Papua-Neuguinea

It’s a Matsch!

Von Günter Kast
 - 10:00
zur Bildergalerie

Die Hölle für die Soldaten von einst ist heute eine sportliche Herausforderung für schmutzresistente Wanderer: Schlamm, Hitze und Moskitos heißen die Begleiter auf dem Kokoda-Track in Papua-Neuguinea. Hier, in diesem südpazifischen Regenwalddickicht am Ende der Welt, kämpften im Zweiten Weltkrieg Australier und Japaner monatelang um jeden Quadratmeter.

Immerhin findet Wayne Fenney noch die Zeit, einen rustikalen Fluch in bestem Aussie-Englisch rauszuhauen, ehe er in den Matsch des Regenwaldes von Papua-Neuguinea segelt. Der 50-Jährige aus Melbourne, Chef einer Maurerfirma, war in seinem Leben noch nie mehr als einen Tag am Stück gewandert. Dann hat er sich für den Kokoda-Track angemeldet. Jetzt muss er neun Tage, 96 Kilometer und zig Tausende von Höhenmetern überstehen – aufgeweicht von Regengüssen, gepiesackt von Stechmücken, ausgezehrt von schlechtem Essen, übermüdet von unruhigen Nächten auf harten Holzplanken. Beim Flug mit einer gecharterten Twin Otter zum Startpunkt des Treks hatte er eingeschüchtert hinabgeblickt auf den dampfenden Regenwald, aus dem Kalksteinberge wie die Zähne von Urzeitriesen hervorragen. Er hatte die braunen Flussläufe fotografiert, die sich wie fette Würgeschlangen durch den grünen Teppich winden. Und er hatte mit ernster Miene gesagt: „Der Kokoda-Track wird das Abenteuer meines Lebens. Aber das bin ich meinem Großvater schuldig. Ich will selbst spüren, was er hier erleiden musste.“

Als sich Wayne aus dem Schlamm aufrappelt, lacht er schon wieder. Er kann sich nicht satt sehen an den vielen tropischen Schmetterlingen, die über den Fluss flattern. Und er freut sich darüber, dass er in dieser feuchten Hitze nur mit einem leichten Tagesrucksack wandern muss. Das große Gepäck, Essen und Schlafsack, schleppt sein Träger. Die Ausrüstung seines Opas Arthur George Fenney, Sanitäter der „Second Australian Imperial Force“, wog damals 25 Kilo. Ohne Sturmgewehr, ohne Munition. Vor allem aber: Wayne wird nur von Moskitos angegriffen. Sein Opa kämpfte gegen japanische Soldaten, deren Offiziere den Befehl hatten, den asiatisch-pazifischen Raum in eine „Großostasiatische Wohlstandssphäre“ zu verwandeln, zynischer Euphemismus für Tokios brutalen Angriffskrieg.

Krieg am Ende der Welt

Sommer 1942: An der Nordküste Papuas, das zu dieser Zeit noch zu Australien gehört, landen japanische Truppen. Ihr Befehl: Marsch durch den dichten Dschungel und auf der anderen Seite der drittgrößten Insel der Welt die Hauptstadt Port Moresby einnehmen. Diese liegt nur 500 Kilometer von Australien entfernt und wäre deshalb der perfekte Stützpunkt, um einen Angriff auf den Fünften Kontinent zu fliegen. Dass es die Japaner damit ernst meinen, hatten sie mit der Bombardierung Darwins bewiesen. Bereits im Mai 1942 wollten die Streitkräfte von der Seeseite her Port Moresby besetzen. Die US-Marine war stärker, gewann die entscheidenden Schlachten von Midway, in der Milne-Bucht und in der Coral Sea. Die Japaner setzten alles auf eine Karte und rücken mit großen Verbänden von Nord nach Süd auf Moresby vor, wobei sich ihnen die zweitausend Meter hohen Bergkämme der Owen Stanley Range in den Weg stellen. Sie nutzen deshalb den Kokoda Track. Es ist der einzige relativ leichte Übergang, in früheren Zeiten von Goldgräbern angelegt.

Nur noch 40 Kilometer, dann würden die Japaner in Moresby ihre Flagge aufziehen. Doch die „Digger“, die australischen Soldaten, stellten sich ihnen wildentschlossen in den Weg. Es waren junge, unerfahrene Rekruten, da die regulären Verbände längst in Europa und im Mittleren Osten an der Seite der Alliierten kämpfen. Zwischen Juli und November 1942 tobten entlang des Kokoda-Tracks mit die härtesten Gefechte des Pazifischen Krieges. Die Gegner rangen um jeden Meter Dschungelboden. Anfangs standen 400 „Digger“ 13000 Japanern gegenüber. Mit Hilfe einheimischer Papuas drängten die Australier den Aggressor Meter um Meter, Kilometer um Kilometer zurück, obwohl die Japaner Moresby fast schon sehen konnten.

Monate später waren die Angreifer ausgezehrt, ohne Nachschub, weil das festungsähnliche Hauptquartier der Japaner in Rabaul, der früheren Hauptstadt von Deutsch-Neuguinea, zwar nicht einzunehmen war, aber von der US-Flotte belagert wurde.

