Schnee war gestern

Von ANDREAS LESTI
Foto: Arkivi

07.09.2017 · Und heute ist Sand: Am Monte Kaolino, einem Quarzsandberg in der Oberpfalz, fährt man seit über sechzig Jahren im Sommer Ski – in Badehosen und Bikini, um dann im Tal ins Freibad zu springen.

D ie ersten Sommerski-Schwünge im Kristallquarzsand des Monte Kaolino fühlen sich an, als führe man mit völlig falsch gewachsten Ski durch den sulzigsten Nachmittagsschnee, den man sich vorstellen kann. Es bremst, ruckt und kratzt. Dann geht das Kratzen in ein Scheuern über, das Scheuern in ein Schmirgeln und das Schmirgeln in einen erstaunlich flüssigen Slalomschwung. Und so schmirgeln wir an einem glühend heißen Julitag in Badeshorts und Skistiefeln über die Südflanke dieses eigentümlichen Berges, 110 Höhenmeter durch die flimmernde Hitze ins Tal.

Der Monte Kaolino in der Oberpfalz, einer etwas vergessenen Region im Norden Bayerns, irgendwo zwischen Nürnberg und Tschechien, ist einer jener absurden Orte, wie sie nur der Tourismus hervorbringen kann. Der „Weiße Berg“, wie ihn die Einheimischen nennen, strahlt über die grünen Wälder und den Freizeitpark, der sich an seinem Fuße erstreckt. Es ist einer jener Kunstorte wie sie Dubai, Abu Dhabi oder Las Vegas hervorbringen und an denen man sich immer wieder fragt, ob die Wirklichkeit nicht längst durch eine raffinierte Simulation ersetzt wurde – oder die Hitze einem den Verstand geraubt hat. Steht da auf dem feinen Kristallquarzsand wirklich eine edelweißverzierte Pistenraupe? Die Seilbahn, der Skiverleih, das Erlebnisbad und der Golfplatz – eine flirrende Fata Morgana?

Ein abgefahrener Berg: Seit den 1950er Jahren wird am Monte Kaolino in der Oberpfalz auf Kristallquarzsand Ski gefahren. Damals noch mit Riemenbindung und Holzski, heute mit Carvingski und PVC-Belag. Foto: Andreas Lesti

Nein, es ist schon alles ziemlich real am Monte Kaolino: die 33 Millionen Tonnen Quarzsand, die 260 Meter lange Skiabfahrt, die Sommerskifahrer in ihren Badesachen und das ganze Erlebnis-Outdoor-Adventure-Camping-Brimborium drum herum. Und das schon seit 60 Jahren. „Das Skifahren im Sommer ist bei uns erfunden worden“, sagt Josef Birner, den wir heute Vormittag getroffen haben. Birner, ein Mann mit weiß-blauer Karokrawatte und Designerbrille, ist stellvertretender Bürgermeister der Stadt Hirschau, sozusagen dem Talort des Berges. „Schon in den 1960er Jahren sind sie hier mit VW-Käfer und Ski auf dem Heck durch die Gegend gefahren“, erzählt er. Und man muss sich immer wieder ins Bewusstsein rufen, dass er von einer skitouristischen Sommerattraktion spricht, deren Geschichte länger zurückreicht als die vieler Wintersportorte.

Zugleich ist Birner Mitglied im Skiclub SC Monte Kaolino und Betriebsvorsitzender der Amberger Kaolinwerke – und damit sind wir schon mittendrin in der Entstehungsgeschichte des „Weißen Berges“ und warum es ihn und den ganzen Tourismus um ihn herum überhaupt gibt. „Bei uns in der Gegend befinden sich große Kaolinvorkommen“, erklärt Birner. Seit 1902 wird Kaolin abgebaut und zur Porzellan-, Keramik- und Papierherstellung benutzt. „Beim Abbau entsteht überschüssiger Kristallquarzsand, den die Amberger Kaolinwerke auf Bändern zu einer Halde beförderten.“ Und so wurde vor den Toren Hirschaus über fast ein Jahrhundert hinweg aus der Halde ein Hügel, und aus dem Hügel der Monte Kaolino, der bis in die 1990er Jahre auf stolze 110 Meter Höhe angewachsen ist. „Vor 20 Jahren wurden die Bänder gekappt“, sagt Birner, „weil der überschüssige Quarzsand seither wieder verfüllt und für Renaturierungsmaßnahmen verwendet wird.“

