Schweiz

Kleine Ermutigung

Von Eleonore Büning
 - 14:48

Es ist leicht, gute Laune zu haben, wenn die Sonne scheint. Aber nur wenige Stellen gibt es auf diesem Planeten, in die man sich auch bei Dauerregen sofort verliebt. Die Kartause Ittingen, nahe Winterthur: Ein Schritt durchs Tor, kurzer Rundblick in die stille, grüne Weite, die Vögel schweigen, irgendwo blökt ein unsichtbares Schaf, schon ist’s passiert.

Als ich ankam, regnete es Katzen und Hunde. Auf dem Weg von der Rezeption zum Zimmer, an der pitschnassen Schafherde vorbei, wobei mich ein netter junger Mann mit Schirm begleitete, wurden die Konzertschuhe, die ich aus Zeitersparnisgründen nicht im Koffer, sondern an den Füßen trug, so gründlich eingeweicht, dass sie für den Rest des Aufenthaltes und überhaupt, für alle Zeit, unbrauchbar waren. Mein erster Rat wäre also: Warum auch immer man nach Ittingen reist, der Musik oder der Kunst halber, um den Rosenschneidekurs zu belegen oder einfach nur, um endlich auszuschlafen - man sollte auf jeden Fall vernünftiges Schuhwerk tragen.

Das Konzert fand dann später in der Klosterkirche der Kartause statt. Es hatte kurz aufgehört zu regnen, die Wolken hingen tief, sie berührten die Apfelbäume auf der Wiese, wo das Gras hoch stand und die arkadischen Schafe, sieben an der Zahl, mehr oder weniger friedlich grasten. Manche weniger, weil: So ein Schaf hat natürlich allezeit die Notwendigkeit der Fortpflanzung auf der Agenda. Direkt hinter den Tieren, an die Außenwand des Klosters, hatten Narrenhände in Kursiv und in Leuchtschrift die grammatisch nicht korrekten, aber berühmt gewordenen Worte geschrieben: „Denn nur als ästhetisches Phänomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt.“ Sie stammen vom jungen Nietzsche, aus dessen „Geburt der Tragödie“ von 1872. Diese sogenannte „Rechtfertigungsthese“ taucht mehrfach auf in seinem wagnertrunkenen Schrifttum, in verschiedenen Varianten. Auch wird diese schräggestellte, pseudohandschriftliche Designerschrifttype fast zu viel anderswo verwendet, beispielsweise in Möbelkatalogen oder Heiratsanzeigen. Aber hier, in Ittingen, fällt alles Billige von ihr ab. Und dem Zitat wuchs, wozu meine friedfertigen Freunde, die Schafe, sicher ihr Teil beitrugen, in diesen Tagen eine neue Wahrheit zu. Wann immer wir übers Gelände gingen, zwinkerte es uns entgegen, als Ermutigung. Aber auch als ein Menetekel.

Serviert wird nur, was die Saison gerade bietet

Auch Lebenskunst ist eine Kunst, die man lernen kann, wie Brotbacken oder Klavierspielen, zu der man aber unbedingt auch etwas Genie oder wenigstens Talent mitbringen sollte. Orte wie Ittingen sind dazu da, uns daran zu erinnern. Billig ist hier gar nichts, aber alles ist wunderschön anzuschauen, wunderbar praktisch und funktional. Die ältesten Bauteile der Kartause Ittingen stammen aus dem frühen zwölften Jahrhundert. Seit dem fünfzehnten Jahrhundert lebten und arbeiteten hier, abgeschieden von der Welt, einige Dutzend Kartäusermönche. Sie lebten nicht schlecht. Ihre Zellen sind Zwei- oder Drei-Zimmer-Apartments mit Gärtchen davor, einige kann man heute noch besichtigen. Mehrfach zerstört, niedergebrannt und wieder aufgebaut, wurde die Klosteranlage 1848 säkularisiert, dann ging sie in Privatbesitz über, heute gehört sie einer Stiftung, die seit 1983 eine behutsame, aber umfassende Restaurierung betrieb und die Anlage wieder, wie weiland die Mönche, zur Selbstversorgung bewirtschaftet: als Hof mit Nutz-, Kräuter- und Ziergärten, Ställen und Holzwirtschaft, Teichen, Weinberg, Gewächshäusern und Labyrinth, mit mehr als tausend alten Rosensorten, mit Bäckerei, Tischlerei, Käserei. Neu dazu kamen das Tagungshotel, die Künstlerateliers, der helle, hohe Konzertsaal im ehemaligen Heuschober, der bis heute immer noch sehr angenehm nach Heu zu riechen scheint, sowie das Restaurant „Mühle“, in dem sich unablässig, ohne Strom, angetrieben nur von einer Quelle, das große, alte Ittinger Mühlrad dreht.

