New Orleans

Die Apokalypse haben wir schon hinter uns

Von Jakob Strobel y Serra
 - 09:36
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Fürchtet Gott! Denn der Tag des Zorns wird kommen! Jesus hat euch gewarnt: Gehet hin und höret auf zu sündigen, denn nach dem Tod gibt es nur Himmel oder Hölle!“ Aufrecht wie Lot harren die Retter der verlorenen Seelen inmitten von Sodom und Gomorrha aus, recken ihre Schilder mit den frommen Warnungen in die Höhe und müssen doch mitansehen, wie der Höllenfürst ringsum fette Beute macht. Immer dann, wenn es auf der Bourbon Street in New Orleans, Amerikas wildester, wüstester Partystraße, besonders gotteslästerlich wird, gehen diese versprengten Gruppen von Radikalchristen im Namen des Allmächtigen auf ihre Menschenfängermission – und werden von der Meute lauthals verlacht, die gar nicht daran denkt, ihre Striptease-Bars, Erotik-Shops, Schwulen-Clubs, Jazz-Kneipen und Bierkaschemmen gegen Gotteshäuser einzutauschen.

Keine Paradiesverheißung kann sie aus diesem extraterritorialen Gebiet des Laisser-faire inmitten des moralinsauren Amerikas weglocken, in dem alles erlaubt und jede Geschmacklosigkeit willkommen ist. Man trinkt „Huge Ass Beer“ aus Frauentorso-Humpen mit monströsen Hintern, lässt sich beim „Nipple Painting“ von barbusigen Frauen die Brustwarzen in karnevalesken Glitzerfarben anmalen, starrt halb belustigt, halb ungläubig auf die Go-go-Boys, die mit Gemächten wie Ackergäule im Tanga auf den Tresen tanzen, und deckt sich in den Sexshops mit Trinkflaschen in Penisform oder Vaginal-Lutschern mit Erdbeergeschmack ein, bevor man mit diesen Trophäen der Sündhaftigkeit in Gottes eigenes Land zurückkehrt – in der Hoffnung, dass der Himmelsherrscher ausnahmsweise nicht alles gesehen hat.

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New Orleans fürchtet weder Gott noch den Tod und schon gar nicht den Teufel, weil seine einzige Religion das Carpe diem zu sein scheint. Das ist nicht nur das Glaubensbekenntnis der Bourbon Street. So haben wir uns in der ganzen Stadt gefühlt: im Herzen von Dixieland und doch an jenem Ort in Amerika, der vermutlich am weitesten von Amerika entfernt ist, einem Ort der Libertinage statt der Bigotterie, der Vergangenheitsbeschwörung statt der Zukunftszuversicht, der Selbstgenügsamkeit statt des Erfolgshungers. Mainstream-Amerika soll sich ruhig zu einer Dealmaker-Demokratie entwickeln, in der die Menschen glücklich sind, wenn sie gewinnen. New Orleans hingegen wirkt wie eine Insel des melancholischen Fatalismus, auf der man glücklich ist, wenn man glücklich ist und selbst dann nicht unglücklich wird, wenn die lokalen Sportteams, diese notorischen Versager, schon wieder nichts gewonnen haben. Dann tröstet man sich mit sich selbst und der ewiggültigen Wahrheit von Tennessee Williams, der seiner Heimat dieses zärtliche Kompliment machte: „In Amerika gibt es nur drei Städte: New York, San Francisco und New Orleans. Überall sonst ist Cleveland.“

Die einzige Altstadt Amerikas

Cleveland-Amerika ist Budweiser Beer. In New Orleans haben wir – nicht etwa in versteckten Mikrobrauereien nonkonformistischer Enthusiasten, sondern in Massenlokalen mitten in der Innenstadt – „German Schwarzbier“, „Belgian Blonde“ und „Dark Chocolate Stout“ getrunken, um dann mit der blanken Bierflasche auf die Straße zu treten, ohne im Gefängnis oder gleich in der Hölle zu landen, weil der öffentliche Trinker in New Orleans, anders als im übrigen Amerika, nicht als Teufelserscheinung gilt. In Cleveland-Amerika sieht der Karneval aus, als besitze die Walt Disney Company das Copyright an ihm. In New Orleans ist er ein echtes Erbe der Geschichte, eine historische Kontinuität seit der französischen Besiedlung im frühen achtzehnten Jahrhundert, ein kollektiver Ausnahmezustand, wie man ihn jenseits des Atlantiks sonst nur aus Lateinamerika kennt.

