Schweiz

Ortsgespräch zum Himmel

Von Sibylle Zehle
© Badrutt's Palace, F.A.Z.

Ein Wintertag auf der Corviglia-Bergstation. Im Restaurant „La Marmite“. Am Resopaltisch, im Pullover, Karl Otto Pöhl, damals Präsident der Deutschen Bundesbank. Wir hatten uns zu einem Interview getroffen, und er hatte in St. Moritz, seinem Urlaubsort, zum Mittagessen geladen. Natürlich „beim Mathis“ im „Marmite“, 2488 Meter über dem Meer, irgendwas zwischen Betriebskantine und Edel-Imbiß, rappelvoll, Wasserpfützen auf dem Boden. Und auf unseren Tellern? „Corviglia Schnee“: Kartoffelstampf mit Kaviar.

Das war 1989, im vorigen Jahrhundert. Was hat die Welt sich inzwischen gedreht! Ein deutscher Bundesbankpräsident, der Kaviar verzehrt in Gesellschaft einer Journalistin? Und das in aller Öffentlichkeit? Doch weder zählte damals das Wort Compliance zum allgemeinen Wortschatz, noch saßen Leser-Reporter mit Smartphones am Nebentisch. Und Kaviar war auch noch nicht so sündhaft teuer wie heute.

„Fine Mountain Dining“, Hartly Mathis hatte es in den Siebzigern erfunden, er war der Erste, der Skiläufern weiße Trüffel aufs Carpaccio hobelte. Und die Feinschmeckerei in den St. Moritzer Bergen mit Können und einem großen Herzen so kultivierte, wie es heute, vergleichbar, ein Herbert Seckler mit seiner „Sansibar“ im Sylter Sand zu zelebrieren versteht. Ob griechischer Reeder oder schwäbischer Unternehmer, „vom Mathis“ ließen sich alle füttern, in der Hauptsaison mittags sogar in zwei Schichten: 11.30 bis 14 Uhr und 14 bis 15.30 Uhr. Und da kam dann tatsächlich Fiat-Chef Gianni Agnelli durch die Tür, braungebrannt, weißhaarig, federnden Schrittes, pünktlich zur zweiten Schicht.

Die Diva unter den Schweizer Skiorten fröstelt

Nach dieser Saison, am 2. April, wird das „La Marmite“ schließen. Reto Mathis, Hartlys Sohn, ein nicht minder begabter Koch und Entertainer und Strippenzieher beim St. Moritzer Gourmet-Festival, gibt das Restaurant auf der Corviglia im fünfzigsten Jahr seines Bestehens auf. „Aus wirtschaftlichen Gründen.“ Er sagt: „Nur vier Monate Geschäftsbetrieb, das kann ich mir nicht mehr leisten.“

Das Schaulaufen überlässt man denen, die man im Tal „Cervelat-Prominenz“ nennt. Denn eigentlich ist St. Moritz eine geschlossene Gesellschaft.
© dpa, F.A.Z.

Und die Engadin St. Moritz Mountains AG lässt den renommierten Pächter kampflos ziehen. Verbilligte Bahntickets für Genießer ohne Skier (50 Franken kostet der Corviglia-Ausflug pro Person), wäre das nicht eine Überlegung wert gewesen? „Wir Bergbahnen haben selbst zu kämpfen in diesen schwierigen Zeiten“, sagt Markus Meili, der Geschäftsführer der Mountains AG, wenig erfreut am Telefon. Man müsse genauso an den Familienvater mit Broten im Rucksack denken. Vergünstigungen für Leute, die dann zweihundert, dreihundert Franken für ein Mittagessen ausgeben, hält man bei den Bergbahnen für keine besonders gute Idee.

Das Ende des legendären „Marmite“ ist wie eine Metapher für das heutige St. Moritz. Denn die Diva unter den Schweizer Skiorten fröstelt im abgekühlten Weltklima weit mehr als vergleichbare Luxusziele. „Top of the World“? Inzwischen ist man ziemlich unsanft auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Seit dem Jahr 2008 geht es stetig bergab. Fast ein Drittel der Logiernächte hat man eingebüßt. Gut tausend Betten verschwanden wegen Hotelschließungen in der Region.

