Südafrika

Das Glück liegt hinter Düne 91

Von Andrea Diener
© F.A.Z., Andrea Diener, F.A.Z., Andrea Diener

Wir fliegen über rotes Land, meilenweit ist aus dem Fenster nichts zu sehen als Staub, von dürren Straßen durchzogen und zwischen ebenso dürre Hügel geklemmt. Am Horizont weht Staub, darüber ein unwirklich blauer Himmel. Dann, als wir nichts mehr erwarten, außer vielleicht der einen oder anderen Marssonde zu begegnen, fräst sich plötzlich die vollkommen überdimensionierte Landebahn des Upington International Airport ins Nichts, der sich nur deshalb so bezeichnen darf, weil ab und zu eine Cargomaschine ins nahe Namibia fliegt. Auf der Piste bei Upington kann zwar auch ein Space Shuttle notlanden, wenn es sein muss, meist aber setzen nur winzige Maschinen aus Kapstadt oder Johannesburg auf. Dann spucken sie ein paar Einheimische aus und eine Handvoll abenteuerlustiger Reisender, die schon so viel von Südafrika gesehen haben, dass sie sich nun in dieses gottverlassene Eckchen vorwagen – in die Kalahari.

Ein Zipfel Südafrika ragt nach Norden, eingeklemmt zwischen Namibia und Botswana. Unser Ziel ist der Kgalagadi Transfrontier Park, der so heißt, weil große Teile jenseits der Grenze auf botswanischem Staatsgebiet liegen. Schon auf unserem Weg dorthin begleitet uns über große Strecken der Grenzzaun auf der rechten Straßenseite. Botswana sieht, soweit wir erkennen können, genauso rot und staubig und mit spärlichem Gestrüpp überwuchert aus wie Südafrika, und ab und zu wechselt eine Manguste oder eine Wüstenmaus ihre Nationalität. Neben der Straße stehen hölzerne Strommasten mit Isolatoren aus funkelnd weißem Porzellan, auf einigen von ihnen bauschen sich Siedelwebernester aus Stroh. Die kleinen Vögel flitzen so schnell in ihre Massenunterkünfte, dass sie mit bloßem Auge kaum, und auf den Fotos nur als verwischte Streifen zu sehen sind.

Wasser ist ein seltenes Gut in der Kalahari und ist bei Mensch und Tier hart umkämpft. Grundsätzlich gilt: Löwe vor Oryx-Antilope vor Strauß.
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Irgendwann einmal versuchten idealistische Siedler, dieses staubige Land zu bewirtschaften, gaben die Idee aber ziemlich bald wieder auf. Rund um den Orange River bei Upington befinden sich fruchtbare Felder, vor allem dank eines ausgeklügelten Bewässerungssystems, dort gedeihen Weinstöcke und Granatapfelbäume. Doch abseits des Flusses reihen sich sandige, steinige Dünen, auf denen sich nur der Kameldornbaum wohlfühlt, und schwarzköpfige Dorperschafe, eine südafrikanische Züchtung, die absolut alles aushält, sich rasant vermehrt und gutes Fleisch auch dann liefert, wenn es ringsum nur dornige Büsche gibt.

Wo bitte sind hier die Flüsse?

Zugegeben, wir schauen skeptisch aus dem Fenster unseres Busses und wissen wirklich nicht genau, was wir an diesem unwirtlichen Ende der Welt eigentlich sollen. Dann senkt sich gnädig die Nacht über die struppige Weite und tüpfelt einen Sternenhimmel ans Firmament, den man so nur in der Wüste sieht, mit Milchstraße und allem Drum und Dran.

Und manchmal braucht es nur ein wenig gnädiges Morgenlicht und ein paar Kilometer bis zum Eingang des Nationalparks, damit die Welt ganz anders aussieht. Wer nämlich denkt, dass Wüste eine monotone Sache ist, der wird hier eines Besseren belehrt. Die Kalahari, die strenggenommen eine Dornstrauchsavanne ist, wegen des hohen Sandaufkommens aber auch als Wüste bezeichnet wird, sieht nach jeder Wegbiegung anders aus.

Ein altes Wohnhaus im Kgalagadi Park. Heute ist es ein Museum und zeigt die kargen, harten Lebensbedingungen von frühen Siedlern in der Wüste.
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Twee Rivieren heißt der Eingang zum Park, also Zwei Flüsse, aber der Anlass für diese Bezeichnung ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Seit Upington haben wir keinen Fluss mehr gesehen, und das war vor zweihundert Kilometern. Wir fahren los, der Fluss wird schon kommen. Wir sehen Springböcke im Tal, eine Herde Gnus sucht Schatten unter einem Baum. Ein paar Erdmännchen buddeln nach Insekten, über ihnen sitzen schwarze Nashornvögel im Baum und warten geduldig darauf, dass etwas für sie abfällt. Bunte Bienenfresser flattern über die Straße. Heller Sand staubt vor sich hin. An einer Wasserstelle trinken mehrere Oryx-Antilopen. Sie alle sind Besuch gewöhnt und lassen sich von uns nicht irritieren. Aber wo sind nun die Flüsse?

