Foto: Velaa Private Island

Kulturkampf unter Palmen

Foto: Velaa Private Island

Die Malediven glaubt jeder schon zu kennen: Isolierte Hotelwelten, Luxus pur. Ein Trugschluss. Viele Inseln öffnen sich Besuchern erst jetzt. Es warten einfache Gästehäuser fern der Resorts. Das gefällt nicht allen.

27.07.2017

Text: NORMAN OHLER
Fotos: JANINA FINDEISEN/NORMAN OHLER

Im Luxusurlaub will man Exotik auch in der Natur stilvoll präsentiert bekommen: Uniformierte Angestellte locken am Strand der privaten Resortinsel Velaa jeden Abend mit Sashimi-Stücken und Thunfischfilet Mantarochen an. Die eleganten Kreaturen wirbeln den feinen Pudersand auf und balgen sich um die Leckerbissen. Die Gäste sind entzückt. Das sind die Malediven, wie sie der Prospekt verspricht.

Auf einer anderen Insel, auf Ukulhas: 1000 Einwohner, kein richtiges Hotel und keine uniformierten Angestellten. Zwei Männer säubern den Strand, niemand zwingt sie dazu, aber sie leben vom sauberen Sand. Denn auch hierher kommen neuerdings Reisende, aber andere als in die Resorts. Dass überhaupt Besucher hierher dürfen, ist nicht nur für diese beiden Fischer eine Revolution – und die gefällt nicht allen.

Eine Geschichte aus „Frankfurter Allgemeine Quarterly“, dem neuen Magazin der F.A.Z.

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Velaa und Ukulhas sind zwei besonders schöne Malediveninseln, zwei Pole eines touristischen Kulturkampfes, der auch politisch ausgetragen wird: hier Resort-Inszenierung, dort einfaches Inselleben und lokale Gästehäuser. Für Reisende ist die Entwicklung eine Offenbarung: als hätten sie jetzt erst überhaupt die Chance, die Malediven richtig kennenzulernen – fern aller Restriktionen, hinter denen die autoritäre Regierung in der Hauptstadt Malé große Teile des Landes jahrzehntelang versteckte. Lange war hier nur eine Art Urlaub möglich: am Strand ohne Störfaktoren wie einheimische Bewohner und ihre Lebensspuren.

Früher verboten für Gäste: Am Hafen von Ukulhas
Die sind frisch: Der Kokosnussmann von Thulusdhoo

Auch ein Besuch auf Ukulhas im nördlichen Ari-Atoll war früher nicht gestattet. Sie war als eine der mehr als 200 „Einheimischeninseln“ für ausländische Besucher tabu. Noch steht in Reiseführern nichts, etwa über das „Gaia Sunrise“-Gästehaus, wo ich am ersten Morgen erwache und gleich beim ersten Schnorchelgang auf eine riesige Wasserschildkröte treffe.

Nach dem Mittagessen spaziere ich mit Bodey, dem 28-jährigen Besitzer des „Gaia Sunrise“, zum Hafen. Die Luft ist warm, aber nicht zu heiß, an der Anlegestelle der Fähre flattert eine gelbe Fahne mit hellblauer Waage: das Symbol der Demokratischen Partei. Wegen ihr dürfen ausländische Gäste Ukulhas mittlerweile betreten. Gegründet hatte sie Mohamed Nasheed, der auf den Malediven den Status eines Nelson Mandela hat: Er wurde 2008 der erste demokratisch gewählte Präsident des Landes. Einmal leitete Nasheed eine Kabinettssitzung unter Wasser. Damit wollte er die Welt warnen, wie bedroht die Malediven durch steigende Meeresspiegel sind. Er wollte sie zum ersten kohlendioxidneutralen Land der Erde machen. Dafür veränderte er die Tourismusindustrie – und machte sich mächtige Feinde.

Wahlwerbung für Nasheed, den „Inselpräsidenten“
Strandregeln für eine „Einheimischeninsel“

„Ukulhas hat 2008 mit 80 Prozent Nasheed gewählt“, sagt Titi, der 23-jährige Manager des „Gaia Sunrise“. Der Reformpolitiker ließ die Inseln öffnen, er installierte ein günstiges Fährensystem und erlaubte der Bevölkerung, selbst Gästehäuser zu eröffnen. Plötzlich konnten alle vom Drei-Milliarden-Euro-Tourismus-Business profitieren, nicht nur als niedrig bezahlte Mitarbeiter großer Anlagen. Er erließ sogar ein Gesetz, welches die Wellen des Meeres allen Menschen zugänglich macht. Vorbei waren die Zeiten, in denen die Resorts attraktive Brandungen exklusiv für ihre Luxusgäste pachten konnten. Ein Coup jagte Nasheed aus dem Amt, seit 2012 lebt er im Londoner Exil. Der amtierende Diktator Abdulla Yameen wird, so heißt es, unterstützt von der sogenannten Resort-Mafia, die das Touristenparadies am liebsten wieder alleine ausbeuten würde und denen die Gästehäuser ein Dorn im Auge sind.

