Österreich

Eine echte Steilvorlage

Von Andreas Lesti
 - 16:07

Es war der 16. Juli, ein typischer Hochsommertag am Großglockner in Österreich. Im Hochtor-Tunnel auf 2504 Metern fielen die Eiszapfen von der Decke und zersplitterten krachend auf der Fahrbahn. Die Außentemperatur betrug exakt 0,3 Grad, dichter Nebel lag über den Bergen, ein eisiger Wind peitschte vereinzelte Schwaden über den Schnee am Straßenrand, wo man gerade noch so erkennen konnte, wie sich Touristen mit Schneebällen bewarfen. In dieser Umgebung wirkten die rund 30 Rennradfahrer, die sich auf ihren filigranen Rädern auf 23 Millimeter schmalen Reifen und in viel zu dünnen Klamotten durch die Kälte quälten, etwas fehl am Platz. Und man fragte sich: Warum tun Menschen sich so etwas an?

Den frierenden Rennradfahrern ging es darum, ihren Sport in Österreich besser zu vermarkten, weil sie darin die Zukunft des Fremdenverkehrs sehen. Bei der in einheitlichen Trikots gekleideten Gruppe handelte es sich um eine Delegation aus Tirol: Exprofisportler (darunter drei Olympiasieger), Unternehmer, Manager und Tourismusexperten warben gemeinsam für die Fahrradweltmeisterschaft, die 2018 in Innsbruck und Umgebung stattfinden wird. Ihre Botschaft: Spätestens nach dieser Weltmeisterschaft soll Radtourismus in Österreich einen höheren Stellenwert einnehmen. Ihre Hoffnung: Die Fernsehbilder von Profi-Radlern, die über die serpentinenreichen Hochgebirgsstraßen durch das Alpenland fahren, werden auch ganz normale Tourenradler und E-Biker zu einem Urlaub in Österreich inspirieren. „Wir müssen den Impuls der Rad-WM nutzen, um uns als Radland zu präsentieren“, sagt Josef Margreiter, Geschäftsführer der Tirolwerbung.

Das Problem dabei ist nur, wie auch jener eisige Hochsommertag am Großglockner zeigte, dass Radfahren in den Bergen nicht immer ein Vergnügen ist: Es geht steil bergauf, steil bergab, und das Wetter kann auch im Sommer wie im Winter sein. „Convenience - Bequemlichkeit heißt das neue Zauberwort im Tourismus“, sagt Josef Margreiter. „Und Berge sind von Natur aus nicht bequem.“ Aber, fügt er hinzu, da könne man ja etwas dagegen machen. Er meint damit all jene Angebote, die in vielen Tourismusregionen in Tirol, aber auch in Kärnten, in Vorarlberg und im Salzburger Land bereits existieren: Bergbahnen, die auch im Sommer fahren und Radfahrer auf die Gipfel befördern, damit sie zur nächsten Gipfelhütte fahren, um dort zuerst den Blick und dann die Speisekarten zu genießen und später gemütlich den Berg hinunterzurollen. Seit zwei Jahren führt quer durch Tirol die sogenannte Bikeschaukel, ein Begriff, der sich an die tälerüberspannende „Skischaukel“ anlehnt, die Radfahrern mit Hilfe von 18 Seilbahnen über alle Berge hilft. Es sind also Konzepte, die Skifahrern und Snowboardern bekannt vorkommen; und Versuche, all das, was man im Tiroler Schnee seit Jahrzehnten erfolgreich praktiziert, auf den Sommer zu übertragen. Wie das geht, macht der kanadische Wintersportort Whistler seit einigen Jahren vor. Auch dort sind die Berge steil und die Sommerangebote für Radfahrer mittlerweile so vielfältig, dass das Geschäft nicht mehr wegzudenken ist. Warum also nicht auch in Österreich? Josef Margreiter sagt: „Das Radfahren wird das Skifahren des Sommers.“

