Kreuzfahrt

Allein unter Amerikanern

Von Thomas Lindemann
 - 12:52

Tagelang hört das Ohr kein Wort Deutsch. Und dann steht ein Paar aus dem Sauerland in diesem langen Gang, der bunt blinkt, weil überall links und rechts Spielautomaten aufgebaut sind. Petra und Rainer sind zum fünften Mal auf einer hauptsächlich von US–Amerikanern besuchten Kreuzfahrt. „Das ist einfach etwas anderes als das Herumschippern im Mittelmeer“, sagt er. „Aber der Krach oben an Deck irritiert schon“, findet sie.

Die einen nennen es Krach, die anderen Entertainment-Programm. Bei dem (erschütternd kleinen) Pool auf dem Oberdeck spielen ab mittags DJs, oft wird getanzt, und wer gerade keinen Cocktail dabei in der Hand hält, lässt sich zwischendurch einfach ins Wasser fallen. Wir sind auf dem Kreuzfahrtschiff „Norwegian Getaway“, auf dem Weg von Miami in die Karibik. Die „Getaway“ ist anderthalbmal so schwer wie „Mein Schiff 5“, das jüngste Produkt der Tui Cruises und Europas wahrscheinlich aufregendstes aktuelles Kreuzfahrtschiff. „Die Amerikaner sind einfach fetter“, sagt Rainer, bevor er sich mit seiner Frau in den Hochseilgarten aufmacht, der das Achterdeck überspannt und nicht nur Jugendliche anlockt. Eine Planke ragt dort zweieinhalb Meter über das Schiff hinaus, dort steht man dann, angeseilt natürlich, aber gefühlt in größter Gefahr, 17 Decks hoch über dem offenen Meer.

Action und Superlative – die beiden Ideen, aus denen Amerika ein Kreuzfahrtschiff baut. Norwegian Cruise Lines (NCL) ist von der Passagierkapazität her die viertgrößte Kreuzfahrtgesellschaft der Welt, verfügt über knapp 40 000 Betten. Allerdings hat die in Miami beheimatete Reederei gerade auch noch Prestige Cruises für drei Milliarden Dollar geschluckt und zudem vier weitere Riesenschiffe bestellt. Wir befinden uns mitten im Krieg der Sterne der Kreuzfahrten. Zurzeit sind etwa 300 Hochseekreuzfahrtschiffe auf der Welt unterwegs, bis 2024 werden noch mehr als sechzig weitere gebaut. Die größte deutsche Kreuzfahrt-Reederei, Aida, hält 16 000 Betten und steht international auf Platz neun.

Im Mai in der Ostsee

Und auch wenn Norwegian in Wiesbaden ein Büro unterhält und immer wieder Schiffe nach Europa schickt, in diesem Jahr erstmals sogar fünf, ist die Marke hier nicht sehr bekannt. Das Unternehmen will das ändern, weshalb es nun auch deutsche Journalisten eingeladen hat. Im Mai kommt die „Getaway“ in die Ostsee, fährt fünf Monate lang ab Warnemünde nach Skandinavien und St. Petersburg.

Bisher war das Schiff fest in amerikanischer Hand. Als wir in Miami ablegen, gibt es im Pub „O’Sheehans“, der tagsüber auch Burger und Pommes serviert, ein Treffen für alle deutschen Gäste. Das sieht dann aus wie ein Elternabend, rund 50 sind gekommen. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich aber 4000 Passagiere auf dem Schiff. Die meisten Deutschen wollen wissen, ob denn wirklich alles inklusive ist. Doch, doch, mit wenigen Ausnahmen, sagen Sarah und Laura, die man immer am Desk auf Deck 6 ansprechen könne. Weil das deutsche Publikum es so will, bekommt es All-inclusive-Angebote, während die meisten Amerikaner lieber sehr günstig buchen, dann aber jedes Essen und jeden Cocktail bezahlen.