Das letzte Gemischtwarenlädchen hat geschlossen

Ob Bergbahnen oder Hotels, Gastronomie oder Handel, sie alle erfahren, dass es sich in Zeiten des starken Schweizer Frankens von den Schillernden und Schönoperierten allein nicht leben lässt. Und man über die Jahre – mit einer Mischung aus Arroganz und überhöhten Preisen – den Mittelbau, die Basis vernachlässigt hat. Natürlich: Auch in diesem Teil der Schweiz vermisst man die abtrünnigen Russen, die das Januarloch mit ihrem orthodoxen Weihnachtsfest so elegant überbrückt haben. Tiefer schmerzt aber, dass der wohlsituierte deutsche Stammgast nicht mehr kommt. Der Zahnarzt mit Frau und zwei Kindern. Der ist jetzt in Lech.

Wie war das doch noch bei der Ski-Weltmeisterschaft 2003 in St. Moritz? Zwei Wochen blauer Himmel. Alle Rennen nach Plan. Der Ort vibrierte vor Energie. Am See stand ein neues Parkhaus, mit eleganten Rolltreppen bis hoch ins Dorf; ein neues Luxushotel, das Kempinski Grand Hotel des Bains, feierte Eröffnung. Und immer mittendrin: Hans-Peter Danuser, ein eidgenössischer Hansdampf, damals Kurdirektor und ungekrönter Kurkönig von St. Moritz, der glaubhaft versicherte: „Heaven is here only a local call!“

Ski-Weltmeisterschaften in St. Moritz: Schön, dass junge Sportler für ein paar Tage gute Stimmung machen.
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Bei der kommenden Ski-WM im Februar 2017, der fünften in St. Moritz, wird der Himmel wieder blau sein, davon darf man ausgehen, das Engadin ist schon im Frühjahr sonnensatt. Und schön, dass junge Sportler für ein paar Tage Stimmung machen. Denn Alltag in St. Moritz heißt heute: ein verödeter Ortskern; kaum Flaneure zwischen Via Maistra und Plazza Murezzan. Aus urigen Beizen wurden Bankfilialen, aus vielen Hotels Appartements. „Bonatico“, das letzte Gemischtwarenlädchen, hat geschlossen, das einzige Kino ist tot, verriegelt, ansonsten austauschbare Luxus-Boutiquen, wohin man schaut.

Das ist keine Krise, das ist eine Zeitenwende

In den Nebenstraßen leere Läden, „überdurchschnittlich und besorgniserregend viele“, bemerkte die „Engadiner Post“ und zählte im Sommer mehr als zwanzig. „Die Ladenmieten sind so hoch, dass sie kaum noch jemand stemmen kann“, zitiert die „Basler Zeitung“ Christian Biel, den Vizepräsidenten des Handels- und Gewerbevereins St. Moritz am Ende der Sommersaison. Sechzehntausend Franken Monatsmiete für ein Lädchen mit hundert Quadratmetern seien keine Ausnahme.

Bei Handel, Tourismus und Politik breite sich Nervosität aus. Die völlig überhitzten Preise für Ferienwohnungen aber beginnen abzukühlen. So wird, nur ein Beispiel von vielen, eine Wohnung in der Via Tinus, hundertzehn Quadratmeter groß und einst 2,4 Millionen Franken teuer, jetzt für anderthalb Millionen angeboten.

Seit mehr als vier Jahrzehnten reise ich ins Engadin. Da sind dann auch mal Tiefs über das Tal gezogen. Jetzt aber klingt die allgemeine Wetterlage trüb. Ariane Ehrat meint denn auch gleich zu Beginn unseres Gesprächs, sehr deutlich und bestimmt: „Wir sprechen hier im Engadin nicht von Krise. Was wir jetzt erleben, das ist eine Zeitenwende.“ Die Kommunikationswissenschaftlerin und ehemals erfolgreiche Rennläuferin sagt dies in ihrer Eigenschaft als CEO der vor zehn Jahren gegründeten Tourismusorganisation Engadin St. Moritz. „Eine Krise zieht vorbei“, betont sie noch einmal, „auf diese Zeitenwende aber mussten wir strategisch reagieren.“

„Wir können nur günstiger oder besser werden“

Wir treffen uns im St. Moritzer Waldhaus am See. Ende Oktober, Nebensaison. Der See leuchtet wie flüssiges Silber. Tags zuvor hat Ariane Ehrat noch ein Referat über Wintertourismus in Peking gehalten, jetzt ist sie auf die Minute pünktlich, wirkt mit fünfundfünfzig Jahren überraschend jung und – mit ihren kurzen blonden Haaren – immer noch wie eine Sportlerin.

