Porto feiert

Tanzen und Quietschen für den Apostel

Von Uwe Ebbinghaus
© AP, F.A.Z.
Aufmerksam, kommunikativ, fast zärtlich erfolgt der Schlag mit dem Quietschehammer, mit dem man sich einen „Bom São João!“ wünscht

Es war der erste perfekte Sonnentag des Jahres, sagten die Portuenser. Und am Abend - die Sonne war gerade untergegangen - lag ein unwirklicher Schimmer über der Stadt, der die mächtige Kathedrale und die Altstadt mit ihren zartbunten Häusern in verschleiertem Rosa anstrahlte. Leise wehten portugiesische Musik und rhythmisches Quietschen von den Cais da Ribeira, dem früheren Flusshafen, zu den Portweinlagern im gegenüberliegenden Vila Nova de Gaia herauf. An gewöhnlichen Tag hätten wir auf der Terrasse des Portweinlagers Taylor’s einfach nur den einzigartigen Blick genossen, an den alten Tawny-Portweinen genippt, die das Unternehmen seit über dreihundert Jahren herstellt, und uns davon beeindruckt gezeigt, dass unter uns 50 Millionen Liter Portwein vor sich hin altern. Doch der São João, der längste Tag des Jahres in Porto, hatte gerade erst begonnen, das pfeifende Quietschen gemahnte uns an das, was noch kommen sollte. Schon bei den Vorspeisen hatten wir uns, des Konditionsaufbaus halber, zu verschiedenen Blutwürsten überreden lassen, den Magen mit Muscheln, Stockfischsalat, gegrillten Sardinen sowie der kartoffelsämigen Caldo Verde ausgekleidet und sogar zu Ehren Johannes des Täufers vom Zickleinbraten mit Reis und Leber gekostet.

Ab und zu hatte jemand am Tisch mit der flachen Hand auf die eingetopften, sehr kleinblättrigen Basilikumpflänzchen vor uns getippt und anschließend den Geruch eingesogen - eines der vielen Rituale, die zum Portuenser Johannistag in der Nacht vom 23. auf den 24. Juni Glück bringen sollen. Der ultimative Glücksbringer aber schien uns ereilt zu haben, als in Sichtweite ein Papierballon in einen Baum auf der Gartenterrasse flog und dort Feuer fing. Die einheimischen Gäste bestaunten das anerkennend als bestes aller möglichen Johannisfeuer, während sich bei uns Deutschen kurzzeitig Gedanken an die heimische Brandschutzordnung einstellten.

Orientierungspunkte für den São João in Porto
© F.A.Z., F.A.Z.
Orientierungspunkte für den São João in Porto

Es zog uns nach draußen, wo der Himmel inzwischen dunkel war, versehen mit Schwärmen goldener Punkte, so dass wir - die Durchblutung fand gerade hauptsächlich im Magen statt - schon bereit waren zu denken, die Sterne leuchteten in dieser Nacht wie Edelmetall. Aber es waren die Lampions, die, von der gegenüberliegenden Kathedrale aus losgelassen, zur Irritation der Möwen erstaunlich weit nach oben stiegen, und, wenn sie Feuer fingen, wie Sternschnuppen verglühten, sofern sie nicht irgendwo im Abseits landeten. Eine Horde Kinder, die uns mit quietschenden Plastikhämmern von hinten versuchte, auf den Kopf zu tippen, stellte die Denkfähigkeit wieder her. Drinnen waren inzwischen kleine Puddingtörtchen serviert worden, vor denen wir schon kapitulieren wollten, bis ein portugiesischer Tischnachbar sagte, diese Pastéis de Nata nicht zu essen, das sei wie den Vatikan zu besuchen und den Petersdom nicht zu besichtigen. Ein Grinsen konnte er sich nicht verkneifen, als wir wieder glückselig zu mampfen begannen.

