Zeit zu Fasten

Hinterm Horizont wird’s leichter

Von Arezu Weitholz
 - 15:56

Ich bin eine nasse, heiße Wurst. Meine Arme kleben am Körper, die Beine stecken fest. Draußen ist es dunkel, ich schaue an die Decke, wie spät es wohl ist?

Vor einer halben Ewigkeit wurde ich in ein nasses, kaltes Leintuch gewickelt, umhüllt von Decken, Wärmekissen und Handtüchern. In der Hand halte ich einen „Panic-Button“. Mein Wickel erzeugt ein „künstliches Heilfieber“, und es heißt, die Entgiftungstätigkeit der Leber sei in den frühen Morgenstunden am intensivsten, zudem scheide das Bindegewebe Schadstoffe aus.

Wickel und Weißwein

Der Schrothwickel ist eine der vier Säulen der Schrothkur, die vor etwa 190 Jahren vom schlesischen Fuhrmann Johann Schroth entwickelt wurde. Die anderen drei sind: Bewegung, eine basische Diät und der Wechsel zwischen Tagen, an denen es kaum etwas zu trinken gibt, und Tagen, an denen man viel trinken darf, sogar Weißwein.

Ich starre ins Nichts. Wenn ich wenigstens schlafen könnte. Sind da Schritte? Es heißt, durch das Liegen und Nachdenken passiert was mit einem. Man kommt irgendwie runter. Ich will aber nicht runter. Ich will aufstehen. Dann, endlich, höre ich die Tür. Meine „Packerin“, so nennt der Schrothverband die professionellen Menschenwickler, heißt Regina. Sie befreit mich. „Heute waren es zwei Stunden“, sagt sie. Ich schaue dankbar auf die Uhr, es ist fünf Uhr morgens.

Oberstaufen liegt im Allgäu auf 800 Metern Höhe, irgendwo zwischen dem Bodensee und Neuschwanstein. Inmitten einer „lieblichen Alpenlandschaft“ gibt es hier 300 Kilometer ausgeschilderte Wanderwege, sagt die Werbebroschüre, mildes Reizklima, so viele Wellness-Orte wie sonst in Bayern und ganze 55 Schrothkur-Gastgeber, denn was für Neuschwanstein König Ludwig ist, ist für Oberstaufen Johann Schroth.

Schrothpolizei kontrolliert Küchen

Dessen Erbe verwaltet heute der hiesige Schrothverband. Er bildet die Packerinnen aus, verleiht die Schrothplakette, es gibt sogar eine „Schrothpolizei“, welche die Hotelküchen kontrolliert. Nur die Kurgäste werden nicht überwacht. Jeder „Schrothler“ muss zwar mehrfach beim Kurarzt antreten, aber es gibt keinen Seminarleiter, keinen Guru, nur Angebote – von den schicken Virtual-Reality-Brillen im Tourismusbüro über Vorträge im Ort wie „Schlank werden – schlank bleiben“.

„Spürt’s ihr den Ischias?“ Wir drehen uns millimeterweit nach rechts. Heike Kirschnek ist die Gesundheitsmanagerin im Parkhotel, so heißt das hier. Warme Sonne scheint durch die wandhohen Fenster. Draußen, im Kurpark, schiebt eine alte Frau eine noch ältere spazieren, und wir legen jetzt die Hand ans Knie, die andere über den Körper. „Das ist jetzt gut für euch Schrothler, ihr habt ja eh nix im Bauch.“ Ich drehe mich und merke, wie sich da was löst. Gestern hatten wir Funktionstraining mit dem Flexibar, das ist ein Stab mit zwei gummihaften Enden. Laut Heike war das Gewackel „eine Mischung aus Feldenkrais, Alexander-Methode, progressiver Muskelentspannung“, aber es ist auch egal, wie es heißt. Uns bleibt ja nichts anderes übrig. Wir müssen uns bewegen, denn sonst verlieren wir durch die eiweißarme Kost die paar Muskeln, die wir besitzen.

