Kroatien

Die glorreichen Zwölf

Von Andreas Lesti
© Andreas Lesti, F.A.S.

Wir waren zu zwölft. Einige von uns waren richtig finstere Typen, mit fiesen schwarzen Augen und starren Blicken. Mehr als die Hälfte trug Bärte, und fast alle waren wir bis unter die Zähne bewaffnet: Armbrüste und Bögen, Pfeile und Dolche, Schwerter und Morgensterne, Äxte und jede Menge Schilde zur Verteidigung. Genau eine verwegene Frau wagte es, uns zu begleiten. Sie hatte diesen siebten Sinn einer großen Kriegerin. Einer der Männer hatte in einem früheren Kampf ein Auge verloren, ein anderer bestand nur noch aus Haut und Knochen, ein Dritter hatte eine Umhängetasche mit den Reiseunterlagen dabei, und der kleinste in diesem dreckigen Dutzend hatte ein aufgenähtes Seepferdchenabzeichen auf seiner Badehose. So machten wir uns auf den Weg an die berüchtigte kroatische Küste, in die Kvarner-Bucht, zum Ritterfest „Rabska Fjera“ auf der Insel Rab.

Das war der Anfang dieses Abenteuers. Doch um uns dafür zu qualifizieren, mussten wir lange Ausscheidungskämpfe bestehen, denn nicht jeder durfte mit auf diese gefährliche Reise. Am Anfang waren wir über 50, und in unerbittlichen Kämpfen reduzierten wir uns Runde für Runde, bis irgendwann über 40 reglos am Boden lagen, weil sie von den glorreichen Zwölf besiegt wurden. Ach ja: Ein Riesentroll und ein Minidrache waren auch noch mit von der Partie. Das machte es nicht unbedingt einfacher, sprach aber zugleich für ein paar spektakuläre Tage auf dieser kroatischen Insel.

Vier Ritter im Kampf.
© Andreas Lesti, F.A.S.

Vielleicht ist es an der Zeit zu erwähnen, dass es sich bei zehn von diesen zwölf Gestalten um Playmobilfiguren handelte. Also 7,5 Zentimeter große Plastikmenschen, die in diesem Fall mit Hilfe eines Fünfjährigen im Kinderzimmer zu Mittelalterkriegern ausgebildet wurden. Acht Ritter, ein Skelett und ein Burgfräulein. Diese zehn, so war unser Plan, sollten in einer Art Handgepäck-Reiseritterburg nach Kroatien fliegen, um sich dort mit unserer Hilfe auf einem Mittelalterfest gegen ihre Vorbilder zu behaupten.

Ritter ohne Furcht und Tadel

Als wir am späten Nachmittag auf der Insel in unserem Ritterhotel ankommen, keift an der Rezeption gerade die Concierge ins Telefon. Sie heißt Branka, und das klingt schon wie ein Peitschenhieb. Zudem sieht Branka aus wie die KGB-Killerin Rosa Klebb aus dem James-Bond-Film „Liebesgrüße aus Moskau“ – nur dass sie vermutlich keine giftige Klinge im Schuh hat. Wir verstehen ihren Auftritt als erste klare Andeutung dafür, dass die Insel Rab in diesen Tagen nicht nur vom Mittelalter, sondern immer auch vom Ostblock-Charme der 1980er bestimmt wird. Branka hält einen Telefonhörer aus dem Kalten Krieg in der Hand und blickt dabei streng auf den Monochrommonitor vor ihr. Dort sieht man den Parkplatz vor der Tür, und irgendetwas da draußen scheint Branka gar nicht zu behagen. Sie kreischt beängstigend laut in den Hörer, und wir befürchten, dass sie gleich die Atomraketen abfeuert. Das geht etwa fünf Minuten lang so. Dann legt sie auf, grinst uns zuckersüß an, checkt uns ein und gibt uns den Zimmerschlüssel.

Willkommen auf der Insel Rab! Mein kleiner ritterlicher Begleiter hatte mich schon vor Minuten mit wachsamen Blicken angesehen und spürte, dass das hier dauern würde. Also setzte er sich auf den Teppich in der Lobby und tat das einzig Richtige: Er führte mit den Rittern das Abschlusstraining durch. Denn an diesem Abend geht es los.

Das große Trommlen:  Ankündigung für das Armbrustschießen.
© Goran Novotny, F.A.S.