Geschlagen zogen sich die letzten japanischen Soldaten an die Nordküste zurück. Für viele Historiker markiert die Schlacht um Kokoda eine entscheidende Wende im Pazifischen Krieg.

Am Beginn des Tracks, in Kokoda, erinnert ein kleines Museum an die siegreiche Allianz zwischen Australiern und Papuas. Wayne und seine Mitwanderer stehen schweigend vor Schwarz-Weiß-Fotografien: Barfüßige und oft nur mit Lumpen bekleidete Menschen transportieren verwundete Infanteristen auf wackeligen Bambusbahren ab. Etwa 700 Männer vom Stamm der Koiari schleppten die „Digger“ teilweise wochenlang durch den Regenwald bis ins Lazarett in Moresby. Sie gaben ihnen zu essen, halfen als Pfadfinder und Mulis für Munition. „Ohne sie wären weit mehr als 650 Australier hier gestorben“, zitiert Wayne aus dem Buch eines Militärhistorikers, das er als E-Book mitgebracht hat.

Horrorgeschichten über Kannibalismus

Die Enkel der Helden von damals sind die Träger und Guides von heute. Männer wie Gibson Gere. Weil er passabel Englisch spricht, hat der Veranstalter ihm erlaubt, sich „Historiker“ zu nennen. Er erklärt den Wanderern, wann und wo damals die wichtigsten Schlachten stattfanden – Templeton’s Crossing, Brigade Hill, Imita Ridge. Seine Schilderungen garniert er mit Heldengeschichten, die eine gute Vorlage für pathetische Hollywood-Kriegsfilme abgäben. Gibson ist den Track bereits mehr als zwei Dutzend Mal gegangen. Einer seiner Träger, der grauhaarige James, kommt sogar auf gut 100 Trips. Sie marschieren auch heute noch barfuß oder in Badeschlappen. Viele von ihnen sind fromme Männer, Anhänger der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten. Sie trinken weder Alkohol noch kauen sie Betelnuss, was in Papua-Neuguinea eine Seltenheit ist. Am Samstag feiern sie den Sabbat, gehen in die Kirche, beten inbrünstig, vor allem aber: Sie dürfen dann nicht arbeiten. Und das ist dann doch irgendwie unpraktisch, wenn man eine zwölfköpfige Trekking-Gruppe zu führen hat. Aber Gibson hat auch dafür eine Lösung gefunden. Er gibt das Kommando einfach an seinen Stellvertreter weiter, der Katholik ist.

21000 Touristen kamen 2016 nach Papua. Sie kommen wegen der bunten Maskentänze und Sing-Sings der kriegerischen Stämme des Hochlandes, wegen der Horrorgeschichten über Kannibalismus (den es im Hochland oder am Sepik-Fluss vor 75 Jahren tatsächlich noch gab), der feenhaften Paradiesvögel, der vernarbten Krokodilmänner des Sepik, der stolzen Perücken-Männer der Huli und der Schlamm-Menschen der Asaro. Australier verirren sich dorthin nur selten. „PNG“, wie Papua Neuguinea oft abgekürzt wird, hat wegen der hohen Kriminalität einen schlechten Ruf in Australien.

Einzige Ausnahme ist der Kokoda-Track. Vor einem Jahrzehnt waren es nur wenige hundert Unerschrockene, die sich auf den Weg machten, dessen Profil wie die Rückenflosse eines Zackenbarsches aussieht: Hügel rauf, Hügel runter, flach geht es fast nie dahin. Immer wieder sind Flüsse auf Baumstämmen oder altersschwachen Brücken ohne Geländer zu queren. Die Pfade sind steil und glitschig. Seit aber gleich zwei Premierminister aus Canberra Kokoda ihre Aufwartung machten, zieht es jedes Jahr mehrere tausend Australier hierher. „Ich hätte das früher machen sollen“, sinniert Wayne Fenney, „als mein Opa noch lebte. Vielleicht hätte er dann mit mir über seine Erlebnisse gesprochen. So aber schwieg er für immer.“

Wayne und seine Mitstreiter sind eher auf einer Mission als im Urlaub. Still stehen sie vor den mit roten Plastik-Mohnblumen geschmückten Holzpflöcken am Brigade Hill. Je einer für jeden Gefallenen. Es sind viele, zu viele. Guide Gibson deutet auf einen alten Baum nahe des Hügels: Japaner und Australier lagen sich hier so nahe gegenüber, dass sie den Feind atmen hörten. Ein „Digger“, der seine ganze Munition verschossen hatte, versuchte sich zu verstecken, als er merkte, dass auf der anderen Seite des Baumes ein Japaner kauerte. Dieser entdeckte ihn jedoch und rammte ihm mit letzter Kraft das Bajonett in den Bauch, ehe er selbst erschöpft zusammensank. Am nächsten Morgen war der Australier tot - und der Japaner ergab sich. Er konnte einfach nicht mehr, soll er später gesagt haben. Kaum ein Japaner laufe den Track, erzählt Gibson. Zu groß sei die Schmach der Niederlage von damals.