Rheuma und radikale Umkehr

Warum wir uns das antun? Viele Schrothler kommen wegen ihres Rheumas, andere sind so übergewichtig, dass sie die Kur als eine Art „Zündkerze“ für eine radikale Ernährungsumstellung benutzen. Andere hören mit dem Rauchen auf. Denn wenn man an allen Angeboten teilnimmt, kommt man gar nicht erst auf die Idee, eine Zigarette zu vermissen.

Ich gehe auf die Sonnenterrasse und schaue in den Kurpark. Das 1986 von Otto Lindner geplante und gebaute Parkhotel ist sein liebstes Haus. Die Baugenehmigung für einen Düsseldorfer kostete den damaligen Bürgermeister zwar das Amt, aber laut Gästen und Kollegen ist es heute gut im Ort integriert.

In den Achtzigern kamen 60 Prozent der Gäste wegen der Kur. Nach der Gesundheitsreform, die 1993 begann, änderte sich das. Oberstaufen erging es wie vielen Kurorten. Die Kassen zahlten weniger dazu, seltener waren die Leute bereit, ihren Jahresurlaub für eine dreiwöchige Kur zu opfern. Heute sind nur noch 20 Prozent der Gäste Schrothler. Früher war es auch exzessiver – vor allem an Dienstagen und Donnerstagen, den klassischen Trinktagen, wenn die matten Schrothler Wein trinken durften. Die feuchtfröhlichen Abende bescherten dem Ort einen schlechten Ruf. Am Ortsschild übermalten Witzbolde das T und schrieben ein L vor das Allgäu.

Vor 15 Jahren wurde die Kur strenger reglementiert. Heute ist alles ruhiger, aber auch leerer. Das Kurhaus sucht einen neuen Pächter, ein paar Geschäfte stehen leer, und die einst gutgehende Schlossbergklinik am Hang ist seit einem Jahr dicht, heruntergewirtschaftet von der BRK Schwesternschaft. Es heißt, der Leerstand koste 30 000 Euro pro Monat. Doch nicht nur die Klinik sucht. 2016 gab es im Allgäu 4000 offene Stellen im Gaststätten- und Hotelgewerbe. Denn die Besucherzahlen sind inzwischen wieder steigend.

250 Kalorien - mehr gibt es nicht

Mittagessen: 250 Kalorien. Bis vor drei Tagen glaubte ich noch, die drei Reiter der Bauchfettapokalypse heißen Fett, Zucker und Weizen. Hier verzichten wir auf tierisches Eiweiß (wegen der Schadstoffe und der Säuren), auf Zucker (das entlastet den Stoffwechsel) und auf Salz (das entlastet den Blutdruck). Wir essen fast nur basisches Gemüse, ab und zu Dörrobst. „Im Parkhotel gibt es das beste Schrothessen im Ort“, sagt mein Tischnachbar mit Blick auf das Gemüsegulasch mit Fenchel. Er kommt seit 38 Jahren hierher und hat bei seinen Kuren insgesamt 180 Kilo abgenommen. Meine Kurärztin sagt, die Schrothsche Kost sei eine zeitlich begrenzte Mangelernährung. Mit den tierischen Fetten fehlt dem Körper ein starker Energiespender, das pflanzliche Eiweiß ist zwar gleichwertig und hilft insbesondere Rheumakranken dabei, zu genesen, aber nach drei Wochen sollte Schluss sein.

Im Foyer wartet Ilse, Heikes Mutter. Wir wandern. Montag hatten wir noch Schnee, heute laufe ich im T-Shirt. Wir sehen den ersten Löwenzahn und Schlüsselblumen. Am Himmel kreisen ein Milan und ein Bussard. Wir finden wilden Thymian und Majoran. Die frische Luft tut gut, man hört nichts außer unseren Schritten im Wald. Ich habe Kopfschmerzen vom Kaffeeentzug und frage mich, wann es bei mir klick macht, wann sich dieses Gefühl der Heiterkeit einstellt, von dem es heißt, jeder bekäme es irgendwann. Ilse erklärt, wir hören zu, laufen, atmen, schauen. In der Ferne sieht man die Schweiz, es leuchten der Altmann, daneben der Säntis. Wir biegen ab, von weitem hören wir Musik.

Wein gegen die Weinerlichkeit

Heute ist ein Trinktag. Das heißt, wir dürfen einen Liter trinken, zusätzlich noch 0,2 Liter Weißwein. Johann Schroth glaubte an die Gewebedrainage: Dass der Körper Wasser und Giftstoffe aus dem Körper saugt, wenn er von außen keine Flüssigkeit bekommt, und dass er sie wieder ausschwemmt, wenn man ihm was zu trinken gibt. Und weil Frauen früher mit Depressionen auf die mühevolle Kur reagierten, fügte er Weißwein hinzu. In den Achtzigern entgleiste das, und es gab zusätzlich noch Wacholderschnaps am Abend und Glühwein am Morgen. Heute ist die Menge an Alkohol begrenzt. Zwar schreibt Heinrich Kasper in seinem Buch „Ernährungsmedizin und Diätetik“: „Eine wissenschaftliche Basis für den postulierten Effekt des Wechsels zwischen Trocken- und Trinktagen gibt es nicht“, aber die meisten meiner Schrothler freuen sich jetzt auf eine Schorle.

Im Gasthof „Blockhütte“ spielt das Trio Natur. Alle Bänke sind besetzt, ein Junggesellinnenabschied läuft durchs Lokal, Wanderer, Einwohner, Touristen, ein paar Kölner, die vom Karneval übrig geblieben sind, Familien mit Kindern. Glückliche Gesichter blicken ins Tal.

Etwas später, im Lokal „Ponyhof“: Männer starren uns Frauen mit diesem „Du, ich, wir, jetzt?“-Blick an. Dazu spielt ein Trachtenduo mit festgefrorenem Volksmusikdauergrinsen Tanzmusik. Jemand erklärt mir die Hits der Oberstaufener Schrothgemeinde: DJ Ötzis „Stern“, Helene Fischers „Atemlos“ und Stephan Remmlers „Vogel der Nacht“. Ich werde mehrfach aufgefordert zu tanzen, aber habe plötzlich auch noch Knieschmerzen.

Am Abend im Parkhotel: Klaviermusik, Kaminfeuer, warmes Licht. Es gibt knackfrisches Wokgemüse mit Sojakeimlingen. Nach vier Tagen bin ich bereits drei Kilo leichter. Bis zur nächsten Mahlzeit sind es wenigstens 16 Stunden, wenn man den Hagebuttentee und den Zwieback nicht mitrechnet, den mir Regina morgen früh um drei Uhr wieder bringen wird. Morgen früh? Ach, ja, der Wickel. Irgendwas hatte ich vergessen. Man wird am Ende noch ganz weich.

Der Weg nach Oberstaufen

Anreise Mit dem Auto über die A9 bis Kempten, dann weiter über Immenstadt bis Oberstaufen. Der Regionalexpress von München nach Lindau hält auch in Oberstaufen. Der nächste Flughafen ist Friedrichshafen. Schrothkur Johann Schroth ließ das nach ihm benannte Naturheilverfahren 1829 offiziell in Schlesien anerkennen. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde es von dem Arzt Hermann Brosig in den Luftkurort Oberstaufen gebracht. Die heutige Kur bemüht sich unter Beibehaltung wesentlicher Elemente der traditionellen Kur, sich den derzeitigen ernährungsmedizinischen Erkenntnissen anzupassen. Die Kur wird nicht zu Hause durchgeführt, sondern ausschließlich in „anerkannten Schrothkur-Betrieben“ unter ärztlicher Aufsicht. Sie dient nicht dem Abnehmen, der Gewichtsverlust ist ein positiver Nebeneffekt, sondern reguliert den Stoffwechsel, entgiftet den Körper und bereitet ihn für eine dauerhafte Umstellung von Ernährung und Bewegung vor. Vor allem Personen mit chronisch entzündlichen Erkrankungen (Migräne, Rheuma, Gicht, Bluthochdruck, Arthrose, Fibromyalgie) berichten von Linderung. Unterkunft Ein Aufenthalt im „Lindner Parkhotel“ kostet zum Beispiel: sieben Nächte Schroth-Arrangement pro Person im DZ ab 799 Euro, im EZ ab 819 Euro (www.lindner.de) Informationen unter www.schrothkur.de und www.oberstaufen.de

Quelle: F.A.S.
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