Anzeige

Tropical Islands

Wenn die Tropen Trauer tragen

Von Andrea Diener
 - 11:20
Die Südsee. Oder zumindest eine Truman-Show-Version davon. Bild: Andrea Diener, F.A.Z.

Der Zug hält im brandenburgischen Nirgendwo. Rechts Wald. Links ein Stück Wiese, drauf ein verfallenes Ziegelhaus, dann Wald. Nichts deutet darauf hin, dass nur wenige Kilometer vom Bahnhof Brand (Niederlausitz) entfernt Deutschlands elftbeliebteste Sehenswürdigkeit zu finden ist. Der Shuttlebus mit großflächigem Palmendruck und Papageien-Sitzmuster groovt uns ein. In Endlosschleife läuft das Werbevideo, das glückliche Werbepaare dabei zeigt, wie sie Werbepaardinge tun: wildromantisch Gitarre spielen, sich mit bunten Glitzerpalmencocktails zuprosten und mit erhobenen Händen Wasserrutsche rutschen. Hui! Dabei läuft das Spaßbad-Werbelied in Dauerschleife: „If you wanna relax, if you wanna just let me be – Tropical Islands“, säuselt es uns an. Meine jugendliche Begleiterin säuselt mit, denn sie hat das Video schon ungefähr fünfmal gesehen, weil sie nicht glauben konnte, was sie sah.

Anzeige

„Ich muss aba noch ’n Momentsche warten, die Putzfrau steicht noch zu“, sagt der Busfahrer. Die kommt nämlich mit dem Gegenzug, sonst kommt niemand, und wir nehmen mitsamt Putzfrau Kurs auf die Tropical-Islands-Allee 1 in besagtem Brand (Niederlausitz). Gerade als wir denken, da kommt nichts mehr außer Wölfen, erhebt sich die riesige, bunt beleuchtete Kellerassel aus der Prärie. Hier wollte mal ein Unternehmen Lastzeppeline bauen. Cargolifter nannte man sich – und steuerte millionensubventioniert in die Pleite. Nun steuert hier, in der weltweit größten freitragenden Halle, ein malaiischer Gemischtwarenkonzern mit einem Indoor-Urlaubsparadies millionensubventioniert auf ansatzweise schwarze Zahlen zu.

Am Eingang ist alles ganz profan. Glastüren, Beton, ein Check-in mit dem Charme einer Baumarktkasse. An den Bezahlautomaten vorbei geht es zu unseren Zimmern. Wir sind im Piratendorf untergebracht, genau das Richtige für alle, denen die Piratenvolkstümlichkeit der echten Karibik schon immer viel zu authentisch vorkam. Im Piratendorf gibt es einen fahl leuchtenden Getränkeautomaten, Kofferkulis und ziemlich viel Patinasimulation. Unser Balkon hat sogar Zinnen, wir klopfen dagegen, sie klingen hohl. Der Blick geht hinaus über ein paar Dächer, ein riesiges Transparent, das für einen Radiosender wirbt, und ein bisschen Baustelle, denn im Paradies wird gebaut. Das Paradies braucht neue Übernachtungsmöglichkeiten, damit das Paradies profitabler wird.

Schlumpfblauer Slushie aus der Plastikananas

Wir entschließen uns zu einem Abendspaziergang. Durch den Dschungel führt ein breiter, gepflasterter Weg zur Südsee, dem großen Badeareal mit dem Wolkenhorizont. Der sorgt dafür, dass man sich noch mehr fühlt wie in der „Truman Show“ als ohnehin schon. Abends leuchten die Wolken violett, und am Rande hängen sie etwas faltig herum. Auf den Liegen haben sich ein paar Schläfer unter ihren Handtüchern häuslich eingerichtet und schnarchen leise vor sich hin. Die Bar verkauft Cocktails und Bier in Plastikbechern. Leise schwappt Wasser. Wir schleichen uns wieder in unser Zimmer.

Anzeige

Das Frühstück gibt es im Thai-Haus, im Restaurant mit dem hübsch sinnlosen Namen Jabarimba. Frühstücksbuffet mit Masse satt, süßer Konzentratsaft, Dosenobst und Volleiomelett aus dem Tetrapak. Man schaufelt sich drauf. Ein Schwarm Zebrafinken pickt die Krümel unterm Tisch weg, wir sind begeistert: endlich ein Stück Natur.

Gut, was kann man hier also unternehmen? Wir saugen schlumpfblauen Slushie aus einer Plastikananas und schauen uns um. Man kann am Shopping-Boulevard seltsame Dinge einkaufen. Schlumpfblauen Slushie samt Plastikananas, Plüschtiere, Strandbekleidung, Bücher. Da steht interessanterweise auch „Das Tagebuch der Anne Frank“. Man kann sich ein Airbrush-Tattoo machen lassen, aber Achtung, da steht man immer Schlange, denn das will fast jeder. Es gibt einen Kosmetikladen und haufenweise Süßkram, Postkarten, Kaffeebecher von erlesener Scheußlichkeit, rosa Plastikflamingos, fast alles mit Glitzer. Die Begleiterin kauft sich eine hauseigene Einwegkamera, so etwas gibt es noch, sogar mit Palmen drauf. Bezahlt wird alles mit dem Chip, den man uns ums Handgelenk geschnallt hat und den wir immer tragen, denn er ist gleichzeitig der Schlüssel für alles Mögliche.

Das Volk soll konsumieren

Hinter dem irgendwie karibischen Shopping-Boulevard treten wir durchs Bali-Tor, da ist der Bali-Pavillon mit dem Asian Wok House. Es wird sich als der heimliche Renner der örtlichen Kulinarik entpuppen. Gleich hinter Bali liegt Thailand mit dem Jabarimba, was ja irgendwie vage afrikanisch klingt, gegenüber das Borneo-Langhaus (südostasiatisch), dahinter die Wayang-Bühne (javanesisch), die Samoa-Lodge (polynesisch) und die Sambesi-Bar (afrikanisch). Irgendwann gibt man es auf, die Tropen, die hier simuliert werden, lokalisieren und verstehen zu wollen. Man nimmt sie einfach hin als „Länder, die irgendwie heiß sind“, und lässt allen kulturellen Anspruch fahren.

Auch der Anspruch, ansatzweise etwas lernen zu wollen, hält keine anderthalb Stunden. Nichts ist mit lästigen Schildern beschriftet, kein Pflänzchen des immerhin größten Indoor-Dschungels der Welt sagt, wie es heißt, und die Vitrine mit den Dschungeltieren wartet nur mit allerknappsten Erklärungen auf. Das Volk soll konsumieren und nicht über irgendetwas nachdenken. Nicht einmal darüber, wie dieser Baum da heißt. Der Baum ist Dekoration, genau wie die Bauten und die Rumfässer in unserem Playmobil-Piratendorf. Auch die Flamingos, die die angenehme Eigenschaft haben, als Rudel immer dort zu bleiben, wo man sie hinstellt, sind nicht mehr als Selfie-Kulisse. Die renitentesten Lebewesen hier sind die Schildkröten, die immer wieder ausreißen, um ihre Eier am Truman-Show-Strand zu vergraben. Man fängt sie regelmäßig wieder ein.

Die beliebtesten Orte sind, der Menschendichte nach zu schließen, die Lagune und die Südsee. Die Menschen liegen dort dicht an dicht auf Ice-Age-Handtüchern und Yoda-Handtüchern und Angry-Bird-Handtüchern. Man sollte nämlich unbedingt eigene Handtücher mitbringen, sonst kostet es, und Kaution noch obendrauf. Eigentlich sollte man so viel wie möglich mitbringen, so schnell, wie man hier das Geld loswird. Die Plastikananas ist allerdings eine gute Investition, denn damit bekommt man die Getränke etwas günstiger, nicht nur Schlumpfslushie. Die meisten hier sehen allerdings aus, als seien sie fest entschlossen, sich darüber keine Gedanken machen zu wollen.

Es gibt weder Wetter noch Landschaft

Der ideale Tropical-Islands-Besucher liegt offenbar gerne herum, am liebsten paarweise oder im Familienverband auf Liegen oder Liegestühlen. Manchmal geht er rutschen, wofür er sich bereitwillig in längliche Schlangen stellt, oder lässt sich im seichten Wasser treiben. Er gibt Geld dafür aus, Minigolf auf einem winzigen, dschungelstilistisch dekorierten Parcours zu spielen. Wer Aufschlag bezahlt, kann auch die Saunalandschaft besuchen (Bademantel mitbringen!). Meistens aber liegt er herum und überlässt Spiel, Spaß und Spannung seinen Kindern. Das sind die Besucher, die wir gut verstehen können, denn das Kinderparadies ist wirklich riesig. Da hätten wir auch Spaß gehabt, ach was, da hätten wir immer noch Spaß!

Viele Besucher aber sind jung, kommen mit Partner und spielen allen Ernstes miteinander Minigolf. Minigolf! Da haben wir Identifikationsprobleme, denn die sind doch jung, denen steht doch die Welt offen, denken wir. Die haben offensichtlich keine finanziellen Probleme und auch sonst nichts, was sie zurückhält. Warum lassen die sich in eine Halle sperren? „Bei meinen Freunden“, sagt meine jugendliche Begleitung, „ist Tropical Islands aber auch ganz hip. Also bei denen, die“, jetzt wird sie etwas vorsichtig, „weniger Wert auf Bildung legen. Also bei so RTL-Guckern.“

Normalerweise funktioniert Urlaub doch so: Man nimmt einen schönen Ort mit halbwegs stabilem Wetter und stattet ihn mit einer Erholungsinfrastruktur aus. Man baut Restaurants und Hotels, man stellt Liegestühle und Sonnenschirme auf. Tropical Islands ist da deutlich reduktionistischer. Es verzichtet auf den schönen Ort und stellt einfach Infrastruktur in eine Halle. Es gibt weder Wetter noch Landschaft, und alles, was es gibt, dient einzig dem Vergnügen einer derart erholungsbedürftigen Klientel, dass denen alles wurscht ist, Hauptsache, Liege und Wasser und ein paar Palmen.

Ibizastampfmukke an der Instant-Südsee

Das Bemerkenswerteste ist, wie schnell empfindsame Gemüter wie uns die Klaustrophobie überkommt. Es gibt keinen Ort, an dem man ansatzweise unbeobachtet ist. