Deutschlands sieben Weltwunder

Die Wucht am Rhein

Von Andreas Rossmann
 - 17:13
zur Bildergalerie

Der sicherste Weg zu ihm führt über die Rolltreppe. Der sicherste, um verunsichert, um erschüttert zu werden, aus der U-Bahn-Station Dom/Hauptbahnhof auf den Kardinal-Höffner-Platz. Und während der Fußgänger hinauffährt, dreht sich der Kopf bis zum Anschlag in den Nacken, und die Augen fahren mit. Nur schneller, steiler, höher, bis an die Spitze der Zwillingstürme, die links neben ihm aufsteigen, die senkrecht in den Himmel stürmen. Nicht nur im Mondenschein, so Heinrich Heine in „Deutschland. Ein Wintermärchen“, ragt der „kolossale Geselle“ „verteufelt schwarz empor“. So eindrucksvoll, erschlagend und überwältigend, dass es die Vorstellung übertrifft. Jedes Mal wieder.

Das Städtische Verkehrsamt im Rücken, hat der Betrachter dessen Vorzeigestück vor Augen. Und staunt. Über die schiere Größe. Über die imposante, mehr als sechzig Meter breite Westfassade. Über die rationale, stilreine gotische Architektur, über die 157 Meter hohen Türme und ihre feingliedrigen Maßwerkhelme. Über die zahlreichen Einzelheiten in Grund- und Aufriss, streng geordnet in ihrer Einheitlichkeit. Notre-Dame ist überschaubar dagegen, das Ulmer Münster zwar fünf Meter höher, doch hat es nur einen Turm; in Straßburg wurde die zweite Spitze nie realisiert. Das Vorbild, die 1220 begonnene Kathedrale von Amiens, wird übertroffen, Meister Gerhard, der erste Architekt, hat sie intensiv studiert. Der Kölner Dom ist, auch wenn er erst 1880 vollendet wurde, die – so der frühere Dombaumeister Arnold Wolff – „vollkommene Kathedrale“. Einzigartig, unvergleichlich, perfekt.

Doch nur vor der Westfassade ist diese Größe, diese Wucht, diese Erhabenheit noch zu spüren und zu erleben. Denn 1970 wurde der Dom auf eine Platte gestellt – und damit vom Sockel geholt: auto- und fußgängergerecht, auf eine große Flanierzone, die auf einer zweistöckigen Garage steht. Statt über eine breite, repräsentative Treppe wird das Gotteshaus seitdem durch das Hauptportal auf gleicher Ebene betreten, antihierarchisch und demokratisch, Städtebau der sechziger Jahre, als Höhenstufungen und Aufgipfelung nicht mehr gefragt waren. Auch ein Reflex auf den Nationalsozialismus. Verständlich, politisch korrekt und aller Ehren wert. Doch die Nivellierung hat den Dom von der Stadt isoliert und ihm etwas von seiner Monumentalität genommen, von diesen mehr als vierhunderttausend Kubikmetern umbauten Raum. Es ist der Versuch einer Degradierung und Domestizierung, die ihn nicht kleinkriegt und ihm doch zusetzt: Von Süden, vom Roncalli-Platz aus betrachtet, an dessen Ende erst vor ein paar Wochen – wie beschaulich – Bänke aufgestellt wurden, sieht es aus, als hätte man die gotische Kathedrale auf ein Tablett geschoben. Lego lässt grüßen.

Was ist es, das die Menschen heute fasziniert?

Der Kölner Dom ist die beliebteste Sehenswürdigkeit in Deutschland. Sieben bis acht Millionen Menschen besichtigen ihn jedes Jahr, die Dresdner Frauenkirche, das Brandenburger Tor und Schloss Neuschwanstein folgen auf den Plätzen. Im Schnitt sind es zwanzigtausend Besucher täglich, mehr als die größte mittelalterliche Kirche der Christenheit verkraften kann. Aus der ganzen Welt kommen sie angereist: Pauschaltouristen aus China, Gewerkschaftler aus Polen, Architekturstudenten aus Italien, Pfadfinder aus den Niederlanden, Ordensfrauen aus Indien.