Jedes Jahr im Juli findet auf Rab für drei Tage die „Rabska Fjera“ statt, ein historisches Ritterfest mit mittelalterlichem Vorbild. Das Originalfest fand am 21. Juli 1364 zum ersten Mal statt. An diesem Tag beschloss der Stadtrat von Rab, König Ludwig den Großen zu ehren, weil er Rab von der venezianischen Herrschaft befreit hat. Also eine Art Chill-out-Party nach dem ganzen Hauen und Stechen. Das dauerte damals stolze 14 Tage, während derer die Inselbewohner auch die Mächte des Heiligen Christophorus priesen. Der hat damals, so will es die Legende, die Stadt vor der Zerstörung bewahrt.

Vater, Sohn und zehn Playmobilbegleiter

„Damals, in dieser dunklen Zeit, konnten während des Fests alle Menschen rein in die Stadt“, sagt Luka Perčinič, den wir wenig später im Hotel treffen. Luka arbeitet beim Tourismusverband, ist aber zugleich als einer der Fahnenträger im traditionellen Kostüm im Einsatz. Einem unserer Ritter sieht er aber nicht ähnlich. Vor sechzehn Jahren sei man in Rab auf die Idee gekommen, das Fest wiederzubeleben, erzählt Luka. Mit all den alten Bräuchen, Rittern, Burgfräulein, Fahnenträgern, Harlekinen, Handwerkern und dem großen Armbrustschützenwettbewerb. Allerdings dauert das Fest in der Neuzeit nur noch drei Tage, oder besser: drei Nächte. Denn weil auf Rab Ende Juli tagsüber die Sonne unerbittlich herabbrennt, beginnt das Fest erst am Abend. Das heißt, und das ist wirklich kein schlechtes Konzept, dass Vater, Sohn und ihre zehn Playmobilbegleiter an den nächsten beiden Tagen die Strände der Insel erkunden können.

Ritterdame Vlasta Rittig mit ihrem Playmobil-Double.
© Andreas Lesti, F.A.S.

Aber jetzt müssen wir hinüber in die Altstadt der Hafenstadt Rab, zur großen „Feierlichen Eröffnung“. Wer im Hotel „Padova“ wohnt, so wie wir, der nimmt ein kleines Taxiboot, um hinüber in die Altstadt zu kommen. Und so nähern wir uns mit unserer ritterlichen Entourage diesem mondänen Ferienort vom Wasser aus, schippern an einem sehr unritterlichen Wasserflugzeug vorbei und quetschen uns zwischen riesigen Luxus-Yachten an den Quai der italienisch anmutenden Piazza. Es reihen sich Pizzerien an Eisdielen an Bars, in denen Aperol Spritz getrunken wird. Von hier aus schieben sich kostümierte Menschen durch die engen Steingassen, hinauf zur Kirche, hinüber zur Alten Festung und wieder zurück zum Hafen. Und wir mittendrin.

Was macht man nicht alles als Ritter

Aber wo sind die Ritter? Wir schlendern hinauf zum St.-Andreas-Kloster aus dem elften Jahrhundert. An den Steinwänden brennen Fackeln, in einer Nische sitzt ein Schmied und hämmert, ein Harlekin springt wie ein Wahnsinniger durch die Menge, kleine Mädchen mit langen historischen Kleidern und Kopfschmuck im Haar schwirren wie Trugbilder aus einer Türe, um gleich in der nächsten wieder zu verschwinden. Eine Frau in einem Jutekleid bearbeitet bunte Stoffe. Wir packen natürlich sofort unser Burgfräulein aus, aber: Fehlanzeige. Die beiden haben überhaupt keine Ähnlichkeit. Wo sind nun all die Ritter? Von der Kirche dringt dumpfes Trommeln. Das ist das Zeichen. Auf zum Angriff!

Und da stehen sie, die ersten beiden Ritter, mustergültig mit Kettenhemden, Schwertern, Schilden und Eisenhelmen. „Wo kommt ihr denn her?“, fragen wir sie. „Königsbrunn bei Augsburg“, antworten sie und schwellen die Brust. „Und warum seid ihr hier?“, fragen wir etwas verwundert nach. „Na, weil Königsbrunn und Rab Partnerstädte sind“, sagen sie und ziehen ihre Schwerter. Zum Glück hat der Fünfjährige längst ihre beiden Ebenbilder aus der Reiseritterburg geholt, und der Kampf beginnt. Erst Ritter gegen Playmobilfigur, dann Ritter gegen Ritter, dann Playmobilfigur gegen Playmobilfigur, von den Rittern gehalten. Der Kampf zeigt uns und all den Schaulustigen, die sich schnell um uns herum gruppieren, warum es nur die Besten hierher geschafft haben. Mit Eleganz und großer Finesse werden die Schwerter geführt, bis schließlich ein Playmobilritter gewinnt. Einer der beiden Königsbrunner sagt kopfschüttelnd: „Ach, was macht man nicht alles als Ritter.“ Und dann verschwinden sie wieder in der Menge.

