Österreich

Der Himmel hängt in Seilen

Von Tobias Rüther
 - 20:06
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Anfängerfehler. Macht man auch nur einmal und dann nie wieder. Kein Mensch, der je auf einer Hütte in den Bergen übernachtet hat, um in der Frühe von hier aus wieder aufzubrechen, stellt seine Flipflops in den Eingang. Also dorthin (denn das ist das Wesen eines Eingangs), wo alle hereinkommen. Und wo alle ihre Stiefel abstellen, je schwerer, desto länger die Wanderung, die hinter ihnen liegt.

Aber sie stellen eben nicht ihre Flipflops ab. Weil die meisten, die hier ankommen, gar keine dabeihaben. Dafür hält nämlich jede Hütte, auf der man übernachten kann, Hüttenschuhe vorrätig. Damit man nicht mit den Stiefeln drinnen durch die Gegend läuft, vor allem nicht am Matratzenlager. Die Hüttenschuhe liegen für alle im Eingang bereit, auch hier im Defreggerhaus in den Hohen Tauern, im Osten Tirols. Weswegen man dort dann besser nicht seine Flipflops hinlegt, es sei denn, man will mit dem Kopf auf Kniehöhe einmal quer von Fuß zu Fuß durch die Hütte laufen, um sie zu suchen: Und dann stecken sie an den miefigen Socken eines anderen Wanderers. Der plötzlich kein Deutsch mehr versteht. Oder das noch nie gekonnt hat. Der aber in jeder Sprache der Welt nicht verstehen würde, wer nur auf die Idee kommt, seine eigenen Flipflops auf eine Berghütte mitzunehmen und die dann auch noch – aber so ein Anfänger kommt halt doch darauf.

Doch das hier ist auch eine Tour für Anfänger, mehr oder weniger: Für trittsichere Wanderer, die den nächsten Schritt wagen wollen. Es geht, nach einer Nacht im Defreggerhaus, gelegen auf knapp dreitausend Metern, weiter hinauf zum Gipfelkreuz des Großvenedigers in 3666 Metern Höhe. Und von dort, das ist jedenfalls der Plan, wieder leicht hinab auf vier weitere Gipfel in der Umgebung: Hohes Aderl, Rainerhorn, Schwarze Wand und Hoher Zaun, alle mehr oder weniger bei 3500 Metern. Am Ende hat man dann gleich fünf Dreitausender an einem Tag gemacht, für eine Premiere ziemlich ordentlich.

In der Julisonne durch den Schnee

Und weil der Anstieg nicht zu schwer ist, aber dennoch ausgesetzt, so dass man auf dem Gletscher eine Seilschaft bilden muss, ist die Tour ideal für Leute, die zu blöd sind, ihre Hüttenschuhe bei sich zu behalten. Nein: für Leute, die gern und lang Wandern gehen, aber sich bislang noch nicht auf diese Höhe und in eine Seilschaft begeben haben. Und für alle anderen ist sie auch ideal, denn die Hohen Tauern sind einfach spektakulär. „Weltalte Majestät“ nennt man den Großvenediger von Alters her, und das ist der angemessene Ausdruck für die Erhabenheit, die er ausstrahlt, ohne es zu wollen – er ist ja nur ein Berg, aber er ist nun mal so viel größer als der Mensch.

Umkleiden, siebenhundert Höhenmeter weiter unten im Tal, in der Johannishütte, so geht es am Nachmittag davor los. Zwei Brüder, die am Fuße des Großvenedigers groß geworden sind, begleiten die Gruppe auf den Gletscher, Sigi und Jupp Hatzer: Der eine ist seit dreißig, der andere seit vierzig Jahren Bergführer, und die beiden, ausgestattet mit zwei schönen alten Stecken, Regenschirm und der Lässigkeit erfahrener Bergführer, machen jetzt erst einmal Tempo beim Anstieg zum Defreggerhaus: über Wiesen, zwischen Steinen hindurch, erst sanft, dann steiler. Und oben angekommen, wo das Grün spärlicher wird, bis es verschwindet und das Geröll und der nackte Stein übernimmt, stellt sich heraus, was der Sinn der Übung war: zwei kleinere Gruppen zu bilden für den nächsten Tag des Anstiegs. Eine schnellere und eine entspanntere Seilschaft.

Da schien die Julisonne noch, aber sie verschwand, je weiter es hinaufging, genau wie das Grün. Da lagen die Gipfel in der Ferne, schneebedeckt zum Teil noch, Niklaskogel, Weißspitze, und über ihnen schlossen sich die Wolken aber langsam zu einer Decke. Das sah dann zwar dramatisch aus, für Getränke in der Dämmerung vor dem Defreggerhaus, während drinnen die obligatorische Backerbsensuppe fürs Abendessen zubereitet wurde, warf aber doch ein Vorschein auf den kommenden Tag. Die Sonne zeigte sich noch einmal kurz, als Belohnung für alle, denen nicht zu kalt geworden war, mit dem Bier in der Hand, draußen vor der Hütte. Dann ging sie unter und ließ sich erst einmal nicht mehr blicken.

