Lake St. Clair in Tasmanien

Was, wenn das Schnabeltier sich nicht zeigt?

Von Ulf von Rauchhaupt
 - 16:57
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„Schon eins gesehen?“ Richard muss bei der Frage lachen, als habe er bei seiner Ankunft genau dieselbe gestellt. „Ich nicht“, sagt der freundliche Arzt aus Sydney. „Aber heute Morgen hat beim Frühstück einer erzählt, er habe eins gesehen. Früh am Morgen, gleich da hinten am Steg.“ Dann blickt er noch einmal hinaus auf den See, als hoffe er, dort doch noch etwas kleines Pelziges mit Entenschnabel herumpaddeln zu sehen.

Doch da ist nichts. Das Wasser vor der Veranda liegt still da und reflektiert den spätsommerlichen Himmel, strahlendes Blau, das in einigen hundert Metern Entfernung auf den Urwald des Cradle-Mountain-Lake-St.-Clair-Nationalparks trifft. Über 270 Grad schweift hier der Blick ohne auf etwas Anderes zu stoßen als auf Wasser und Wildnis. Hinter einem lädt hingegen eine elegante Lounge zum Herumlümmeln ein. Die Bar führt tasmanischen Gin und einige der besten Weine der Insel. Dahinter die Zugänge zu den Zimmern, sämtlich mit Seeblick. Denn das Haus steht auf Stelzen im Wasser, nur durch einen 200 Meter langen Steg mit dem Ufer verbunden, dort, wo Richards Gewährsmann im Morgengrauen das Schnabeltier gesehen haben will.

Der Lake St. Clair gehört seit 1982 zum Unesco-Naturerbe. Da wäre niemandem erlaubt worden, hier eine Herberge in den See zu setzen, wie stilvoll auch immer. Doch das „Pumphouse“ stammt aus dem Jahr 1940, und sein Inneres war bis vor kurzem eine einzige Halle mit vier großen Pumpen darin. Sie konnten pro Minute 28.000 Liter Wasser aus dem See durch einen Kanal unter dem Steg in eine benachbarte, durch ein Wehr abgetrennte Lagune pumpen. „Das ist hier der höchste Punkt in dem Wasserwirtschaftssystem, das bis hinunter nach Hobart reicht“, erklärt Rod Black, der Manager des Hotels. „Es war eine Reserve-Vorrichtung, für den Fall, dass es einmal weiter unten nicht genug Wasser gibt.“

Nur ein paar Wallabys und ein Wombat

Wirklich zum Einsatz kam die Anlage nie, und 1995 wurde sie stillgelegt. Jahrelang gammelte das Pumphouse nun vor sich hin, ebenso wie das „Shorehouse“ am Ufer, in dem sich Schaltzentrale und Werkstätten befanden. Die Idee, die Gebäude touristisch zu nutzen, kam bald auf. Aber erst 2004 fand sich ein Investor, der nicht nur Kapital und Konzept für den Umbau hatte, sondern auch die Nerven für die Umsetzung unter den Umweltauflagen in einem Naturschutzgebiet. Neun Jahre dauerten Planung und Genehmigung. Im Januar 2015 wurde das Haus eröffnet.

Exklusiv ist der „Pumphouse Point“ schon wegen seiner übersichtlichen Größe: Zwölf Zimmer im Pumphouse, sechs im Shorehouse und seit neuestem noch den „Retreat“, eine Suite in einem separaten, fast unsichtbaren Gebäude inmitten der Ufervegetation für Urlauber mit besonders hohem Bedürfnis nach Abgeschiedenheit. Ironischerweise gibt es WiFi nur im Retreat, während alle anderen Gäste die Ausrede haben, hier keine E-Mails lesen zu können. „Die Bandbreite hier draußen reicht gerade für unsere Verwaltung“, rechtfertigt sich der Manager. Einen anderen Beitrag zum Gefühl der Entrückung liefert die Lage auf der bewaldeten Halbinsel zwischen See und Lagune. Und sie bietet jede Menge Ufer, an denen sich Schnabeltiere tummeln könnten. Auf einem Spaziergang vor dem Abendessen lassen sich dann allerdings nur ein paar Wallabys und ein Wombat sehen.

Von hier aus eine bequeme Tagestour

Das Dinner wird an großen Tischen im Shorehouse serviert. Wer bisher keinen der anderen Gäste kennengelernt hat, kommt nun nicht mehr drum herum. Es gibt eine feste Essenszeit und keine Speisekarte. Der Chef entwirft für jeden Abend ein Menü, berücksichtigt aber gegebenenfalls Vegetarier, Veganer oder andere. Als „einfach und ländlich“, beschreibt der Manager die Küche. „Fine dining versuchen wir hier nicht.“ Die Qualität entspricht dann aber doch der der vorrätig gehaltenen Weine. Das Haus hat schließlich anspruchsvolle Stammgäste, auf deren Wunsch vor dem Shorehouse eigens eine Tesla-Ladestation eingerichtet wurde. In ganz Tasmanien gibt es momentan zwölf Teslas.

