Abtauchen in die Wärme

Die Untergrund-Bewegung

Von Linus Geschke
© Tobias Friedrich, F.A.S.

Jede Geschichte braucht einen Anfang. Die der Molnár-János-Höhle hat gleich zwei. Sie beginnt zum einen Mitte des 16. Jahrhunderts, als die Osmanen die Städte Pest, Buda und Óbuda für 150 Jahre in Besitz nahmen und an der Stelle des heutigen Lukács-Bads einen Hamam errichteten, in dem sie badeten, Geschäfte besiegelten, ein Netz aus Intrigen sponnen, Bündnisse schmiedeten und wieder brachen. Das warme Wasser dazu entnahmen sie einer tief ins Erdreich führenden Höhle, keine dreißig Meter entfernt.

Im Reich der Höhlentaucher

Zum zweiten Mal beginnt die Geschichte an gleicher Stelle – in der Gegenwart. Es ist eine feuchtwarme, fast schon tropisch anmutende Hitze, die den Besucher in dem langgezogenen Gang empfängt, der in das Innere des Hügels führt. Kondenswasser tropft von den Wänden, und die Neoprenschuhe der Taucher erzeugen bei jedem Schritt ein schmatzendes Geräusch auf dem Boden. Schon von weitem hört man die Stimme des Betreibers Attila Hosszú, der einer Gruppe finnischer Höhlentaucher gerade die Eigenheiten der Molnár János erklärt: die Engstellen, die interessantesten Bereiche, worauf sie besonders zu achten haben. Die Finnen haben ihre Arme vor der Brust verschränkt und hören ihm konzentriert zu, denn sie wissen: Höhlentauchen ist kein Sport für Risikofreudige, vor allem dann nicht, wenn die Taucher alt werden möchten.

Attila Hosszú kennt sich unter der Oberfläche Budaspest gut aus.
© Tobias Friedrich, F.A.S.

Ohne eine dementsprechende Ausbildung darf hier niemand mehr ins Wasser. Sicherheit wird großgeschrieben, seit sich 2011 ein tödlicher Tauchunfall ereignet hat, der dazu führte, dass die Höhle vier Jahre lang gesperrt wurde, bis die Stadt Attila Hosszú im Oktober 2015 zum allein verantwortlichen Pächter ernannte. „Früher waren hier offiziell nur Expeditions- und Forschungstauchgänge erlaubt“, erklärt der 47-Jährige. „Alles andere fand unter der Hand statt, in einer Grauzone. Nicht kontrolliert und nur schwach gesichert.“ Heute dagegen erinnert das für einen Tauchgang notwendige Prozedere eher an das einer bundesdeutschen Behörde: Ausbildungsnachweise werden kontrolliert, eine ärztliche Tauchtauglichkeitsbescheinigung muss vorgelegt werden, und die Taucher müssen über ausreichend Erfahrung verfügen. Erst, wenn Hosszú alles kontrolliert und grünes Licht gegeben hat, steht einem Abstieg in Budapests verborgene Aquawelt nichts mehr im Wege.

Licht ins Dunkel

In der Zwischenzeit haben die Finnen sich umgezogen. Sie tragen jetzt Trockentauchanzüge, und das restliche Equipment steht säuberlich aufgereiht hinter ihnen auf Metalltischen. Eine schwarzgekleidete Division, die fast schon militärisch wirkt. Doppeltanks sind in der Höhle Pflicht, dazu eine extra Pressluftflasche, die sogenannte Stage, die unter dem rechten Arm angebracht wird. Aus ihr wird später geatmet – die schweren Doppelgeräte auf dem Rücken dienen lediglich als Sicherheitsreserve. Dazu sind lichtstarke Lampen und reißfeste Seilrollen beim Höhlentauchen obligatorisch, nahezu jedes Ausrüstungsteil ist doppelt vorhanden. Anschließend wuchten sich die nun komplett ausgestatteten Skandinavier hoch, wackelig wie Pinguine, und folgen einem Gang, der über Treppen abwärts führt. An seinem Ende: Mit Stahlnetz gesicherte Felsen, eine metallene Plattform, darunter der unterirdische See, der als Einstieg dient. Bis in zehn Meter Wassertiefe beträgt die Temperatur ganzjährig rund 28 Grad, erst darunter wird es acht Grad kälter.

Nach dem Sprung ins Wasser folgt an der Oberfläche der letzte Check des Equipments, dann gibt Attila Hosszú das Zeichen zum Abtauchen. Zischend entweicht die Luft aus den Tarierjackets, die Taucher sinken, es geht abwärts. Die Lichter ihrer Lampen zucken jetzt wie Laserschwerter durch die Dunkelheit und entreißen der Unterwassertopographie immer mehr Details. Scharfkantige Felsen werfen bedrohliche Schatten; bis auf das Blubbern der ausgestoßenen Atemluft herrscht Stille. Die Taucher gleiten in eine fremde, suburbane Welt, die sich nur wenigen Menschen eröffnet. Der Boden der Molnár János ist mit Sediment bedeckt, und in manchen Augenblicken wirkt es, als würde sich daraus gleich ein Skelett erheben, sich den Dreck von den Knochen schütteln und die Eindringlinge aus der Finsternis vertreiben.

Nie den Faden verlieren!

