Portugal

Das Haus der Unruhe

Von Barbara Liepert
© Illustration Sylvia Neuner, F.A.S.

Desassossego. Was für ein schönes Wort. Klingt wie Wellen, die ans Ufer schwappen, wie ein geheimnisvolles Getränk, etwas Unbekanntes. „O Livro do Desassossego“ heißt auf Deutsch „Buch der Unruhe“ und ist das vielleicht bekannteste Buch Portugals. Fernando Pessoa beschrieb darin tagebuchartig die Leiden des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares in seinem Kontor in Lissabon, sein Zweifeln am Sinn, am Sein, an der Welt, weswegen das Buch in den 1980ern, als es fast fünfzig Jahre nach dem Tod des Autors endlich erschienen war, in so vielen Jugendzimmerbuchregalen stand. „Existieren ist reisen genug . . . Wenn ich mich meiner Phantasie überlasse, sehe ich. Was tue ich anderes, wenn ich reise? Nur äußere Schwäche der Einbildungskraft rechtfertigt, dass man Orte wechseln muss, um zu fühlen.“

Einsame, leicht melancholische Spaziergänge in der eigenen oder fremden Stadt - damit ist Schluss, wenn man plötzlich erziehungsberechtigt ist. Mit Kindern unterwegs zu sein ist ein permanenter Ausnahmezustand. „Vorsicht, Auto! Mann! Die fahren hier, als gäbe es kein Morgen.“ - „Achtung, Loch!“ - „Nicht dahin!“ Eltern mutieren zu Schutzleuten, Reinigungskräften, Anstaltspersonal. Reisen wollen sie aber trotzdem, das Kind soll was entdecken. Da Istanbul aus der Liste der Kurzreiseziele gebombt wurde und keiner weiß, wann und ob es noch mal als solches zurückkehrt, und es sich herumgesprochen hat, dass einem in Venedig keiner, aber wirklich gar keiner freiwillig dabei hilft, den Kinderwagen auch nur fünf Stufen auf eine der tausend Brücken hochzutragen oder einem eine Gasse durch die dicht gepresst stehenden Touristen zu bahnen, rückt Lissabon zusehends in den Fokus der Familien.

Lissabon strahlt eine große Ruhe aus. Hektisch sind hier vor allem die Touristen, die versuchen, in die Trambahnlinie 28 einzusteigen. Diese legendäre Linie wird in jedem Reiseführer empfohlen, weil sie einen so schön durch die kurvigen Gassen Alfamas, vorbei an der Sé-Patriarcal-Kathedrale hinauf zum Bairro Alto, in die Oberstadt, führt, hinauf- und hinabschaukelt, alles mit wundervollen Ausblicken - wenn diese nicht von anderen breitschultrigen Touristen mit Tagesrucksäcken verstellt wären. Dass die Kinder trotzdem etwas zu sehen bekamen, dafür sorgte eine elegant gekleidete Dame mit Perlenkette, die, ohne ein Wort Englisch zu sprechen, resolut, aber nicht ruppig, die Touristen so beiseitekommandierte, dass das Kleinkind auf dem Schoß seiner großen Schwester am Fenster mit Panoramablick zum Sitzen kam und sogar noch ein Platz frei wurde für eine weitere, wirklich uralte Dame, die am Fuß des Hangs zustieg: Die Tram ersetzt in diesem steilen Gelände für die älteren Herrschaften den Rollator.

Mit der Tram ins Dichterviertel

Die Endstation der Tram Nr. 28 liegt an der Praça do Martim Moniz, einem auf den ersten Blick nicht besonders schönen Platz. Hier befindet sich das „Centro Comercial Mouraria“, und auch das sieht nicht so aus, als wäre es für Touristen geschaffen - und genau deshalb ist es so sehenswert: Gewürze aus Indien, Stoffe aus Indonesien, Plastikuhren aus China, Regenschirme, Kostüme, Handtaschen, alles in großen Mengen. Hierher kommt, wer asiatisch kochen oder nur fünf Euro für eine hellblaue Digitaluhr ausgeben will. Der Händler aus Pakistan legt noch eine Mobilfunkhülle umsonst obendrauf - und die Kinder verlassen diesen Ort im Glauben, dem freundlichsten und großzügigsten Menschen des Universums begegnet zu sein. Müde sind sie trotzdem - also schnell zurück in die Tram, bis nach Chiado, das Dichterviertel, ins Hotel „Martinhal Chiado“.

Es ist das erste „Kinderstadthotel“. Und was für eines! Das „Martinhal Chiado“ fühlt sich nicht wie ein Hotel an, sondern wie die gepflegte Wohnung von Freunden. Alles ist sehr kinderfreundlich, vom Pürierstab über den kleinen Tritt im Bad bis zu den Plastiktrinkbechern. Selbstverständlich sind alle Ecken rund, und die Fenster sind abschließbar. Das Hotel in der steilen Rua das Flores ist ein umgebautes Wohnhaus, die Apartments sind in Familiensuiten verwandelt worden.

