Brasilien

Das Paradies der anderen

Von Christine Wollowski
 - 08:51
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Weit und leer liegt der Strand Sargi in der Nachmittagssonne. In der Ferne erhebt sich der imposante Hügel der Serra, und dort, wo Himmel und Meer sich treffen, taucht, zunächst kaum erkennbar, ein weißes Segel auf.

Die Schatten sind schon sehr lang, als die Wellen das Fischerboot frei geben: eine aus rohen Baumstämmen gezimmerte Jangada mit einfachen Holzbänken. Darauf haben sich Nanico und Muriçoca Santos den ganzen Tag bis zur Hüfte vom Wasser umspülen lassen. Ihr Fang: ein paar Rotbarben, eine große Dorade und ein Haufen kleinerer Fische. Wie verabredet kommt ein tätowiertes Paar mit Rastazöpfen angeradelt, ein blasser Grauhaariger mit schulterlangen Locken und seine Gefährtin schlendern herbei, zwei hochgewachsene Männer mit städtisch untrainierten Körpern beugen sich neugierig über die silbrig glänzenden Fische. Das Ganze findet statt im rosafarbene Licht der untergehenden Sonne – wie im Kitschfilm.

„Das Paradies ist hier“, so heißt der Zusatz zur Ortsmarke Serra Grande, Bahia, bei Facebook. Immer mehr Zugereiste finden in dem einstigen Fischer- und Bauerndorf ihr Paradies – so wie das Rastapaar aus Salvador, der Graulockige aus Argentinien und seine Gefährtin aus Brasília.

Bananen und Papaya, Hühnereier und Kokoskrokant

Aldeny de Souza Santos, kurz Dona Ni, kennt sie alle. Die 52-Jährige lebt in einem winzigen Haus am Dorfausgang und verkauft Erzeugnisse von Kleinbauern der Umgebung: Bananen, Papaya, Hühnereier. Außerdem kocht sie köstliches Kokoskrokant, neuerdings nur noch mit Rohrzucker. Vor allem aber hat Dona Ni ein großes Herz. Fast jedem ihrer Kunden steckt sie noch schnell eine Mandarine, ein Stück Wassermelone oder sonst ein kleines Geschenk zu. Egal, ob Einheimische oder Fremde, Ni behandelt alle wie Familienangehörige und weiß bald von ihren Freuden und Sorgen. Und wenn ein dicker Geländewagen vor ihrem Haus hält, und ein feiner Herr, oft ohne auszusteigen, nach den Preisen fragt, bringt sie geduldig eine Frucht nach der anderen ans Autofenster und verzieht auch dann nicht das Gesicht, wenn der Herr barsch urteilt, es sei „zu teuer“, wie er sich das in der Großstadt angewöhnt hat.

Die Herren in den Geländewagen erinnern an die Militärs von früher. In den 1940er Jahren eigneten sich diese – ermutigt von der Regierung – unbebaute Ländereien in Serra einfach an. „Wenn die Coronéis durchs Dorf ritten, stoben rechts und links die Kinder vom Weg“, erinnert sich Abrãao Andrade, Enkel des Dorfgründers Pedro Gomes, nach dem der Dorfplatz benannt ist.

Das weitläufige Areal mit Rasenflächen unter Kokospalmen war Teil der Ländereien der Familie. Später bauten sich wohlhabende Bürger aus der nahe gelegenen Kreisstadt Uruçuca hier die ersten Ferienhäuser. „Land war nichts wert, für einen Esel oder ein Fahrrad haben die Leute die schönsten Strandgrundstücke hergegeben“, erzählt der Mittvierziger, der heute als Makler selbst am Boom teilhat. „Die Grundstücke hier an der Straße hat ein Bürgermeisterkandidat an alle verschenkt, die ihn zu wählen versprachen.“

Ein Luxushotel, feine Landsitze und Uniprofessoren

Abrãaos Büro ist ein stilvolles Holz-Chalet mit Blick auf den türkisfarbenen Atlantik. Angefangen hat der Zuzug Ende der neunziger Jahre, als die löchrige Lehmstraße aus dem südlich gelegenen Ilhéus asphaltiert wurde, und Forscher in den Wäldern von Serra eine der größten Artenvielfalten der Welt zählten – mehr als 450 Baumsorten pro Hektar. Plötzlich interessierten sich reiche Unternehmer aus Sao Paulo für die Buschlandschaft am Meer, bauten ein Luxushotel und feine Landsitze. Es folgten Uniprofessoren aus Ilhéus und die ersten Alternative. Im Jahr 2012 wohnten schon 4000 Menschen in Serra.

Dorfvorsteher Duda, offiziell Geovan Porfírio dos Santos, der in einem improvisierten Büro am Platz residiert, sieht in den Zugezogenen keinen Vorteil. „Sie brauchen Plätze in der Schule, beanspruchen die kostenlose Gesundheitsversorgung und bringen ihren Müll von den Ländereien mit ins Dorf“, sagt der 48-Jährige. Zusätzliche Gelder bekomme er erst, wenn die Zugezogenen bei der nächsten Zählung erfasst werden. Dass sich viele der Neuen mit alternativen Therapieformen und pädagogischen Projekten selbst versorgen, ihren Müll kompostieren und auch sonst gute Ideen haben, blendet der gelernte Verwaltungsassistent aus. Die Zugereisten kaufen Bioware bei den Kleinbauern und haben eine Sozialwährung eingeführt. Sie haben eine Zirkusschule gegründet, in der Dorfkinder kostenlos lernen. Auch die Waldorfschule ist kostenlos für finanzschwache Einheimische. „Und das Institut Tabôa vergibt Kleinkredite, damit hat mein Cousin seinen neuen Bootsmotor finanziert“, sagt Nanico Santos.

Die allzu große Finanzkraft mancher Fremder allerdings steht im unbarmherzigen Gegensatz zu den finanziellen Möglichkeiten der einfachen Dorfgesellschaft - keiner hat hier viel, aber jeder hilft jedem. Wenn einer Maniok erntet, helfen alle, die Wurzeln zu Mehl zu verarbeiten. Wenn einer ein Haus baut, kommen die anderen zum Mauern und Dachdecken. „Und dann heißt es plötzlich: zum Wasserfall darfst du nicht mehr, der ist jetzt Privatbesitz“, erzählt Nanico. Es macht die Integration nicht leichter, wenn sich auf der einen Seite Alternative Sorgen machen, ob ihr Kind zu viel Gluten isst, und auf der anderen Seite das Geld kaum reicht, um die Stromrechnung zu bezahlen.

„Wir hatten nie viel Geld, wir brauchten auch keines“, erinnert sich Nilson Santos mit strahlenden Augen. „Wir trugen nichts als Shorts und liefen barfüßig auf den Sandstraßen, am Wochenende spielte in irgendeinem Haus einer Forró, das war unser Nachtleben!“ Nilson Santos pflanzt inzwischen Regenwaldbäume für Aufforstungsprojekte der Nichtregierugsorganisation „Floresta Viva“, die mehrere Einheimische beschäftigt. Heute gibt es kaum noch Landwirte. Viele haben die Ländereien verkauft, auf denen sie Tomaten, Maniok und Bananen pflanzten, Schweine, Kühe und Hühner züchteten. Die jungen Leute jobben auf dem Bau, als Hausmädchen und Gärtner. Sie wollen nicht mehr von Sonnenaufgang bis zum Abend hart arbeiten. Und das Leben in Serra ist nicht mehr so billig wie früher. In den vergangenen vier, fünf Jahren haben sich die Mieten verdoppelt, die Waren im Supermarkt sind oft teurer als in den benachbarten Städten.

