© Gerd Ludwig/NatGeo Creative/Courtesy of Edition Lammerhuber

Weißt du, wie viel Autos stehen?

Von ANDREA DIENER

17.03.2017 · Nachts erlebt man Los Angeles in einer Phase des Stillstands. Erst bringen die Menschen ihre Wagen ins Bett, dann gehen sie selbst schlafen. Gerd Ludwig hat die Limousinen fotografiert.

Es fängt schon beim Einsteigen an. Wäre dieses Buch ein Auto, dann hätte es Flügeltüren, denn es öffnet sich in ungewohnter Weise nach oben und nicht zur Seite. Dann blättert man es vertikal wie einen Kalender durch, doch die Seiten zeigen keine Monate an, sondern Straßen. Auf diesen Straßen, die Sawtelle Boulevard oder Apollo Drive, Harold Way oder Fairfax Avenue heißen, drückte sich Gerd Ludwig herum. Und zwar immer dann, wenn sich das Licht des Tages hinter Häuser und Hügel verzogen hatte und sich die Stadt in ein Zwielicht aus Laternenschein und Neonröhrenschummer hüllte. Gerd Ludwig ist eine Nachteule, und so geisterte er durch seine nächtliche Heimatstadt und legte sich auf die Lauer.

© Gerd Ludwig/NatGeo Creative/Courtesy of Edition Lammerhuber Sunset Plaza Drive, 2012 zur Garth Avenue, 2013 zum Exelente Drive, 2012

Die scheuen Gestalten, die der „National Geographic“-Fotograf dort fand, waren keine Nachttiere. Das, was dort selig schlief, waren einige der sieben Millionen Autos, die tagsüber durch die Straßen von Los Angeles rollen und zur nicht eben frischen Luft der Stadt beitragen. Einige von ihnen tragen Nachthemden aus Nylonstoff, weiß oder rosa oder silberglänzend. Sie hängen schlaff wie Säcke an der Blechhaut herunter, eine feine Corvette C3 hingegen trägt ein perfekt sitzendes, maßgeschneidertes Gewand über ihren Rundungen. Andere wurden lange vernachlässigt, und das Kleid hängt nun in Fetzen. Sie können einem leidtun.

Der gebürtige Deutsche, der seit 1984 in den Vereinigten Staaten lebt und vor allem durch seine Arbeiten aus Tschernobyl bekannt wurde, macht keinen Hehl daraus, dass sich seine Autogestalten einer Vermenschlichung nicht entziehen können. Er sieht sie ja selbst so: Als Einzelgänger bezeichnet er die Autos im Vorwort, manche seien Angeber und nähmen sich selbstbewusst ihren Raum. Alle sind sie jedenfalls Persönlichkeiten, wie sie da vor den Eigenheimen ihrer Besitzer stehen.

  • © Gerd Ludwig/NatGeo Creative/Courtesy of Edition Lammerhuber Appian Way, 2012
  • © Gerd Ludwig/NatGeo Creative/Courtesy of Edition Lammerhuber Orchard Drive, 2013
  • © Gerd Ludwig/NatGeo Creative/Courtesy of Edition Lammerhuber Los Feliz Boulevard, 2012
  • © Gerd Ludwig/NatGeo Creative/Courtesy of Edition Lammerhuber Mitchell Ave, 2014

Gerd Ludwig selbst sieht seine Rolle irgendwo zwischen Voyeur und Birdwatcher, stets auf der Suche nach einem besonders seltenen Vogel. Mitunter wurde er — wie jeder, der in Amerika zu Fuß unterwegs ist — von der Polizei angehalten. Man hielt ihn für einen Spanner, womöglich einen Paparazzo, auf jeden Fall aber für verdächtig. Für solche Fälle hatte Ludwig immer sein iPad in der Tasche, auf dem er den Ordnungshütern seine Arbeiten zeigen konnte. Einige deuteten ihm dann besonders interessante Autos aus, über die sie bei ihren Streifenfahrten gestolpert waren. Besonders viele abgedeckte Wagen finde man um den 4. Juli herum, den amerikanischen Unabhängigkeitstag, schreibt der Fotograf. Der wird mit großem Feuerwerk begangen, und da fällt gern das ein oder andere Stöckchen vom Himmel. Davor möchte man den empfindlichen Lack doch bewahren.

Meist haben die amerikanischen Vorstadthäuser nämlich nur eine Garage, so gut wie alle Familien der Mittelklasse besitzen aber mehr als nur ein Auto. Also kann nur ein Wagen in der Garage übernachten, der andere wird auf die Straße verbannt. Dort steht er dann, ein wenig einsam und ausgestoßen wirkend, aber immerhin liebevoll zugedeckt. Manchen Autos leuchtet eine einsame Laterne über ihrem Blechdach wie eine Nachttischlampe und verbreitet einen warmen Lichtkegel. Andere kauern unter Bäumen oder Mauervorsprüngen. Sie ziehen sich gern zurück, so scheint es. Obwohl in der Garage kein Platz für sie ist: Für diese Familienmitglieder ist gesorgt.

„Sleeping Cars“ von Gerd Ludwig. Edition Lammerhuber, Wien 2017. 144 Seiten, zahlreiche Farbfotografien. Gebunden, 99 Euro.

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17.03.2017
Quelle: F.A.Z.