Das religiöse Symbol, das der Dom auch ist, hat seit dem Zweiten Weltkrieg an Anziehungskraft verloren. Im Jahr 1948, als sein siebenhundertjähriges Jubiläum, zu dem sich zahlreiche Kirchenfürsten aus dem Ausland einfanden, mit einer großen Prozession durch die Trümmer und Schuttberge der Stadt begangen wurde, war sie noch groß. Die Feier damals war kirchlich, nicht politisch ausgerichtet und bedeutete keineswegs schon die Rückkehr Deutschlands in die Völkergemeinschaft, die im Nachhinein daraus gemacht wurde. Auch 1956, als der Katholikentag in Köln stattfand, stand der Dom für den Glauben. Und als Charles de Gaulle im September 1962, zwei Monate nach der „Versöhnungsmesse“ in Reims, zum Gegenbesuch in die Bundesrepublik reiste, kam der fromme Europäer nach Köln, um im Dom zu beten. Den Trauerzug für Joseph Kardinal Höffner begleiteten 1987 noch dreißigtausend Kölner, bei seinem Nachfolger Joachim Kardinal Meisner waren es im Juli nur ein paar hundert. Solange Bonn Sitz der Bundesregierung war, rangierte der Dom als Hauptattraktion im Damenprogramm der Staatsbesuche; den G-8-Gipfel 1999 nach Köln zu vergeben war das letzte Trostpflaster für die verlorene Hauptstadtnähe, die das Bild der Stadt und damit ihres Wahrzeichens noch einmal um den Globus schickte.

Man mag das bedauern, und der Geistlichkeit dürfte es bewusst sein. Doch die große Mehrheit der Menschen, die heute die Metropolitankirche des Erzbistums aufsuchen, kommt nicht aus Glaubensgründen. Dennoch ist die Attraktion ungebrochen, der Dom ist populär und fast immer gut besucht. Dabei hat er nichts Anheimelndes, gar Gemütliches, sondern entzieht sich in seiner Gigantomanie jeder Maßstäblichkeit. Auch nichts Romantisches wie noch der Torso, als nicht die Türme, sondern der mittelalterliche Baukran auf dem Stumpf des Südturms das Wahrzeichen der Stadt war. Was aber ist es dann, das die Menschen heute fasziniert? Und wofür steht der Dom, wenn er nicht mehr für die Religion steht? Und auch nicht mehr wie im neunzehnten Jahrhundert, als er nach fast dreihundert Jahren Bauunterbrechung vollendet wurde, für die Einheit der Nation, für die Einigkeit der Konfessionen, für Friede und Fortschritt, für die Verbindung von mittelalterlicher und – mit der Eisenbahn, die über den Rhein auf den Chor zurollt – moderner Technik? Steht er womöglich für nichts mehr? Ist er nur noch ein Weltwunder der Architektur, das, von keinen ideologischen Inhalten belastet, für sich selbst steht?

„Märchen vom Turm zu Babel an den Ufern des Rheins“

Der Kölner Dom war von Anfang an mehr als nur ein Gotteshaus. Der an der Stelle des Alten Domes errichtete Neubau, für den 1248 der Grundstein gelegt wurde, war eine politische Demonstration. Als überdimensioniertes Schreingehäuse nahm er die kostbaren Reliquien der Heiligen Drei Könige auf, die in Mailand geraubt, 1164 nach Köln gebracht und bald so etwas wie Staatsreliquien der deutschen Könige wurden. Ähnlich wie die Dornenkrone, die als Hauptreliquie in Sainte-Chapelle in Paris, der Palastkapelle der französischen Könige, vorn im Chor aufbewahrt wurde und ein Symbol für die irdische, von Christus legitimierte Herrschaft war. Die Kölner Erzbischöfe ahmten das nach. Sie hatten seit dem elften Jahrhundert das Krönungsrecht für die deutschen Könige, das ihnen eine entscheidende Rolle im weltlichen Machtgefüge zuwies. Und der Besitz der Dreikönigsreliquien untermauerte diesen Anspruch. Nach der Krönung, die meist in der Aachener Pfalzkapelle Karls des Großen stattfand, kamen die Könige zu den Heiligen Drei Königen nach Köln, denn diese waren als erste christliche Könige ihre Vorgänger.

Die Repräsentation von weltlicher und geistlicher Herrschaft im Dom wird dadurch demonstriert, dass beide, Kaiser und Papst, kraft Amtes dem Domkapitel angehören. Dass von Beginn an neben der Aufgabe als Pilgerkirche und als Kirche der Erzbischöfe sowie des Domkapitels der Krönungsgedanke steht, macht das Bildprogramm des Domchors deutlich: An den Pfeilern im Binnenchor stehen die zwölf Apostel, wie es das davor nur in Sainte-Chapelle und später auch in Aachen gab. Der Zyklus in den Fenstern des Obergadens zeigt vierundzwanzig Königsfiguren, zwölf „Paare“ mit je einem alten und einem jungen König.

