Schloss Ludwigslust

Kein Mensch hat Thomas Mann gesehen

Von Andreas Schlüter
© dpa, F.A.Z.

So, aber erst einmal machen wir es Ihnen ein bisschen gemütlich“, sagt die Kellnerin im Restaurant des Hotels de Weimar im mecklenburgischen Ludwigslust und tut dann mit entwaffnender Selbstverständlichkeit etwas wirklich Verblüffendes. Sie greift in das Dekolleté ihres Dirndls, holt eine Streichholzschachtel aus den Tiefen der weiß gerüschten Bluse hervor, schüttelt die Schachtel prüfend, lächelt und zündet die Kerze auf dem Tisch an, wobei sie das aufflackernde Licht noch einen Augenblick mit der Innenfläche ihrer Hand vor einem möglichen Luftzug schützt. „Und dann bringe ich Ihnen gleich die Karte.“ Am Tisch bleibt entzückte Sprachlosigkeit zurück.

Es war nicht der erste Moment der Verzauberung auf dieser Reise nach Mecklenburg-Vorpommern. Wer in Ludwigslust ankommt, am Alexandrinenplatz rechts in die Schlossstraße einbiegt und dann an den in holländischer Adrettheit aufgereihten Backsteinhäusern vorbeifährt – auch das Hotel de Weimar liegt hier –, den erwartet am Ende dieser als Sichtachse angelegten Straße das Schloss: das Versailles des Nordens! Doch da ist erst einmal – nichts. Dann macht die Straße einen leichten Schwung, geht über eine Brücke hinweg, und plötzlich steht dort zur Rechten, wie für ebendiesen Moment dorthingezaubert, die Residenz der mecklenburgischen Großherzöge. Voilà, ein Schloss! Samt kopfsteingepflastertem Platz, Prinzenpalais, Rondell, Kanal, Alter Wache, Brücken und einer klassizistischen Hofkirche in direkter Blickachse zur Schlossfassade.

Welch ein Coup spätbarocker Stadtplanung! Als wäre man direkt in eine andere Welt hineingefahren. In ein märchenhaftes Bühnenbild altdeutscher Romantik. Oder in die Kulissen einer Neuverfilmung von Thomas Manns Roman „Königliche Hoheit“. Das fiktive Residenzstädtchen des 1909 erschienenen Romans ähnelt auf fast schon unheimliche Weise dem realen Ludwigslust. Thomas Mann hier in Mecklenburg-Vorpommern? Lübeck ist nicht weit. Eine erste Antwort auf die Frage findet sich wieder im Hotel de Weimar.

Doktor Hempelmann lässt sich entschuldigen

Das Abendessen ist köstlich. Die Frage ob Thomas Mann je hier war, um nach den Buddenbrooks für seinen zweiten Roman zu recherchieren, schwebt als Thema über dem Dessert. „Darüber rätseln wir hier seit Jahren“, sagt die charmante Kellnerin. „Sie müssen unbedingt mit Doktor Hempelmann sprechen. Der leitet unseren Literaturkreis in der Volkshochschule. Wunderbares Buch. Soll ich das Essen auf Ihr Zimmer setzen?“

Herrn Doktor Hempelmann treffen wir gleich am folgenden Tag im Goldenen Saal des Ludwigsluster Schlosses. Er trägt hohe Lederstiefel, ein etwas phantastisch anmutendes Kostüm des achtzehnten Jahrhunderts und auf dem Kopf eine weiße Perücke. „Thomas Mann in Ludwigslust? Nein, dafür gibt es keine Hinweise. Bedauerlicherweise. Ich habe mich ausführlich mit der Frage beschäftigt. Aber jetzt habe ich gleich meine nächste Führung. Sie müssen mich entschuldigen.“ Doktor Hempelmann, Vorsitzender des Fördervereins Schloss Ludwigslust e.V. und umringt von einer Schar erwartungsvoll zu ihm aufschauender Gäste, verschwindet im Gewimmel des von Besuchern übervollen Goldenen Saales.

