Route 66

Ein Königreich für einen Mustang

Von Freddy Langer
 - 11:32
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Ganz plötzlich war es da. Dieses Bild im Rückspiegel. Ein Geblinke und Geflirre in den Farben Weiß, Blau und Rot. In irrsinnigem Tempo kam es näher und füllte schon nach Sekunden den gesamten Spiegel aus. Die Farben der amerikanischen Nationalflagge, ging es mir für einen Moment durch den Kopf, und fast hätte ich geschmunzelt angesichts von so viel Patriotismus, aber dafür blieb mir keine Zeit. Denn im nächsten Augenblick wusste ich natürlich, dass es sich nicht um ein Feuerwerk aus welchem Anlass auch immer handelte, sondern um Lichter, die sich auf dem Dach eines Polizeiwagens im Kreis drehten. Meine gute „Jetzt-geb-ich’s-Texas-Laune“ war dahin. Stattdessen ratterten Kinoszenen durch mein Hirn. Bilder von nervösen Fahrern in irgendwelchen Rostkarren. Monologzeilen leiser Flüche. Und das Bild zweier Hände auf dem Lenkrad. Jetzt bloß keinen Fehler machen, dachte ich, und rollte auf den nächsten Parkplatz, der auffällig nahe lag. Ich schaltete den Motor ab, öffnete das Fahrerfenster, umklammerte das Steuerrad - und wartete.

Freier Fall

Ein roter Camaro sei nicht gut, hatte mir unterwegs jemand gesagt, schon gar nicht als Cabriolet. Auf diese Wagen mache die Polizei regelrecht Jagd. Ich glaube, es war die Indianerin an der Kasse der letzten Tankstelle in Oklahoma gewesen, aber ich hatte nur gelacht. Es sind nicht die Autos, die herausgefischt werden, hatte ich geantwortet, es sind die Fahrer, nach denen geschaut wird, genauer gesagt, nach Fahrern, die Verkehrsregeln überschreiten. Und genauso war es jetzt bei mir. Es war Nacht, irgendwo in der Einsamkeit des platten Landes, und statt der Topographie war links und rechts der Straße nur Schwarz zu sehen, so dicht wie ein schwerer Wollvorhang. Deshalb war die wie aus dem Nichts kommende Explosion der Lichter im Rückspiegel eine so große Überraschung gewesen. Und deshalb hatte der Polizist auch nie und nimmer sehen können, dass ich ein rotes Auto fuhr.

Es ist schwer, in einem Wagen das Tempo zu halten, der mit mehr als vierhundert PS in weniger als fünf Sekunden eine Geschwindigkeit erreicht, die in ganz Amerika auf keiner Straße erlaubt ist, und dessen Cruise Control nicht funktioniert. Sollte ich das zu meiner Verteidigung vorbringen? Oder die Schuld auf Tom Petty schieben, dessen Album „Full Moon Fever“ im CD-Spieler lag? Oder vielleicht noch besser schnell das Radio einschalten? Man tut gut daran, eigene Musik mit nach Texas zu nehmen, wenn man sich unterwegs nicht missionieren lassen will. Im Bible Belt, diesem tiefreligiösen Streifen quer durch den Mittleren Westen, in dem sämtliche Radiostationen von Kirchen besetzt sind, wird vierundzwanzig Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche auf ausnahmslos allen Kanälen gepredigt und gebetet. Abwechslung gibt es nur, wenn sich Anruferinnen vom Moderator segnen lassen, bevor sie gemeinsam mit ihm ihren Mann zur Hölle jagen, weil er mit der Nachbarin durchgebrannt ist. Vielleicht würde es nicht schaden, jetzt ein bisschen Kirche aufzudrehen? Aber woher sollte ich wissen, womit ich bei dem Texas State Trooper den besten Eindruck machte?