Clownunterricht und Akupunktur, Pilates- und Yogakurse

Dona Ni und ihr Mann Eduardo haben schon vor Jahren einen Teil ihres Ackerlandes an einen Italiener verkauft. Mit dem Erlös haben sie unter anderem das Häuschen finanziert, in dem sie heute leben, weil Ni wegen ihres Rheumas nicht mehr ackern kann. Ihr Haus auf dem Restland ist an Zugereiste vermietet, die dort Bienen züchten und hoffen, Ni eines Tages ein Grundstück abkaufen zu können. Die Natur ist einfach zu schön hier. Nicht nur der Strand Sargi. Auch die von Kokospalmen beschattete Bucht Prainha, zu der ein steiler Abstieg direkt aus dem Dorf führt: Ein Bach in Trinkwasserqualität rinnt dort über goldglänzenden Sand zwischen Felsen, die bei Ebbe kleine Badebecken bilden. Oder die Regenwälder der Umgebung, wo im Schatten der Baumriesen feiner Kakao wächst und glasklare Flüsse in gewaltigen Wasserfällen über Felsformationen stürzen.

Neben der Natur finden die Menschen in Serra ein enormes Angebot: Gesangs- und Clownunterricht, Pilates- und Yogakurse, Akupunktur und Reiki. Es gibt einen Kinoclub und einen Heilkräutergarten, und beim monatlichen Fest Sarau auf dem Platz haben schon Jazzer aus New York gespielt.


„Wir wollen hier bleiben. In Rio haben wir den Stress und die Gewalt nicht mehr ausgehalten“, erklärt Marta Vargens. Die Ernährungsberaterin und ihr Mann haben ihre Ersparnisse in einen Anteil an einer Ökokommune investiert, die ein paar Kilometer außerhalb entstehen soll. Wie sie ihr Leben dort finanzieren werden, ist noch unklar. Anders als viele hier besitzen sie kein Apartment in Sao Paulo oder Rio, von dessen Miete sie leben könnten. Die Gegend kennen beide seit ihrer Kindheit. „Wir Kinder aus Uruçuca haben immer unsere Sommerferien am Strand verbracht, das war die große Freiheit“, erinnert sich Marcos. Freiheit finden die Fremden bis heute in Serra, wo sogar kahl Geschorene in Kutten nicht mehr Aufsehen erregen würden als in Berlin.

Dass manche der Gestylten Schuhe tragen, die soviel kosten, wie ein Bauer im Quartal verdient, und teure Autos fahren, weckt natürlich Begehrlichkeiten. In einem der vergangenen Sommer haben ein paar Jugendliche ausprobiert, wie es ist, die Neuen mit einer Machete in der Hand zu überfallen. Die haben daraufhin auf dem Dorfplatz meditiert und Menschenketten in Weiß gebildet. Nachgelassen hat die Gewaltwelle erst, als der Dorfpolizist Taten hat folgen lassen hat.
Ist Serra Grande nun ein Paradies? „Na klar“, sagt Abrãao, „ich gehe hier nie weg“. Nanico meint: „Wenn du aufs Meer fährst, bist du schon mal glücklich, wenn du dann einen Fisch siehst, noch viel mehr“. Dona Ni sagt nichts und lächelt still.

Der Weg nach Bahia

Anreise Zum Beispiel von Frankfurt über Lissabon (flytap.com) oder Sao Paulo (www.latam.com/de) bis nach Salvador da Bahia (um 820 Euro). Weiter nach Ilheus in 40 Minuten mit dem Flugzeug (www.voeazul.com.br) für etwa 100 bis 400 Euro. In 8 Stunden oder über Nacht mit dem Bus (www.aguiabranca.brasilbybus.com, um 40 Euro). Von dort weiter nach Serra Grande mit Linienbussen von Rota (verkehren stündlich) für 2,50 Euro, etwa eine Stunde Fahrt.

Unterkunft Rustikale Bungalows am Strand etwa Pousada Bahia das Jangadas (DZ/F um 80 Euro); einfache Zimmer im Dorf etwa in der Pousada Wunderbar, (DZ/F um 18 Euro), buchbar über www.booking.com

Weitere Informationen (alle auf portugiesisch) www.serragrande.net und www.sulbahia.net; Informationen über Unterkünfte bei Einheimischen und Ausflüge: www.gentedoconduru.org

Quelle: F.A.S.
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