Skifahren bei 35 Grad. Gut, dass es das Schwimmbad gibt. Foto: Andreas Lesti
Und gut, dass die Pistenraupe... Foto: Andreas Lesti
... keine Fata Morgana ist. Foto: Andreas Lesti

Die Wege sind kurz in diesem eigentümlichen Skiort. Egal ob man im Zelt liegt, im Restaurant ein Schnitzel isst oder im Bad planscht: Zur Piste sind es zu Fuß immer nur ein paar Minuten. Der Berg ist auch von fast jeder Position aus zu sehen, und wer unten auf der Liegewiese des Freibades auf einem Handtuch liegt, muss nur seinen Kopf leicht anheben, um den Skifahrern zuzusehen. Oder den Kindern, die auf Zipfelbobs nach unten sausen. Während Birner erzählt, gehen wir durch die Drehkreuze des Freibades, am Beckenrand entlang, wo uns das Chlorwasser entgegenplatscht; wir schlendern über die Wiese und unter der kinderkreischenden Rutsche hindurch hinüber zur Talstation, an der die Pistenraupe steht und man in einem Häuschen Skikarten kaufen und Ski, Snowboards und Stiefel ausleihen kann. „Unsere Leihski haben einen speziellen PVC-Belag, sonst würden sie das nicht lange mitmachen“, erklärt Birner. Eigene Ausrüstung bringt hier kaum jemand mit. Es sei denn, sie ist so alt, dass sie nach ein paar Abfahrten – wie man am Müllplatz des Campingplatzes sehen kann – entsorgt werden kann.

J e näher wir uns dem 35 Grad steilen Hang nähern, desto mehr wirkt er wie eine sich auftürmende Mauer. In den Alpen wäre dieses Gefälle eine schwarze Piste. Birner sagt quarzsandtrocken: „Von unten sieht das gar nicht so wild aus. Aber von oben schon!“ Die Piste, auf der sogar ein Slalomkurs gesteckt ist, befindet sich in der Mitte, abgegrenzt durch einen Zaun und den Lift, einem „Schiff“, das Drahtseile nach oben ziehen. Nach Westen fällt der Berg ab und ist etwas weiter unten von Kiefern bewachsen, so als würde dieser falsche Berg die alpine Baumgrenze imitieren. Seit zehn Jahren verläuft hier, und auch das wirkt auf den ersten Blick wie ein Trugbild, eine sogenannte Coasterbahn, eine Rodelbahn auf Schienen. Die Ostflanke des Monte Kaolino ist für all jene offen, die sich die ganze groteske Kulisse nur ansehen wollen, ohne sich selbst auf Skiern oder Snowboards hinabzustürzen.

Am Gipfel wechseln die Sommerskifahrer die Flipflops gegen die Skistiefel. Und los gehts. Foto: Andreas Lesti

Auf der „Kletterstrecke“ stapfen Sandtouristen barfuß zum Gipfel, bereit für den Fernblick, die Kristallsandschlacht und das anschließende Weißbier.
Laut Werbeprospekt ist der Monte Kaolino „der einzige Sandskiberg der Welt mit stationärem Lift“. Dieser bringt mich jetzt im 35-Grad-Winkel auf den Gipfel. Von oben sieht die Piste tatsächlich noch steiler aus, nur gut, dass die Aussicht davon ablenkt. Im Nordosten erstreckt sich das weiße Kaolin-Abbaugebiet, dem dieser Berg seine Existenz verdankt, im Südwesten die bewaldete Hügellandschaft der Oberpfalz, und tief unten schimmern wie eine Wüstenoase das Schwimmbad und der Freizeitpark. Die Sonne sticht in den Südhang und lässt den Sand so hell strahlen, dass es in den Augen schmerzt. Aber das kennt man ja vom Skifahren an sonnigen Tagen. Der Unterschied ist nur, dass es fast 30 Grad warm ist, ich Badesachen trage und nun die Flip-Flops gegen die Skistiefel wechsle. Ich klicke damit in die Bindung und stapfe etwas unbeholfen zur Kante. „Es ist ein bisschen wie Tiefschneefahren“, sagte Birner noch, „die Kanten greifen nicht und man muss das Gewicht immer nach hinten verlagern.“ Und schon geht’s los.