Die von Hosszú angeführte Vierergruppe taucht an fest verlegten Sicherheitsleinen entlang immer tiefer in die Höhle hinein. An ihr sind in kurzen Abständen Pfeile angebracht, die den Weg zum Ausgang zeigen. Diese Leinen sind für Höhlentaucher wie ein Ariadnefaden, ohne den sie in diesem Labyrinth aus unterirdischen Gängen und Hallen verloren wären. Die größte Gefahr geht hier allerdings nicht von einem Minotaurus aus, sondern von den Tauchern selbst.

Coolness und Erfahrung sind ihre verlässlichsten Wegbegleiter, Angst und Panik die ärgsten Feinde. Ein schnelles Auftauchen ist von hier an nicht mehr möglich: über den Köpfen nichts als Fels.

Es herrscht Leinenzwang

Dass Budapest die einzige Großstadt der Welt ist, die einen derart aufregenden und warmen Höhlentauchplatz zu bieten hat, ist einem Zufall der Natur zu verdanken. Innerhalb der Stadtgrenzen gibt es 123 natürliche Quellen, die tief in der Erde entstehen. Unter einer gut tausend Meter dicken Gesteinsschicht, dem sogenannten Karpatenbecken, liegt ein riesiger See, der durch die Nähe zum Erdkern aufgeheizt wird. Und weil dieses Karpatenbecken genau unter dem Stadtzentrum einen Riss aufweist, wird das Wasser dort an die Oberfläche gedrängt, wo es mit Temperaturen zwischen 21 und 76 Grad ankommt. Bislang hat Attila Hosszú vier Zuflüsse in der Molnár-János-Höhle lokalisieren können, ist aber davon überzeugt, dass es noch deutlich mehr geben muss. „Wenn wir ausreichend Zeit haben, werden wir diese Ströme sicher noch eingehender erkunden“, wird er nach dem Tauchgang sagen, um dann pragmatisch fortzufahren: „Aber mit Forschung verdiene ich kein Geld; mit dem Anbringen von Sicherheitsleinen dagegen schon. Also ist dies erst mal wichtiger.“

Hier liegt der Einstieg zum Unterwasserparadies.
© Tobias Friedrich, F.A.S.

Bisher hat Hosszú insgesamt sieben Kilometer Leine verlegt. Stellenweise gleicht es einem Knäuel aus Fäden, die miteinander verwoben sind, sich übereinanderschlängeln, ab und zu berühren und dann wieder auseinanderdriften, ähnlich einem Spinnennetz. In den Gängen kann man jede Orientierung verlieren, kennt dann die Richtung nicht mehr, verirrt sich in Sackgassen. Die Leinen sind ein verführerisches Angebot aus unzähligen Möglichkeiten, und das Einzige, was Ordnung schafft, sind die Pfeile – und Attila Hosszú. Bis in hundert Meter Tiefe führen diese Leinen, und man würde mehrere Wochen brauchen, um das gesamte Höhlensystem zu erkunden. „Es gibt auch immer noch Bereiche, in denen bislang noch kein Taucher war“, sagt Zoltan Bauer, der als Tauchführer für Hosszú arbeitet. „Bis wir der Molnár János ihre letzten Geheimnisse entrissen haben, wird es also sicher noch eine Zeitlang dauern.“ Bauers bislang spektakulärster Fund: Ein fossiler Haizahn, eingeschlossen in einen Felsen, der zu prähistorischen Zeiten dort gelandet sein muss, als das heutige Ungarn noch vom Meer bedeckt war.

Bloß keinen Staub aufwirbeln!

All dies interessiert die Gruppe Finnen während ihres Tauchgangs wahrscheinlich nicht. Ihr Interesse ist jetzt ausschließlich auf das momentane Tun konzentriert, oder gerade das des Unterwasserfotografen, der sie begleitet. Schon für sich genommen ist das Tauchen in Höhlen kniffliger und anspruchsvoller als irgendwo sonst. Mit einer zwanzig Kilogramm schweren Unterwasserkamera, behangen mit Lampen und doppelten Presslufttanks auf dem Rücken, wird es zum Knochenjob in völliger Dunkelheit. Besonders dann, wenn mal wieder eine Engstelle zu passieren ist. Dabei müssen die Taucher noch mehr auf ihre Tarierung achten: Jede Berührung mit dem Boden oder den mit einer torfartigen Schicht bedeckten Felswänden wirbelt Sediment auf und lässt die Sichtweite trotz Lampen in Sekundenschnelle auf wenige Meter schrumpfen.

Langsam dringt Hosszú weiter vor, mit ruhigen gleichmäßigen Bewegungen seiner Flossen. Vorbei an steil abfallenden Felswänden, auf denen sich Kristalle abgesetzt haben, die funkelnd das Licht der Lampen brechen. Ansonsten ist es ein Ausflug in die Dunkelheit und in eine Welt, die unerforschter erscheint als die Oberfläche des Mondes. Jeder Tauchgang mit Gästen dauert zwischen fünfzig und siebzig Minuten, dann ist der Einstiegssee wieder erreicht, es geht aufwärts, hin zum Licht. Und als die Köpfe der Taucher die Oberfläche durchstoßen, kommt es manchem so vor, als werde er in dieser Sekunde neu geboren. Die Finnen nehmen ihre Atemregler aus dem Mund, sagen nichts, wirken fast andächtig. Nur Attila Hosszú grinst. Unter Höhlentauchern kann Coolness auch zum Geschäftsmodell werden.

Quelle: F.A.S.
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