Australien

Besser geht’s nicht

Von Oliver Maria Schmitt
 - 14:23
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Dass alle Städte gleich sind, wusste schon der große Schriftsteller Friedrich Torberg. Nur bei Venedig machte er eine Ausnahme – weil er Melbourne nicht kannte. Für Durchblick und Übersicht im weltweiten Städtewirrwarr sorgen seit einiger Zeit Hitlisten, sogenannte Städte-Rankings. Davon gibt es inzwischen so viele, wie es Städte gibt, aber nur eines ist wirklich wichtig und hoch angesehen: das „Economist“-Ranking der lebenswertesten Städte.

Jedes Jahr bewertet die britische Zeitschrift 140 Großstädte weltweit nach den Kriterien Sicherheit, Stabilität, Erholungswert und Infrastruktur, nach Sport- und Kulturangeboten. In Stadtbewohnerkreisen ist das „Economist“-Ranking so bedeutend wie Oscar- und Nobelpreisverleihung zusammen. Seit fünfzehn Jahren schon rangiert Melbourne unter den Top 3 der lebenswertesten Städte der Welt, und seit sechs Jahren in Folge führt es diese Liste in der Pole-Position an, siegreich vor Wien und Vancouver. Da liegt also im Süden des fünften Kontinents die erste und beste Stadt der Welt, und ich kenne sie nicht? Nichts wie hin!

Den neugierigen Fremdling empfängt die Viermillionenmetropole Melbourne mit einem selbsterklärenden Mix aus Häusern, Straßen und sogar Gassen. Schnell findet man sich zurecht, das Zentrum liegt in der Mitte, die Randbebauung drum herum. Rabatten und Grünanlagen sind gepflegt. Es liegt nichts herum. Die Einwohner sehen im Schnitt ein Drittel besser aus als die Bewohner anderer, weniger lebenswerter Städte. Der Verkehr fließt, Fußgänger kommen gut voran. Speziell für sie hat man parallel zu jeder breiten Innenstadtstraße noch eine kleine, heimelige und gleichnamige Gasse angelegt – ein städtebauliches Unikum, das den Wohnwert spontan um tausend Prozent erhöht. Das allgemeine Gehtempo ist von moderater Entspanntheit, wer nach dem Weg fragt, bekommt Auskunft. Man drängelt nicht. Cholera und Beulenpest gelten als überwunden, man kann überall bedenkenlos tief durchatmen. Die Stadt ist günstig gelegen an einer Bucht mit direkter Meeranbindung.

Australier sprechen erstaunlich gut Englisch

Das Wetter ist oft gut. Den Sommer hat man, um Heizkosten zu sparen, auf die sonst so kalten Monate von Dezember bis Februar verlegt, im Juli und August ist es dafür nicht so heiß. Die Trinkwasserqualität gilt als eine der höchsten weltweit, und der aus den Steckdosen reichhaltig quellende Strom ist auch spitze, sofern man den passenden Adapter dabeihat. Die nach Sydney zweitgrößte Stadt Australiens prunkt selbstbewusst mit dem größten Straßenbahnnetz der Welt, und in der Innenstadt ist die Fahrt mit allen Linien kostenlos. Die Flinders Street Station mit ihrer riesigen Neorenaissance-Kuppel ist einer der schönsten Bahnhöfe überhaupt, das Ein- und Umsteigen hier ist ein Kinderspiel. Insgesamt findet sich ausreichend schnieke viktorianische Altbaumasse, doch es stehen auch gewagte Designerneubauten mit monstermäßig schwingenden Goldfassadenbändern herum, bei deren Anblick einem angenehm schlecht wird.

Alle Bewohner dieser blühenden Stadt sind gut gekleidet. Straßenmusiker spielen anspruchsvolle Eigenkompositionen, das Publikum lauscht konzentriert und zeigt sich angemessen erkenntlich. Lässig uniformierte Schüler, die ihren Prüfungsstoff verinnerlicht und nicht auswendig gelernt haben, flanieren in schwatzenden Grüppchen am Ufer des Yarra River einher. Auf den Brücken und Plätzen steht Kunst herum – nicht schön, aber immer sehr gut gemeint. Langsam und umsichtig radeln Radfahrer vorbei, ein Schild sagt: „Danke für langsames Radeln.“ Natürlich steht das da auf Englisch, denn alle Australier sprechen erstaunlich gut Englisch. Doch auch für andere Sprachen hat man was übrig. Melbourne ist nämlich die einzige Stadt der Welt, in der einst Tausende dafür demonstrierten, den berühmten „rasenden Reporter“ Egon Erwin Kisch auf der Flucht vor den Nazis einreisen und öffentlich reden zu lassen.

Verbrechen sind durchweg verboten, und alle Radfahrer tragen freiwillig einen Fahrradhelm, um die vierhundert Dollar Strafe für unbehelmtes Radeln zu vermeiden. Vor den Museen stehen gelangweilte Security-Leute. Sie haben nichts zu tun. Aber halt, Moment! Da, drüben, vor dem Immigrationsmuseum! Da steht doch ein Mann und schaut verdächtig um sich! Was hat er nur vor? Abermals schaut er sich um, nach links, nach rechts, dann geht er schnell zur vorbildlich gepflegten Rosenhecke vor dem Museumseingang, bricht eine Blüte ab – und schenkt sie seiner Freundin.

„Vegemite“, der tödlichster aller chemischen Kampfstoffe

Alle Bewohner dieser blühenden Stadt sind gut genährt. Allgegenwärtiges Grundnahrungsmittel ist Bananenbrot, dessen Scheiben getoastet und gebuttert zum Frühstück oder als Beilage zum Essen gereicht werden und die jedem anderen Brot unbedingt vorzuziehen sind. Die Restaurants der Stadt sind international, kulinarisch auf dem neuesten Stand und abends bis auf den letzten Platz besetzt. Noch in der hintersten dunklen Melbournegasse werden derart köstliche Macarons hergestellt, dass man sich in einer Art Südhalbkugel-Paris wähnt. Überall herrscht eine Atmosphäre von Fleiß, Zufriedenheit und Laissez-faire. Man mag kaum glauben, dass in dieser Stadt auch einer der tödlichsten chemischen Kampfstoffe entstand und bis heute produziert wird: nämlich der überall frei erhältliche vegetarische Brotaufstrich „Vegemite“, Australiens Antwort auf die britische Streichschlacke „Marmite“.

Aber wer wird schon so blöd sein und sein Bananenbrot mit vergorener Hefepaste bestreichen, wo es doch in der ganzen Stadt die köstlichsten Speisen gibt? Um die Bevölkerung nicht durchweg und schutzlos den Schrecknissen der englischen Kolonialküche auszusetzen, hat man aus allen Winkeln der Welt in großer Zahl Migranten mitsamt ihrem Kochgeschirr herbeigeschafft.

Ein Drittel der Bewohner ist in Übersee geboren, es gibt große Gemeinden von Chinesen, Iren, Serben, Vietnamesen und Griechen (die größte außerhalb Europas) und die größte jüdische Gemeinde Australiens. Schon 1956, als Melbourne die Olympischen Spiele drohten, wurden eiligst hundert Köche aus England, Deutschland, Italien und Dänemark importiert, um die vielen Sportler mit genießbarer Nahrung versorgen zu können. Australiens erste Pizzeria residiert noch immer in Little Italy im Stadtteil Carlton, und in jeder Straße gibt es mindestens eine Espressobar, die einen noch besseren Kaffee zaubert als die Nachbarbar. Über alldem thront als neueste kulinarische Errungenschaft die türkisblau leuchtende smurf latte, eine heiße, nicht ungut schmeckende Schlumpfmilch, die ohne künstliche Farbstoffe auf reiner Algenbasis gefärbt wird. Jeden Tag pilgern junge trendy-funky-edgy Latteleute in die „Matcha Mylkbar“ in den Vorort St. Kilda, um das heiße Kultgetränk zu fotografieren und umgehend auf Instagram hochzuschlumpfen.

Überall herrscht heilloser Linksverkehr!

