Reisen mit Kindern

Ähm, sind wir noch auf dem Schiff?

Von Andreas Lesti
 - 10:00

Am vorletzten Tag dieser Kreuzfahrt durchs Mittelmeer, als dieses schwimmende Riesenhotel gerade von Cannes nach Marseille schippert, liest sich das Tagesprogramm an Bord wie folgt:

- Satelliten-Pokerturnier

- Bingo-Kartenvorverkauf

- 30 000 Jahre Kunstgeschichte

- Gesichtsstraffung mit Restylane

- TRX-Suspension-Training

- Botox mit Hautfüller-Beratung

- Michael-Jackson-Musikquiz

- Schweizer-Uhren-Präsentation

- Foto-Schnitzeljagd mit Kindern

Wir hätten gerne ein paar Pokervisagen beim Satellitenturnier gesehen, beim Musikquiz brilliert und 30 000 Jahre Kunstgeschichte durchdrungen, aber wir sind ja mit zwei kleinen Kindern an Bord, und so kommen wir an diesem Nachmittag, während die Côte d’Azur steuerbords türkisfarben herüberblitzt, in einen großartigen Genuss: Schnitzeljagd auf einem der größten Kreuzfahrtschiffe der Welt.

Es ist genau der richtige Zeitpunkt für dieses Abenteuer, denn nach fünf Tagen an Bord finden sich die Kinder auf diesem Koloss langsam zurecht. Einigermaßen. Okay, eigentlich gar nicht, oder eben so, wie sich eine Vier- und ein Sechsjähriger zurechtfinden in einem 330 Meter langen, 60 Meter hohen und 40 Meter breiten Labyrinth mit 19 Decks, zehn Restaurants, 16 Bars, 3540 Kabinen, mit Kletterwand auf dem Oberdeck und einem knallbunten Wasserrutschen-Ensemble, das jedem Spaßbad einer mittelgroßen Stadt den Rang abläuft. Die beiden finden sich zurecht, so wie man sich eben zurechtfindet zwischen 4200 anderen Passagieren und 1700 Crewmitgliedern, die Tag und Nacht durcheinanderwuseln. Mit diesen Dimensionen war die „Norwegian Epic“ bei ihrer Taufe im Jahr 2010 noch das zweitgrößte Kreuzfahrtschiff der Welt. Im irrsinnigen Superlativwettstreit dieser Branche ist sie inzwischen auf Rang neun gefallen.

Am zweiten Tag fanden die Kinder schon allein vom „Garden Café“ auf Deck 15 in unsere Kabine auf Deck 13, gleich hinter der Brandschutztür, Nummer 13 099. Sie konnten den Namen des Schiffs aussprechen, wussten genau, was sie zum Frühstück wollen (Pancakes und Melone) und welches Kids-Menü sie am Abend bestellen. Sie waren, wie man so sagt, angekommen und wir erleichtert.

Am dritten Tag allerdings, als wir in Neapel erstmals von Bord gingen, um die Stadt anzuschauen, verließen wir das Schiff über den Ausgang auf Deck 5, gelangten durch einen Gang in das große Hafengebäude, fuhren mit einer Rolltreppe nach unten, mit einer anderen Rolltreppe wieder nach oben, schlenderten einen langen Gang mit Souvenirgeschäften und Restaurants entlang, um dann nach zehn Minuten über eine breite Treppe hinunter zum Hafenparkplatz zu gehen. Auf eben dieser Treppe, rund 500 Meter vom Schiff entfernt, stellte die kleine Tochter eine sehr nachvollziehbare Frage: „Ähm“, sagte sie und blickte sich um, „sind wir noch immer auf dem Schiff?“ Vermutlich hätte sie es auch nicht für ungewöhnlich gehalten, wenn ganz Neapel eine Woche lang mit uns durchs Mittelmeer geschwommen wäre.

Zweiundzwanzig Aufgaben in zwanzig Minuten?

Es ist genau diese Überdimension, die die „Norwegian Epic“ zu einem außergewöhnlichen Schauplatz für eine Schnitzeljagd macht. Die findet alle paar Tage statt und beginnt bei den Barkeepern des „Cavern Club“ auf Deck 6. Gemeinsam mit neun anderen Familien melden wir uns an und bekommen einen Zettel mit zweiundzwanzig Aufgaben, von denen wir in zwanzig Minuten so viele wie möglich erfüllen sollen. Und los!

„Fotografiert Euch mit Sonnenbrillen auf den Liegen auf dem Oberdeck“, lautet die erste Aufgabe. Wir fahren mit einem der Aufzüge zehn Stockwerke hinauf zu Deck 16. Unter der „Epic Plunge“, der riesigen gelben Rutsche, die in einen Trichter mündet, legen wir uns auf die Liegen, haben aber zwei Sonnenbrillen zu wenig. Wir fragen die zwei jungen Männer von der Handtuchausgabe, ob sie uns ihre Brillen leihen. Sie scheinen diese Frage nicht zum ersten Mal zu hören und reagieren routiniert. Klick! Es läuft, und die Kinder sind begeistert. „Fotografiert Euch mit einem Softeis am Eisautomaten“, lautet die zweite Aufgabe. Kleinigkeit. Den großen silbernen Softeisautomaten am Eingang zum Restaurant kennen die Kinder seit Tag eins, und so stürmen sie die wenigen Meter hinüber zum Automaten. Der steht neben der Schiebetür, wo immer eine Asiatin mit Desinfektionsspray lauert und die Hände der Eintretenden gut gelaunt und mit einem lang gedehnten „Whashy-whashy! Happy-happy!“ besprüht. Auch jetzt schneidet der Geruch des Antiseptikums durch die Luft. Überhaupt, es riecht fast überall nach Chlor, Desinfektionsmittel und der Angst vor einer Epidemie. Diese Chemiewolke erinnert zugleich an die Abwesenheit von natürlichen Gerüchen: kein Gras, keine Bäume, keine Erde, kein Moos. Nirgends.