Im Spätmittelalter tritt die politische Bedeutung des Doms hinter der Pilgerkirche zurück. Köln verliert an Bedeutung, um 1520 kommt der Weiterbau zum Erliegen. Kupferstiche und Holzschnitte des Doms betonen das Halbvollendete und vermitteln mit der kleinteiligen Bebauung um die Kathedrale zunehmend ein pittoreskes Bild. Georg Forster, der 1790 „das finstre, traurige Köln“ besucht und „recht gern“ wieder verlässt, bedauert, „dass ein so prächtiges Gebäude unvollendet bleiben muss“. Schon vor dem Ende der Besatzung durch die Franzosen von 1794 bis 1814, die den Dom profanieren, mehren sich die Stimmen, die auf den Weiterbau drängen. Sulpiz Boisserée schickt 1810 sechs Zeichnungen von der Domkirche an Goethe, der, mit den Romantikern über Kreuz, dem „Märchen vom Turm zu Babel an den Ufern des Rheins“ zunächst skeptisch begegnet, um dann 1820 die „vaterländische Unternehmung“ zu rühmen. Joseph Görres ruft schon 1812, noch republikanisch gesinnt, im „Rheinischen Merkur“ als Erster zur Vollendung auf: „Ein ewiger Vorwurf steht der Bau vor Augen. In seiner trümmerhaften Unvollendung, in seiner Verlassenheit ist es ein Bild gewesen von Teutschland seit der Sprach- und Gedankenverwirrung; so werde es denn auch ein Symbol des neuen Reiches, das wir bauen wollen.“

Glockengeläut, Kanonendonner, Jubel

Noch bevor 1815 das Rheinland zu Preußen kommt, zeigt sich der Kronprinz begeistert, und auf einer seiner vielen eigenhändigen Zeichnungen versetzt er 1817 den Dom auf die Spreeinsel. Zwei Jahre nachdem der „Romantiker auf dem Thron“ diesen bestiegen hat, beschwört Friedrich Wilhelm IV. am 4. September 1842 bei der Grundsteinlegung für die Domvollendung „den Brudersinn aller Deutschen, aller Bekenntnisse“ und den „Geist deutscher Einigkeit und Kraft“. Der preußische Oberbaudirektor Karl Friedrich Schinkel beruft den Architekten Ernst Friedrich Zwirner zum Dombaumeister und damit zum Herrn über die größte deutsche Baustelle im neunzehnten Jahrhundert. Ohne Preußen, das jedes Jahr fünfzigtausend Taler, etwa ein Drittel der Bausumme, aus der Staatskasse bereitstellt, wäre der Dom ein Torso geblieben.

Schon 1840 lässt Max Schneckenburger „Die Wacht am Rhein“ chauvinistisch donnergrollen, doch erst die Vertonung durch Carl Wilhelm 1854 lässt das Gedicht zur inoffiziellen Nationalhymne avancieren. Eichendorff preist den Dom 1842 als „das erhabenste Denkmal Deutscher Baukunst“, Uhland als „Denkmal – der gemischten Ehe!“. Grillparzer äußert sich skeptisch: „Schon einmal, dass sich Einheit nicht verliert, / Erbauten sie den Riesenturm zu Babel; / Doch ward die Sprache gleich, der Sinn verwirrt, / Und Turm und Widmung kennt nur noch die Fabel.“ Ähnlich wie auch Annette von Droste-Hülshoff revidiert Heinrich Heine in der Vorrede zur Neuausgabe des „Atta Troll“ von 1846 seine frühere Sympathie für die Domvollendung und prophezeit, seinem Versepos werde es ergehen wie dem „Cöllner Dom“: „Er ward nicht fertig.“ Als 1880, nach nur achtunddreißig Jahren, der letzte Stein auf die Kreuzblume gesetzt wird, entzweit der Kulturkampf das Land, und Wilhelm I. macht aus der Festveranstaltung eine Kundgebung für das Reich. Doch der Erzbischof befindet sich in der Verbannung, und das Domkapitel ruft zu „würdiger Zurückhaltung“ auf, was die Kölner Bürgerschaft nicht abhält, an dem bombastischen, historischen Festzug teilzunehmen. Fahnen, Hüte und Tücher werden geschwenkt, Glockengeläut, Kanonendonner, Jubel.

Die Domvollendung als steingewordener Nationalgedanke hallt nach bis über das Ende des Ersten Weltkriegs. Noch die Rheinlandbefreiung wird davon erfasst: Als am 31. Januar 1926 die letzten britischen Soldaten aus Köln abgezogen sind, wird in der darauffolgenden Nacht vor dem Dom ein großes Freudenfest veranstaltet. Die Nationalsozialisten aber können die Kathedrale ideologisch nicht vereinnahmen, dazu ist die gotische Architektur zu französisch. Sie bevorzugen die Romanik und okkupieren den Braunschweiger Dom und die Stiftskirche Quedlinburg, in der Heinrich I., der in der Geschichtsschreibung als Gründer des „regnum teutonicum“ gilt, begraben liegt. Doch das, was Heinrich Böll ein „Hohenzollerngebilde“ nennt, wird weiter als Machtsymbol geschmäht, der Kölner Literaturnobelpreisträger formuliert 1979 unter „Deutsche Utopien I“ ein ironisches Plädoyer für die Dekonstruktion: „Die Türme des Kölner Doms werden nun doch abgetragen, / Beuys – als Bildungsbeauftragter des Landes NRW zuständig – / beteiligt daran die Kölner Bevölkerung.“

„Wenn der Dom fertig wird, geht die Welt unter“

Heute ist der Dom weitgehend frei von ideologischen Besetzungen. Aber nicht von emotionalen. „Mer losse d’r Dom en Kölle, denn do jehööt hä hin. Wat sull di dann woanders, dat hätt doch keine Senn“, singen die Bläck Fööss, und die Kölner singen mit. Das 1973 veröffentlichte Lied ist zur Lokalhymne geworden. Die Kölner tragen den Dom trotz seiner kalten Pracht im Herzen. Wie durch ein Wunder hat er den Krieg weitgehend unbeschadet überstanden, als Zeichen der Hoffnung ist er in der Trümmerwüste stehen geblieben und seitdem mehr als nur ein Wahrzeichen: Überlebenssymbol, Identitätsanker. Der Zentral-Dombau-Verein, der, 1841 gegründet, bis heute mehr als sechzig Prozent der Bauunterhaltung finanziert, ist mit derzeit 16 500 Mitgliedern die größte und älteste Bürgerinitiative in Deutschland.

„Wenn der Dom fertig wird“, so der Volksmund, „geht die Welt unter.“ Die Karnevalisten ziehen, wenn die Session beginnt, vor den Hochaltar, um sich segnen zu lassen, und der 1. FC Köln, in dessen Wappen der Geißbock zum Sprung über die Domtürme ansetzt, tut es ihnen nach: Seit 2014 trifft er sich zu einem ökumenischen Mittagsgebet, bei dem die Orgel die Vereinshymne spielt und die frommen Fans mit Trikot, Schal oder Fahne in den Vereinsfarben – rot-weiß wie die Chorkleidung – „Mer stonn zo dir Effzeh Kölle“ singen.

Der Dom ist auch Werbemittel, Unternehmen von Brauereien über Makler und Spediteure bis hin zu einer Bank führen ihn in ihrem Logo, das Wahr- ist genauso ein Markenzeichen. In mehr als hundert Liedern, Karnevalslieder zumal, kommt der Dom vor, und jedes Jahr werden es mehr. Kein Gebäude weltweit dürfte so vielstimmigen musikalischen Zuspruch erfahren. Die Kölner lieben den Dom. Aber achten sie ihn auch? Die Debatte um die Hochhäuser auf der gegenüberliegenden Rheinseite, die 2005 den Welterbestatus bedrohten und bis in die Stadtspitze Zuspruch fanden, lassen da Zweifel aufkommen, ebenso wie die Horden von Wildpinklern, die sich an ihm vergehen.

Numinos und transzendent

Als Monument der nationalen Einheit hat der Dom ausgedient, weil es eines Denkmals dafür nicht mehr bedarf, und dass eine Wippe in Berlin für das stehen könnte, was im neunzehnten Jahrhundert der Dom verkörperte, wirft ein kritisches Licht auf das Geschichtsbewusstsein jener Zeitgenossen, die das für eine angemessene Form des Gedenkens halten. Seine Bildmacht aber ist ungebrochen, die Silvesternacht 2015, in der der Dom die publicityträchtige Kulisse für kollektive Kriminalität abgab, hat es bewiesen.

Auch 769 Jahre nach der Grundsteinlegung geht von dem Bauwerk eine einzigartige Kraft aus, die jeden, der es betritt, in eine andere Welt versetzen kann. Das, was der Kunsthistoriker Hans Jantzen als entscheidendes Merkmal der gotischen Kathedralbaukunst ausgemacht und als „Diaphanie“ bezeichnet hat, eine Wahrnehmung des Raumes, der nicht mehr von Mauern, sondern von durchscheinenden, farbigen Glasfenstern und weiten Arkaden bestimmt wird, so dass seine Grenzen verwischen und tendenziell aufgehoben werden, das lässt sich hier erfahren – numinos und transzendent. Indem er dies überwältigend vor Augen führt, reißt uns der Dom aus der Gewohnheit.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rossmann, Andreas (aro.)
Andreas Rossmann
Feuilletonkorrespondent in Köln.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAnnette von Droste-HülshoffCharles de GaulleHeinrich HeineJoachim MeisnerDeutschlandKölnKölner DomRhein1. FC KölnBundesregierungKircheLEGO