Das Badrutt’s Palace ist Trutzburg und Treffpunkt im Dorf, und will von einer Krise nichts wissen
© Badrutt's Palace, F.A.Z.

Ariane Ehrat, die ihren Job, nach einem Jahrzehnt, im Frühjahr aufgeben wird, hat den „Geschäftsbericht 2015 Engadin St. Moritz“ mitgebracht. Da stehen schlimme Sachen drin. Vor allem Drei- und Vier-Sterne-Hotels seien Opfer der Bauspekulation und in Zweitwohnungen umgebaut. „Und es muss damit gerechnet werden, dass weitere Hotels in der Region ihren Betrieb aufgeben werden.“ Das wiege umso schwerer, weil andere Destinationen während derselben Zeit kontinuierlich an Betten zugelegt haben. Und das Minus an Betten kommt das Oberengadin teuer zu stehen. Wenn man von einer Bettenauslastung von einunddreißig Prozent ausgehe, so der Geschäftsbericht, „sprechen wir, rein theoretisch, von einem Verlust von 113.000 Hotel-Logiernächten pro Jahr“.

Dazu kommen in St. Moritz hausgemachte Probleme. Der Ort hat im Erfolg, als alles möglich war, die Preise überzogen. Von der Immobilie bis zum Friseur, von der Hütten-Jause bis zur Luxus-Suite, alles war teurer als anderswo. Im Hochpreisland Schweiz, ein Hilfskoch kostet dreieinhalbtausend Franken im Monat, kann Essengehen nicht günstig sein. Aber in St. Moritz vermisste man nun auch Qualität. Der teure Franken war da für viele nur der letzte Anlass, sich zu verabschieden. „Ganz klar“, sagt Ariane Ehrat, „diese Leute müssen wir zurückerobern. Wir können nur günstiger oder besser werden.“

„Gebt jungen Leuten eine Chance“

Das Engadin, mit seinen Luxuspalästen im weiten Tal (und seinen biegsamen Baubestimmungen an den Sonnenhängen), hat zudem verwöhnte Gäste mit gut gefüllten Schweizer Konten immer besonders angezogen. Norditalienische Unternehmer, die mit Cashmere, Schuhen, Stöffchen ein Vermögen erwirtschafteten, ließen gerne versteckte Gewinne in ihre geschmackvollen Chalets fließen; deutsche Wohlstandsbürger holten zur Weihnachtszeit ganz selbstverständlich in Zürich ihre Zinsgewinne vom Schweizer Konto ab, bevor sie ins Engadin weiterfuhren. Das ist vorbei. Italiener werden von ihren Steuerfahndern noch über die Grenze verfolgt; und so mancher Deutsche ist wütend auf seine gute alte Schweizer Bank. „Früher wurde man umworben“, schimpft ein badischer Bauunternehmer mit Penthaus am St. Moritzer See, „jetzt wollen sie dich loswerden wie einen Kriminellen.“

Die globale Welt spiegelt sich im kleinen St. Moritz. „Es ist noch viel herausfordernder gekommen als angenommen“, lächelt Ariane Ehrat fast entschuldigend. Gäste reisten spontaner, buchten kurzfristiger als früher. Das Smartphone zeigt ziemlich genau an, wie das Wetter wird, da kommen die Skifahrer aus München gar nicht erst hoch. Und auch der Durchschnittsmilliardär von heute ist ja nicht mehr wirklich sesshaft. Zwischen Weihnachten und Neujahr kommen die Falcons und Gulfstreams durchaus noch im Zehnminutentakt zum Flughafen in Samedan angehummelt. Aber dann verkriecht sich der Multimilliardär von heute in seinem Chalet. „Früher haben sie bei uns gefeiert, dass sich die Balken bogen“, sagt Antonio Walther vom Fischspezialitäten-Restaurant „Murtaröl“. Heute liefert er die Ware, tagesfrisch vom Mailänder Markt, direkt in die Villa am Suvretta-Hang. Da wartet schon der japanische Koch. Und wenn es tagelang schneit? Dann heben die Jets sachte wieder ab. St. Moritz konkurriert heute mit Plätzen wie St. Barth. Wer bleibt noch zwei ganze Wochen an einem Ort?