Das Eis ist fertig – klick – und schnell aufgegessen. „Fotografiert Euch mit Handtuch im Pulse-Fitnesscenter.“ Puh, da waren wir noch nie, wie in so vielen anderen Bereichen dieses Labyrinths. Es ist neben dem Spa irgendwo auf Deck 14. Wir nehmen die Treppe, denn bei nur zwei Stockwerken geht das schneller. Die Kinder sausen vorneweg und verschwinden in der Menschentraube, die sich vor dem „Garden Café“ hin und her schiebt.

In den Ferien sind bis zu 1200 Kinder an Bord

Vor drei Tagen haben wir einen Ausflug nach Rom unternommen. Die „Epic“ lag mit vier weiteren Kreuzfahrtschiffen in Civitavecchia. Potentiell waren also 14 000 Menschen bereit für einen Tagesausflug nach Rom, um sich dort mit den anderen Touristenströmen zu vereinen. Da taten wir etwas, was wir noch nie zuvor getan hatten, nicht auf dem überfüllten italienischen Campingplatz, nicht beim ausverkauften Bundesliga-Fußballspiel, nicht in den Ansammlungen am Brandenburger Tor: Wir schrieben den Kindern mit Edding unsere Handynummern auf die Unterarme.

Da das Schiff nur unwesentlich kleiner ist als die italienische Hauptstadt und die Nummern mittlerweile verblasst sind, rennen wir den Kindern schnell hinterher. Im Fitnesscenter, in dem junge Menschen mit Blick auf den Ozean auf Ergometern so angestrengt strampeln, als müssten sie dieses Schiff antreiben, drücken wir den Kindern ein paar Handtücher in die Hand und: klick. Erledigt. Weiter.

„Fotografiert Euch am Eingang der Splash Academy“, lautet die nächste Aufgabe. Die „Splash Academy“ ist der Kinderclub des Schiffs und ebenfalls auf Deck 14. Die „Epic“ gilt in der Norwegian-Flotte als besonders kinder- und familienfreundlich. Bei Vollbelegung in den Ferien sind bis zu 1200 Kinder und Jugendliche an Bord. Die müssen beschäftigt und unterhalten werden. Aber gelegentlich wirkt die ganze Betreuung der kleinen Gäste nicht ganz zu Ende gedacht. In den Zimmern faltet das Personal die Handtücher in Tier- oder Herzform und legt Schokoladenstücken obendrauf. Die Kinder sind immer begeistert davon und gespannt darauf, welches Gebilde sie im Zimmer erwartet – und zugleich enttäuscht, dass die Schokolade nicht schmeckt: zartbitter. Die Rutschen auf dem Oberdeck sind aus nicht erklärlichen Gründen die meiste Zeit geschlossen und die Kletterwand „aus Sicherheitsgründen“ gesperrt, sobald eine dunkle Wolke aufzieht. Erklärung: „Die Seile dürfen nicht nass werden.“

Die zwanzig Minuten sind fast vorbei. Also noch eine letzte Aufgabe: „Fotografiert Euch mit dem Barkeeper des Cavern Clubs.“ Vor den Aufzügen ist viel los, und wir nehmen die Treppe nach unten. Acht Stockwerke! Das macht sonst niemand auf diesem amerikanischen Schiff mit seinen vielen amerikanischen Passagieren. Unten sprinten wir einmal quer durch Deck 6, vorbei am Theater, am Casino, der Bowlingbahn und machen im Club das Foto mit dem Barmann. Daumen hoch! Wir haben immerhin fünf Aufgaben geschafft. Aber vor uns haben schon drei Teams abgegeben, die mehr Aufgaben gelöst haben. Offenbar erfahrene Kreuzfahrt-Schnitzeljäger. Kindercocktails gibt’s trotzdem, und die Kleinen sind zufrieden. „Beim nächsten Mal schaffen wir bestimmt mehr Aufgaben“, sagt der sechsjährige Sohn. Und will wohl andeuten, dass er sich gut vorstellen könnte, auch den nächsten Urlaub auf der „Epic“ zu verbringen.

Der Weg zur Kreuzfahrt

„7 Tage Westliches Mittelmeer ab Barcelona“ kosten auf der Norwegian Epic mit Premium All Inclusive ab 1059 Euro/ Person (ohne Flüge, im Oktober/November nur noch wenige Plätze frei). Im Winter ist die „Epic“ in der Karibik und kreuzt dann ab April wieder durchs Mittelmeer. Mehr unter www.ncl.com

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Lesti, Andreas
Andreas Lesti
Freier Autor im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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