Wir sind hier schließlich nicht im Zoo

Gleich an der ersten Wasserstelle fließen sie zusammen, wir stehen mittendrin. Auf der einen Seite der Nossob, auf der anderen der Auob. Ungefähr einmal pro Jahrhundert fließt hier angeblich auch sichtbar Wasser, die restliche Zeit fließt es nur unterirdisch. Wir sehen es natürlich nicht, aber die Baumdichte verrät es: Irgendwo da unten ist es feucht. Auch die Farbe des Sandes weist auf fließendes Wasser hin, denn es hat den sonst überall roten Boden von den Eisenanteilen fast vollständig befreit. Was übrig bleibt, ist nahezu weißer Sand.

Ab und zu soll es in der Kalahari auch regnen, dann sind plötzlich alle Büsche grün, aber das hat es schon seit einiger Zeit nicht mehr getan. Unser Besuch fällt in eine Dürreperiode, die Tieren und Pflanzen schwer zu schaffen macht. Die Dornbüsche ziehen sich ins Holz zurück und warten ab, die Herden schrumpfen. All das ist ganz natürlich: Die wenigen Jungtiere, die dennoch durchkommen, werden besonders kräftig sein. Das muss man aushalten, so ist die Natur eben, wir sind hier schließlich nicht im Zoo.

Ein wenig Service am Tier gibt es im Nationalpark aber dennoch: Wasserstellen, deren Pumpen mit Wind- oder Solarenergie betrieben werden. Die meisten befinden sich in Sichtweite der Straße, so dass man die trinkenden Tiere beobachten kann – und die Rangeleien darum, wer zuerst seinen Durst löschen darf.

Anderthalb Stunden Großwildkino

Um ein Wasserloch im Flusstal versammeln sich fünfzig Oryx-Antilopen mit ihren langen Hörnern, alle sehr auf Stunk aus, dazu ein paar Kuhantilopen, ein paar Gnus und eine Handvoll zutiefst frustrierter Strauße, die zwischen all dem Hörnervieh nicht zum Zug kommen. Nebenan liegt eine Löwenfamilie unter einem Baum und hebt nicht einmal eine Schwanzspitze, stets unter strenger Bewachung einiger Antilopen, die sie nicht aus den Augen lassen. Dazwischen stelzen Sekretäre herum und tun sehr wichtig. Weil Kgalagadi ein weniger bekannter Park am Rande von Nirgendwo ist, teilt man sich den Blick aufs Gewimmel mit höchstens ein, zwei weiteren Besucherautos. Da stehen wir also, gucken Wasserlochkino, und als wir weiterfahren, sind anderthalb Stunden vergangen – gute Spielfilmlänge. Wir fühlen uns vom örtlichen Großwild bestens unterhalten.

Mitten im Dünengebuckel liegt die !Xaus-Lodge. Die Häuser sind überraschend luxuriös, auch wenn man nur morgens und abends Strom hat.
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Am aktivsten sind die Tiere am frühen Morgen, wenn es noch etwas kühler ist. Deshalb ist es eine gute Idee, im Park in einer der Lodges zu übernachten. Die meisten sind staatlich, für Selbstversorger eingerichtet und nicht unbedingt luxuriös. Ganz anders dagegen die !Xaus-Lodge – in der Nama-Sprache der Buschleute heißt das „Herz“, und sie liegt wirklich im Herzen der Dünenlandschaft. Das Besondere ist, dass sie zwei einheimischen Stämmen gehört, den Mier und den San, vier Sterne hat und eine hervorragende Küche. Und noch dazu fließt das Geld, das hier erwirtschaftet wird, in die lokalen Gemeinschaften, die damit ihre Schulen finanzieren können.

Der einzige Pferdefuß sind die 29 Kilometer Dünenfahrt, die man dafür auf sich nehmen muss. Die schmale Straße ist nur für Gäste freigegeben, dann schaukelt man eine knappe Stunde durch unwegsames Gelände. 91 Dünen – und ein paar Zwischenstopps zwecks Steinböckchenbeobachtung – später erreichen wir die hölzernen, ziemlich komfortablen Hütten. Ein löwensicherer Steg verbindet sie mit dem Restaurant in der Mitte. Wir kommen eine halbe Stunde, bevor der Strom angeschaltet wird, denn der läuft nur abends und am Morgen. Solarlampen und Campinglaternen helfen über die Nacht, Ladegeräte geben wir im Büro ab. Dort gibt es manchmal auch Internet.