Die ganze Stadt gerät dann außer Rand und Band, feiert Tag und Nacht, trinkt tanklasterweise Bier und begnügt sich nicht mit einem lächerlichen Rosenmontagsumzug, sondern zieht in Dutzenden von Paraden manchmal vierzehn Stunden pro Tag durch die Straßen. Dabei geht es weder um politische Boshaftigkeit noch um strenge Choreographien karnevalesker Exerzierklubs, sondern allein um das olympische Motto des Dabeiseins. Selbst für Achteltonnen-Tanzmariechen ist bei diesen Paraden Platz, die es in New Orleans, einer der übergewichtigsten Städte der Vereinigten Staaten, wie Schlamm am Mississippi-Ufer gibt und die auch bei der groteskesten Ungelenkigkeit keinen Spott fürchten müssen. Jeder darf mittanzen und mittrampeln, jeder kann sich des Jubels der Zuschauer sicher sein, die sich mit Kind und Kegel, Campingstuhl und Kühlbox am Straßenrand zum urbanen Picknick niederlassen, um sich selbst und das Leben zu feiern.

Die Seele von New Orleans, das immerwährende Carpe diem seines Karnevals, ist das French Quarter, das sich seit dreihundert Jahren jedem Fortschritt trotzig verweigert und so zur einzigen Altstadt Amerikas im europäischen Sinn geworden ist. Die französischen und spanischen Kulissen seiner Stadtgeschichte füllt New Orleans derart konsequent mit dem Kitt der Nostalgie, dass kein Investor, kein Immobilienhai jemals seinen Fuß in die koloniale Tür stellen konnte, um die architektonische Geschlossenheit dieses Ensembles zu zerstören. Was für eine schöne Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet die antikapitalistische Fortschrittsfeindlichkeit zum größten Kapital des French Quarter geworden ist! Und so feiert die Vergangenheit hier ein Hochamt der Sentimentalität mit schmiedeeisernen Balkonen auf filigranen Eisenstreben, kannelierten Säulen mit dorischen Kapitellen, bodentiefen Sprossenfenstern über eleganten Arkaden, hölzernen Fassadenfronten voller Schnörkelinschriften. An einer Straßenecke sieht das Viertel genauso aus wie die historischen Zentren jener Städte, deren Namen seine Straßen tragen, wie Toulouse, Orléans oder Chartres. Dann wieder erinnert es mit seinen Fassaden in warmen Erdfarben und den neckischen Glockentürmchen auf dem Dach an das alte Oaxaca oder Querétaro. Und niemals wähnt man sich in einem Disneyland voller verlogen nachgebauter Geschichte, allein schon deswegen, weil sich das French Quarter nonchalant die Würde einer windschiefen Patina gönnt.

„Trump Voodoo Dolls – Handmade in New Orleans“

Dass ein Ort von solcher Einzigartigkeit in den Vereinigten Staaten an die Grenzen seiner Authentizität stoßen muss, versteht sich von selbst. Nur noch ein paar tausend Menschen leben im French Quarter, das zu laut, zu teuer, zu feierwütig für ein geruhsames Leben ist – und keine Parkplätze hat, das schlimmste aller Vergehen in Amerika. Doch die tapfere Restbevölkerung fühlt sich noch immer stark genug, um den Totalabsturz des French Quarter zu einem musealen Touristenquartier zu verhindern und all den Trödlern und Antiquaren, Parfumeuren und Chocolatiers, Hutmachern und Gebrauchskunsthändlern, all den Souvenirshops mit Dixieland-Nippes, Zinnsoldatenarmeen, Karnevalsmasken und Reizwäschekollektionen allein das Feld zu überlassen.