Früher waren 95 Prozent der Männer Fischer

Gastgeber Bodey verlangt für seine vier schönen, einfachen Doppelzimmer 80 Euro die Nacht. Auf Inseln wie Ukulhas halten sich immer eine Handvoll bis mehrere Dutzend Touristen auf, sie beleben die lokale Wirtschaft und integrieren sich ins Inselleben. Ob der Diktator das Gästehausgesetz wieder kippen könne, will ich abends von Bodey wissen, während über unseren Köpfen Flughunde die Palmen nach Früchten durchzausen. Er schüttelt seinen Lockenkopf: Es gäbe schon zu viele solcher Häuser auf den Inseln, insgesamt über fünfhundert. Doch das Regime lege ihnen Steine in den Weg, Bauanträge und andere Genehmigungen könnten nur persönlich in Malé abgegeben werden: „Wir müssen extra hinfahren, in der Hauptstadt teuer übernachten, am nächsten Morgen im Amt ewig warten, oft einen ganzen Tag. Dann fehlt eine Kleinigkeit, alles beginnt von vorne. Oder es werden Formulare verlangt, die es gar nicht gibt.“

Gästehausbesitzer in ihrem Boot vor Thulusdhoo
Davon kriegt man nie genug: Strand von Thulusdhoo

Für ihn und andere steckt dahinter ein System: Die „Einheimischeninseln“sollen kleingehalten werden, das große Geschäft sich weiterhin auf die Resortinseln konzentrieren. So gibt es auf Ukulhas noch immer keinen Geldautomaten, geschweige denn eine Bank. „Es ist ein Machtspiel, um die Leute in der Provinz unmündig zu halten.“ Bodey lässt sich aber nicht entmutigen, er will investieren, Solarzellen auf das Dach bauen: „Theoretisch könnten wir bis auf die Klimaanlage den Strom für das Gästehaus selbst produzieren. Aber eine neue Vorschrift verpflichtet uns, einen Teil des Stroms aus Malé zu beziehen.“

Ukulhas hat sich durch die neuen Möglichkeiten radikal verändert. Es gibt elf Gästehäuser mit 85 Betten. „Früher waren 95 Prozent der Männer Fischer. Es gab zwölf große Fischerboote, wir waren oft einen ganzen Monat lang draußen. Heute haben wir noch drei Fischerboote, dafür verdienen wir Geld mit Urlaubern und können mehr Zeit mit unseren Familien verbringen“, sagt Ali Zameer, mit 28 Jahren jüngstes Mitglied des fünfköpfigen Inselrates. Er ist Mitglied der Demokratischen Partei Nasheeds, hat in der Hauptstadt BWL studiert und spricht auch so: „Der Markt hat sich einem neuen Segment geöffnet. Es kommen Leute zu uns, die etwas Authentisches, eben das maledivianische Leben, erfahren wollen.“ Er erzählt von Ukulhas’ ehrgeizigem Ziel, eine ökologisch ausbalancierte Insel zu werden. Jeder muss beim Säubern der Dorfwege helfen, jeder ist einmal an der Reihe, den Sand morgens zu rechen und über Nacht Angeschwemmtes zu entfernen. „Ein perfekter Strand ist viel Arbeit, zumal wenn ein Dorf in der Nähe ist – und es leider noch immer keine Kanalisation gibt.“

Der Traum eines jeden Urlaubers: Auf Velaa

Diese Probleme haben Resorts nicht. Für Einheimische sind sie eine fremde, bizarre Welt. „Ich habe das zum ersten Mal als Kind erlebt“, erzählt Bodey. „Mein Vater hat Papayas in eines gebracht. Ich habe gestaunt: Es haben dort nur Touristen gewohnt. Die Angestellten sind morgens per Fähre gekommen und nach ihrer Schicht wieder weggefahren. Es war ganz anders als bei uns im Dorf. Es war ... nicht echt.“

Aber was zeichnet Fünf-Sterne-Anwesen noch aus, wenn schon manche Einheimischeninsel mit Sonnenbetten und schneeweißen Baumwollhängematten ausgestattet ist? Totaler Luxus heißt die Antwort.