Erzähl Du es mir

Da tastete sich auch schon der Strahl einer Taschenlampe durchs Beifahrerfenster. Ich ließ die Scheibe herunter. „Good evening, Sir“, sagte er. „Good evening, Officer“, antwortete ich mit dem auffälligsten Akzent, der sich in drei Wörtern unterbringen lässt. Die breite Krempe seines Huts verbarg sein Gesicht. Meines lag im Zentrum des Lichtkegels. „Sie kommen aus Deutschland?“, fragte er. Dann stieg ich aus, und wir plauderten. Nein, er sei noch nie in Deutschland gewesen. Ja, natürlich habe er von den Autobahnen gehört. Und was, fragte er, finden Deutsche eigentlich an der Route 66 so toll, man fahre doch nur an Ruinen vorüber. Das tue man am Rhein auch, sagte ich, und trotzdem träume jeder Amerikaner von dieser Flussfahrt. Ich war ganz stolz auf den Vergleich, der mir spontan eingefallen war. Und war auch schon kurz davor, einen kleinen Vortrag zu entwickeln über dieses ausgesprochen sentimentalische Motiv, mit dem sich die Vergeblichkeit aller menschlichen Leistungen so trefflich illustrieren lässt. Beschloss aber schnell, mir diesen Exkurs für eine andere Gelegenheit aufzuheben. Stattdessen fragte ich ihn, wo er so seine Urlaube verbringe. Und er fragte, weshalb ich allein unterwegs sei und ob ich keine Familie habe. Er ließ mich in seinen Wagen schauen, der ausgerüstet war wie die Kommandozentrale eines Raumschiffs, mit einer Tastatur über dem Beifahrersitz, einem Bildschirm darüber und fest installierten Radarpistolen an den Fenstern vorne und hinten. Und so redeten wir und redeten in dieser lauen, mondlosen Nacht wie alte Bekannte, die sich aus den Augen verloren hatten und sich nun auf einem Parkplatz im texanischen Nirgendwo zufällig wiederbegegnet sind.

Die Liebe ist eine lange Straße

„Sie waren zu schnell“, sagte irgendwann der Officer. Ohne Vorwarnung. Genauso plötzlich, wie seine Lichter in meinem Rückspiegel aufgetaucht waren. „Ich muss Sie verwarnen.“ Aber dann fiel ihm ein Weg ein, wie er mir eine Geldstrafe und andere Unannehmlichkeiten ersparen könnte: Nachdrücklich machte er mich mit den Verkehrsregeln des Staates Texas vertraut und nahm mir das Versprechen ab, dass ich mich künftig daran hielte. Das gab ich gern und bestätigte es ihm auf einem Formular auch schriftlich. Wir nahmen Abschied, und ich fragte mich einen Moment lang, ob wir nicht Adressen austauschen sollten. Verwarf den Gedanken aber gleich wieder. Langsam rollte ich vom Parkplatz auf die Straße. Ich schaltete Tom Petty wieder an, nun etwas leiser, und widerstand diesmal dem Sog seines Lieds „Runnin’ Down a Dream“, das die Fahrt auf einem amerikanischen Highway wie kein zweites in Musik überträgt.



Das Echo der zugeschlagenen Autotür, so muss man sich das Stück vorstellen, ist noch nicht verhallt, da wird das Gaspedal schon bis zum Bodenblech durchgetreten. Brachial geht es los mit einer ostinaten Basskadenz, die vier Minuten lang auf einen bis zur Stumpfsinnigkeit durchgeschlagenen Takt wiederholt wird. Monotoner geht es nicht. Doch dieser Riff! Und darüber Tom Pettys Sprechgesang: „It was a beautiful day, the sun beat down. I had the radio on, I was drivin’.“

Einen Traum hinunter fahren

Vielleicht sind die Rockmusikstücke, die vom Unterwegssein erzählen, von schnellen Autos und Motorrädern, von den end-losen Highways und den Polizisten, die an ihnen patrouillieren, die amerikanische Antwort auf das deutsche Wanderlied.

Ohne Zahl sind die Songs, in denen die Straße unter den Wagen hindurchrauscht. „I rolled on, the sky grew dark. I put the pedal down to make some time“, heißt es da. Oder: „ There’s something good waitin’ down this road.“ Ein endlos graues Band, ein unterbrochener gelber Streifen und alle paar Meter die Naht der gegossenen Betonplatten. Ta-tamm, ta-tamm, ta-tamm. Fast als würde der Rock seinen Rhythmus dem Geräusch des Fahrens verdanken. Ta-tamm, ta-tamm, ta-tamm ist auch der Takt, in dem die Hufen eines galoppierenden Pferdes aufschlagen. Was nicht der einzige Grund ist, weshalb die Reise auf der Route 66 in einem Ford Mustang noch mehr Spaß macht als im Camaro, der mit seiner schlanken Form, dem finsteren Blick seiner Scheinwerfer und der Flosse auf dem Kofferraumdeckel eher an einen Hai erinnert. Der Mustang dagegen stemmt die Kotflügel zur Seite aus wie ein hochgezüchtetes Rennpferd die Hinterläufe. „Black Beauty“ hatte ich einmal einen Mietwagen genannt. „Mein feuerrotes Spielmobil“ einen anderen. „Across painted hills that, no rich man can claim, run the wild mustangs that nothing could tame“, singt Tom Petty in dem Stück „First Flash of Freedom“ und meint damit vermutlich tatsächlich Wildpferde, aber die CD-Hülle ziert das unscharfe Bild des Hecks eines davonjagenden Pony Cars, wie die amerikanischen Sportwagen in der Nachfolge des ersten Ford Mustang von 1964 heißen. Es gibt Stücke von Tom Petty, die führen direkt in den Sonnenuntergang oder noch weiter, auf dem Highway tief in die Nacht, und in einem erzählt er davon, wie er einen Polizeiwagen entdeckt und nervös zum Himmel betet: „Don’t pull me over, Mister Policeman.“ Es gibt Rockmusik, die ist wie eigens für die Route 66 geschrieben.

