Österreich

Wer nicht bremst, landet auf dem Rathausdach

Von Volker Mehnert
© Volker Mehnert, F.A.Z.

Wie ein Denkmal seiner selbst steht der Steinbock auf einem Felsvorsprung in schwindelnder Höhe. Dort oben treibe er sich den ganzen Winter herum, erklärt der Ranger des Nationalparks Hohe Tauern, bei Sonne, Nebel oder Schneefall. Selbst ein mächtiger Schneesturm lässt ihn nicht in Deckung gehen. Denn das steile, zerklüftete Gelände schützt ihn vor Lawinenabgängen. Im schroffen Fels kann sich nie genug Schnee sammeln, um irgendwann als Lawine ins Tal zu rutschen. So harrt er in einer Art verstohlenem Winterschlaf aus, reduziert seinen Stoffwechsel und bewegt sich so wenig wie möglich. Schon gar nicht beeindrucken lässt er sich von einer Gruppe Schneeschuhläufer, die am Fuße seiner Felsenbastion im Ködnitztal auf den Großglockner zumarschiert.

Österreichs höchster Berg zeigt von hier aus seine schönste Seite, die pyramidenförmige Südflanke. Während der Ranger mit bloßem Auge und Fernglas die Umgebung nach Tieren absucht, die der Besucher aus dem Flachland von allein niemals entdecken würde, sind die Gäste vom imposanten Panorama des 3798 Meter hohen Berges abgelenkt. Einige verfolgen mit etwas Sehnsucht, andere mit Schaudern die Aufstiegsroute der Kletterer, die aus dieser Perspektive fast vollständig zu erkennen ist. Vom Ausgangspunkt, dem zweitausend Meter hoch gelegenen Lucknerhaus oberhalb des Dörfchens Kals, führt der Pfad zunächst gemächlich bergauf zur Lucknerhütte und von dort weiter mit famosem Glocknerblick zur Stüdlhütte. An dieser Station gibt der normale Wanderer auf und tritt den Rückweg an, denn nun beginnt der schwierige Anstieg über die Erzherzog-Johann-Hütte zum Gipfel: steile Stege durch den Fels, eine Strecke über den Gletscher, dann die üblichen Gratwanderungen des Hochgebirges.

Für jeden Steinbock einen Wildhüter

Während an manchen Sommertagen bis zu zweihundert Menschen zum Gipfel streben, geht es im Winter am Großglockner beschaulich zu. Die kleinen Gruppen, die vom Lucknerhaus durch den Lärchenwald bis zur Baumgrenze hinaufwandern, sind auf Schneeschuhen unterwegs, um die verschneite Winterwelt zu genießen, die der Großglockner überragt. Die Stille ist überwältigend. Die Ranger haben keine Mühe, in den Bergwänden weitere Steinböcke zu sichten, schließlich ist hier eine Population von mehr als zweihundert Tieren zu Hause.

Während an manchen Sommertagen bis zu zweihundert Menschen zum Gipfel streben, geht es im Winter am Großglockner beschaulich zu: Die kleinen Gruppen, die vom Lucknerhaus durch den Lärchenwald bis zur Baumgrenze hinaufwandern, sind auf Schneeschuhen unterwegs.
© Volker Mehnert, F.A.Z.

Das darf man getrost als kleines Wunder bezeichnen, denn die Steinböcke waren im gesamten Alpenraum praktisch ausgerottet. Weil sie in schwindelnder Höhe unter schwierigsten Bedingungen überlebten, dichteten ihnen die Bergbewohner übernatürliche Kräfte an, und die wollten sie auf sich selbst übertragen: durch das Erlegen der Tiere, durch das Essen ihres Fleisches, durch Nutzung des Bluts als Medizin, durch Trophäen und Amulette aus ihrem Horn. Nur eine einzige kleine Herde war Anfang des neunzehnten Jahrhunderts im italienischen Gran Paradiso verblieben, und dem italienischen König Viktor Emanuel II. ist es zu verdanken, dass sie überlebte. Für seine Zeit war er ein Visionär, denn er ordnete den Schutz der Herde an und stellte buchstäblich jedem einzelnen Steinbock einen Wildhüter zur Seite, der mit seinem Leben dafür verantwortlich war, dass dem Tier nichts passierte.