Friede auf den Stufen der Wahrheit

Schon nach der Ankunft am Vortag waren in der ganzen Stadt und selbst am Flughafen handgemachte Süßigkeiten und die quietschbunten Plastikhämmer angeboten worden, Dutzende Straßenhändler hatten Basilikum- und Knoblauchpflanzen verkauft, mit denen auch die Schaufenster geschmückt waren. An den Balkonen hingen Girlanden und Lampions, die Bühnenaufbauten waren an den zentralen Orten der Stadt in vollem Gang, das Fernsehen würde das Programm vom Nachmittag an live übertragen. Und überall, wo der leiseste Soundcheck zu hören war, fanden sich sofort Portuenser, die, selbst mit Einkaufstaschen beladen, zu tanzen begannen. Über der Stadt begann sich am Vormittag des 23. Juni fast flächendeckend ein Duft von gegrillten Sardinen auszubreiten.

Ihrem Duft entgeht man nicht: Gegrillte Sardinen vor der Brücke Dom Luis I
© AP, F.A.Z.
Ihrem Duft entgeht man nicht: Gegrillte Sardinen vor der Brücke Dom Luis I

Besonders beeindruckend war der Weg von Portos wuchtiger Kathedrale am höchsten Punkt der Stadt hinab zu den Cais da Ribeira, auf den Escadas das Verdades, den Treppen der Wahrheit. Vorbei an den ärmlichen, farblich verblassenden und ein wenig feucht riechenden Steinhäusern, vor denen in den gerade einmal zwei Meter breiten Gassen aber immer genug Platz für einen Grill und einen Tisch zu sein schien. Jede Krisenstimmung war von den Menschen an den Tagen rund um São João abgefallen. Friede, Tanzmusik, und ein großes Lächeln lagen unter der Grillwolke der Stadt.

Ritterschlag eines Popcorn-Verkäufers

Zurück in die Höhen Vila Nova de Gaias, wo sich kurz vor Mitternacht Taylor’s Portweinterrasse in Erwartung des Feuerwerks zu füllen begann. Die Kathedrale und das Douro-Ufer von Ribeira sahen wir jetzt von der anderen Seite, beleuchtet von Hunderten von Lichtern und Bühnenscheinwerfern. Die herumtollenden Kinder hatten inzwischen herausgefunden, dass man sich nach dem Schlag mit dem Quietschehammer lächelnd „Bom São João!“ wünscht. Dann ein dreifacher Donnerschlag - und das Feuerwerk begann, wurde nach besonders spektakulären Pyroeffekten von einem Raunen, Applaus und natürlich rhythmischem Quietschen begleitet. Die Brücke Dom Luis I., eine immer noch waghalsig aussehende Stahlkonstruktion aus der Eiffel-Schule, welche die Höhenkämme von Porto und Gaia verbindet, verwandelte sich in einen Wasserfall aus Licht. Das ganze Jahr über schläft das Wasser nachts, nur am São João nicht, sagt man in Porto, und dieser Wasserfall bewies es. Nach einer Viertelstunde Feuerwerk - die Krise nagte hier wohl doch etwas an der Dauer - erscholl abermals ein dreifacher Knall, ein letztes Blitzlichtgewitter - und Stille. In der Höhe Gaias, wo der Atlantik gerne für kühle Brisen sorgt, fühlte man sich plötzlich etwas unbehaust, das Jahr war halb vorüber, dagegen musste man jetzt vorgehen.

Fest des Lichts: Die Portuenser lieben ihr Johanissfeuer unter chinesischen Lampions
© AP, F.A.Z.
Fest des Lichts: Die Portuenser lieben ihr Johanissfeuer unter chinesischen Lampions

Die Gäste bei Taylor’s teilten sich nun in jene, die den Abend in gediegener Umgebung mit Portwein ausklingen lassen wollten, und jene, für die die Nacht erst begonnen hatte. Letztere strömten jetzt durch die Natursteingassen nach unten, dem Douro zu ins große Getümmel. Wir gerieten in eine Gruppe englischer Reisebüroleute, die bereits bei der Weinverkostung für ausgelassene Stimmung gesorgt hatte und die man gar nicht aus den Augen verlieren konnte, weil jedes Mitglied einen weißen Strohhut trug, eine putzige Uniformiertheit in der immer dichter werdenden bunten Menschenmenge. Angeführt wurden die Engländer von einem gebürtigen Portuenser, der sie mit lächelnder Geduld gelegentlich von einer peripheren Hinterhofparty oder einer Bühne, die ihm nicht gut genug erschien, wegdirigierte. Wie eine Seilschaft nahmen sie anschließend wieder Fahrt auf, gaben Becher mit Bier durch ihre Reihen nach hinten durch und arbeiteten sich immer tiefer in die Menge hinein, die sich - das sah man schon von weitem - vor dem entscheidenden Brückenübergang nach Porto in einem Menschenstau ballte; für Fahrzeuge war die Stadt inzwischen längst gesperrt.