Der Goldene Saal in Ludwigslust: Nach fünf Jahren Restaurierung wurde er im vergangenen Jahr wiedereröffnet.
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Das alles geschah vor gut einem Jahr während der festlichen Wiedereröffnung der frisch restaurierten Prunkräume des Ostflügels. Ein in die Zukunft weisendes Ereignis für Ludwigslust wie für die gesamte Museumslandschaft Mecklenburg-Vorpommerns. Zwölf Millionen Euro hat die Restaurierung und Rekonstruktion der historischen Räume bislang gekostet; ein Großteil davon stammt aus Mitteln der Europäischen Union. Insgesamt vierzig Millionen sind für die Instandsetzung der gesamten Anlage, einschließlich des Parks, veranschlagt. Im Frühsommer des vergangenen Jahres haben die Arbeiten im Westflügel begonnen. Spätestens 2023 soll Ludwigslust wieder in einem Glanz erstrahlen, der seiner architektur- und kulturhistorischen Bedeutung gerecht wird. Gute Nachrichten, über die von der damals anwesenden Politprominenz in langen Reden ausführlich referiert wurde. Im Falle des Ludwigsluster Schlosses jedoch – in vielfacher Hinsicht ein Unikum der Architekturgeschichte – ist das auch fast etwas bedauerlich.

Im Entree lehnten beinamputierte Konsoltische

Die Rekonstruktion eines vermeintlichen historischen Originalzustands bleibt, selbst vor dem Hintergrund fundierter wissenschaftlicher Forschung, immer auch Hypothese. Und oft geht bei der Wiederherstellung von Verlorengegangenem eben das zugrunde, was die Zeitläufte an Spuren hinterlassen haben. Vor ein paar Jahren noch war Schloss Ludwigslust ein Staunen machendes Denkmal deutsch-deutscher Nachkriegsgeschichte. Wie in einer Zeitkapsel konservierte dieser Riesenkasten mit seinen ramponierten Zimmerfluchten die Spuren des zwanzigsten Jahrhunderts. Wer das Glück hatte, damals in den Büroräumen des Schlossverwalters Jörg-Peter Krohn zu sitzen, befand sich inmitten eines halb märchenhaften, halb surrealen Ambientes. Vierzig Jahre lang arbeitete hier in ehemaligen großherzoglichen Wohnräumen der sozialistische Rat der Stadt Ludwigslust. Übrig geblieben waren bis lang nach der Wende Büromöbel aus volkseigener Produktion vor orangebraunen Tapeten, verstaubte Aktenstapel und vergilbte Kalender. Reale DDR-Melancholie in ruinierten Räumen des Spätbarocks. Dazu knisternde Stromleitungen, irgendwann mit kühner Ignoranz über Stuckleisten, Supraporten und verschlissene seidene Wandbespannungen hinweggenagelt.

Kein Stuck, nur Pappe: Die Ausstellungsräume mit der Sammlung höfischer Kunst und Wohnkultur.
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Der Blick aus den Fenstern ging hinaus auf das ehemalige Gartenparterre, damals mehr ein Acker, in Grund und Boden gestampft nach jahrzehntelanger Nutzung als FDJ-Fußballplatz. Im Goldenen Saal roch es nach Braunkohle. Und unten im Entree lehnten beinamputierte Konsoltische wie kriegsversehrte Soldaten an den Wänden. Das war sicher nicht schön, dafür aber auf bewegende Weise authentisch. Dieses verwohnte und abgewirtschaftete Schloss erzählte so fesselnd und unvermittelt von deutscher Geschichte, wie es eine zukünftige, frisch blattvergoldete museale Präsentation kaum noch wird vermitteln können.

Trotzige Selbstvergewisserung herrschaftlicher Größe

Das Ludwigsluster Schloss samt Park, Kirche und Modellstadt ist eine der letzten spätabsolutistischen Fürstenresidenzen Europas. Von 1731 an ließ Herzog Christian Ludwig von Mecklenburg-Schwerin ein Jagdschlösschen am Rande des kleinen Dorfes Klenow errichten. Sein Vater, Friedrich der Fromme, verwandelte die eher bescheidende Anlage inmitten der herbschönen Landschaft von 1765 an zu seiner – neben Schwerin – zweiten fürstlichen Residenz. Zuerst entstand die Kirche mit ihrer Tempelfassade, von 1772 an in vierjähriger Bauzeit das heutige Schloss.