Fast alles, was man hier serviert kriegt, mit Blick ins Grüne und Nasse, während das Mühlenwasser mit uns und den anderen Gästen um die Wette murmelt, ist in Ittingen gewachsen, gezüchtet, gekeltert oder gelegt worden. Gemüse und Eier, Fische und Fleisch, Öl, Brot und Wein. Naturgemäß kriegt man hier nicht immer alles. Nur eben das, was die Saison gerade bietet. Das Beste aber an dieser „Mühle“ und meines Wissens einzigartig in der Gesamtschweiz, wenn nicht gar überhaupt in der zivilisierten Welt ist der Umstand, dass man auch noch mitten in der Nacht etwas Warmes zu essen bekommt. In allen europäischen Großstädten, in den kleinen sowieso, reduziert sich nach Konzertende der Erwartungshorizont von Musikern wie Publikum auf McDonald’s oder auf die Nüsse in der Minibar. In Ittingen gibt es weiße Tischdecken, einen Saibling mit allem Drum und Dran, passablen Wein, sehr gutes Bier und keine Hetze, von wegen last order. Und morgens, zum Frühstück, kann ich selbst die zierliche, aber hochpotente Saftpresse anwerfen, die erstaunlich flüsterleise, ohne das Mühlrad zu übertönen, Möhren, Äpfel et cetera schreddert und in Ittinger Lebenselixier verwandelt.

Näher bei Gott

Wer das Kirchlein der Kartause betritt, denkt zuerst an Claude Debussy. So viele nicht aufgelöste Harmonien! Diese weiße Gischt, dieses aufbrandende Filigran aus Stuckornamenten, in Meerblau, Tiefseegrün! Normalerweise sind Kirchenräume des Halls wegen für Konzerte eher ungeeignet. Doch dieser hier, eingebaut ins alte Kloster, hat nicht nur ein barockes Innenleben, zwei Kreuzgänge und eine Drei-Klassen-Aufteilung, sondern auch eine ganz ausgezeichnete Akustik. Das liegt an dem vielen Holz, was um 1700 herum kunstvoll geformt wurde zu Chorgestühl und Zwischenwänden. Durch die Paravents wurden einst die Kartäusermönche von den Laienbrüdern und diese wiederum von den Knechten getrennt. Daher gibt es heute viele wunderbare Hör-, aber nur wenige Sichtplätze bei den Kirchenkonzerten.

Als Laie oder Knecht könnte man nicht sagen, welcher Musiker da gerade vorne spielt, am Altar, näher bei Gott. Aber jeder kann hier lernen, sich wieder auf die eignen Ohren zu verlassen. Tags darauf sind alle drei Abteilungen voll mit Besuchern, die den wechselnden Lichteinfall bestaunen, der das Herz Jesu im Oberlicht über dem Altar zum Bluten bringt, und danach all die anderen Wunder der Kunst, die alten im Ittinger Museum und die modernen, im daneben untergebrachten Kunstmuseum Thurgau.

Links neben dem Altar steht, schneeweiß in Marmor, Sankt Hugo von Lincoln, einer der drei Gründungsväter des Kartäuserordens, mit seinem wagnerischen Wappentier, dem Schwan, sowie dem Abendmahlskelch in der Linken. Der Heilige staunt immer noch, dass in seinem Weinglas, winzig klein, mit Strahlenkranz, das Christuskind persönlich sitzt.

Pfefferminztee forever

Als ich auschecke, ist es trocken in Ittingen. Auf dem Dach der Rezeption klappert der Storch. Drinnen sagt man mir, in wenigen Stunden sei die Sonne wieder da. Ja, das wäre jetzt was: Hier bleiben! Nur für ein paar Wochen oder Monate. Wandern gehen, schwimmen gehen, lesen, schreiben, schlafen.

Allen, die abreisen müssen, schenkt man hier zum Abschied ein Ittinger Pflanzenbaby, mit Erde, im Töpfchen, zum Einpflanzen daheim. Jetzt habe ich wenigstens frischen Pfefferminztee, für den Rest meines Lebens.

Der Weg nach Ittingen

Die Kartause Ittingen ist rund 40 Kilometer weit weg vom Flughafen Zürich (8532 Warth, Telefon 0041 52 748 44 11, www.kartause.ch); es gibt 68 Zimmer, Einzel- ab 135 Franken, Doppelzimmer ab 215 Franken. Die Stiftung stellt zwei der ehemaligen Mönchsklausen Künstlern und Wissenschaftlern für stille Tätigkeiten zur Verfügung. Bewerbungsunterlagen auf der Website.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Büning, Eleonore (eeb)
Eleonore Büning
Jahrgang 1952, Redakteurin im Feuilleton.
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