Auch am nächsten Morgen nicht. Weswegen einige der anderen Gruppen, die mit uns die Nacht auf der Hütte verbracht hatten, sich erst mal verdächtig unverdächtig noch ums Defreggerhaus herumdrückten, anstatt loszuziehen: Weil sie auf unseren Aufbruch, nein, eigentlich nur auf unsere Bergführer warteten, damit die eine Spur in den Schnee treten würden, an die sich alle anderen halten könnten: über den Grat, weit genug vorbei an den metertiefen Spalten. Die Sicht war nicht gut. Es war kühl. Es war früh. Es war ziemlich aufregend.

Steigeisen und Gletscherspalten

Eingezurrt ins Geschirr, ein leichter Aufstieg, ein Blick zurück zur Hütte, dann seilen wir uns an. Und laufen wieder etwas hinab, auf den Gletscher.

Gleichmarsch, Abstand, nicht Auflaufen, das Seil genau richtig halten, nicht zu stramm, nicht zu schleifend, locker über den Arm abgewickelt, der Rucksack auf dem Rücken, drei Schichten übereinander, die Mütze auf dem Kopf, Sonnenbrille, die Stöcke links und rechts – man kommt sich vor wie ein wandelndes Materiallager und ist ständig damit beschäftigt, sich zu sortieren und alles beieinanderzuhalten, schaut deswegen kaum nach rechts oder links, wo man jetzt eh nichts sehen würde, die Sicht geht nur ein paar Meter über den Schnee. So ziehen wir, der Bergführer vorneweg, in einer Spur dahin, durch ein einziges weißes Weiß, und das ist, auf Dauer, schweißtreibend. Wie anstrengend es ist, sich konzentrieren zu müssen! Dann regnet es sogar noch kurz.

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Und doch. Endlich. Endlich noch etwas weiter oben. Egal, ob andere Gruppen hin und wieder überholen, Vollprofis in Steigeisen – das hier, unterwegs auf dem Gletscher, 3200, 3300, 3400 Meter, 3500 Meter hoch und noch etwas höher, das hier fühlt sich an wie noch mal etwas erwachsener werden. Vielleicht, dass bei besserer Sicht auch gar keine Zeit gewesen wäre, den Blick wandern zu lassen. Denn meiner ist eh nach innen gerichtet: Du steigst gerade auf einen amtlichen Gipfel. So richtig mit Gletscher. Und Spalten. Und trägst nicht mal Steigeisen dabei. Du kannst das.

Aber du kannst das eben auch, weil nicht viel zu sehen ist. Höhenangst ist eine Kopfsache, und hier ist sie es noch etwas mehr, weil man sich nur vorstellen kann, was da hinter dem weißen Weiß zu sehen wäre, wenn man es denn sehen könnte. Aber wir sehen eben nicht weit, zu den anderen vor uns und hinter uns vielleicht noch, aber wo das weiße Weiß endet und was dahinter kommt: egal. Irgendwie ist das praktisch, für das erste Mal.

Etwas eng um die Brust wird es dann erst auf dem Gipfel, wo sich die anderen Gruppen um das Kreuz drängen. Ein steiler, letzter, schmaler Anstieg, dann wird es voll, und dann ist klar, dass jenseits der Kante die Tiefe ist, und der Schnee ist rutschig, und Aufregung und Glück wechseln sich ab, und dann gibt es auch noch Schnaps, aber vor allem gibt es Wurstbrote: frühmorgens geschmiert, grau und leicht angetrocknet, darauf die typische Jugendherbergsjagdwurst und ein namenloser Käse. Aber Wurstbrote auf 3666 Metern – das kann gar nicht nicht schmecken, und die Unterzuckerung und die Freude tun ihr Übriges, also stopft man das Brot in einer solchen Gier in sich hinein: ein Wunder, dass man die Finger nicht gleich mitverspeist.

Wie zur Feier des Tages, wie um den Augenblick zu akzentuieren, so weit oben warst du aus eigenen Kräften noch nie! – donnert es. Nicht über uns, weiter weg, irgendwo in der Ferne, aber trotzdem. Und Sigi und Jupp, die eben schon mit Kollegen am Handy beraten hatten, werden knapp: Anziehen, sofort, Aufbruch. Ihre Entschiedenheit ist ansteckend. Der Berg ist größer als der Mensch, aber das Wetter thront noch mal darüber.

Das Grün kehrt zurück

Denkt man so, als philosophisch windschief angehauchter Flachländer, während es abwärts geht und andere Gruppen immer noch aufwärts unterwegs sind. Und spätestens hier wird uns klar: Es wird beim Großvenediger für heute bleiben. Die anderen vier Gipfel schaffen wir in diesen Verhältnissen nicht. Tausend Höhenmeter, sieben Stunden unterwegs, das wäre die Venedigerkrone gewesen, aber daraus wird nichts. Es sticht aber nur kurz, dafür ist die Aktion zu aufregend. Und irgendwie ist das ja auch eine ziemlich gute Geschichte: Ich stand auf Dreisechs, wir wollten weiter, aber das Wetter war dagegen.

Abwärts ist es für Grobmotoriker noch eine etwas größere Herausforderung, die Sache mit Seil und Abstand und Gleichmarsch hinzukriegen, außerdem ist der Schnee rutschiger – und nicht jeder, der entgegenkommt, weicht aus, ein paar sind hier schon mit männlichem Sendungsbewusstsein unterwegs, auch das macht wohl der Berg. In der Ferne übt die Bergwacht eine Rettung aus der Gletscherspalte.

Und dann reißt der Himmel auf, und die Sonne steht auf einmal doch da. Wolkenschatten, groß wie imperiale Sternenkreuzer, ziehen über die Schneefelder. Plötzlich bekommt das weiße Weiß einen dunkelblauen Rand, die Welt wird gestochen scharf. Weltalte Majestät, in allen Himmelsrichtungen. Keine Zeit für Enttäuschung. Vielleicht sind wir ein paar Stunden zu spät für alle fünf Dreitausender auf einmal gekommen – aber nicht für diesen Augenblick.

Absatteln, Pause am Defreggerhaus, dann weiter ins Tal. Das Grün kehrt zurück, mit jedem Schritt. Einmal wartet am Rand des Pfads eine Murmeltierfamilie, bis sie auch wirklich von jedem fotografiert worden ist. Jetzt spürt man plötzlich deutlich, dass eigentlich Sommer ist, es wird heiß. Im Tal wartet ein Bier, das Leben kann gut zu einem sein.

Am nächsten Morgen das gleiche Bild, blauer Himmel über dem benachbarten Umbaltal, wo die Isel, so heißt einer der kleinen Flüsse im Nationalpark Hohe Tauern, sich vom Berg hinabstürzt. Ein ausgebauter Wanderweg zieht sich die Wasserfälle entlang, es ist ziemlich laut. Vor Jahren rauschten hier bei einem Unwetter solche Wassermassen hinunter, dass sie einen riesigen Findling aus dem Flussbett rissen und meterweit nach unten spülten. Da liegt er nun, bis heute, und teilt dem Mensch ziemlich deutlich mit, wo ungefähr dessen Platz in der Welt ist.

Die Sonne strahlt, der kalte Großvenediger ist weit weg, hier ist Eisdielenwetter. Kleinere Steine, dunkel gemasert, liegen auf den Wiesen, sie sind aus Serpentinit, erklärt die Rangerin. Fährt man mit den Fingern über die Oberfläche, warm von der Sonne, bleibt der Staub in den Poren stecken. Der Stein sieht aus, als schaute man mit Google Earth auf die Erde hinab. Von ganz oben, aber zum Greifen nah.

Der Weg auf den Großvenediger

Anreise Ab München mit dem Auto in drei Stunden über Kitzbühel nach Hinterbichl in Osttirol.

Unterkunft Aus dem Hotel in Hinterbichl, in dem früher die Wiener Sängerknaben ihre Sommer verbrachten, ist heute das intime Natur-Resort „Heimat“ geworden. Die Küche setzt auf die Wildkräuterexpertin Liesa Rechenburg, die auch Kurse anbietet. Informationen und Preise: „Hotel Heimat“, Hinterbichl 10, 9974 Prägraten am Großvenediger, Österreich, Tel. 00 43/ 48 77/2 00 84, www.heim-at.com

Hochtour Venedigerkrone Von Hinterbichl aus kann man hinauf zur Johannishütte entweder laufen – oder das sogenannte Venedigertaxi nehmen, um Zeit und Kraft zu sparen (Auffahrt zwölf, Rückfahrt elf Euro, Telefon 00 43/48 77/53 69, www.huettentaxi.at). Der Aufstieg von der Johannishütte zum Defreggerhaus dauert zwei Stunden. Die Hütte ist von Ende Juni bis Mitte September geöffnet und wird von der Familie Klaunzer betrieben (Tel. Hütte 06 76/9 43 91 45, Tel. Tal 0 48 75/61 10, defreggerhaus@aon.at). Die tausend Höhenmeter der Venedigerkrone sind in etwa sieben Stunden zu schaffen, Trittsicherheit wird vorausgesetzt, ein Bergführer empfohlen (Venediger Bergführer, St. Andrä 35a, 9974 Prägraten am Großvenediger, Tel. 00 43/6 99/10 69 65 44, www.venediger-bergfuehrer.at).

Alle weiteren Informationen über den Nationalpark und die Region unter www.osttirol.com

Quelle: F.A.S.
Tobias Rüther
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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