Die größte Leistung der Berufsnostalgiker aber ist es, dass sie bis heute sämtliche Apple Stores und McDonald’s-Buden aus dem Quartier ferngehalten haben – ein Wunder im totaluniformierten Amerika. Stattdessen gibt es Geschäfte wie das Voodoo House, einen wohlsortierten Fachhandel für Geister-, Hexen- und Schamanenbedarf, der Aphrodisiaka aus den geriebenen Gräten von Amazonas-Fischen, Palo-Santo-Pulver gegen hinterhältige Dämonen oder rote Korallen für immerwährenden inneren Frieden führt. Man kann Tüten mit vier Sargnägeln erwerben, die an den vier Ecken des Hauses zur Abwehr Luzifers zu deponieren sind, wahlweise auch Figuren des „Lord of the Death“ mit Bowlerhut und Totenschädel oder eine Statue von Sandra Sexton, der Schutzheiligen aller Stripperinnen. Sie ist so barbusig wie ihre Schutzbefohlenen, hat eine tadellose Model-Figur und versteckt sich hinter einem handgeschriebenen Schild, das vom genervten Personal aufgestellt wurde: „No! It’s not Melania! Please don’t ask any more!“ Sexy Sandra ist der First Lady aber auch wie aus dem Gesicht geschnitten.

Tennessee Williams hat recht: Ein derart pralles Leben, buntes Treiben, anarchisches Tohuwabohu wie in New Orleans haben wir sonst nur in New York und San Francisco erlebt. Die Straßen des French Quarter werden von Bouquinisten, Karikaturisten und Hobby-Impressionisten vor Staffeleien mit quietschbunten Bilderungetümen bevölkert. Rikscha-Fahrer konkurrieren mit Pferdefuhrwerken, Wahrsager aller Couleur vom Handlinienleser bis zum Tarot-Kartendeuter blicken kostenpflichtig in die Zukunft, während Geisterbeschwörer „Trump Voodoo Dolls – Handmade in New Orleans“ samt passendem Nadelaccessoire feilbieten. Halb- und Ganzverrückte verkleiden sich als Kreuzung aus Don Quijote und Yedi-Ritter, um wie Derwische zur Musik von Dixiebands zu tanzen, die überall aufspielen. Stadtführer ziehen Horden von Hillbillies hinter sich her, die sich mit offenem Mund den Ursprung des Wortes Dixie erklären lassen: Es stamme gar nicht von der Mason-Dixon-Linie, die einst den Norden der Vereinigten Staaten vom Süden trennte, sondern vom Zehn-Franc-Schein, der in französischen Kolonialzeiten das beliebteste Zahlungsmittel im French Quarter gewesen sei – und „zehn“ auf Französisch heiße bekanntlich „dix“.

Der „Vieux Carré“knallt wie eine Kanonenkugel

Wie in einem großen Menschenwelttheater schlendern wir durch ein Spalier aus Pantomimen, Zauberern und Drehorgelspielern und lauschen zwei dicken Posaunisten, die abwechselnd „Summertime“ spielen und singen. An jeder zweiten Straßenecke stoßen wir auf einsame Aschenputtel-Musiker mit Violine, Querflöte, Gitarre oder Saxophon, die tapfer ihrer Entdeckung harren. Sogar die Penner haben nicht nur verlauste Hunde, sondern auch ramponierte Instrumente dabei, ein Tribut an die Wiege des Jazz, die Krippe von Fats Domino, Louis Armstrong, Mahalia Jackson und Wynton Marsalis. Und selbst das New Orleans Police Department lässt sich von der entspannten Stimmung anstecken und betätigt sich nebenberuflich im Souvenirhandel: An den Zaun seiner Wache hat es nicht etwa Hinweise gegen Taschendiebe oder Verhaltensregeln für Volltrunkene gehängt, sondern ein Schild mit der Aufschrift „NOPD-T-Shirts available“.