Im Innenhof der Kirche scheint etwas sehr Bedeutsames zu passieren. Wir gehen hinein und setzen uns auf die alte Mauer, es ist dunkel, aber im Westen, wo wir über die Bucht hinaus auf die Adria blicken, liegt noch ein dunkelblauer Widerschein. Der Sound der Zikaden surrt durch die Luft – die scheinen hier nie still zu sein, weder tags noch nachts. Und wir denken uns: Vor 653 Jahren hat es in diesem Innenhof wahrscheinlich genauso ausgesehen.

Sitzt ein Playmobilskelett auf der Steinmauer

Gespannt warten wir, was nun passiert. Und wundern uns. Kein Ritterkampf, sondern eine Präsentation von irgendwelchen Anzugmenschen! Es werden Hochglanzbroschüren verteilt. Darin ist in großen Lettern zu lesen: „Rab – Die Insel des Glücks“. Dann folgen langatmige Danksagungen an Sponsoren und Partner. So hatten wir uns das aber nicht vorgestellt. Wir überlegen, ob wir mit der ganzen Mannschaft die Bühne stürmen sollen, setzen dann aber nur als subtile Protestaktion das Playmobilskelett auf die Steinmauer und fragen uns, an welchen Strand wir morgen fahren werden.

Am nächsten Morgen hat es bereits über 30 Grad, als wir und unsere müden Ritter beim Frühstück sitzen. Es gibt Brötchen mit Ajvar und synthetisches Orangensaftsurrogat. Das weckt diffuse Erinnerungen, von denen man gar nicht wusste, dass man sie hat. Erinnerungen an Jugoslawienurlaube in den 1980ern, an einen hellblauen Mercedes ohne Sicherheitsgurte und eine lilafarbene Textilluftmatratze. Es ist herrlich.

Subtile Protestaktion: das Playmobilskelett auf die Steinmauer.
© Andreas Lesti, F.A.S.

Luka hatte uns den „Paradiesstrand“, die „Rajska Plaža“ bei Lopar, empfohlen, auch als Copacabana Kroatiens bekannt, was in Bezug auf den Sand, die Sichelform und die Menschenmengen stimmen mag. Im knietiefen Wasser tummeln sich Familien mit Schnorcheln und Schlauchbooten, Tretboote mit Rutschen kreuzen durchs Bild, und jede Menge Textilluftmatratzen gibt es auch. Die bleichen Farben der vegetationsarmen Hügel hinter dem Strand wirken wie auf einem vergilbten, 35 Jahre alten Urlaubsfoto. Zwischen den Liegen und Sonnenschirmen verkauft eine Frau Strandkleider aus einer roten Wüstenrot-Tasche. Und an einer Bude gibt es phantastische Pommes aus Papiertüten. Daneben befinden sich unter den Pinien ein vom Leben gezeichneter Minigolfplatz und vom Salzwasser zerfressene Fitnessgeräte.

Nachmittags fahren wir an den Pudarica-Strand am anderen Ende der Insel. Der sei nicht so überlaufen und das Wasser klar, hatte Luka uns gesagt. Tatsächlich ist in der kleinen Bucht nicht allzu viel los, und während wir an der Strandbar Eis essen, bereiten sich die Ritter unter dem – aus der Kofferraumabdeckung des Mietwagens gebauten – Sonnendach auf die bevorstehenden Kämpfe vor. Der Kontrast zwischen Tag und Nacht bildet während der „Rabska Fjera“ eine interessante Mischung. Die Abende verbringt man in einer Mittelalterkulisse mit Kettenhemdträgern und einem Hauch der luxuriösen Aufgeregtheit von Monaco und der Côte d’Azur. Und tagsüber schwelgt man in Ostalgie und macht Urlaub in seinen Kindheitserinnerungen.