Das „White Turf“ Pferderennen auf dem See im Jahr 2008. Damals war noch mehr Lametta.
© Reuters, F.A.Z.

Nur auf einige Entwicklungen habe man reagieren können, sagt Ariane Ehrat. So ist die einst biedere Tourismus-Information in der Chesa Cumünela, dem Rathaus von St. Moritz, in eine coole iLounge umgebaut worden, pünktlich zur Ski-WM – „unser Beitrag zur Belebung des Ortskerns“. Ihr größter Wunsch wäre freilich eine Skipiste bis hinunter ins Dorf, um den St. Moritzer Après-Ski-Nachmittag lebendiger und fröhlicher zu machen. „Das habe ich leider nicht mehr geschafft.“ Der Ort müsse einfach sympathischer werden. An die Ladenvermieter könne sie nur appellieren: „Geht, wenn immer möglich, mit den Mietpreisen herunter. Gebt jungen Leuten eine Chance.“

„Dörfligeist“ und „Oberbünzlis“ machen Pioniertaten schwierig

Auf ihrer Wunschliste steht schon lange eine Verbindung der Skigebiete Corvatsch-Corviglia. „Das wären gerade drei Masten“, sagt sie, „aber für das Oberengadin existentiell wichtig.“ Und liegt damit gar nicht weit entfernt von Roland Berger, dem Politik- und Unternehmensberater und St.-Moritz-Liebhaber seit Jahrzehnten. Er sieht einen immensen Investitionsstau im Oberengadin. Viele Bahnen und Skilifte seien völlig veraltet. Er redet sich richtig in Rage. „Die haben doch die Jugend aus dem Blick verloren. All die Galerien mit der tollen Kunst? Der jährliche Jazzsommer? Das ist doch vor allem was für uns!“ Er ist neunundsiebzig. Am meisten aber regt er sich über die Baupolitik der Gemeinde auf. „Die bauen das Tal zu. Ohne zu überlegen, was das für den Ort bedeutet. Dabei gibt genügend hässliche Bauten in St. Moritz, die man abreißen und dafür was Anständiges hinsetzen könnte.“ St. Moritz müsse wieder jünger, attraktiver und sportlicher werden. „Aber das wird teuer. Dafür muss man richtig Geld in die Hand nehmen.“

St. Moritz bräuchte wieder einen Schub. Doch ist es in der hochregulierten Schweiz immer schwieriger, Pioniertaten im Bereich der Infrastruktur zu realisieren. Projekte wie die geplante Piste ins Dorf kollidieren mit Eigentümerinteressen und den strengsten Naturschutzgesetzen der Welt. Das Engadin, hört man hinter vorgehaltener Hand, sei zudem reich an Bünzlis, die St. Moritzer, die besonders, gesegnet mit Oberbünzlis. Auch als Außenstehender ahnt man, was das heißen soll. „Dörfligeist“ beherrsche die kommunalen Gremien.

Mit Luxus und Kaviar kommt man an die Mittelschicht nicht heran

Warum ist der Engadin Airport, im Besitz des Kantons, noch immer ein Sicht- und kein Navigationsflughafen? Seit fünfzehn Jahren gescheitert an Zuständigkeitsgerangel. Zur WM testet man nun endlich ein neues Anflugsystem. „Wenigstens zwei bis vier Chartermaschinen pro Woche – wie in Aspen –, das wäre meine Wunschvorstellung“, meint die Tourismusdirektorin. Bis jetzt landen nur Privatjets in Samedan. Für den Normalurlauber ist St. Moritz ein abgelegener Ort.

Man ist sich, bünzlihaft, ja nicht mal mehr einig, wie sinnvoll die Entscheidung war, das Engadin und St. Moritz als gemeinsame Destination zu vermarkten. Die Stimmbürger des Oberengadins haben dies im November 2005 beschlossen. Man wollte die Kräfte bündeln und die Finanzkraft von dreizehn Kurvereinen, von Maloja bis Zernez, zusammenfassen. Jetzt verfügt die im Jahr 2007 geschaffene Tourismusorganisation Engadin St. Moritz über ein Budget von fast sechzehn Millionen Franken, gut doppelt so viel wie der Kurverein St. Moritz in seinen besten Jahren. „Ein weiser Entschluss“, meint Roberto Rivola, Sprecher der Organisation. „Denn eigentlich hätte man schon vor zwanzig Jahren zusätzlich auf Familien setzen sollen: mit Luxus und Kaviar kommt man an die Mittelschicht nicht heran.“

Günstiger und besser werden, mehr bleibt St. Moritz nicht übrig. Denn es konkurriert heute auch mit Skiorten wie St. Barth.
© Reuters, F.A.Z.