Mit dem e-Bike zur Almhütte

Ein zweiter Aspekt, der das Radfahren in den Bergen bequemer macht, ist die rasante Entwicklung der E-Bikes. Die Räder werden immer leichter, die Akkus und Motoren immer stärker und die Tauglichkeit in den Bergen immer besser. Zudem hat das E-Bike einen interessanten Imagewandel vom verstaubten Rentnerrad hin zum Sportgerät erfahren. Die Zeiten, in denen man sich ausschließlich auf Mountainbikes verbissen die Berge hochquälen durfte, um als echter Radler zu gelten, sind vorbei. Und es ist keine Schande mehr, entspannt Spaß zu haben. Mittlerweile nutzen Bergsteiger und Kletterer E-Bikes, um bequem zum Wandeinstieg zu kommen. Wirte radeln gemütlich 700 Höhenmeter über Forstwege hinauf zu ihren Hütten, und sogar Skitourengeher fahren mit den Brettern auf dem Rücken per E-Bike in die Berge. In der Ferienregion Kitzbühler Alpen knicken nun sogar schon die sonst so puristischen Rennradfahrer ein. Dort können sich Gäste Rennräder ausleihen, die sie mit einem kaum erkennbaren Hilfsmotor spielend leicht über die Pässe bringen. Reiseveranstalter bieten eigene E-Bike-Reisen an, und mit E-Mountainbikes sind sogar Alpenüberquerungen möglich. Ein immer wieder angeführtes Argument lautet dabei: E-Bikes können, je nach Einstellung, Leistungsunterschiede der Radfahrer aufheben. Gruppen oder Paare, die bislang nicht harmonierten, könnten nun im gleichen Tempo die Berge hinauffahren.

Von diesen Zukunftsaussichten sind aber noch lange nicht alle überzeugt. Es gibt Seitentäler in Tirol und auch anderswo, die nichts von Radlern und schon gar nicht von E-Bikern wissen wollen; Täler, in denen grantige Bergler in Radfahrern nicht viel mehr sehen als eine Bedrohung für ihre Wandertouristen. Ein Grund mehr, warum die Radbefürworter nun darauf hoffen, dass eine Großveranstaltung wie die Rad-WM auch solche Skeptiker überzeugen könnte. Josef Margreiter ist selbst begeisterter Rennradfahrer und war bei der Tour über den Großglockner mit dabei. Er war eine der treibenden Kräfte, als es darum ging, die Rad-WM nach Tirol zu holen. Bereits seit sieben Jahren organisiert er gemeinsam mit Sportlern und Touristikern sogenannte Fernfahrten. Sie radelten 2010 von Innsbruck aus nach Paris zur Tour de France, 2011 zum Giro d’Italia nach Turin, 2012 zu den Olympischen Spielen nach London. Während dieser Radtouren mit profisportähnlichen Tagesetappen entstand die Idee, sich für eine Straßenrad-WM in Tirol zu bewerben. Als sie dann 2013 zur Tour-de-France-Bergankunft nach L’Alpe d’Huez fuhren, haben sie auf dem Weg dorthin bei der UCI haltgemacht. Die „Union Cycliste Internationale“ sitzt am Genfer See und entscheidet über die WM-Vergabe. Ob das persönliche Abgeben der Bewerbung nun ausschlaggebend für den Zuschlag war oder nicht, wird man nie erfahren, Eindruck hat der Tiroler Aktionismus aber sicherlich gemacht.