Im Cleveland-Amerika ist Geschichte oft nur ihre eigene Simulation. Im French Quarter hängen in zweihundert Jahre alten Apotheken echte Spinnweben von der Decke, während fast ebenso alte Kneipen mit authentischen Napoleon-Bonaparte-Devotionalien vollgestopft sind und sich der Tresen samt Barhockern in der berühmten „Carousel Bar“ im Monteleone-Hotel – angeblich dem ältesten in Amerika, das noch immer in Familienbesitz ist – mit echtem Knarzen und Stöhnen um die eigene Achse dreht. Und wo sonst als hier hätte der offizielle Cocktail des French Quarter kreiert werden können, der „Vieux Carré“ aus Whisky, Cognac, Wermut, Angostura und Bénédictine, der noch immer wie eine Kanonenkugel in den Kopf knallt.

Deswegen sollte man seinem Magen zuvor dringend eine solide Grundlage gönnen, am besten im „Antoine’s“ wenige Blocks weiter, dem – wie könnte es anders sein – ältesten familiengeführten Restaurant der Vereinigten Staaten, 1840 von Antoine Alcatiore gegründet, einem eingewanderten Saucier aus Marseille, und inzwischen von der fünften Alcatiore-Generation geführt. Es ist ein labyrinthisches Riesenrestaurant mit einem Dutzend Speisesälen und elfhundert Plätzen, das mit seinen Rüschengardinen, Stuckdecken und Kristalllüstern so aussieht, als sei es aus der Zeit von Tennessee Williams gefallen. Die Wände hängen voller Fotos, Karikaturen und Zeitungsartikel, wobei die Prominenz, die sich hier die Klinke in die Hand gibt, kaum eine Rolle spielt. Jerry Lewis und Papst Johannes Paul II. erkennen wir gerade noch, das Gros der anderen verewigten Gäste sind die Königinnen und Könige der lokalen Karnevalsvereine, ganz offensichtlich die wahren Berühmtheiten in dieser Stadt.

Der Untergang von New Orleans fand 2005 statt

Der glamouröseste Speisesaal des „Antoine’s“ ist der Rex Room, ein absinthgrünes Boudoir voller Blattgold, das gleichfalls mit Karnevalskrimskrams dekoriert ist und bis auf die Herren Obama und Trump sämtliche amerikanischen Präsidenten seit 1840 als Kundschaft gesehen hat. Uns wird die Ehre zuteil, vom farblich harmonisierten absinthgrünen Porzellan speisen zu dürfen, das 1937 eigens für den Besuch von Franklin D. Roosevelt angefertigt wurde. Wir bekommen ein antiquarisches Menü aus Austern-Artischocken-Bisque und Krebsfleisch-Ravigote serviert, das Saucier Antoine persönlich nach der Mode seiner Zeit gekocht zu haben scheint, und plaudern angeregt mit dem ausgesprochen sinnesfrohen Herrn des Hauses über das schöne Leben und seine Kehrseiten. Ob wir wissen wollten, was wahre Schicksalsschläge seien, fragt er uns mit großer Geste und führt uns dann zu seinem Weinkeller hinter dem Rex Room, einem tiefen Stollen mit siebzehntausend Flaschen allererster Gewächse vor allem aus der Alten Welt. Zehn Jahre habe er gebraucht, sagt er mit schmerzerfüllter Stimme am Rande des Schluchzens, zehn ganze Jahre, um seinen Weinkeller nach der Katrina-Katastrophe wieder aufzufüllen. Denn der verfluchte Hurrikan habe ihm alles genommen.

