute die Kolonialhäuschen im blütenweißen Gewand mit Spitzgiebeln, Glockentürmen und Sprossenfenstern unter monumentalen Eichen ducken. So pittoresk, so makellos sieht das alles aus, als hätten die Architekten damals Delfter Porzellanteller als Vorlage in der Hand gehalten, um ihre steinernen Seufzer der Sehnsucht nach der fernen Heimat zu schaffen, die längst die Sehnsüchte des Fernwehs erhören.

Von Supermarktqualität auf internationales Niveau

Denn das Weinland am Kap der Guten Hoffnung profitiert genauso spektakulär vom südafrikanischen Tourismusboom wie Kapstadt. Dutzendweise sind Kolonialhäuser in luxuriöse Landhotels umgewandelt und Weingüter um Restaurants oder Bed & Breakfasts ergänzt worden. Unüberschaubar ist die Zahl der Investoren vor allem aus dem Ausland, die sich Güter zugelegt haben, nicht als Trophäen, sondern als Herausforderung: Sie wollen die Weine, die jahrelang nur bessere Supermarktqualität hatten, auf internationales Niveau bringen – und es gelingt ihnen grandios. Richard Branson mischt genauso mit wie ein bekannter deutscher Sockenfabrikant oder ein indischer Versicherungs-Mogul, den alle nur Mr. Singh nennen. Mr. Singh hat sich auch die halbe Hauptstraße von Franschhoek unter den Nagel gerissen, betreibt dort ein indisches und ein französisches Restaurant, ein Fünf-Sterne-Boutique-Design-Hotel, eine Galerie mit zeitgenössischer Kunst, einen Tuk-Tuk-Taxibetrieb und wird von den meisten Einheimischen hochwillkommen geheißen, weil sich endlich etwas tut in der verschlafenen Pittoreske von Franschhoek.

Selbst die rotgesichtigen Buren in „Taki’s Place“ haben nichts gegen Mr. Singh, dieser letzten Bastion einheimischen Lebens inmitten von Boutiquen, Galerien und Delikatessengeschäften, einer griechischen Taverne mit schauderhafter Speisekarte und vergilbten Fotos von Rennautos an der Wand. Die Buren sitzen seelenruhig vor ihrem Bier, wir setzen uns genauso gelassen dazu und lassen uns von der friedvollen Stille des Franschhoek-Idylls umschmeicheln, bis es plötzlich laut wird, weil ein rachitischer Pick-up über die Hauptstraße rumpelt, die Ladefläche voller abgekämpfter, schwarzer Arbeiter mit todmüden Gesichtern. Und erst in diesem Moment wird uns beschämend klar, dass wir bisher nicht gesehen haben, was wir nicht sehen wollten: Auch Franschhoek ist ein Ort so blütenweiß wie die kapholländischen Häuser, wie Sheryl Ozinskys Wochenmarkt und auch fast so weiß wie das Weingut Delaire Graff.

Sechshundertfünfzig Kunstwerke vor allem südafrikanischer Schwergewichte wie William Kentridge, Deborah Bell oder Anton Smit hat Laurence Graff für sein Weingut zusammengetragen und als Krönung des Ganzen das „Chinese Girl“ von Vladimir Tretchikoff ersteigert, das berühmteste Gemälde der südafrikanischen Kunstgeschichte, die Mona Lisa vom Kap. Sie steht ein wenig achtlos neben der Rezeption von Delaire Graff, das gleichermaßen Weingut, Luxuslodge, Architekturikone und Kunstmuseum mit angeschlossenen Gourmetrestaurants, Wellness-Labyrinthen und Diamantengeschäften sein will. Alles hier ist kostbar und spektakulär, die Glasfronten, die den Blick auf Fass- und Flaschenkeller freigeben, die Innenwände, die aus Hunderten von Schieferschichten aufeinandergetürmt sind, die Kunstharzböden aus fixierten Pfirschkernen, die gelben Diamanten in den Juwelierauslagen für siebenhunderttausend Dollar das Stück.

Der Tafelberg als Kronjuwel

Unbezahlbar aber ist die Aussicht von den Terrassen des Weinguts auf die fünfhundert Millionen Jahre alten Granitberge, die hier wie monumentale Elefantenschädel, dort wie gigantische Faustkeile in den Himmel ragen, scharfkantigster Stein, schärfster Gegensatz zu den Rebenzeilen, die sich weich wie Höhenlinien an die Berge schmiegen. Der Kontrast zwischen ihrem Grün und dem Grau des Granits, zwischen ihrer Filigranität und der Schroffheit des Felsens, zwischen kunstvoller Kulturlandschaft und roher Naturgewalt ist so überwältigend, dass wir den Blick gar nicht mehr abwenden wollen von diesem Gemeinschaftsgesamtkunstwerk mit dem Tafelberg als Kronjuwel am Horizont. Wir lassen uns noch einmal vom Schaumwein des Hauses nachschenken, dem fabelhaften Delaire Graff Sunrise, einer Cuvée aus Chenin, Chardonnay und Cabernet Franc, bevor der Sonnenuntergang uns endgültig dieses berauschenden Anblicks beraubt – und müssen eine Schrecksekunde lang an Gloria Bebeza denken, die jetzt auch den Tafelberg in der Abendsonne leuchten sieht und ihre letzten Schutzbefohlenen in die schwarze Nacht der Township entlässt.

Der Mensch ist schwach, der Mensch ist schlecht, wir sind es auch, und so finden wir es jetzt gar nicht schlimm, dass unsere Genusssucht stärker ist als die Gewissenslast, verzeih uns, Mama Gloria. Und wer weiß, vielleicht liegt gerade darin die Antwort auf alle Fragen Südafrikas.

Am Kap der Guten Hoffnung

Informationen: Der südafrikanische Veranstalter Rhino Africa, der vom TÜV Rheinland zertifiziert ist und Sicherungsscheine nach deutschem Reiserecht ausgibt, bietet maßgeschneiderte Reisen durch das südliche Afrika an. Sie werden telefonisch oder online gemeinsam mit den Kunden konfektioniert, einen Katalog gibt es nicht. Die Beratung erfolgt durch deutsche Muttersprachler. Neben klassischen Safaris sind auch Arrangements mit den Schwerpunkten Kultur, Kulinarik oder Sport im Angebot, wobei sämtliche Bausteine individuell kombiniert werden können. Die Bandbreite der Unterkünfte reicht von Mittelklassehäusern wie La Petite Ferme in Franschhoek (www.lapetiteferme.co.za), einem Weingut mit Landhotel, bis zu Luxushotels wie Ellerman’s House (www.ellerman.co.za) oder dem Weingut Delaire Graff (www.delaire.co.za). Rhino Africa legt Wert auf nachhaltigen Tourismus und unterstützt mit jeder gebuchten Reise Naturschutz- und Gemeindeprojekte im südlichen Afrika wie die Betreuungseinrichtung von Gloria Bebeza in der Township Khayelitsha. Auf Wunsch werden auch Besichtigungen der Einrichtungen angeboten. Auskünfte im Internet unter www.rhinoafrica.com oder per Telefon unter 08 00/1 82 32 11 (gebührenfrei).

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Strobel y Serra, Jakob (str.)
Jakob Strobel y Serra
stellvertretender Leiter des Feuilletons.
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