Perlhuhn Claudine hat Aufenthaltsrecht

Vor allem aber gibt es eine Veranda vor jeder Hütte, und die blickt über eine karge, herzförmige Salzpfanne hinweg. Die Lodge hat dort eine Tränke eingerichtet, manchmal sieht man nachts Schakale herumhuschen. Zur anderen Seite türmen sich die Dünen, ab und zu kommt ein junges Steinböckchen herangehüpft. Am Vogelbad neben der Terrasse herrscht große Hektik, wenn Schwärme ankommen, andere Schwärme vertreiben und plötzlich, wie auf Kommando, gemeinsam wieder aufbrechen. Perlhuhn Claudine hingegen ist einfach geblieben und hat inzwischen vollumfängliches Aufenthaltsrecht.

Die !Xaus-Lodge befindet sich an der Grenze zu Namibia mitten im Land der Khomani San, die man einst als Buschmänner bezeichnete. Die Geschichte der San ist eine ziemlich unrühmliche, die sich nur langsam und zäh zum Besseren wendet. Bis zum Jahr 1946 hatten die San den Status jagdbaren Wilds, erst danach waren sie überhaupt als Menschen anerkannt. Nützlich waren sie nur in Kriegszeiten als Spurenleser, ansonsten brauchte man sie höchstens als Arbeitssklaven auf den Farmen. Im Jahr 1931 wurde der Nationalpark gegründet , viele San wurden vertrieben. 1999 setzten sie vor Gericht zusammen mit dem benachbarten Volk der Mier eine Rückgabe von 65000 Hektar Land durch – die bisher einzige erfolgreiche Landrückforderung eines San-Volkes in Südafrika und deshalb etwas Besonderes, das weithin Beachtung fand

So sehen junge San heute nur noch aus, wenn sie Kunsthandwerk herstellen, das sie an Touristen verkaufen. Und bei Dorffesten natürlich.
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Einfach ist das Leben für die San dennoch nicht, Arbeit gibt es kaum in dieser Gegend. Viele fangen an zu trinken, was fatale Folgen hat: San können Alkohol nur schlecht abbauen. Die Mier sind ein umtriebiges, geschäftstüchtiges Völkchen, das immer schon Handel getrieben hat, während sich die San vor ein paar Jahrzehnten noch als Jäger und Sammler, später als Farmarbeiter durchschlugen.

Lieber iPhone statt Pfeil und Bogen

Richard Ilett, der die Lodge mit aufbaute und bis vor kurzem leitete, war deshalb auch immer ein bisschen Mediator und Sozialarbeiter für die umliegenden Gemeinden. „Wir müssen auch das Selbstbewusstsein der Buschleute stärken“, sagt er, denn durch die Apartheid seien viele Familien zerstört worden, und Traditionen seien verloren gegangen. Die meisten der jungen San können besser mit dem iPhone als mit Pfeil und Bogen umgehen, in ihrer Klicklaut-Sprache können sie gerade noch bis zehn zählen. Der Medizinmann gibt sich große Mühe, sein Wissen weiterzugeben, denn fast jedes Kraut in den Dünen hilft gegen irgendwelche Beschwerden. Wie man in einem trockenen Land wie der Kalahari überleben kann, das wissen nur noch die alten Buschleute.

Wer möchte, kann mit Andries, einem San, der in der Lodge arbeitet, durch die Dünen wandern und sich die Vegetation erklären lassen. Er versteht sich auch aufs Spurenlesen: „Die San lesen die Dünen wie eine Zeitung“, sagt Richard Ilett. „Sie wissen genau, dass hier eine Maus gelaufen ist und auch, in welchem Gemütszustand die Maus war - je nachdem, ob sie den Schwanz erhoben hatte oder schleifen ließ.“ Das hier sei jedenfalls eine drei Tage alte Leopardenspur, sagt Andries und deutet auf Vertiefungen im Sand. Wir sind beeindruckt. Woran er das erkennt? „Na, sie war vor zwei Tagen auch schon da!“, sagt Andries und grinst. Wir lachen erleichtert. Buschmannwissen ist also auch kein Hexenwerk.