Einer Stadt, die schon einmal die Apokalypse überlebt hat, muss das Carpe diem im Blut stecken. Der Untergang von New Orleans fand Ende August 2005 statt. Die Stadt liegt zum großen Teil unter dem Meeresspiegel, eingequetscht zwischen Mississippi und Lake Pontchartrain, geschützt von Dämmen, die sie wie die Ränder einer gigantischen Badewanne einfassen. Dass sie einer Katastrophe vom Ausmaße Katrinas nicht standhalten würden, hatten alle Experten immer wieder vorhergesagt. Die Regierung kümmerte das allerdings nicht sonderlich. Als die Dämme brachen, wurden vier Fünftel der Stadt überflutet, sieben Meter tief stand das Wasser in den Straßen, tausendachthundert Menschen starben. Die Behörden versagten vollständig, und Präsident Bush hätte New Orleans am liebsten ersaufen lassen, doch der Lebenswille der Stadt war zu stark. Fünfzehn Milliarden Dollar sind seither in den Hochwasserschutz investiert worden, siebzig Milliarden Dollar insgesamt in die Infrastruktur, sodass man in New Orleans heute kaum den Verfall und die Verwahrlosung sieht, die in anderen amerikanischen Städten zum Alltag gehören.

Vor Katrina hatte New Orleans 455.000 Einwohner, unmittelbar danach 200.000, heute sind es wieder 380.000. Viele junge Menschen sind in die Stadt gezogen, haben alte Verkrustungen aufgebrochen, Solarzellen auf ihren Dächern installiert und das Fahrrad als Verkehrsmittel eingeführt, weil sie schnell begriffen, dass das flache, kompakte, übersichtliche Stadtgebiet ideal für Radfahrer ist – vor Katrina gab es fünf Kilometer Radwege, jetzt sind es hundert, das ist Fortschritt à la New Orleans. Sie haben den Warehouse District aus seiner Agonie geweckt und in den alten Backsteinlagerhäusern Galerien, Ateliers, Designstudios, Lofts und gutsortierte Käsegeschäfte mit Delikatessen aus Europa und den Vereinigten Staaten von Kalifornien bis Georgia eingerichtet. Dazwischen tummeln sich Austernbars, Weinlokale, französische Restaurants, die „Bouillabaisse marseillaise“ sogar richtig schreiben, und die für jede halbwegs progressive amerikanische Stadt obligatorischen Chocolatier-Manufakturen im Vintage-Stil, deren Mobiliar dringend einmal gestrichen werden müsste.

„One penny saved is better than two pennies earned“

Auch die Etouffée-Jambalaya-Seligkeit der kreolischen Küche ist nicht mehr das einzige kulinarische Credo in New Orleans. Junge Chefs wie Michael Gulotta vom Restaurant „Maypop“ wagen den Brückenschlag in die weite Welt, füllen das lokale Nationalgebäck Beignet mit Nuoc Nam, Wasabi und Kokosnuss, backen Louisiana-Shrimps mit Chili-Schoten, Chili-Öl und geröstetem Chili, kombinieren frittierte Austern mit Aioli aus Soya-Maische, Gurken-Kimchi und geräuchertem Manchego oder servieren geschmortes Lamm mit Harissa-Spiegelei, gepufften Erbsen und Kokosnuss-Glazé – eine Carpe-diem-Küche, deren Aromen es so wild treiben wie die entfesselte Meute auf der Bourbon Street.

Doch New Orleans ist weit davon entfernt, sich in eine vibrierende Boomtown zu verwandeln. Dazu ist es viel zu sehr damit beschäftigt, seine Vergangenheit zu beschwören und seinem Ehrentitel „The Big Easy“ gerecht zu werden – so sehr, dass die besorgten Stadtväter angesichts solcher Leichtlebigkeit und Zukunftsvergessenheit als Mahnung zum Maßhalten das Denkmal für Benjamin Franklin am Lafayette Square mit strengen Worten des Geehrten versahen: „One penny saved is better than two pennies earned“, liest man dort, und gleich daneben: „Save when you are young to spend when you are old.“

Dass es sich „The Big Easy“ dennoch gerne leichtmacht, manchmal allzu leicht, sieht man der Stadt allerorten an. Dem Mississippi, dem sie so viel verdankt, wendet sie gelangweilt den Rücken zu – ein schreiendes Unrecht, selbst wenn der große Strom Amerikas ein Arbeitsfluss voller Kräne, Piers, Werften, Lagerhallen und Lastkähne ist, schlammbraun, als sei das Wasser von seinem Schweiß getränkt. Und den Louis-Armstrong-Park, dem größten Sohn der Stadt gewidmet, behandelt sie wie ein Schmuddelkind. Die große Musikgeschichte der Stadt, in der 1917 die erste Jazz-Platte überhaupt aufgenommen wurde, könnte man hier als grandioses Menschheitserbe präsentieren. Stattdessen rottet der Park samt halbruinösem städtischen Auditorium vor sich hin, und auch das Mahalia Jackson Theatre gleich nebenan scheint alle Hoffnung auf bessere Tage längst aufgegeben zu haben.

Hippie-Seligkeit mit Lebensversicherungspolice

„Die Vergangenheit geht hier nicht so schnell vorbei“, sagte Bob Dylan einmal über die Stadt, der er ein halbes Dutzend Lieder gewidmet hat. Genau diese Geschichtstrunkenheit ist Fluch und Segen von New Orleans. So leicht kann man es sich hier im weichen Bett seiner Historie bequem machen. Man muss nur ab und zu die Kissen aufschütteln, hier ein bisschen das French Quarter renovieren, dort ein wenig den Garden District aufpolieren, das pittoreske, zwischen Südstaatenpracht und „Big Easy“-Gelassenheit balancierende New Orleans, dessen Straßen „Pleasant“ oder „Harmony“ heißen und dessen Bewohner selbstgemalte Schilder mit esoterischen Weisheiten in den Vorgarten stellen. „A head full of fears has no room for dreams“, lesen wir unter einer Schaukelstuhlveranda, auf der zwei leere Weinflaschen von einem entspannten Nachmittag künden, schnuppern unwillkürlich, ob hier jemand gekifft hat, und beneiden angesichts der deutschen SUVs vor der Haustür die Bewohner darum, dass sie ihre Hippie-Seligkeit offensichtlich mit einer soliden Lebensversicherungspolice polstern können.

Der Vergangenheit entkommt man auch in der Frenchmen Street nicht, der Bourbon Street für Einheimische, in der es genauso viele Jazz-Bars wie im French Quarter, aber nur einen Bruchteil der Touristen gibt. Ihr dezenter Spelunkencharme passt zu den Liedern, die Wiedergänger von James Brown, Ray Charles oder Nina Simone in den Bars zum Besten geben, Lieder über verlebte Leben und verpasste Lieben, über zu viel oder zu wenig Sex, der hier in Texten und nicht an Tanzstangen wie in der Bourbon Street abgehandelt wird. Meistens sind es Cover Songs, die wie Metaphern auf die perpetuierte Geschichte von New Orleans klingen, Aufgüsse des Originals, immer noch gut, aber nicht mehr originell. Draußen auf dem Bürgersteig hocken derweil junge Leute auf Stühlchen vor Tischchen mit mechanischen Schreibmaschinen, um sich als Lohnpoeten zu verdingen. Man muss diesen selbsternannten Enkelkindern Jack Kerouacs nur ein Stichwort liefern, und schon schreiben sie ein Gedicht auf Bestellung. Wir sind gemein und zitieren nicht Horaz, sondern den Papst und sagen: „Sic transit gloria mundi.“

Die Wiege des Jazz

• Anreise: British Airways (www. britishairways.com) fliegt seit kurzem von Berlin-Tegel, Bremen, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Hannover, München und Stuttgart über London-Heathrow viermal pro Woche nonstop nach New Orleans. Die Preise in der Economy-Klasse beginnen bei 830 Euro, in der Premium Economy-Klasse bei 1280 Euro und in der Business Class bei 3480 Euro. Die Fluggesellschaft bietet auf ihrer Website www.ba.com/holidays auch Hotels, Mietwagen und Pauschalarrangements für New Orleans an. Für die visumfreie Einreise muss man sich online im Esta-System registrieren (https://esta.cbp.dhs.gov/esta).

• Informationen auf den Websites www.neworleansonline.com und www.neworleanscvb.com/visit.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Strobel y Serra, Jakob (str.)
Jakob Strobel y Serra
stellvertretender Leiter des Feuilletons.
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