Eine Art Ritterschlag erhielt ich von einem Popcorn-Verkäufer an der Uferpromenade Gaias, der trotz des beträchtlichen Kundenandrangs seinem Kompagnon den gastronomischen Betrieb überlassen hatte und selbst mit einem riesigen blau-gelben Hammer neben seinen Stand getreten war, um nahezu alle Vorübergehenden weihevoll für den Abend zu taufen. Mein Frage - ich war von hinten an ihn herangetreten -, ob wir die Hämmer nicht tauschen könnten, ich selbst war im Besitz einer ziemlich kleinen Retro-Ausführung aus den sechziger Jahren, verstand er nicht, meinte stattdessen, auch ich bäte um Segnung, die er mir sogleich gewährte.

Augenkontakt, Knoblauchstengel, Glücksberührung

Das letzte Mal, dass ich von einem Portuenser einen quietschenden Hammerschlag erhalten hatte, war im Jahr 1987 gewesen, beim Landesmeisterfinale zwischen Bayern München und dem FC Porto, als Rabah Madjer, eigentlich Algerier, dieses spielentscheidende Jahrhundert-Hackentor erzielte, mitten ins Herz der Bayern-Fans hinein, ein bleibender Triumph der Leichtfüßigkeit. Und kaum hatte ich diesen Gedanken gegenüber dem Führer der englischen Weißhüte ausgesprochen, begannen seine Augen zu leuchten, und wir verbrüderten uns in fast agambisch-romanischem Geiste.

Keiner schläft: Auf den Portweinterrassen Gaias
© AP, F.A.Z.
Keiner schläft: Auf den Portweinterrassen Gaias

Mittlerweile wurden wir mehr geschoben, als dass wir liefen, und da alles auf ein bestimmtes Ziel hinauszulaufen schien, fragten wir uns, worin es eigentlich bestünde, und mussten nach dem Bad in der ausgelassenen Menge zu dem Ergebnis kommen: Es besteht im gutgelaunten Vorübergehen, in der Suche nach immer neuen Attraktionen und lächelnden Gesichtern.

Wobei das Fest durch den Hammerschlag eine ganz eigene Choreographie erhält. Den Hammer richtig plazieren kann man nämlich nur, wenn man denjenigen, dem man damit Glück wünschen möchte, schon fast passiert hat. Die Berührung auf dem Hinterkopf wird damit zur nachgeschobenen Sympathiebekundung, der ein tieferer Augenkontakt vorausgeht, als es im Alltag üblich wäre. Ein ungemein kommunikativer Akt ist das, ein Akt der Achtsamkeit, denn niemand würde daran denken, dem anderen weh zu tun. Der Ursprung dieser flüchtigen Glücksberührung ist passenderweise ein organischer, bis in die sechziger Jahre hinein benutzte man hauptsächlich die Blüte eines mannshohen Knoblauchstengels, an dessen unterem Ende die Knolle belassen wurde. Und noch heute werden diese Lauchstengel an den Straßenrändern angeboten, auch in diesem Jahr waren sie vereinzelt in der Menge zu sehen.

Die Brücke schwankt

Manche laufen durch die Straßen mit dem Ehrgeiz, den ihnen zugedachten Schlägen auszuweichen, mancher hat ernsthaft vor, wirklich jeden Entgegenkommenden zu berühren, mancher schaut dermaßen abwesend oder grimmig, dass niemand auf die Idee käme, mit ihm irgendwelche Spielchen zu treiben. Die Absurdität der Situation tritt dann vor allem dadurch hervor, dass die feiernde Menge alle gesellschaftlichen Schichten und Generationen umfasst - und man muss einfach loslachen, wenn ein gut gekleideter Pensionär mit respektablem Bauch und Schnäuzer stocknüchtern einen quietschenden Plastikhammer durch die Gegend schwingt. Uneitel muss man wohl sein, um da mitzumachen, und die Menschen muss man mögen.