„Der eine wartet, dass die Zeit sich wandelt, der andere packt sie an und handelt. Das ist ein Dante-Zitat. Kennen Sie das?“, fragt Hans Peter Danuser zur Begrüßung. Er ist neunundsechzig, dreißig Jahre war er Kurdirektor von St. Moritz, gerade kuriert er in der Klinik Gut einen Bandscheibenvorfall aus. Von seinen Vorgängern hat er den St.-Moritz-Schriftzug und das Sonnenemblem übernommen, doch er allein hat St. Moritz als Marke kreiert. Top of the World. Champagner-Klima. Ein Skiort als „brand“! Das ist sein Werk.

Das Engadin ist Winter-, Sommer-, und Herbstschönheit

Danuser soll wegen seines lädierten Rückens liegen. Und jetzt? Er sitzt plötzlich aufrecht im Bett. „Die verwässern die Marke! Engadin und St. Moritz. Diese zwei Wörter stehen für völlig verschiedene Dinge!“ Hier Beschaulichkeit und Natur, dort Glanz und Glamour. Er sagt: „Im Branding ist das eine Todsünde.“ St. Moritz habe sein scharfes Markenprofil verloren. „Der Ort ist nicht mehr sexy.“ Und noch was: einen Luxus-Ort dürfe man nie über den Preis verkaufen. - Das klingt ein bisschen so, als könne man die goldenen Jahre ewig feiern. Aber Danuser ist sich sicher: „Der Starke ist am mächtigsten allein.“ Diesmal zitiert er Schiller, „Wilhelm Tell“.

Draußen entfaltet das Engadin einen mir bisher unbekannten Zauber. Ich weiß, wie es aussieht, wenn die Gipfel in der Dämmerung rosafarben zu glühen beginnen und das Licht schließlich im Süden, am italienischen Ende, feuerrot erlischt. Aber zum ersten Mal bin ich Ende Oktober im Tal. Und vermag es kaum zu fassen. Nichts als goldgelbe Hänge über den Seen, ein goldgelbes Leuchten, wohin man blickt – das ist das Wunder der Lärchen. Ganze Wälder zeigen sich herbstblond, dazwischen, vereinzelt, die dunklen Wipfel der Fichten. Bisher wusste ich nur, dass das Engadin eine Winter- und eine Sommerschönheit ist. Seine Herbstmagie, diesen Schatz, hat es für den Tourismus noch gar nicht entdeckt.

Auf der Fahrt nach Sils Maria kommt kein einziges Auto entgegen. Nichts als Sonne und Gold. Und ich bin in Vorfreude auf ein Haus, das einem die Seele sänftigt. Das Waldhaus Sils, seit mehr als hundert Jahren in Familienbesitz. Urs Kienberger, tätiger Mitinhaber, führt durch sein Hotel, das jetzt aussieht wie eine Theaterbühne, weiße Tücher über allen Tischen, Stühlen, Sesseln, Sofas. Wie eine stumme geisterhafte Installation. Und irgendwie passend für dieses Haus, das ganz selbstverständlich Intendanten, Regisseure, Künstler beherbergt, seine Gäste mit Konzerten und Lesungen verwöhnt und sich vom glitzernden St. Moritz immer abgekoppelt hat. „Und doch“, sagt Urs Kienberger in seiner ruhigen bedächtigen Art, „gehören wir fest zusammen. Das Waldhaus lebt davon, dass wir nicht in St. Moritz sind – aber in dessen Nähe.“ Er sei froh über das gemeinsame Marketing.

Noch ist in den Bergen kein Terror

Gegenwind habe man seit 2010 gespürt. Jetzt eröffnet das Haus im Dezember ein neues großes Spa. „Ja, auch wir müssen uns fest wehren. Es ist nicht automatisch so, dass wir auf der Sonnenseite stehen.“ Wir sitzen im Mezzanin, dem Teil des Hotels, in dem früher seine Familie wohnte und in dem er aufgewachsen ist. Er lächelt. Man hat dem Abwärtstrend getrotzt. Das Waldhaus ist eine solide Burg. Dann setzt er langsam hinzu: „Mit einigem Kummer aber sehe ich, dass sich die Welt wieder der Vergangenheit angenähert hat, wir Verhältnisse haben wie vor hundert Jahren: die einen könnten sich alles leisten, und die Mitte kommt unter Druck.“

Die großen Paläste schaffen sich ihre eigene Welt. Haben ihr eigenes Publikum, machen ihr eigenes Marketing. Zwischen Sils Maria und St. Moritz thront das „Suvretta House“, ein Monument der Luxushotellerie. Eine unnachahmliche Mischung aus Hotelpalast und Berghaus, stolz und behaglich zugleich. Der erste Skilift der Schweiz lief hier 1935 nach Randolins. Und auch in diesen Tagen gilt es als eines der erfolgreichsten Fünf-Sterne-Häuser der Schweiz, mit eher brav eingerichteten Zimmern, aber den schönsten Hotelfluren der Welt, bis zum fünften Stock breit wie Salons, voller Gemälde, Spiegel, antiker Schränke und Kommoden. Zwei Luzerner, Esther und Peter Egli, haben vor zwei Jahren die Leitung übernommen und machen das mit einer Selbstverständlichkeit, als hätten sie nie etwas anderes getan, als diese Hotel-Legende mit Leben zu erfüllen.

Familienunternehmen: Das Hotel Suvretta in angenehmer Randlage zum Gewimmel.
© AFP, F.A.Z.

Auf der einen Seite haben sie den Krawattenzwang gelockert – er gilt abends nur noch im „Grand Restaurant“ –, auf der anderen Seite sogar einen „Children’s Afternoon Tea“ eingeführt. Wer im „Suvretta“ reserviere, sagt Peter Egli, „entscheidet sich immer noch für eine gewisse Lebensart.“ Auch hier schreibt man schwarze Zahlen, die Stammgäste aus der Schweiz, England und Deutschland kommen verlässlich in der Hauptsaison, im mühsamen Sommer verzeichnete man dieses Mal sogar einen Zuwachs der Logiernächte von mehr als zwanzig Prozent. „Da hat auch Sicherheitsdenken eine Rolle gespielt“, sagt Egli. Der Terror ist am Mittelmeer angekommen. In den Bergen noch nicht.

Das „Badrutt’s Palace“: halb Rittersaal, halb Kathedrale

In der Nebensaison aber kann das „Suvretta“ ein Geisterhaus sein. In der zweiten Märzwoche, vierzehn Tage vor Ostern, verlebte ich dort die besten Skitage des Jahres 2016, Pulverschnee, Sonne – und so gut wie keine Gäste. Leere Sessel am Lift, – und abends gerade zwei Paare im „Grand Restaurant“. Um uns herum ein Heer von Ober- und Unterkellnern, Hilfs- und Nebenkellnern. Eine Choreographie wie aus einem alten Film. Mal in kleinen Gruppen vereint, mal einzeln zwischen den Tischen hin und her eilend, dann wieder in größerem Kreis wie zur Besprechung versammelt, wiederum auseinanderstrebend …, ja, manchmal konnte man sogar den Eindruck gewinnen, sie beobachteten sich gegenseitig, wie sie schnellen Schrittes – ein Kellner im „Suvretta“ trödelt nicht – den Saal betraten und wieder verließen: Das Kellner-Ballett im „Grand Restaurant“. Ich zählte vierunddreißig befrackte Herren. „Nein, es sind mehr“, sagt Peter Egli, und beginnt aufzuzählen: „Ein Maitre d’hôtel, zwei Sommeliers, zwei Maîtres, vier Maîtres de rang, acht Chefs de rang, sechs Demi Chefs de rang, acht Commis de vins, dreizehn Commis ...“

Hotels wie das „Suvretta“ sind die Leuchttürme des Engadins. Vic Jacob, der das Haus mehr als zwanzig Jahre führte, sagte bei seinem Abschied: „In St. Moritz muss man endlich begreifen, dass der Motor der Entwicklung die Hotels sind, nicht die Wohnungen.“ St. Moritz habe sich von der Bauentwicklung überrollen lassen, im Gegensatz etwa zu Gstaad. „Von Gesamtplanung keine Spur.“ Und es sieht nicht aus, als ob sich daran irgendetwas geändert hätte. Von der Kulturhalle, die den Ort zwischen „Kulm“- und „Palace“-Hotel (im Bereich Serletta Nord) einmal adeln sollte, spricht keiner mehr. Dafür droht der Bau eines Gesundheitshotels plus neuer Klinik Gut (im Bereich Serletta Süd). Und es ist, am gegenüberliegenden Seeufer, ein Country-Hotel geplant. Die heimelige alte „Meierei“ von Maurizio Degiacomi, beliebter Ausgangspunkt für beschauliche Spaziergänge in den Stazer Wald, muss dafür weichen. Nach dem Verkauf an eine Investorengruppe wird das Landhotel schon jetzt von Reto Mathis betreut.