Die innenpolitische Situation im Mecklenburg des achtzehnten Jahrhunderts war kompliziert. Nach jahrelangen Thronfolgestreitereien entstand 1701 das neue Herzogtum Mecklenburg-Strelitz. Im Jahr 1755 verloren die mecklenburgischen Herzöge im Landesgrundgesetzlichen Erbvergleich an innenpolitischer Macht und mussten fortan die Mitregierung der Stände akzeptieren. So entstand Ludwiglust auch als trotzige Selbstvergewisserung herrschaftlicher Größe. Mit diesem Schloss konnte Friedrich der Fromme seinen absolutistischen Machtanspruch zumindest architektonisch demonstrieren.

Blick an die Decke des Goldenen Saals mit Kronleuchter in der Mitte.
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Mecklenburg-Vorpommern ist das Land der Schlösser und Gutshäuser. Zweitausendneunhundertundvier Gutshäuser, Gutsanlagen und Schlösser hat die Bauingenieurin und Kunsthistorikerin Renate de Veer in ihrem fünfbändigen Werk „Steinernes Gedächtnis“ inventarisiert und beschrieben. Rund ein Viertel davon ist nicht mehr vorhanden – entweder Kriegsverlust oder späterer Abriss –, der Rest befindet sich größtenteils in einem besorgniserregenden Zustand. Eine solche Dichte herrschaftlicher Residenzen ist einzigartig in Europa und vielleicht nur vergleichbar mit den berühmten Palladio-Villen auf dem venezianischen Festland. Schloss Ludwigslust ist als ehemaliger Wohnsitz des regierenden Hauses von Mecklenburg-Schwerin das bedeutendste unter ihnen.

Die Venus können Sie unter den Arm klemmen

Majestätisch dominiert es eine Landschaft, die früher „griese Gegend“ genannt wurde. Viel Sand, wenig Wasser, ein weiter norddeutscher Himmel und in der Umgebung ein ehemals reicher Mischwald. Kann ein solches Schloss trotzdem auch komisch sein? Eigentlich nicht. Schlösser sollen beeindrucken und nicht amüsieren. Aber beim genaueren Hinsehen umweht das gesamte Ludwigsluster Ensemble etwas heiter Operettenhaftes.

„Drei Kilo. Höchstens! Können sie so unter den Arm klemmen“, erklärte vor ein paar Jahren ein Museumsaufseher im Westflügel dem verdutzten Besucher die Besonderheiten der hier ausgestellten Mediceischen Venus. Ein Großteil der Innendekoration und beweglichen Raumaustattung des Ludwigsluster Schlosses besteht aus Papiermaché. Im Goldenen Saal sind nur Mauerwerk und Säulen massiv. Zierleisten, Rocaillen, Kartuschen, Prunkvasen und selbst die Wandleuchter sind federleicht. Auch in der Schlosskirche besteht die dekorative Innenausstattung zu einem großen Teil aus diesem besonderen Material, das heute nahezu vergessen ist, bis ins frühe neunzehnte Jahrhundert hinein allerdings als preiswerte Alternative zu Schnitzwerk und gipsernen Stukkaturen europweit en vogue war.

Schon vor zehn Jahren wurden die Bürgerhäuser Am Bassin renoviert.
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Der mecklenburgische Hofbedienstete Johann Georg Bachmann gilt als Erfinder des Ludwigsluster Cartons. Einer geheimnisvollen Mixtur aus Papier, Leim, Wasser und Harzen, die dank einer besonderen Firnis sogar wetterbeständig war. Bewundert wurden vor allem die Büsten römischer Kaiser, die jahrzehntelang im Schlosspark unter offenem Himmel den Witterungen trotzten.

Römische Kaiser aus Aktenschnipseln

Die herzogliche Kartonfabrik befand sich im heutigen Ludwigsluster Rathaus in der Schloßstraße. Für einige Jahrzehnte florierte das Unternehmen und belieferte neben dem herzoglichen Haus zahlreiche Kunden mit einem ganzen Katalog mobiler Dekorationselemente oder Kopien antiker Skulpturen. Das Material für die Produktion kam auf Anordnung Friedrichs des Frommen direkt aus mecklenburgischen Amtsstuben.

Noch heute kann man im Inneren mancher Büste handbeschriebene Aktenschnipsel des achtzehnten Jahrhunderts identifizieren. Dass ein Großteil der Innendekorationen des Ludwigsluster Schlosses aus vergoldetem oder bemaltem Altpapier besteht, mindert nicht die Qualität der noblen Ausstattung; gleichwohl ist es amüsant. Und komisch ist dann auch ein Spaziergang an der Kaskade vorbei in Richtung Hofkirche.

Blick in den Schlosspark: Die umliegenden Wälder waren einst herzogliches Jagdrevier.
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An der Planung des gesamten Ensembles waren maßgeblich drei Architekten beteiligt: der Franzose Jean Laurent Legeay, der spätere Hofbaumeister Johann Joachim Busch und Herzog Friedrich der Fromme persönlich. Der Herzog von Mecklenburg-Schwerin muss ein stolzer Bauherr und begeisterter Hobby-Architekt gewesen sein. Mehrfach ließ er sich vom Hofmaler Matthieu mit Aufrissen der Ludwigsluster Bauten in der Hand porträtieren. Einer der ersten Entwürfe Buschs sah vor, die Hofkirche in Form einer Pyramide zu bauen. Dieser Anblick wäre unter den schwer dahinziehenden mecklenburgischen Wolken wohl noch phantastischer gewesen, als es die dann errichtete dorische Portikusfassade bis heute ist. Wie eine potemkinsche Kulisse verbirgt die breit daliegende Fassade die tatsächliche Größe der eher bescheiden proportionierten Kirche.

Ein etwas soubrettenhafter Charme

Das Attrappenhafte von Ludwigslust mit seinen Papiermaché-Dekorationen, überdimensionierten Fassaden oder dem kostbaren Sandstein aus Pirna, der Massivität vortäuscht, doch den Ziegelbau des Schlosses nur ummantelt, verleiht dieser ehemaligen Residenz- und Garnisionsstadt einen manchmal etwas soubrettenhaften Charme. So, als könnte ab und zu auch Bühnenluft durch die Wipfel der Lindenalleen wehen.

Einzigartig sind die von Georg David Matthieu auf Holztafeln gemalten Ganzkörperporträts herzoglicher Familienmitglieder, die, frei im Raum aufgestellt, Teil einer Theaterkulisse sein könnten. Die durch jahrzehntelangen sozialistischen Dornröschenschlaf zwar recht derangierte, im Großen und Ganzen jedoch wunderbar erhaltene Gesamtanlage, spiegelt das Selbstverständnis eines regierenden Herrscherhauses des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts wider.

Blickachsen und seltene Bäume: Der Schlosspark wurde zu DDR-Zeiten vernachlässigt.
© dpa, F.A.Z.

Schloss Ludwigslust wurde von der herzoglichen – nach dem Wiener Kongress von 1815 großherzoglichen Familie – kontinuierlich genutzt. In den Jahren zwischen 1764 und 1837 war Ludwigslust offizielle Residenz des mecklenburgischen Hofes, wobei die administrative Verwaltung des Herzogtums in Schwerin verblieb. Der letzte regierende Großherzog, Friedrich Franz IV., dankte am 14. November 1918 ab und ging mit seiner Familie ins dänische Exil.

Mit der Silberkanne zum Antiquitätenhändler

Damit begann die turbulenteste Periode in der Geschichte Ludwigslusts. Es waren mühevolle Verhandlungen zwischen dem jungen Freistaat Mecklenburg und dem ehemaligen Herrscherhaus, bis es zu einer finanziellen Einigung kam. Am Ende erhielt Friedrich Franz IV. neben Grundbesitz, Mobiliar und Kunstwerken aus den verschiedenen herzoglichen Wohnsitzen auch Schloss Ludwigslust. Ende des Jahres 1920 bezog die Familie den Ostflügel und den Mitteltrakt des Hauses; im Westflügel wurde ein Museum eingerichtet. Um den Unterhalt des noch immer fürstlichen Lebensstils zu bestreiten –- in der Korrespondenz zwischen Friedrich Franz IV. und seinem ehemaligen Oberhofmarschall Cuno von Rantzau geht es vor allem um die bedrängende finanzielle Situation der Familie –, sollten vor allem Kunstwerke aus großherzoglichem Privatbesitz veräußert werden.

Es ist, auch das könnte aus Thomas Manns Königliche Hoheit stammen, eine erheiternde Vorstellung, dass Friedrich Franz IV. höchstselbst mit einer Lüneburger Silberkanne im Arm bei Berliner Antiquitätenhändlern vorstellig geworden sein soll. Das schrieb zumindest im Herbst 1933 besorgt der Schweriner Museumsdirektor Walter Josephi an das Landesamt für Denkmalpflege. Ewiges Objekt wechselnder Verkaufsverhandlungen war in diesen Jahren der vermeintliche Gainsborough, ein Portrait Sophie Charlottes zu Mecklenburg-Strelitz, der späteren Königin von England und kostbarstes Bild der herzoglichen Sammlungen. Ausgerechnet dieses Gemälde soll im Winter 1945/46 zum provisorischen Dach eines Hühnerstalls geworden sein.

Leben im Schlosspark: Eine Brücke über den künstlichen Wasserlauf an der Alten Wache.
© Picture-Alliance, F.A.Z.

Das während des Zweiten Weltkriegs unzerstört gebliebene Schloss Ludwigslust erlebte nach dem 1. Juli 1945 und dem Einmarsch sowjetischer Truppen dramatische Momente. Die Bibliothek und Teile des Mobiliars wurden verheizt, und die herzoglichen Apartments füllten sich mit Flüchtlingen. Christian Ludwig Herzog zu Mecklenburg wollte, so schreibt er in seinen Lebenserinnerungen, das väterliche Schloss nicht unbeaufsichtigt lassen und „die Entwicklung abwarten“. Eine Entscheidung, die er mit einer achteinhalbjährigen Kriegsgefangenschaft bezahlte.

Der mecklenburgische Adel saß in erster Reihe

Das alles ist Geschichte. Im Ludwigsluster Schloss wird weiter poliert und restauriert. Verlorengegangene Pappmaché-Verzierungen werden ergänzt, und sogar die durch Umbauten lang verlorengegangene Gemäldegalerie ist wiederhergestellt. Spätestens in sechs Jahren soll Ludwigslust so perfekt aussehen, wie es der Bauherr Friedrich der Fromme wohl selbst nie für möglich gehalten hätte. Ähnlich komplex wie in den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts und begleitet von allerlei Polemik verliefen die Verhandlungen des Landes Mecklenburg mit dem Herzoglichen Haus um die Restitution von Kunstwerken und Mobiliar. Was jetzt als Sammlung Christian Ludwig zu Mecklenburg in Ludwigslust zu sehen ist, wurde vom Land angekauft. Hundertundsechs Stücke wiederum wurden von Donata Herzogin zu Mecklenburg von Solodkoff im internationalen Kunsthandel verauktioniert.

Wir wären nicht in Ludwigslust, hätte es nicht inmitten dieser sensiblen Annäherungen auch etwas Theaterdonner gegeben: den Ludwigsluster Dachbodenfund. Ein schillerndes Konvolut aus Trödel und Antiquitäten, jahrzehntelang vergessen und peu à peu wieder aufgetaucht, das inmitten der Interessenlagen für neue Begehrlichkeiten sorgte. Aber mit der Eröffnung des Ostflügels war all das vergessen. Der mecklenburgische Adel saß in der ersten Reihe und lauschte einem Konzert des Countertenors Karsten Henschel. Ein Bach-Rezitativ perlte durch den Goldenen Saal, die Treppenhäuser, die frisch restaurierten Apartments und die Gemäldegalerie. Dazu trommelte zart ein norddeutscher Regen an die Fensterscheiben. Thomas Mann nannte seinen Roman Königliche Hoheit ein „Lustspiel in Romanform“. Es ist ein doppeltes Vergnügen, dieses Buch während eines Aufenthalts in Ludwigslust zu lesen. Vielleicht in einem Zimmer des Hotels de Weimar, wenn an lauen Sommerabenden bis tief in die Nacht hinein die Kaskade rauscht.

Quelle: F.A.Z.
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