Weine bis 52.000 Euro: Im Restaurant von Velaa

Ein Paradebeispiel ist das mit 220 Millionen Dollar erbaute Velaa Private Island im nördlichen Noonu-Atoll. Ein Ort der Superlative, eines der besten Hotels weltweit, die Weinkarte im verrückt guten „Aragu“-Restaurant reicht von 80 bis 52.995 Dollar (ein 1978er Domaine de la Romanée-Conti), es gibt ein privates Mini-U-Boot, man kann mit einem „Seabob“ wie James Bond unter Wasser über die Riffe brausen oder sich in einem Schneeraum Abkühlung verschaffen. Wer hier mit dem Wasserflugzeug landet, muss seine Uhren eine Stunde vorstellen: In Velaa gelten andere Gesetze, die Sonne geht eine Stunde später unter, man steht morgens eine Stunde später auf – und fühlt sich dadurch automatisch entspannter. Butler, die mehrere Schulen in der Hauptstadt durchlaufen haben, umsorgen die Villen-Gäste: Jeden Moment könnte man sie per Telefon rufen, sich Champagner in die Sunset Deluxe Water Pool Villa bringen lassen.

Ein perfekter Strand ist viel Arbeit

Weiter weg vom „normalen“ Inselleben und den politischen Konflikten dahinter als in einer der Wasservillen kann man kaum sein. Das Resort fühlt sich an wie ein eigenes Land, in dem nicht nur die Uhrzeit besonderen Regeln folgt. Vom fast zehn Meter langen Infinitypool der Villa führen Treppen direkt ins hellblaue Meer. Im offenen Wohnzimmer ist ein tischgroßes Bullauge in den Boden eingelassen. Nach Sonnenuntergang wird das Wasser darunter illuminiert, auffällig viele Fische von beeindruckender Größe tummeln sich genau dort. Ein Schnorchelgang zwischen den Stahlstelzen, auf denen die Villen stehen, bringt Klarheit: Unter dem Bullauge wurde ein Korallenblock plaziert – ein Magnet für die Fische –, während der Meeresgrund zwischen den drapierten Blöcken öde und leer ist.

Speisen wie die Einheimischen auf Ukulhas
Die Bewohner der Insel essen gemeinsam

Früher gab es hier überall die herrlichsten Korallen, doch hat die Unterwasserwelt des Noonu-Atolls wie beinahe der gesamten Malediven eine Katastrophe durchlitten: Im vergangenen Jahr hat El Niño das Meer zu stark aufgeheizt. Die sensiblen Riffe schwitzten ihre Farben aus, mehr als sechzig Prozent der Korallen wurden gebleicht, Millionen Fische starben: Es war auch eine Antwort der Natur an das globale Wirtschaften, dessen Auswirkungen die Menschen hier früher als andere erfahren. An einem Ort also, den auch die Reichen aufsuchen, um unberührte Natur zu erleben, gerne so bequem wie möglich. „Wir haben Milliardäre“, sagt eine Mitarbeiterin des Velaa, „die sich beschweren, dass die Korallen jetzt tot sind. Aber am Flughafen wartet derweil ihr Privatjet, um sie zum nächsten Meeting zu bringen.

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Ob Velaa oder Ukulhas – die Malediven können nur mit einem ökologisch bewusstenTourismus überleben. Das hatte der „Inselpräsident“ Nasheed einst richtig erkannt. Der Diktator hat offensichtlich andere Prioritäten, die Einheimischen vermuten Korruption. „Seit dem Putsch gegen ihn stehen die Malediven wieder zum Verkauf“, sagt Ali Zameer, das Mitglied des Inselrates von Ukulhas. „Du kannst dir eine Insel für zwei Millionen pachten. Das ist der offizielle Preis. Tatsächlich zahlst du der Regierung aber fünf Millionen. Wenn es Olympische Spiele für Korruption geben würde, wären wir immer auf dem Treppchen. Ob das den Menschen und der Natur hier hilft?“

Vielleicht spürt man die Verflechtung aller Dinge nirgends so deutlich wie auf den Malediven, deren Fortbestand bei steigenden Meeresspiegeln auch davon abhängt, wie wir künftig reisen, wie wir morgen leben wollen. Wer sich und diesem Land etwas Gutes tun will, besucht es. Am besten bald. Hunderte von Gästehäusern stehen bereit. Die Inselbewohner freuen sich.

27.07.2017
Quelle: F.A.Q.