© Illustration: Sylvia Neuner, F.A.S.

In das Martinhal-Haus kann man problemlos mit Handgepäck anreisen - es gibt alles im Haus, sogar eine Waschmaschine in der Küchenzeile. Wenn man Öl braucht, um die Kochbananen, die die Kinder auf dem Markt entdeckt haben, zu braten, geht man kurz ins Restaurant und holt Öl. Man kann außerhalb essen gehen, wenn man will - in der nahen Markthalle kochen die besten Köche der Stadt -, oder man nimmt sich das Essen von dort mit nach Hause: alles möglich. Man kann auch, trotz Kindern, alleine ausgehen - denn es gibt einen Kinderclub, bei dessen Anblick man kein schlechtes Abschiebegewissen bekommt. Es ist eher so, dass die Kinder dort und nicht in der Stadt ihren Urlaub verbringen möchten, mit Büchern und Bastelkurs und Kletterwand und Bällebad - je kleiner die Gäste, desto behutsamer die Räume, in denen sie spielen, die Unruhe, die die Kleinen umtreibt, hat ein Ziel gefunden.

„Pastel de Belém“ und „Pastel de Nata“

Und die Eltern können Kaffee trinken, die Zeitung lesen, spazieren gehen: die Rua das Flores hinunter zu den Cais do Sodré, wo die Züge vom Meer ankommen, die Möwen kreischen und wo Lissabon noch so schmutzig riecht, wie es der Ruf der Gegend einmal war. Jetzt stehen überall Bagger und Kräne herum, die Gegend wird gentrifiziert, sehr minimalistische Restaurants mit französischen Namen haben eröffnet, die Markthalle heißt jetzt „Time out“, so wie das Touristen-Magazin, was nicht alle hier gut finden, aber die Auswahl an Spezialitäten ist enorm.

Lissabon ist ein Labyrinth. Man kann sich schnell verlaufen, was aber nichts macht, im Gegenteil - man sollte es sogar darauf anlegen, sich zu verlaufen. Denn nur so entdeckt man plötzlich diese kleine Bar, in der es hervorragende Stockfischkroketten gibt, „Pastel de Bacalhau“, die zu den Klassikern der portugiesischen Küche gehören. Bacalhau ist ein durch Trocknung haltbar gemachter Kabeljau. Der gesalzene Trockenfisch ist in Deutschland, obwohl schon die Wikinger ihn als Proviant schätzten, kaum verbreitet, in zahlreichen portugiesischen Nationalgerichten ist er aber allgegenwärtig: Man isst ihn mit Kartoffeln, Oliven und Zwiebeln, roh, mariniert, gegrillt, gekocht - oder in diesen wunderbaren Kroketten.

Überhaupt sind die Kinder, wenn man sie einmal überreden konnte, den Kid’s Club zu verlassen, begeistert auf der Jagd nach Essbarem. Sie sind wie kleine Michelin-Tester: Sie suchen den Maronenstand, dessen Duftspur sich in den Kindernasen festgesetzt hat. Sie probieren „Pastel de Belém“ von verschiedenen Bäckern, ein Blätterteigtörtchen, das mit einer Creme aus Eigelb, Zucker und Sahne gefüllt ist und von dem angenommen wird, dass es schon im 18. Jahrhundert von den Mönchen des Hieronymus-Klosters in Belém hergestellt wurde. Als 1834 das Kloster geschlossen wurde, verkauften die Mönche das Rezept an eine Zuckerraffinerie, die sie seit 1837 als „Pastel de Nata“ vertreibt. Was die Bäcker der Stadt natürlich nicht abhält, sie in allen Varianten zu backen und mit wahlweise Zimt oder Puderzucker zu bestreuen.

Lissabon ist ruhig - das gilt auch politisch. Es gab bisher keine Terroranschläge, es kommen kaum Flüchtlinge, obwohl die wenigen, die kamen, herzlich aufgenommen wurden, und nirgends ist die Rede vom IS, das ist in diesen Tagen viel wert. Es ziehen viele Menschen nach Lissabon, Rentner aus Frankreich und Künstler aus England und den Vereinigten Staaten, für die die Stadt so etwas wie ein europäisches Kalifornien ist: Es gibt genug alte Hallen, aus denen man Ateliers machen kann, vor und nach der Arbeit kann man surfen gehen, das Klima ist angenehm, und die Mieten so niedrig wie in Berlin.