Um den Schnee zu erreichen, braucht man Lienz nicht zu verlassen

Heute verstehen sich die Ranger als Hüter der Steinböcke und des gesamten natürlichen Lebensraumes, und dazu gehört auch die Weitergabe ihres Wissens über Botanik, Zoologie, Geologie und ökologische Zusammenhänge. Mit Fernglas und Spektiv entdecken sie an Wintertagen neben den Steinböcken zahlreiche Gämsen, dann wieder weisen sie auf die Spuren von Fuchs, Marder und Hermelin hin. Mit Glück zeigt sich sogar einer der hier vor langer Zeit ausgerotteten, in den vergangenen Jahren aber im Nationalpark wieder ausgewilderten Bartgeier. Trotz der Erklärungen der Ranger über das winterliche Verhalten der Tierwelt ertappen sich die meisten Wanderer zwischendurch immer wieder dabei, dass sie ihr Fernglas auf das Gipfelkreuz des Großglockners richten und über eine sommerliche Kletterpartie zu seiner Spitze nachdenken.

Der Nationalpark Hohe Tauern bedeckt einen großen Teil von Osttirol und erstreckt sich weiter über die Landesgrenze nach Kärnten und ins Salzburgerland. Mit seinen knapp zweitausend Quadratkilometern Fläche bildet er den mit Abstand größten Naturschutzraum in Österreich. Sein südliches Eingangstor ist die Osttiroler Bezirkshauptstadt Lienz, die den Park als eine Art gigantischen städtischen Vorgarten ansieht, sich aber auch sonst in alle Richtungen der alpinen Natur zuwendet: zu den Hohen Tauern im Norden und Osten, den Karnischen Alpen im Süden und den Dolomiten im Westen.

Im Winter lockt der Schnee auf den Bergen, und um ihn zu erreichen, braucht man das Städtchen nicht einmal zu verlassen. Denn der Skispaß beginnt schon am Hochstein, dem Lienzer Hausberg. Er ist ein klassisches Skigebiet wie aus dem Almanach der alpinen Skigeschichte: schmale Schneisen durch den Wald, steil und fast geradeaus bergab, eingestreut einige haarsträubende Kurven. Die Pisten sind wie gemacht für Schussfahrten, und tatsächlich fanden hier früher internationale Abfahrtsrennen statt. Der Slalom-Olympiasieger Pepi Stiegler und der Abfahrtsspezialist Werner Grissmann sind an diesem Berg aufgewachsen. Heute finden hier im zweijährigen Rhythmus Weltcuprennen der Damen im Slalom und Riesenslalom statt.

Dolomiten-Panorama mit Fernblick bis nach Südtirol

Der Clou am Hochstein freilich ist seine Nähe zur Stadt. Vom Gipfel auf zweitausend Meter Höhe ziehen sich die Pisten sieben Kilometer bis hinunter ins Zentrum von Lienz, vorbei am mächtigen mittelalterlichen Schloss Brugg, das neben dem Skigebiet auf einer Anhöhe thront. Wer auf der Weltcup-Piste die letzte Kante vor dem Zielschuss ansteuert, hat den Eindruck, er könne mit einem kräftigen Sprung auf dem Dach der Liebburg landen, einer Residenz aus dem siebzehnten Jahrhundert, die heute das Rathaus beherbergt. Und dieser Schein trügt nur ein wenig, denn die Piste endet tatsächlich nur fünfhundert Meter vom Hauptplatz entfernt. „Ski ,n’ the City“, der Werbeslogan der Lienzer Bergbahn, übertreibt also nicht – wobei mit City allerdings keine Metropole gemeint ist, sondern ein beschauliches Alpenstädtchen mit knapp fünfzehntausend Einwohnern auf der sonnigen Südseite der Alpen.

In Lienz gibt es einen Sportlerberg sowie ein gesondertes Familienskigebiet.
© Volker Mehnert, F.A.Z.