Gefrühstückt wird dann aber am Buffet, was am nächsten Morgen glücklich verhindert, von Richard oder einer der anderen Dinner-Bekanntschaften vom Vorabend nach Schnabeltieren gefragt zu werden. Auf dem frühmorgendlichen Streifzug über die Halbinsel hat sich nämlich wieder keines gezeigt. Aber noch ist nicht aller Tage Abend. Nur wenige Kilometer entfernt endet der Overland Track, ein 82 Kilometer langer Wanderweg, der im Cradle Valley beginnt und in einer Woche durch die Wildnis Zentraltasmaniens führt. Seine letzten zwölf Kilometer sind von hier aus eine bequeme Tagestour. Dazu fährt man vom Visitor Center des Nationalparks an der Cynthia Bay mit einer kleinen Fähre den See hinauf und wandert wieder zurück durch den Urwald am Seeufer entlang, in Sichtweite des Wassers mit seinem Schnabeltierpotential.

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Doch kaum hat das Boot abgelegt, gerät dieses Ziel aus den Augen. Das im See sich spiegelnde Baumgewirr und der Mount Olympus darüber mit seinen Felsen aus säulig kristallisiertem Dolerit verdrängt alles andere. Selbst beim herrlich einsamen Mittagessen an einem kleinen Strand – verzehrt wird Mitgebrachtes aus den üppig bestückten Speiseschränken im Hotelzimmer des „Pumphouse Point“ – schweift der Blick nicht mehr suchend über die Uferlinie. Das Panorama ist zu phantastisch. Danach vergehen beglückende Stunden im Wald ohne einen Gedanken an Schnabeltiere. Hier sind die Pflanzen die ganze Show: Scheinbuchen, Silberakazien und diverse Sorten Eukalyptus, daran Zunderschwämme, so groß wie Waschbecken. Und weiter südlich, wo die Vegetation lichter ist, weil dort in den 1970er Jahren ein Wanderer beim Anzünden von Toilettenpapier ein Buschfeuer angerichtet hatte, wachsen vermehrt die hinreißenden Baumfarne der Art Dicksonia antarctica. Das alles in allen Stadien des Entstehens und des Verfalls, vom kleinen Trieb über den dick bemoosten Stamm bis zum fast wieder zu Erde zerfallenden Stumpf.

Erst auf den letzten Kilometern vor dem Visitor Center drängen sich wieder die Schnabeltiere ins Bewusstsein. Dort ist an der Platypus Bay (Schnabeltierbucht) an einer besonders vielversprechenden Uferwiese ein eigener „Platypus-Lookout“ eingerichtet: eine hölzerne Wand mit kleinen Fenstern in Augenhöhe von Erwachsenen wie von Kindern, um sich dahinter zu verstecken. Texte unterrichten die Besucher über die Lebensweise der Schnabeltiere und darüber, wie schreckhaft sie auf Geräusche reagieren. Die Besucher kauern entsprechend mucksmäuschenstill hinter den Brettern. Nach Minuten vergeblichen Starrens erschallt auf einmal der Ruf eines Kindes. „Mama, I saw a Platypus!“ Es ruft wirklich laut.

Nun hat es der Urwald am Lake St. Clair auf einmal schwer, das Gemüt zu erreichen. Bis plötzlich, wenige hundert Meter vor dem Parkplatz, etwas kleines Stacheliges über den Weg läuft, keinen Meter entfernt: Ein Ameisenigel, der nächste Verwandte des Schnabeltiers, stochert mit seinem spitzen Schnäuzchen im Waldboden herum und lässt sich durch nichts und niemanden dabei stören.

Der Weg nach Tasmanien

Anreise Etihad Airways fliegt täglich von Frankfurt über Abu Dhabi nach Sydney und Melbourne. Von dort weiter nach Hobart mit Virgin Australia. Die Autofahrt von Hobart zum „Pumphouse Point“ dauert etwa drei Stunden. Wer den Overland-Track mit einem Aufenthalt im „Pumphouse Point“ beschließen möchte, kann sich vom Hotel am Visitor Center des Nationalparks in Cynthia Bay abholen lassen. Von dort verkehren auch Busse nach Hobart.

Übernachtung je nach Zimmertyp zwischen 176 Euro (Shorehouse ohne Seeblick) und 881 Euro (Retreat) für das Doppelzimmer mit Frühstück. www.pumphousepoint.com.au

Da der „Pumphouse Point“ in einem Nationalpark liegt, sind auch dafür, Gebühren zu entrichten, Details dazu unter www.parks.tas.gov.au

Weitere Informationen www.discovertasmania.com.au

Quelle: F.A.S.
Ulf von Rauchhaupt
verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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