Da passt oft kein Quietschehammer mehr dazwischen: Menschenmassen in Portos Altstadt
© picture alliance / ZUMAPRESS.com, F.A.Z.
Da passt oft kein Quietschehammer mehr dazwischen: Menschenmassen in Portos Altstadt

Unterdessen hatt sich die englische Weißhutseilschaft mit alkoholischem Instinkt erstaunlich effizient in den Menschenhaufen hineingebohrt, unmittelbar vor dem Brückenübergang aber war der Stau massiv geworden, nichts ging mehr. Eine versprengte Ordnungskraft versuchte unermüdlich, ein Ampelsystem durchzusetzen, und rief in ihr Megaphon hinein: „Nach Porto bitte rechts halten!“, was nur ein improvisiertes Quietschkonzert und chorale São-João-Gesänge heraufbeschwor. Trotz abgekühlter Temperatur war es in der Menge mollig warm, es roch nach Knoblauch, und eine deutsche Frau sagte nicht weit entfernt: „Jetzt so ’ne schöne Massenpanik ...“ Ein junges Mädchen am Arm ihres Vaters starrte den Anführer der Engländer und mich bei einer vertieften Madjer-Analyse fragend an, grinste dann spitzbübisch, holte in Zeitlupe einen Hammer hervor und bekam - derart gut gespielte Skrupel mussten belohnt werden - zwei gesenkte Häupter dargeboten. Dann erwischten wir irgendeinen Flow, erreichten die weißhütigen Pfadfinder wieder und betraten endlich die Brücke. Nur wenige kamen uns aus Porto entgegen, die zehnfache Zahl hatte die fünfzig Amüsiermeter am Portuenser Douro-Ufer ins Auge gefasst. Mitten auf der Brücke spürte ich plötzlich, wie der Boden unter meinen Füßen zu schwanken begann. Schlägt jetzt der Portwein in Kombination mit den Wegzehrungsbieren durch, fragte ich mich, und warum merkt man diesen hartgesottenen Engländern eigentlich nichts an? „Die Brücke schwankt!“, rief der portugiesische Führer hinter sich, was paradoxerweise alle beruhigte - das Zutrauen in die Gustave-Eiffel-Schule scheint intakt zu sein.

Hinter der Brücke wandten sich die Engländer seltsamerweise nach rechts, weg von den Cais da Ribeira, weg vom zentralen Geschehen, so dass ich mich einer anderen Gruppe anschloss, die sich, weil an den Cais kein Durchkommen war, den Berg hoch in Richtung auf die São-Bento-Bahnstation aufmachte, mitten hinein in die Stadt, dann weiter zum Freiheitsplatz. Das Bier wurde am Straßenrand inzwischen in eisgekühlten Wannen und sogar in einer Papiermülltonne fast zum Selbstkostenpreis angeboten. Auch ein Büschel getrocknetes Grünzeug bekam man zuweilen unter die Nase gehalten. Wegen der Gleichförmigkeit der Straßen verirrten wir uns, ohne dass das irgendjemanden störte. Erst als wir nach vielen Aufs und Abs am Torre Clerigos herauskamen, hinter dem eine veritable Kirmes im Gang war, dachten wir ans Aufhören. Im angrenzenden Jardim Cordoaria war ein höchst idyllisches Licht- und Schattenspiel mit Stelzenläufern und verliebten Paaren im Gang, uns aber zog es, während die Jugend Portos, um die Morgensonne zu begrüßen, ihren Marsch an den Strand von Foz angetreten hatte, jetzt doch zum Hotel, wo wir den Nachportier mit einem Hammerkonzert überraschten. Wir würden in ganz Portugal kein zweites Fest dieser Art finden, sagte er und fügte geradezu präsidial hinzu, es werde sogar jedes Jahr besser wegen der Besucher aus dem Ausland wie uns. Die Portugiesen verstehen es eben auch, eine Feier angemessen zu beenden. Und das Schöne an all den Glücks- und Gesundheitswünschen der vergangenen Stunden war: Sie wirkten. Jeder, der dabei gewesen war, konnte beim Frühstück nur bestätigen, sich nach einer derart kurzen Nacht noch nie so frisch gefühlt zu haben.

Weitere Informationen unter www.visitportoandnorth.travel. Die Reise wurde unterstützt vom Fremdenverkehrsamt Porto und Nordportugal.

Quelle: F.A.Z.
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