Wer an einem beliebigen Abend gegen acht durch alle Räume schauen könnte, bekäme wohl Kopfschmerzen vor lauter Eindrücken. Das Illusionarium, eine Mischung aus Restaurant und Theater, ist ganz im pseudoviktorianischen „Steampunk“-Stil eingerichtet. Während Pasta und Grauburgunder serviert werden, lassen die Tänzer auf der Bühne Frauen in Kisten verschwinden. Im Comedy Club spielen zwei Pianisten vor dem überfüllten Saal gegeneinander, das Publikum ruft Musikwünsche herein, die sofort in die Improvisation eingebaut werden. Die Restaurants und Bars zu zählen ist unmöglich. (Oder doch: Es sind siebzehn.) Es gibt jeden Tag ein Single-Treffen und an den meisten Tagen Yoga. Es gibt Minigolf und mittags eine Tanzstunde. Es gibt „Free Fall“-Wasserrutschen, in denen man wie eine Rohrpost durch eine Falltür ins Rohr fällt. Die „Ice Bar“ wird während der Fahrt durch die über dreißig Grad heiße Karibik auf minus acht heruntergekühlt. Wer dort für 20 Dollar zwei Mini-Drinks aus Eisgläsern trinken will, bekommt einen Fellmantel, Handschuhe und Mütze. Das könnte man verrückt finden. Aber wer sich um das Klima Sorgen macht oder Energieverschwendung für ein wichtiges Thema hält, der geht wohl auch eher nicht auf ein solches großes Kreuzfahrtschiff.

Schrecklich amüsant, unerträglich traurig

Zwei ruhige Orte findet, wer lange genug sucht. Die vorderste Spitze des Decks über dem Pool, der VIP-Bereich, der streng gesichert wird, ist weit genug weg vom Dauerfeuer der Unterhaltung, hier rauschen höchstens die Wellen. Und der einzige ganz ruhige Ort des Schiffes ist die Bibliothek. Sie ist ein vielleicht 60 Quadratmeter großer Raum mit drei Sofas, und sie ist immer leer.

Die Fahrten, die von Miami ausgehend durch die Karibik führen, heißen in den Vereinigten Staaten „Seven Night Cruises“ oder 7NC, weil sie immer eine Woche dauern. Das Schiff „Getaway“ nimmt die Route an Kuba vorbei in die südliche Karibik, es legt viermal an, in Honduras, auf einer Privatinsel vor Belize und zweimal in Mexiko. Der Schriftsteller David Foster Wallace schrieb über genau diese Reisen sein Buch „Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“. Darin sagt er: „All diese Kreuzfahrten umgibt etwas unerträglich Trauriges.“ Und dann verschreibt er sich sieben Tage lang dem „Fun“, der hier alles regiert. Das ist heute noch so. In Harvest Caye, der Insel, die Norwegian gehört, kann man sich an eine „Zip Line“ anketten lassen, ein starkes Drahtseil, und so von einem Leuchtturm startend 900 Meter über die Bucht rutschen wie Superman. Überall, wo das Schiff haltmacht, stecken Angestellte in Plüschkostümen, um als Bär oder Hai Fotos mit den Gästen zu machen. Manchmal steht eine Band aus Einheimischen da, meist aber gibt es: Techno-Pop. Schließlich steht man schon mal eine halbe Stunde an, bevor man mit 4000 anderen wieder vom bunt bemalten Bauch des Schiffes verschluckt wird.

Das Personal grinst breit, als verspüre es Freude. Wer genau hinsieht, kann hier auch studieren, was Globalisierung heißt. Die Betreuerin aus dem (übrigens fensterlosen) Kinderparadies ist Polin, ihre Assistentin stammt aus Rumänien. Die Barkeeper sind Philippiner und Kubaner. Zwei Chinesinnen sprühen den Frühstücksgästen an der Tür die Hände mit Desinfektionsmittel ein. Dazu tragen sie eine Sprühflasche mit sich und bitten jeden der Eintretenden, seine Hände hinzuhalten. Es gibt also wirklich den Job, zweitausendmal am Tag „Pfft, Pfft“ zu machen. Mexikaner wischen den Fußboden auf dem Oberdeck. Ein junger Mann aus Indonesien macht jeden Tag das Bett und redet jeden Mann mit „Mister“ an, besteht aber darauf, dass man ihn nur „Gusti“ nenne.

Demokratische Altersstruktur

Die Gäste stammen aus Florida, aus New York, aus dem mittleren Westen. Es sind viele Typen Gast vertreten. Unter anderem körperlich. Manche sind so korpulent, wie man es aus Deutschland schlicht nicht kennt. Aber wer hier an das Klischee vom dicken unsportlichen Amerikaner glauben will, hat es schwer: Es huschen genauso auch durchtrainierte, drahtige Omas leichtfüßig die Treppen hinauf. Das Fitnesscenter ist nie leer. Und wer europäische Kreuzfahrten kennt, registriert noch einen Unterschied: Die Altersstruktur ist sozusagen viel demokratischer. Bei deutschen Reisen fallen Rentner und Familien besonders auf, und die wenigen Passagiere im Studentenalter nörgeln mitunter, dass sie in der Disko abends niemanden kennenlernen – einfach, weil keiner da ist. Auf der amerikanisch dominierten Reise sind alle Altersgruppen gut vertreten.