Der Multikulturalismus ist in Australien unverbrüchliche Staatsreligion und wird in der Hauptstadt des Bundesstaates Victoria jeden Tag aufs Neue hart gefeiert. Nicht zuletzt, weil die ursprünglich hier ansässige Ureinwohnerschaft, die vierzigtausend Jahre lang die Gegend um die Port Phillip Bay besiedelte, erfolgreich vertrieben werden konnte. Sie hätte die Integrationsbemühungen der weißen Siedler nur gestört. Und dafür, dass die zunächst aus Britannien importierte Kolonialbevölkerung hauptsächlich aus Desperados, Kriminellen und Knastrologen bestand, hat sie sich vortrefflich entwickelt. Überall nur nette Leute, die einem zum Plausch anstacheln, und die Wertsachen hat man hinterher trotzdem noch bei sich. Einzig die von England übernommene Marotte der Falschfahrerei konnte nicht überwunden werden. Wohin man auch schaut, überall herrscht heilloser Linksverkehr. Sogar auf dem Highway alles voller Geisterfahrer. Dennoch scheinen sich die Menschen an diesen Unfug gewöhnt zu haben. Nur selten geschehen Unfälle mit Toten und grässlich entstellten Verletzten. Zumindest konnte ich in fünf Tagen keinen beobachten, obwohl ich ständig danach Ausschau gehalten habe.

Naturgemäß gibt es in einer Mode- und Millionenmetropole auch Szenestadtteile. Der wichtigste heißt Fitzroy, dort sitzen die tätowierten Bartträger in den Bartpflegegeschäften und lassen sich die Gesichtspullover wichsen. In den Geschäften dazwischen wird für die Generation Milchschaum nachhaltig vegan gewebte Freizeitkleidung feilgeboten, Hanfrauchbedarf, Bartwichse, Batman- und Steve-Jobs-Spielzeugfiguren und natürlich Grüntee-Latte. Nicht nur die jungen Leute tragen supertrendy graugefärbte Haare. Die neue Modehaarfarbe wurde von den ohnehin fortschrittlichen Einwohnern begeistert übernommen, man sieht nun auch viele ältere Herrschaften, die sich diesem Farbtrend angeschlossen haben. Die anderen und bunteren Farben dieser Welt sind in riesigen Mengen an allen möglichen und unmöglichen Hauswänden auszumachen, denn Melbourne gilt auch als Welthauptstadt der Street-Art.

Alle Bewohner dieser blühenden Stadt sind sportlich. Denn die wichtigsten Sportveranstaltungen des australischen Kontinents – das Auftaktrennen zur Formel 1 und das Tennisturnier Australian Open – finden wo statt? Natürlich in Melbourne. Eine weitere beliebte Sportart ist der Alkoholismus. Noch bis in die sechziger Jahre hinein schlossen sämtliche Pubs der Stadt aus Selbstschutzgründen spätestens um 18 Uhr. Heute darf man etwas länger zechen, ja man gibt dem Breitensport insgesamt einen viel würdigeren und aufwendigeren Rahmen. Der würdigste von allen ist der jedes Jahr im November stattfindende Melbourne Cup, ein Pferderennen, welches den schönsten, elegantesten und honorabelsten Herrschaften der Stadt als Anlass dient, sich nach allen Regeln der australischen Kunst die Kante zu geben. Dann liegt die kostümierte Besucherschar auf dem Rasen vorm Stadion und schielt in den Himmel. Denn selbst in diesem fernen Winkel der Südhalbkugelwelt ist der Mond ein gern gesehener Gast am nächtlichen Firmament. Die im Hintergrund funzelnden Sternbilder sind indes größtenteils misslungen, einen richtig großen Bären sucht man vergeblich.

Aber wozu auch? Schließlich verfügt Australien über die merkwürdigste und bei weitem niedlichste Fauna der Welt: Schnabeltier und Schnabeligel, Wallaby und Wombat, Känguru und Koalabär. Sie alle sind im Healesville Sanctuary beschäftigt, einem sagenhaft schönen Tiergehege mitten im Grün. Zu einer guten Stadt gehört selbstverständlich auch ein guter Zoo – muss man sich da noch wundern, dass die beste Stadt der Welt gleich drei Tierparks hat? Im Innenstadtzoo arbeiten die etwas plumperen und hinlänglich bekannten Migranten aus Afrika – Giraffe, Nashorn, Zebra & Co. –, die richtig possierlichen Tiere zog es dagegen ins Yarratal. Eine jede Stadt braucht, wenn sie eine Spitzenposition einnehmen will, auch ein ansprechendes Hinterland. Melbourne wurde genau in der Gegend gegründet, wo die besten Tiere Australiens leben, wo mit der Great Ocean Road eine der spektakulärsten Küstenstraßen des Planeten verläuft und wo in der sanft rollenden Hügellandschaft des Yarra River die wohl besten Weine des Landes wachsen.

Zwischen Wombats und Wallabys

Also auf nach Yarra Valley! „Australien ist ein Outdoor-Land. Die Leute gehen nur rein, um die Toilette zu benutzen – und das ist noch eine ziemlich neue Entwicklung“, sagte einmal der in Melbourne geborene Komiker Barry Humphries. Bereits wenige Kilometer hinter der Stadtgrenze wirkt die Landschaft wie ein Best-of aus Allgäuer Weiden und irischen Wiesen, gespickt mit bordelaiser Rebhängen. Der weißgetupfte Himmel wiederholt sich auf den kühn geschwungenen Grünteppichen tausendfach in Form fluffig weißer Schafe, dann kommt hier mal ein Hain, da mal ein Wäldchen, dazwischen große Herden prächtig schwarzer Rinder. Die modernistischen Weingüter überbieten einander in architektonischem Gehumse und lukullischem Gesumse, der Chardonnay ist saftig und klar, der König der Reben aber heißt Pinot Noir, und auch sein Preis ist königlich. Doch er ist es wert. Vor allem, wenn man zum Sundowner auf der Terrasse eines kleinen Wochenendferienhäuschens im Yarratal sitzt, rechts, auf der Brüstung, gerade ein prächtiger Gelbhaubenkakadu landet, weiter hinten ein blauer Prachtstaffelschwanz gegen das Fenster klopft, weil er mit seinem eigenen Spiegelbild kämpft, und direkt vor einem eine Herde Kängurus zur abendlichen Atzung aushoppelt. Dabei bin ich gar nicht mehr im Zoo. Doch wer könnte das Healesville Sanctuary vergessen? Wer einmal die strahlenden Gesichter der Menschen beim Wombatstreicheln sah, wer im offenen Gehege von zierlichen Wallabys mit gefüllten Kinderbeuteln umhüpft wurde, wer einmal Milton, das dreizehn Jahre alte Schnabeltier, dabei beobachten durfte, wie es mit einem blauen Sack kämpfte, den es für seinen Widersacher hielt – der wird Australiens schönsten Zoo und die dazugehörige beste Stadt der Welt niemals wieder gegen eine andere eintauschen wollen. Im Ranking kann’s dann nur abwärts gehen.

Der Weg nach Melbourne

Anreise Täglich Flüge von Frankfurt nach Melbourne z. B. mit Thai Airways (via Bangkok) ab 1160 Euro Unterkunft Zum Beispiel im „Ovolo Laneways“, einem kleinen Designhotel am Rand der Innenstadt mit Kaffee und Sweets. Bei Direktbuchung über die Website: DZ inkl. Frühstück und freier Minibar ab 106 Euro (www.ovolohotels.com.au/ovololaneways)

Essen und Trinken „Pastuso“: Feine peruanische Fusionsküche in lebhafter Umgebung. Immer voll, reservieren! (www.pastuso.com.au) „Eau de Vie“: Zum Absacker mixen Melbournes beste Barkeeper um die Ecke die besten Drinks der Welt (www.eaudevie.com.au). „Pabu“: Phantastische japanische Küche im Ausgehstadtteil Fitzroy, großer Genuss zu kleinen Preisen mit hervorragenden Sake-Empfehlungen (www.pabu.com.au) „Black Pearl“: Eine der besten Bars in Fitzroy, gefährlich innovative Drinks in relaxter Atmosphäre. Falls zu voll, einfach einen Stock höher in die nächste Bar: „The Attic“ (www.blackpearlbar.com.au)

Ausflüge Yarra Valley: Vor 17 Jahren begann Dominique Portet, Winzer aus Bordeaux in neunter Generation, mit dem Anbau im Yarra Valley – heute sind seine Kreszenzen bereits Klassiker (www.dominiqueportet.com). Levantine Hill: Champagner, Bordeaux-Mixe und Chardonnays in futuristischer Architektur – und dazu feinste Küche von Starkoch Teage Ezard (www.levantine.hill.au) „Yering Gorge Cottages“: Neue, luxuriöse Cottages, vor der Terrasse hüpfen Kängurus (www.yeringcottages.com.au). Healesville Sanctuary: Der schönste australische Zoo der Welt – Termine zum Wombatstreicheln oder ein Treffen mit Milton, dem Schnabeltier, im Voraus buchen (www.zoo.org.au/healesville).

Weitere Informationen unter www.visitmelbourne.com

Quelle: F.A.S.
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