Das Aufblitzen der Freiheit

Fahren auf amerikanischen Landstraßen hat etwas Verführerisches. Auf der Route 66 beginnt es gleich hinter Chicago als ein sanftes Rollen, hügelauf, hügelab, durch Wälder und an Weiden vorbei. Wie schwerelos gleitet man durchs Land und begreift die Kurven als eine Einladung zum Tanz. Das hat etwas Befreiendes, fast Munteres. Etliche Tage später hingegen, oder Wochen, je nachdem, wie viel Zeit man sich gönnt, im Westen, wenn die Straße in schnurgerader Linie, wie mit einem Skalpell in die Landschaft geschnitten, bis zum Horizont führt, verliert man mitunter die Gewissheit, dass man sich überhaupt bewegt. Rundherum bleibt alles gleich, steht alles still, selbst die Zeit. Da entfaltet das Fahren eine hypnotische Wirkung. Manchmal dauert es eine Stunde, ehe ein Bild sich verändert, Raum macht für einen neuen Ausblick auf diese Harmonie des Wenigen. Dann bildet man sich ein, man selbst stünde still, und die Fahrbahn würde unter dem Auto hindurchgezogen wie ein Band. In solchen Momenten tut es gut, den Wind im Gesicht zu spüren. Ein herrliches Gefühl: Man hält das Steuerrad in der Hand und muss dennoch nichts entscheiden. Den Wirrwarr des Lebens zu beherrschen, indem man ihn einfach hinter sich lässt, auch darum geht es bei einer Reise auf der Route 66.

Auch Bruce Springsteen ist in seinen Liedern mit dem Auto unterwegs. Und auch er bittet den Himmel um Beistand, damit ihn der State Trooper in einer verregneten Nacht nicht anhält. Weil er keinen Führerschein besitzt. Weil der Wagen nicht angemeldet ist. Im Radio läuft währenddessen nur „Talk, talk, talk“, bis er die Geduld verliert. Es ist ein düsteres Lied, auf einem düsteren Album, nur von der akustischen Gitarre begleitet, der Gesang ein einziges Klagen. In einem anderen Stück schaltet er kurzerhand einen Gang herunter und gibt Vollgas, als hinter ihm ein Streifenpolizist den „Schalter für seine Partylampen“ drückt. Und einmal macht er sich auf den Weg nach Texas. Zur Cadillac Ranch. James Dean kommt mit, in seinem neunundvierziger Mercury. Junior Johnson, der Rennfahrer aus Carolina, ist dabei. Und Burt Reynolds reiht sich im schwarzen Pontiac Trans Am ein. Lauter Anspielungen auf Filme, aber bei Springsteen trifft man sich nicht zur ausgelassenen Fete. Der Cadillac wird ihm zum Leichenwagen, die Cadillac Ranch zum Friedhof. Das ist so typisch für ihn und seine ewigen Grübeleien. Denkt man. Und dass er nie dort gewesen sein kann. Denn fröhlicher als an der Cadillac Ranch geht es in Texas kaum irgendwo zu. Aber das ist eine andere Geschichte.

Route 66

Der vorliegende Text ist dem Band „Route 66 - Reisen auf der berühmtesten Straße Amerikas“ von Freddy Langer entnommen. Das Buch erscheint dieser Tage im Knesebeck Verlag (224 Seiten, 250 Farbfotos, gebunden, 34,95 Euro).

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Langer, Freddy (F.L./La.)
Freddy Langer
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.
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