Manch einer hält diese Art von Skigebiet mit seinen fast ausschließlich schwarzen und schwarzroten Pisten im Hinblick auf die gewachsene Bedeutung von Carving und Genuss-Skifahren nicht mehr für zeitgemäß, zumal die Bergbahn, wie vielerorts in den Alpen, mit finanziellen Schwierigkeiten kämpft. Deshalb kommen immer wieder Debatten über die Zukunft des Hochsteins auf. Das Wort „Schließung“ freilich mag bislang noch niemand laut sagen, zu sehr sind die Lienzer durch eine sentimentale Liebe mit ihrem Hochstein verbunden. Die Besucherzahlen mögen rückläufig sein, aber wer will sich schon nach Büroschluss den nachmittäglichen Ausflug auf die Piste nehmen lassen. Die zwei- bis dreihundert Tourengeher, die hier inzwischen samstags und sonntags am Pistenrand durch den frostig verschneiten Winterwald zur Jause auf der Hochsteinhütte aufsteigen, mögen ebenso wenig darauf verzichten wie die Teilnehmer am Hochstein-Tourenlauf, bei dem Ende Februar nicht bergab, sondern bergauf um den Sieg gesprintet wird. Auch der Skiclub, in dem fast zehn Prozent der Lienzer Einwohner Mitglied sind, würde gegen eine Einstellung des Liftbetriebs protestieren. Und die Stadt und die Osttiroler Tourismuswirtschaft möchten nur ungern auf die Werbewirkung verzichten, die ihnen die Weltcuprennen garantieren.

Der Hochstein ist ohne Einschränkung ein Sportlerberg, doch Lienz leistet sich zusätzlich den Luxus eines gesonderten Familienskigebiets. Auf der gegenüberliegenden Seite der Stadt, auch nur einen Kilometer vom Hauptplatz entfernt, startet eine Gondelbahn, die auf das Sonnenplateau von Zettersfeld hinaufführt. Dort hat man eine der leichten Abfahrten zur Panoramapiste erklärt, aber eigentlich zeichnen sich sämtliche Pisten durch ein Dolomiten-Panorama aus, das Fernblicke bis weit hinein nach Südtirol erlaubt.

„Urpregler“ statt „Touristenwasser“

.Die Lienzer mögen auch hier nicht auf eine gewisse Sportlichkeit verzichten, und deshalb veranstalten die Hoteliers jeden Freitag den inzwischen schon traditionellen Hotelcup. Damit sollen auch die Genussfahrer animiert werden, wieder etwas mehr in Schwung zu kommen. Und das funktioniert. Kinder, Jugendliche, Erwachsene und überraschend viele Senioren beteiligen sich Woche für Woche an einem Wettbewerb im Riesenslalom. Manchmal kommen mehr als dreihundert Gäste aus einem Dutzend Hotels. Es ist selbstverständlich, dass der Hotelier ebenfalls mitfährt, sonst kommt das Haus gar nicht erst in die Wertung. Der Hotelcup ist für viele Gäste der Höhepunkt ihrer Skiwoche und soll in erster Linie ein großer Spaß sein. Dennoch herrscht am Start eine gespannte Nervosität, denn viele nehmen zum ersten Mal überhaupt an einem Skirennen teil. Im Zielraum hingegen kommt dann eine Stimmung wie beim Weltcup auf, angeheizt von einem Conférencier, der jeden Lauf mit enthusiastischen Kommentaren begleitet. Die Veranstaltung mit feuchtfröhlicher Siegerehrung am Nachmittag bringt die Besucher zusammen und ist für die Hotels eine originelle Form der Gästebindung.