Frühmorgens wandern wir mit Andries durch die Dünen. Als San kann er die Spuren lesen wie eine Zeitung.
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Andries Freundin Melissa ist eine Mier und hat in der Lodge den Aufstieg von der Küchenhilfe zur Rangerin geschafft – ein Beruf, den man sonst eher mit weißen mittelalten Männern verbindet. „Ich mag Tiere“, sagt Melissa einfach und sucht den Horizont ab. Da hinten, ein Gepard! Wir kneifen die Augen zusammen und reichen das Fernglas herum: Doch, da hinten am Hügel, da sitzt er. „Well spotted“, sagt Richard. Dass er auf Erfolgsgeschichten wie die von Melissa ziemlich stolz ist, merkt man ihm an. Dann mixt er Gin Tonic für alle, denn den Sundowner nimmt man am Besten in freier Natur. Das ist luxuriöser als jede Hotelbar.

Leere gibt es hier reichlich

Für Freunde des Eventtourismus im ganz großen Safaristil ist die Kalahari wirklich nicht geeignet. Hier jagt man nicht in Jeeps Elefantenherden hinterher, man steht eher einmal um einen Busch herum, reibt Blätter und stellt fest, dass sie wie Lavendel riechen. Man lernt, wie Käferspuren aussehen und Skorpionspuren und darf einen fünfzehn Zentimeter langen, daumendicken Tausendfüßler anfassen, wenn man sich traut. Man parkt stundenlang an einer Kreuzung, weil man sich nicht vom Anblick zweier Wüstenfuchswelpen losreißen kann. Man schaut in den Nachthimmel, sucht Orion und Jupiter und Mars und guckt ansonsten in die Leere. Davon gibt es hier viel, obwohl Leere heute so selten geworden ist.

Bevor es nach Upington zurückgeht, machen wir einen Abstecher zum zweiten Nationalpark der Gegend, dem Augrabies Falls National Park. Er ist nur ein Bruchteil so groß wie der Kgalagadi, aber die Landschaft spricht sehr für einen Besuch. Während wir in den Dünen die Schönheit eher im Detail gesucht haben, gibt es in Augrabies das ganz große Überwältigungsprogramm mit bizarren Felsformationen in roter Abendsonne, mächtigen, dickblättrigen Köcherbäumen und vor allem dem tiefen Canyon, den der Orange River in die Landschaft gegraben hat. Ein Labyrinth aus Holztreppen, Stegen und Plattformen macht es möglich, sich die Schlucht angstfrei anzuschauen und das Wasser von oben zu betrachten.

Der Wasserfall ist momentan zwar eher ein tröpfelndes Rinnsal als überschäumende Naturgewalt. Aber was macht das schon, wenn man auf dem Rückweg zwei stänkernden Giraffenbullen über den Weg läuft? Diese sonst so in sich ruhenden Tiere winden ihre Hälse ineinander und drücken sich gegenseitig nieder. Ab und zu schauen sie zu uns herüber. Giraffen sehen sehr gut und wissen genau, wer wir sind und dass wir keine Gefahr bedeuten. Deshalb gibt es für sie keinen Anlass, schreckhaft zu sein. Irgendwann beruhigen sie sich wieder und ziehen davon, ganz gemächlich überqueren sie die Straße, die langen Hälse schaukeln bei jedem Schritt. Sie gehören ganz allein uns, denn sonst ist ja niemand da.

Im roten Wüstensand

Anreise zum Beispiel mit South African Airlines von Frankfurt oder München via Johannesburg nach Upington. Informationen unter Telefon 069/29980320 oder www.flysaa.com.

Der Kgalagadi Transfrontier Park ist ab Upington ausgeschildert und lässt sich mit dem Mietwagen gut erreichen. Selbstversorgerhütten kosten um die 75 Euro pro Chalet. Alle Informationen unter www.sanparks.org/parks/kgalagadi.

Die !Xaus-Lodge hat die schöne Adresse „Dune 91, Off the Auob River“ und bietet Arrangements für mehrtägige Aufenthalte an. Kosten pro Person/Tag inklusive Mahlzeiten und Aktivitäten ca. 195 bis 245 Euro. Informationen und Buchung unter www.xauslodge.co.za.

Der Augrabies Falls National Park ist mit seinen gutausgebauten Wegen kleiner, aber auch bequemer als Kgalagadi. Es gibt Selbstversorgerhütten (um 75 Euro), aber auch ein empfehlenswertes Restaurant. Informationen unter www.sanparks.org/parks/augrabies.

Allgemeine Informationen über das Land erteilt die Tourismusbehörde von Südafrika unter der Telefonnummer 0800/1189118, per E-Mail unter info.de@southafrica.net oder auf der Website www.dein-suedafrika.de.

Quelle: F.A.Z.
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