Was die Amerikaner gut können, an Land und auch auf See, ist Kontakt zu knüpfen. Fast jeder, der neben einem in der Schlange zur Cocktailbar steht, stellt sich vor und fängt an zu plaudern. Junge Paare erzählen von ihrer bevorstehenden Hochzeit. Einsame Wölfe fragen, ob man zusammen seinen Martini trinken möchte. Richard, ein IT-Ingenieur aus dem Norden Floridas, merkt sich jedes Gesicht und scheint das ganze Schiff zu kennen. In dem schrecklich kühl mit viel Metall eingerichteten Nachtclub „Bliss“ in der Mitte des Schiffes, wo immer noch ein Barkeeper bereitsteht und immer noch ein Song läuft, spricht ein Paar um die fünfzig sehr aktiv andere Tänzer an. Man lebe in einer sehr offenen Beziehung, erklärt Ricardo, erst etwas widerwillig, dann ist er aber doch stolz auf sein modernes Lebensmodell. Und darauf, dass er jede Nacht zu dritt nach Hause gehe – immer mit jemand anderem. „Hier fühlen sich alle frei, da probiert man auch mal etwas aus.“

Irgendwann wird es ruhig auf den Decks, etwa drei Stunden lang entspannt sich die Maschinerie von allem, bevor um acht das gigantische Frühstücksbuffet eröffnet wird. Vor einzelnen Spielautomaten hängt noch jemand lustlos im Stuhl. Für alle, die jetzt immer noch wach sind, gibt es einen Gang mit Airhockey, einer Basketball-Korb-Maschine und oft auch netten Amerikanern, die gern gegen Herausforderer antreten. Beim nächtlichen Billard mit Bobby aus Nordflorida kommt heraus: Er hat Trump gewählt. Er lallt: „Trump kann einen Konzern erfolgreich führen, also warum soll er kein Land führen können.“ Und Hillary Clinton sei eine Verbrecherin. Wie er das meint, kann er aber nicht mehr erläutern. Das letzte Bier wird gerade ausgeschenkt. Es ist vier Uhr morgens. Bobby versenkt die schwarze Acht in der richtigen Tasche und hat haushoch gewonnen. Er möchte unbedingt Kontakt halten. Auf Facebook. Seine danebensitzende Frau buchstabiert fünfmal ihren Nachnamen. Der Alkohol hat auch bei ihr mitgespielt, das Schmiermittel, das diese Kreuzfahrt (genau wie die meisten) stets begleitet.

„Wir kommen wieder“

Die Kreuzfahrt war, man kann es nicht anders sagen, schön. Bloß die Whirlpools an Deck zu testen erwies sich als unmöglich. Sie sind alle drei Tage und Nächte immer eng besetzt mit Menschen, die Cocktails aus großen Plastikbechern trinken und entspannt blicken.

Das Auschecken wird dann besonders hässlich – als wolle der Weltgeist es dem inzwischen braungebrannten Reisenden noch einmal zeigen: Du wirst jetzt wieder ausgespuckt in das Leben ohne Service. Norwegian betreibt in Miami ein Terminal, in dem nichts funktioniert. Mehrmals stehen die Tausenden in langen Schlangen stundenlang an, immer scheint noch eine Halle zu kommen, in der man wieder wartet. Das Personal schreit jeden an, der sich falsch einreiht.

Trotzdem lächeln Petra und Rainer. „Wir kommen wieder“, sagt sie. Über Lärm auf dem Oberdeck klagt keiner mehr. Die beiden sehen zufrieden aus.

Norwegian Cruise Line

Schiffe NCL schickt dieses Jahr die Schiffe „Epic“, „Spirit“ und „Star“ ins Mittelmeer. Zudem fährt die „Jade“ ab Hamburg nach Skandinavien, die „Getaway“ ab Warnemünde in die Ostsee.

Unterkunft Eine Innenkabine ist bei den Mittelmeerreisen ab etwa 1100 Euro erhältlich, für die neuntägigen Ostseefahrten ab etwa 1700.

Vorsicht Bei den amerikanischen Kreuzfahrten fallen manche Kosten an, die in Europa nicht immer üblich sind. Der Internetzugang kostet ab etwa 30 Dollar am Tag. Wer auf seiner Kabine trinken will, lässt sich zum Beispiel sechs Literflaschen stilles Wasser für 15 Dollar kommen.

Quelle: F.A.S.
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