Paradiesisch oder höllisch?

Im Dorf Manari, aus dem die meisten Träger stammen, ist gut die Hälfte der Wegstrecke geschafft. Die Stimmung wird heiterer. Die härtesten Anstiege liegen hinter den Trekkern, sie haben sogar noch Energie, mit der Dorfjugend Rugby zu spielen. Hier starb im März 2016 hochbetagt Faole Bokoi. Gibson führt zu dessen Grab, eine vergilbte Fotografie erinnert an den einstigen Kriegshelden, der später Häuptling seines Dorfes wurde. Sein ältester Sohn verkauft heute Softdrinks und Kekse, lebt, wie viele der Dorfbewohner, von den Touristen. Schule und Krankenstation werden großteils von der „Kokoda Initiative“ finanziert, einer australischen Entwicklungshilfe-Organisation. Es ist ein Jammer, dass man Faole Bokoi nicht mehr fragen kann, wie es ihm an der Seite der Aussies ergangen war. Ob er für seine Dienste bezahlt wurde? Ob er gezwungen wurde, den „Diggern“ zu helfen? Fest steht für Historiker: Die Japaner hatten viele Papuas bei der Landung an der Nordküste misshandelt, sie verachteten sie als Untermenschen. Diese schlugen sich deshalb auf die Seite der Australier, der Mandatsmacht, die „PNG“ erst 1975 in die Unabhängigkeit entlassen sollte. Trotzdem verlief die Waffenbrüderschaft wohl nicht immer so harmonisch, wie viele Aussies glauben möchten. Einige Koiari, die sich neutral verhalten wollten, wurden von den „Diggern“ gefoltert und exekutiert.

Wayne stimmen solche Geschichten nachdenklich. Er hatte immer geglaubt, sein Opa habe für eine gerechte Sache gekämpft. „Am Ende“, sagt er, „ist jeder Krieg vor allem eines: schmutzig, brutal, grausam.“ Einige Historiker bezweifeln sogar, dass die Japaner tatsächlich Australien von Moresby aus angreifen wollten. Zu geschwächt seien ihre Truppen da schon gewesen. Also alles umsonst? Die Malaria-Anfälle? Die Durchfall-Schübe? Die Hakenwürmer, die sich durch die Fußsohlen bohrten? Die Blutegel? Angeblich starben dreimal so viele Soldaten an Krankheiten wie durch Gefechte. Wer hier heute entlang wandert, glaubt es gerne.

Abends singen die Kinder aus Manari für die Wandergruppe. Sie tun es mit großer Hingabe. Für die Gäste aus Australien, weil sie auf ein paar Kina spekulieren. Für sich, weil die Lieder Halt und Hoffnung in einer an materiellen Gütern armen Welt bieten: „It’s not an easy road we are traveling to heaven.“ Der Weg ist auch für Wayne nicht leicht. Er hat „Down by Law“ von Jim Jarmusch gesehen, „Apocalypse Now“. „Das hier“, sagt er beim letzten Anstieg, nach Luft ringend und mit Schlammspritzern im Gesicht, „ist die Essenz daraus: ‚The Reverend‘ in Grün’, Urwald für Unerschrockene.“

Aber irgendwann findet auch der härteste Weg ein Ende. Jenny und Ronda, die beiden pensionierten Krankenschwestern aus Sydney, wissen noch nicht, ob sie dieser Wanderung das Prädikat „paradiesisch“ oder „höllisch“ verpassen werden: „War es das wert? Damals wie heute?“ Wayne steckt sich mit seinem Kumpel Tony eine dicke Cohiba an. Kevin, der Zimmermann aus Cairns, umarmt seinen Sohn Luke. In dieser Stimmung aus Erschöpfung und Erleichterung fällt für einen kurzen Moment alles ab von ihnen. Und die Erinnerungen und die Geschichte dieses Tracks weichen der puren Vorfreude auf ein kühles Bier.

Der Weg nach Papua-Neuguinea

An- und Einreise Mit verschiedenen Airlines via Australien oder Singapur nach Port Moresby (ab ca. 1500 Euro). EU-Bürger erhalten bei der Einreise nach Papua-Neuguinea ein kostenloses Touristen-Visum. Es gibt ein erhöhtes Malariarisiko in der Region, mehr Informationen beim Tropeninstitut: tropeninstitut.de

Beste Reisezeit Mai bis Oktober

Der Veranstalter Intrepid Travel aus Holzkirchen in Bayern hat die Reise „The Kokoda Track“ im Angebot. Die elftägige Reise kostet inklusive Übernachtungen, Guide und Transfers (exklusive Flüge) ab 3050 Euro. Mehr unter Tel. 08024/4623300 und im Netz unter www.intrepidtravel.de

Literatur Rasso Knoller, „Lesereise Papua-Neuguinea – Im Land der dunklen Geister“, Picus Verlag; Peter Voss, „Papua“, Michael Imhof Verlag; Bill James, „Field Guide to the Kokoda Track: An Historical Guide to the Lost Battlefields“, Kokada Press

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAustralienPapua-NeuguineaTrek BicycleMänner