Von Kitzbühel nach Wien und zurück

Und nun wurde aus der Fernfahrt eine neuntägige Werbe-Tour durch das eigene Land, und man mobilisierte dabei eine beachtliche Prominenz. Bei einem gewöhnlichen Feuerwehrfest im Mölltal, bei dem die Radfahrer kurz anhielten, wunderte man sich darüber, dass plötzlich fünf Olympiasieger im Fahrradtrikot neben der Blaskapelle standen: Franz Klammer neben Stephan Eberharter neben Patrick Ortlieb neben Felix Gottwald neben David Kreiner. Die Gruppe war einen Tag zuvor in Kitzbühel gestartet, der selbsternannten „Sporthauptstadt Tirols“, und fuhr von dort über den Pass Thurn und über die Hochalpenstraße hinauf Richtung Großglockner. Insgesamt radelte sie durch acht österreichische Bundesländer, querte Kärnten und die Steiermark, machte einen Abstecher nach Slowenien, fuhr über den Radlpass zurück, weiter über Ungarn ins Burgenland und traf in Wien den für Sport zuständigen Bundesminister, um die Wichtigkeit des Radsports nochmals zu betonen. Zurück führte die Strecke durch Nieder- und Oberösterreich, das Salzburger Land und wieder nach Kitzbühel - über 1300 Kilometer und 12 000 Höhenmeter im Dienste des Radtourismus.

Einer, der währenddessen fast immer vorneweg fuhr, ist Thomas Rohregger. Der Exrennradprofi, der 2008 die Österreich-Rundfahrt gewonnen hat und vier Mal beim Giro d’Italia startete, wird Sport-Direktor der Weltmeisterschaft sein und hat bereits die Strecke für das Straßenrennen ausgearbeitet - über 5000 Höhenmeter wird es bergauf gehen. Er sagt: „Das wird die schwerste WM, die es jemals gegeben hat.“ Fügt aber auch hinzu: „Für die dazugehörige radtouristische Entwicklung muss noch viel passieren.“

In Tirol pendelt man zwischen einem extremen Image auf der einen Seite und massentouristischen Zwängen auf der anderen. Einerseits hängt Tirol an seinem Image als aktiv-sportliches Urlaubsland. Es wurde über Jahrezehnte hinweg auf vielen Ebenen aufgebaut. Noch immer sind viele Menschen stolz darauf, dass in den Bergen Tirols an den steilsten Wänden geklettert, auf die höchsten Gipfel gestiegen, auf den wildesten Flüssen geraftet und bei den absurdesten Amateur-Rennen, wie dem Ötztalmarathon, geradelt wird. Was man anderswo für wahnsinnig oder unmöglich hält, wird in Tirol mit einem breiten und todesverachtenden „Baasd ehhh“ einfach gemacht. Dazu passt es, dass 2017 die Extremwettbewerbe „Hauteroute“ (Rennrad) und „Crankworx“ (Mountainbike) in Innsbruck stattfinden.

Was wird, wenn die Winter verschwinden?

Wie das alles zum gewöhnlichen Touristen passt, der gemütlich am Inn entlangradeln will, kann man sich wiederum vom Wintertourismus abschauen. Fast jede Liftkarte, jeder Flyer und jede Werbebroschüre inszeniert extreme Tiefschnee-Skifahrer bei waghalsigen Sprüngen über Felskanten. Mit der Realität der Gäste hat das wenig zu tun, denn fast alle, die sich von diesen Bildern angesprochen fühlen, fahren dann auf den präparierten Pisten ihre Kurven.

Bei all den Anstrengungen, dem Sommertourismus in Österreich eine neue Richtung zu geben, schwebt die Angst vor dem Verschwinden der Winter mit. Die bange Frage: Was bliebe vom Fremdenverkehr in Österreich, wenn es irgendwann einmal keinen Schnee mehr gäbe? Werden dann die Winter zu den neuen Sommern? Und wenn ja, würde das dann bedeuten, dass aus dem Fahrradfahren nicht nur das Skifahren des Sommers, sondern auch das Skifahren des Winters wird?

Weitere Informationen zu Radfahren in Österreich unter www.tirol.at und www.austria.info. Mehr zu den Wettbewerben unter www.hauteroute.org, www.crankworx.com und www.innsbruck-tirol2018.com

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Lesti, Andreas
Andreas Lesti
Freier Autor im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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