Erst ruckelig und kratzend, weil die Reibung so hoch ist. Nun ist es ganz gut, dass der Hang so steil ist, und nach dem dritten Schwung rutschen die Ski tatsächlich ein wenig wie durch Tiefschnee über den Sand. Im Augenwinkel rauscht ein kleiner Junge mit Skibrille auf einem sogenannten Zipfelbob vorbei, schnurgerade den Berg hinab. Es fühlt sich ein bisschen so an, als würde er mich mitziehen, denn von Schwung zu Schwung gehe ich nun intuitiv tiefer in die Hocke, werde immer schneller, es zischt in jeder Kurve, und dann, nach zehn bis fünfzehn Schwüngen, gerade als es anfängt, richtig Spaß zu machen, ist das Vergnügen auch schon wieder vorbei. Ich denke genau das, was ich im Gesichtsausdruck des kleinen Jungen lese: „Noch mal!“

Steilvorlage: Ein Lift in Schiffsform bringt die Skifahrer seit 60 Jahren die 110 Höhenmeter hinauf zum höchsten Punkt des Monte Kaolino. Foto: Andreas Lesti

Ohne den Monte Kaolino gäbe es in Hirschau keinen Tourismus. „Das hier war eine Industriestadt, geprägt vom Bergbau“, sagt Birner und fügt stolz hinzu: „Heute ist es der touristische Leuchtturm im Landkreis.“ Wie weitsichtig die Entscheidung, auf Touriusmus zu setzen, in den 1950er und 1960er Jahren war, konnten die Hirschauer noch nicht absehen. Damals machte man sich keine Gedanken über die Endlichkeit der Kaolin-Ressourcen. Das ist nun ganz anders: „In 25 bis 40 Jahren werden die Vorkommen erschöpft sein“, sagt Birner und erzählt gleich vom „Nachfolgenutzungsgesetz“. Ähnlich wie im Lausitzer Seenland sollen die Gruben und Brachen dann geflutet werden. Nach rund 150 Jahren wird ein ganzer Wirtschaftszweig aussterben und die Industrielandschaft in eine Wasser-Ferienregion verwandelt. So wie in Dubai das Öl ausgeht, geht in der Oberpfalz das Kaolin aus – und die Lösung heißt in beiden Fällen: Tourismus. „Wir sind froh“, sagt Birner, „dass wir mit dem Monte Kaolino den ersten Schritt schon vor langer Zeit getan haben.“ Heute kommen an schönen Tagen in der Hochsaison bis zu 2500 Menschen in den Freizeitpark. Die Logistik dafür haben die Hirschauer gut im Griff.

Nach fünf Skiabfahrten durch die Hitze glühen die Oberschenkel, innen genauso wie außen. Der Fahrtwind macht die Temperaturen noch halbwegs erträglich, aber sobald man unten zum Stehen kommt, scheint man in der Sonne zu verglühen. Feiner Sandstaub liegt auf der Haut, unterbrochen von dünnen Schweißlinien. Es ist nun sehr einleuchtend, dass sich die Skipioniere des Monte Kaolino schon in den 1950er Jahren für ein Freibad einsetzten und dieses 1959 gebaut wurde. Seither gehört die Abkühlung zum Sommerskifahren wie die aufwärmende Après-Ski-Party zum Winterskifahren.

Grafik: F.A.Z.-Karte sie.

Ein Glück, dass der Berg und die ganze touristische Kunstwelt, die um ihn herum entstanden ist, keine Sinnestäuschungen sind. Ein Glück, dass diese surreale Mischung aus Sahara, Karibik, Emirate und Oberpfalz real ist, dass das Schwimmbad keine Illusion ist, sondern 24 Grad kühle nordbayerische Wirklichkeit. Und ein Glück, dass der Weg dorthin – von der Sandpiste zum Skiverleih und durch das Drehkreuz zum Beckenrand – gerade mal 100 Meter lang ist.

Der Weg zum Monte Kaolino

Anreise: Mit dem Auto von Süden/Westen kommend über die A9 bis Nürnberg und die A6 bis Amberg, dann auf der B299 nach Hirschau. Von Norden auf der A9 bis Pegnitz und weiter auf der B85. In Hirschau ist der Monte Kaolino ausgeschildert.
Skifahren: Die Stundenkarte, die für erste Versuche im Sandskifahren genügt, kostet inklusive Skiverleih 25 Euro (Kinder 20 Euro), die Tageskarte mit Verleih 60 bzw. 55 Euro.
Unterkunft: Der Campingplatz am Fuße des Berges hat 125 Stellplätze (9,50 Euro pro Platz und Nacht, plus 8 Euro/Erwachsener, 4,50 Euro/Kind) und mehrere Hütten/Mobil-Heime (ab 70 Euro/Nacht).
Weitere Informationen: unter www.montekaolino.eu und Tel. 09622 / 8 15 02.
Quelle: F.A.Z.