Im Badrutt’s Palace gilt: Hauptsache Glanz. Es ist Marktplatz, Festsaal,  Wohnzimmer.
© Badrutt's Palace, F.A.Z.

Wenn denn St. Moritz, diese kleine kalte Metropole des Konsums, überhaupt eine Seele haben sollte, dann läge sie in „Badrutt’s Palace“, diesem Tudorschloss mit seiner Halle, halb Rittersaal, halb Kathedrale. Dieses Haus ist ein Mythos. Und hat zeit seines Bestehens die wunderbarsten Exzentriker beherbergt, vermögend oder verschuldet, mit falschen oder echten Juwelen, Hauptsache: Glanz. Es ist Marktplatz, Festsaal. Wohnzimmer. Als Trutzburg und Treffpunkt im Dorf wichtiger denn je.

„Wir haben die ganze Welt“

In den Fünfzigern haben hier Gunter Sachs, die Küderli-Brüder, der Engländer Keith Schellenberg oder „Chacha“ Theler ihre Streiche gespielt. Wundersame Geschichten konnte Hansjürg Badrutt von „diesen Buben“ erzählen, bis ins hohe Alter ein Herr, fein und leise, mit viel Witz. „Die haben jede Nacht die Lüster von der Decke der ,Grand Bar‘ geholt“, erinnerte sich der Enkel des großen Tourismus-Pioniers Johannes Caspar Badrutt bei einer Tasse Tee in der Halle. Er lachte in sich hinein: „Am nächsten Morgen wurde ein Scheck ausgestellt, und die Tarzan-Nummer war vergessen.“

In diesen Tagen, am 29. November, ist Hansjürg Badrutt verstorben. Und nur dessen Weitsicht und Großzügigkeit ist zu verdanken, dass aus dem Palast im Herzen des Dorfes kein weiterer Luxus-Appartement-Block wurde. Der kinderlose Erbe widerstand allen Werbungen potentieller Investoren, vor allem aus Saudi-Arabien, und schenkte 2006 sein Aktienpaket einem, von dem er wusste, dass er das Hotel in seinem Sinne weiterführen würde. An Hans Wiedemann, seinen Generaldirektor, ohne jede Auflage. Die Erbschaftssteuer ist hinterlegt. Das war ein Zeichen, ein wirtschaftliches Signal – das „Palace“ ist einer der größten Arbeitgeber im Kanton –, mithin eine mäzenatische Leistung, ein kultureller Beitrag für die ganze Region.

Hans Wiedemann, jetzt managing director und Aufsichtsratsmitglied, ist ein Patron wie aus dem Bilderbuch; Gästeflüsterer und Menschenversteher. Und er hat in den vergangenen Jahren bewiesen, dass er ein Kämpfer ist. „Was für eine Krise ...?“, fragt er. „Wir haben Rückgänge in gewissen Märkten, ja. Aber wir haben die ganze Welt. Mal kommen die einen, mal die anderen. Das Hotel schreibt schwarze Zahlen. Und unsere Wohnungen und Läden sind komplett voll. Wir hatten ein gutes Jahr.“

Eine halbe Million für Silvesterdekoration

Früher ist er nach Moskau geflogen. „Um mich zu entschuldigen. Um zu sagen, wie wichtig uns dieser Markt ist, obwohl wir im Januar wieder Hunderte abweisen müssen.“ Und stellte dann sein „Palace“ mit Moskauer DJ, Russian Christmas Party, Russian Charity Party, viel Russian Standard Vodka und sprachkundigem Personal auf die russische Weihnacht ein. Nie zuvor habe es, in privater Hand, so viel Geld auf der Welt gegeben. Und eine so große Bereitschaft, es auszugeben. Das gelte immer noch. Aber jetzt reist der „Palace“-Chef nach China, Indien und Brasilien.