Zwölf Pfeile für ein Halleluja

Heute Abend findet das große Armbrustschützenturnier statt. Zwei unserer Ritter haben eine Armbrust dabei und zählen, da sind wir uns einig, zu den Favoriten. Wir nehmen also wieder ein Taxiboot in die Altstadt und schlendern durch die engen Gassen zum Festplatz. Wieder sind Handwerker und Gaukler unterwegs, und dann kommt uns eine graziöse Ritterdame entgegen. Ja! Sie sieht wirklich genau aus wie unser Burgfräulein. Schnell kramen wir es hervor und sprechen die Dame an. Die beiden Frauen verstehen sich auf Anhieb und unterhalten sich über ihre Kleider und Haare. Die Ritterdame heißt Vlasta Rittig und erzählt unserem Burgfräulein, dass sie eine bekannte Balletttänzerin und Choreographin aus Zagreb ist. Hier sei sie Teil einer Barocktanzgruppe. „Historisch ist das nicht ganz korrekt, da die Tanzperiode des Barocks erst nach dem Mittelalter kommt“, gesteht Vlasta Rittig. Unser Burgfräulein scheint das zu akzeptieren, und daher entscheiden wir, dass es an der Zeit ist, die Frauen mit ihren Fachgesprächen allein zu lassen und weiter zur Alten Festung zu defilieren. Dort treffen wir Luka und die anderen Fahnenträger, und sie verraten uns, von wo aus man die beste Sicht auf das Turnier hat. Zehn erfahrene Schützen machen sich gerade bereit, mit unseren Jungs sind es also zwölf.

Rajska Plaža: Erinnerungen an Jugoslawienurlaube der Achtziger Jahre.
© Andreas Lesti, F.A.S.

Die Zielscheibe ist 36 Meter entfernt. Alle sind bereits hochkonzentriert auf den Wettkampf, der einem strengen Zeremoniell folgt: Fahnenschwenken, Trompetenfanfaren, dann wieder Fahnenschwenken und dazwischen markdurchdringende Kanonenschüsse. Dann positioniert sich der erste Schütze mit seiner riesigen Armbrust auf einer Art Thron, und der ganze Platz verstummt für einige Sekunden, ehe mit einem Zischen der Pfeil durch die Luft saust und in die Zielscheibe knallt. Es scheint viel schwerer zu sein, als es aussieht, und wir und unsere zwei Schützen beobachten die neun anderen Schützen mit gehörigem Respekt. Kein einziger trifft ins Schwarze. Ein paar sind nah dran, und auch unsere Ritter haben ihre kleinen Plastikpfeile nur knapp daneben geschossen: von unseren Sitzplätzen über drei Pflastersteine hinweg bis an den Rand der Absperrung. Wer gewonnen hat, wird dem Publikum erst klar, als das Wettkampfkomitee die Zielscheibe auswertet und ein bärtiger Mann mit Umhang und Federhut eine Medaille bekommt. Immerhin sieht er einem unserer Schützen frappierend ähnlich.

Der weg auf die Insel Rab

Anreise Germanwings/Eurowings und Croatia Airlines fliegen ab verschiedenen deutschen Flughäfen direkt nach Rijeka (alternativ mit Ryanair nach Zadar). Ab Rijeka weiter mit dem Mietwagen entlang der Küstenstraße bis Stinica (ca. anderthalb Stunden) und mit der Fähre auf die Insel Rab. Die Überfahrt dauert 20 Minuten (2,30 Euro/Person, Kinder 1 Euro, Auto 13 Euro).

Das Ritterfest „Rabska Fjera“ findet jedes Jahr vom 25. bis 27. Juli statt. Die Veranstaltungen finden abends in der Altstadt von Rab statt. Mehr unter www.rab-visit.com

Unterkunft Zum Beispiel im Hotel „Padova“; es befindet sich gegenüber der Altstadt von Rab, hat ein schönes Schwimmbad und direkten Zugang zum Strand (Doppelzimmer im Juli 180 Euro, www.imperialrab.com/deu/hotel-padova).

Strände Die Ritterspiele finden abends statt. Tagsüber kann man also die Strände erkunden. Die gibt es auf Rab in unterschiedlichsten Variationen: Versteckt in Buchten gelegen sind die Strände „Stolac“ und „Sahara“ (per Taxiboot zu erreichen). Verpflegung mitnehmen, denn dort gibt es nicht viel. Ganz im Gegensatz zum „Paradiesstrand Rajska Plaža“ bei Lopar. Dort gibt es Restaurants, Liegen-/Sonnenschirmverleiher, einen Minigolfplatz und leider auch viele Menschen. „Pudarica“ ist ein kleiner Kieselstrand unweit des Fährhafens. Dort gibt es eine nette kleine Bar und nicht ganz so viele Menschen.

Allgemeine Informationen zum Urlaub auf Rab unter www.rab-visit.com

Quelle: F.A.S.
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