Kunst und Kraken

Seit das neue Kunstmuseum MAAT eröffnet hat, kommt auch die internationale Szene. Und auch dieses Museum, das wie ein silbernes Seeungeheuer am Fluss vor der großen Brücke liegt, ist etwas für Kinder, die es lieben, die sinnlos große geschwungene Treppe hinauf- und herunterzurennen. Und seit zwölf Jahren gibt es nun die „Conciertos para bebés“ im Oceanário de Lisboa, dem großen Aquarium. Umfangen von Millionen Litern Meerwasser und Livemusik haben ein paar glückliche Kleinkinder und deren kluge Eltern - die sich rechtzeitig um Karten für das Spektakel gekümmert haben, das immer schon auf Monate im Voraus ausverkauft ist - jeden Samstag um neun Uhr das Aquarium für sich alleine. Man kann auch nach Voranmeldung die Nacht auf Feldbetten im Aquarium verbringen und lernen, wie man einen Schwarzspitzenriffhai von einem Weißspitzenriffhai unterscheidet, und dass ein Katzenhai mehr Ähnlichkeit mit einem Dalmatinerhund als einer Katze hat. Und wenn dann noch der Sandtigerhai vorbeischwimmt, ist die Gelegenheit günstig, etwas über „vorgeburtlichen Kannibalismus“ zu erzählen, aber vielleicht hat das auch noch ein paar Jahre Zeit, und die Kinder wollen sowieso lieber raus zu den Pinguinen. Die sind in einer Art Rieseneisschrank untergebracht und flitzen wie düsengetrieben durch ihr Habitat, über Eisschollen hinweg, ins Wasser und wieder raus - sehr zur Freude der quietschenden Kinder. 16 000 Meeresbewohner leben im großen Aquarium, enorme Mondfische, Otter, Picassofische, Mantarochen, Papageientaucher, Seeschwalben, Korallen, Pinguine, Seesterne, Seepferdchen und Anemonen, Quallen und Kraken . . .

Und wenn die Kleinen dann selber mal schwimmen wollen und das Meer noch zu wild ist oder zu kalt: Dann kann man, was eine halbe bis Dreiviertelstunde dauert, nach Cascais fahren, in das andere, neue Martinhal-Haus, ein großzügiges Designhotel, in dem sich auch eine Golfer-Klientel wohlfühlen würde, das aber vor allem auf Familien ausgerichtet ist: Es gibt zwei Restaurants, einen wunderbaren Spielplatz, der eher eine parkgroße Spielwiese ist, einen Kid’s Club mit reizender Animateurin und eine nicht weniger reizende Schwimmtrainerin; nach drei Tagen kann das Kind kraulen und hat einen Heidenspaß. Weil im Restaurant alle mit ihren Kindern sitzen, stören die auch niemanden. Trotzdem ist das Hotel edel designt, nirgendwo fühlt es sich an, als mache man Urlaub im Ikea-Kugelbecken - und wenn die Kinder im Club sind, können die Eltern eine Runde Billard spielen oder auf der Terrasse ihrer Suite in der Sonne oder dem Grandhotelbett dösen: Luxushotel und Kind ist hier kein Widerspruch mehr. Oder wie es Fernando Pessoa sagte: „Das Leben ist, was wir aus ihm machen. Die Reisen sind die Reisenden. Was wir sehen, ist nicht, was wir sehen, sondern was wir sind.“

Mit Kind und Kegel nach Lissabon

Anreise Direktflüge nach Lissabon gibt es ab Berlin, Hamburg, Frankfurt, München, Düsseldorf, mit Tap, ab Sommer auch ab Stuttgart.

Mercado da Ribeira Die Markthallen liegen gleich beim Cais do Sodré. In der riesigen Time-out-Halle stehen lange Tischreihen, an denen die Gerichte der darum herum gruppierten Restaurantstände gegessen werden. Geöffnet bis spät in die Nacht (www.timeoutmarket.com).

MAAT Das Museu Arte Arquitetura Tecnologia liegt am Tejo und ist schon wegen der Architektur sehenswert. Kinder können hier eine herrliche Rampe hoch- und runterrennen, in Workshops (ab sechs Jahren) beispielsweise Solarautos bauen (maat.pt)

Das Aquarium Die Konzerte für Babys (bis drei Jahren) finden immer samstags vor Öffnung des Aquariums um neun Uhr statt. Unbedingt frühzeitig reservieren, da große Nachfrage herrscht (Preis pro Baby: 25 Euro inklusive Eltern). Zum „Übernachten bei den Haien“ muss man mindestens vier Jahre alt sein und in Begleitung eines Erwachsenen auftauchen (60 Euro pro Person, www.oceanario.pt).

Familienhotel in Lissabon „Martinhal Chiado“: Studio mit Etagenbett für zwei Erwachsene und zwei Kinder, ab 240 Euro pro Nacht im März, im August ab 300 Euro pro Nacht; Kinderclub und Babysitterservice

In Cascais Das Martinhal-Haus in Cascais ist etwa vierzig Minuten von Lissabon entfernt (auch sehr gut mit der Bahn zu erreichen) und liegt etwas versteckt in einer weitläufigen Wohngegend zwischen Golfplätzen und Pinien. Das Hotel hat diverse Schwimmbäder für alle Altersstufen, einen weitläufigen Abenteuerspielplatz, Fahrradverleih, Ausflugsprogramm und selbstverständlich einen Kinderclub; Zimmer (zwei Erwachsene, ein Kind, ein Baby inklusive Frühstück) ab 175 Euro im März (August 240 Euro) (www.martinhal.com/de). Weitere Informationen unter www.visitlisboa.com/de

Quelle: F.A.S.
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