Den Nörglern aus den Euroländern bedeutet er: Sie wollen nur dreihundertfünfzig Euro pro Nacht ausgeben? Dann versuchen Sie es doch im „Kempinski“ in St. Moritz Bad. „Wir haben hundertsechzig Millionen in den letzten zwölf Jahren investiert. Wir haben die Kundschaft, die unser Produkt will. Denen muss ich was bieten.“ Wiedemann, der in Peking ein Sechshundert-Betten-Hotel eröffnete und eine schöne indische Ehefrau an seiner Seite hat, kennt die Milliardäre aus den Schwellenländern. Für die poliert er das „Palace“ auf Glanz. Noch immer ein gut geölter Vergnügungsdampfer für die Reichsten. Wer will, kann hier wochenlang eine Mischung aus Kindergeburtstag und Club Méditerranée für höhere Schichten genießen. Mit Polo und Pommery. White Turf und Windhundrennen, Curling und Cartier Cocktail, Bulgari Empfang und Barracuda Brunch. Und jetzt auch noch Cricket on Ice! „Ich arbeite seit Jahren daran“, sagt Wiedemann. „Es ist die zweitgrößte Sportart der Welt.“

Vor jeder Saison versammelt er das Personal, im Sommer sind es dreihundert, im Winter fünfhundertvierzig Mitarbeiter. „Es muss Feuer in einem lodern“, sagt er, „sonst kriegt man so ein Haus nicht in den Griff.“ Es muss ja immer weitergehen. Neben dem Edel-Japaner „Matsuhisa“ hat er Andreas Caminada, den Schweizer Drei-Sterne-Koch, in sein Haus geholt. „Wir brauchen den Glamour. Es muss funkeln!“ Das Silvestermenü kostet dreizehnhundert Franken pro Person. Übertrieben? Wiedemann zuckt mit den Achseln. „Allein die Dekoration für Silvester kostet uns eine halbe Million.“ Der alte Tanz auf dem Vulkan. Mit neuem Publikum.

Geschlossene Gesellschaft

Es ist ein stetes Auf und Ab. Anfang der fünfziger Jahre, im vorigen Jahrhundert, lag St. Moritz so am Boden, dass der Ort unter Kuratel des Kantons stand. Man brauchte dringend Geld. So hat die Gemeinde, um neue Steuerzahler anzuziehen und unter Umgehung sämtlicher eidgenössischer Wald- und Landschaftsschutzgesetze, Bauplätze ausgewiesen. In schicklicher Entfernung vom Ort, oberhalb des „Suvretta House“. Und es wurden all die Gemarkungen zur Bebauung freigegeben, die Kennern heute Statusglanz verheißen: God Laret, Giandus, Chasellas, Godet, Clavadatsch, Marguns, Champagnas, Curtins, Futschöls. Damals noch Magerwiesen, auf denen Kühe weideten, 1955 fünf Franken der Quadratmeter.

Heute legen die Villen-Bewohner am Suvretta-Hang gelassen ein weiteres Holzscheit auf das Kaminfeuer und schauen zufrieden ins Tal. Dort glänzt das Band der zugefrorenen Seen wie Silber im Sonnenschein. Während die „Bunte“- und „Gala“-People auf dem Eis ihre Nerze, Zobel, Retriever und Möpse ausführen, genießen sie Zurückgezogenheit. Das Schaulaufen überlässt man denen, die man im Tal „Cervelat Prominenz“ nennt. St. Moritz, das so neureich schillern kann, ist in Wahrheit eine geschlossene Gesellschaft. Der Skiort hat ein Clubleben, das beinahe noch diskreter funktioniert als das der Londoner Herrenclubs. Ob Cresta-, Corviglia- oder Chesa Veglia-Club. Man kann einfach abtauchen.

Madeleine Schickedanz wohnt nicht mehr in der Nachbarschaft. Dafür ist ein Moskauer Multimilliardär wie Andreij Melnitschenko an den Hang gezogen. Und die Erben des Polen Jan Kulczyk, Gott sei seiner Seele gnädig, bieten nun dessen eben fertiggestellte Berghütte für hundertfünfzig Millionen Franken an. Das ewige Kommen und Gehen. Es gehört zu diesem Ort wie der Malojawind.

Quelle: F.A.Z.
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