Mit dem traditionellen Hotelcup sollen auch die Genussfahrer animiert werden, wieder etwas mehr in Schwung zu kommen.
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Am Nachmittag und Abend begegnen sich Einheimische und Gäste in der Altstadt. Après-Ski ist in Lienz kein abgesondertes Tohuwabohu, sondern ein unaufgeregtes Eintauchen in den Alltag der Stadt. Anstatt in Schneebars mit lautstarkem Skistiefelstampfen und alkoholgeschwängerten Gesängen kehrt man hier in Cafés und Bistros ein, leistet sich ein Feinschmeckern. Niemand vermisst die in anderen Skiorten der Alpen üblichen und immer gleichen Sportmodeläden und internationalen Luxusmarken. Stattdessen schlendert man durch die Gassen, vorbei an Schaufenstern von alteingesessenen Inhabergeschäften wie Pichlers Milchtrinkstube und Krismer Trachtenmode, der Wollstube Geiger oder dem Musikhaus Petutschniggg und staunt über das Weiterbestehen von liebenswert skurrilen Geschäften, etwa einer Hutmanufaktur, einer Feinschleiferei oder einer Schmiedewerkstatt. Frisch hergestellte Osttiroler Spezialitäten wie Schlipfkrapfen, Spinatkrapfen und Wildfleischkrapfen, Tiroler Knödel, Kaspressknödel und Spinatknödel sind das Aushängeschild des Dolomitenmarkts. Noch mehr regionale Erzeugnisse halten die Verkaufsstände auf dem Stadtmarkt an der Messinggasse bereit. Dort findet sich am Freitagnachmittag und Samstagmorgen halb Lienz zum Wochenendeinkauf ein, und die Touristen versorgen sich vor der Heimreise mit Würsten, Speck und Bergkäse, mit Bauernbrot, Gebirgshonig und Leinöl.

Originell versacken lässt es sich freilich auch: Beim Stadtschuster, der nicht nur Schuhe repariert, sondern auch Kaffee und Bier ausschenkt, kann man stundenlang dem Lamentieren heimischer Stammtischbrüder und Sprücheklopfer zuhören. Besonders aufpassen muss man in der Edelbrennerei von Rudolf Maria Schwarzer, der neben Enzian, Wermut, Gin und Dutzenden Obstbränden auch den Ostiroler Kultschnaps Pregler im Angebot hat: ein Obstbrand aus Äpfeln, Birnen und Zwetschgen, den Schwarzer nach wie vor als „Urpregler“ herstellt: ungefiltert und mit dem traditionellen Alkoholgehalt von achtundvierzig Prozent. Alles andere sei „Touristenwasser“, sagt er.

Winter in Osttirol

Ski alpin: Neben den beiden innerstädtischen Skigebieten Hochstein und Zettersfeld liegen drei weitere Osttiroler Skizentren in Reichweite: Kals-Matrei, Sillian-Hochpustertal und St. Jakob im Defereggental, alle nur eine halbe Stunde von der Stadt entfernt. Kals-Matrei besitzt mit Abstand das größte und am besten erschlossene Pistennetz und bietet als Zugabe Ausblicke auf den Großglockner.

Ski nordisch: Auch die Langläufer starten in Lienz in der Stadt. An der Dolomitenhalle beginnt die 35 Kilometer lange Dolomitenloipe über Amlach und Tristach nach Lavant, eine ebene Route im Tal vor der Kulisse der Lienzer Dolomiten.

Skitouren: Osttirol ist ein bevorzugtes Territorium für Tourengeher. Im Zentrum von Lienz beginnt der Aufstieg zum Hochstein, entweder entlang der Piste oder abseits über die Serpentinen eines Waldwegs. Allein achtzehn verschiedene Touren starten an der Dolomitenhütte, und der Nationalpark bietet ungezählte Varianten. Die Saisoneröffnung findet alljährlich im Rahmen des Austria Skitourenfestivals in Lienz statt.

Schneeschuh-Wanderungen: Den ganzen Winter über bieten die Ranger des Nationalparks täglich geführte Schneeschuhtouren mit unterschiedlichen Schwerpunkten an: Von der Mondscheintour im Lienzer Skigebiet Zettersfeld über Wildbeobachtung am Großglockner bis zu anspruchsvoll sportlichen Ausflügen durch die Bergwelt.

Rodeln: Am Hochstein führt ein sechs Kilometer langer Rodelweg von der Sternalm bis zum Schloss Bruck, ab Moosalm beleuchtet. Die Ganzjahresrodelbahn Osttirodler kurvt auf Schienen über den Schlossberg. Wegen der Einkehrmöglichkeit besonders beliebt, aber auch sehr anspruchsvoll ist die acht Kilometer lange Naturrodelbahn von der Dolomitenhütte ins Tal, nur im unteren Teil beleuchtet.

Information: Osttirol Information, Mühlgasse 11. A-9900 Lienz, Telefon: 0043/50/212212, www.osttirol.com.

Quelle: F.A.Z.
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