Survival-Urlaub

Papa, ich mach’ schon mal Feuer!

Von Thomas Lindemann
© Studio Grau, F.A.S.

Auf der Lichtung, beim Bolzplatz, gibt es einen von Johanniskraut bewachsenen Hügel. Dort kann man das Handy am langen Arm in den Himmel strecken und manchmal Nachrichten mit dem daheim gebliebenen Rest der Familie austauschen. Manchmal. „Vielleicht hängt es vom Wind ab“, vermutet mein Sohn. Im Wesentlichen sind wir allein. Papa und Kind in der Mecklenburger Wildnis. Mitten in der Seenplatte, beim Kleinen Peetschsee. Direkt vor dem Zelt plätschert das Wasser.

Spuren im Wald

Ich bin sonst der Typ, der an der Cocktailbar sitzt, mit dem Barkeeper über Gins philosophiert und dem unterbezahlten Jazzpianisten zuhört. Was habe ich im Wald neben einem Campingplatz zu verlieren? Nichts, richtig! Mein Sohn, Stadtmensch wie ich, bekommt als Erstes im Zelt einen hysterischen Anfall und zählt schreiend Fliegen und Spinnen.

Dann das Wunder. Zwei Tage später werden wir lässige Trapper sein. Wir werden gelernt haben, wie man richtig Feuer macht, wie man Spuren im Wald liest, wie man mit dem Bogen schießt. Und was man im Kanu tut, wenn Wellen aufkommen. Wir werden uns wie Kerle fühlen. Insofern funktioniert das „Vater-Sohn-Survival light“ des Reiseanbieters Vamos prächtig.

Verantwortlich dafür ist unser Reiseleiter, der unsere Zelte am Waldrand schon aufgebaut hat und gerade die Gaskocher anwirft, als wir ankommen. Ein Outdoor-Freak, denke ich, aber einer, vor dem man Respekt haben muss. Die Kinder nennen ihn „Marco Polo“, er heißt eigentlich nicht so, aber der Name passt. Freundlich ist er, aber auch bestimmt mit den Kleinen, er schläft gern ohne Zelt draußen und verbringt sein Leben in der Natur. Und er hat Bier gekauft, für uns Väter. Frauen sind keine dabei, sollen auch nicht.

Während mein Sohn mit seinen neuen Freunden schnitzt und Fußball spielt, muss ich auch lernen, mich auf meine einzustellen. Abends am Lagerfeuer reden die Männer, was man eben so redet unter Aussteigern: Die Menschen konsumieren zu viel und müssen dringend „entschleunigen“. Und wir sind alle unfrei und von Medien sowie Werbung gelenkt. Mit Besorgnis wird das alles ausgetauscht, nicht mit Pegida-Hass, aber schon mit viel Liebe zum Klischee. Es sind auch alle von den Müttern ihrer Kinder getrennt. Väter auf Sinnsuche.

Gleich am Morgen des zweiten Tages finde ich meine Gabeln nicht. Wir sammeln alles in einer überdachten Feuerstelle, unserer Basis. Aber einer von den anderen Spinnern bunkert seine Dinge in seinem eigenen Koffer. Ich möchte wetten, er hat meine Gabeln. Gleich gibt es Krieg! Als ich das denke, kommt er auf mich zu und entschuldigt sich, er habe aus Versehen mein Besteck mitgenommen. Ein superhöflicher Typ. Hab’ ich Spinner gesagt? Niemals!

Väter und Söhne

In den ersten 24 Stunden gehen wir - vier Väter, vier Söhne, ein Marco - tief im Wald Bogenschießen, was erstaunlichen Spaß macht. Danach Baumklettern, wirklich hoch, ich bekomme Höhenangst. Einer hält den anderen angeseilt fest. Da fühle ich mich schon wie im Manager-Seminar. Meine Familie ist eine Abteilung, in der alle nebeneinander her leben, und hier dürfen wir uns wieder solidarisch zusammenfinden. Das Seil hält natürlich mein Sohn.

Auch wenn unsere kleinen Zelte im Wald stehen, das Lager ist einem Campingplatz zugeordnet, wir gehen zweihundert Meter, um uns oder das Geschirr zu waschen. Auf dem „Biber Ferienhof“ kostet das Duschen einen Euro, die Marke hält für vier Minuten Warmwasser vor. Wer ins Internet will, kann einen Hotspot nutzen, die Stunde zu drei Euro. Ein kleiner Kiosk hat viel Funktionskleidung und hübsche Schnitzmesser und ein Duschgel für vier Euro, ein Pfund Zucker für fünf. „Ist doch bio“, sagt die Kassiererin. Ich verstehe den Wucher als Warnung: Man muss gut vorbereitet sein.

Ab Tag drei paddeln wir über die „tausend Seen“ Mecklenburgs - 950 sind es wirklich. Manche sind riesig und entwickeln enorme Wellen. „Papas retten ihre Kinder, wenn jemand kentert“, ruft der Reiseleiter. Ein Hausboot zischt sehr nah an uns vorbei, ein Designobjekt mit viel Glas, es schneidet uns den Weg gegen die Vorfahrtsregel ab. Drin sieht man ein junges Paar grinsen. Für einfache Floß-Hausboote braucht man hier keinen Führerschein.

Alles Beinarbeit

Abends am Lagerfeuer reden wir diesmal über die Occupy-Bewegung, das Grundeinkommen, die Macht der Banken, und dass die Menschen nicht tun, was sie glücklich macht. Man wird regelrecht politisch beim Survival.

Und es wird Fußball gespielt. Jeden Tag zum Abschluss. Erwachsene gegen Kinder. Wir kämpfen ernsthaft. Wir gewinnen auch. Zwar sind wir alle konditionell stark herausgefordert, aber die Kinder sind keine Mannschaft, sondern Egomanen. Die Papas gewinnen also, spüren aber: In ein bis zwei Jahren ist das vorbei - die Zehnjährigen sind schon beinahe zu gut. Ich fühle jeden Tag massiven Muskelkater. Die Ausbildung zum Superhelden schmerzt eben im Bein.

Den Kindern scheint das aber nicht so zu gehen. Sie hacken Holz, rennen durch den Wald, graben, sammeln, bauen Lagerfeuer für den Abend vor und fallen erst spät im Zelt müde um. Bis die Spechte uns um sechs wecken.

Schon am dritten Tag bin ich ein neuer Mensch. Ich kann im Wald verschiedene Kräuter erkennen, einen Wildwechsel lesen und aus Gräsern ein starkes Seil bauen. Das Johanniskraut erkennen, die Wolfsmilch nutzen, um eine Warze zu behandeln, den Rundwegerich für eine Wunde. Ich sitze Arm in Arm mit meinem Sohn auf einem Baumstamm und kaue Äpfel, die wir unterwegs gepflückt haben. Wir machen nur Sachen für echte Kerle. Ich wollte mich raushalten und alles albern finden. Ich habe mich geärgert über diesen einen Vater, der seinen Sohn manchmal autoritär anschnauzt. Und am Ende war ich dann doch mit allen Freund. Am liebsten plaudere ich, der Wehrdienstverweigerer, stundenlang mit dem Berufssoldaten, der meinen Jugendtraum lebt: Er ist Hubschrauberpilot geworden.

Mit all dem archaischen männlichen Unsinn, denke ich mir vor der Abreise, könnte ich doch meine Frau beeindrucken. Ich komme quasi barfuß nach Hause, als harter Hund und Naturbursche, trommle mir auf die Brust und zeige mich als Waldmensch. Meine Frau imponiert das dann aber leider doch nicht, sie lacht über Neochauvinismus. Aber was sie schwer beeindruckt, ist, dass ich eine Woche ganz allein mit meinem Sohn verbracht habe und wir offensichtlich als verschworene Freunde wiederkommen. Wir sind Indianer geworden. Das verstehen die Stadtmenschen nicht, aber sie respektieren es.

Die Reise „Survival Light“ ist zu buchen über den Familienreisen-Anbieter Vamos (www.vamos-reisen.de), ab 400 Euro für einen Vater mit Sohn oder Tochter ab acht Jahren. Keine Mütter bei diesem Angebot. Anreise nach Mirow, von dort noch elf Kilometer mit z. B. dem Taxi.

Quelle: F.A.S.
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Marco Polo | Occupy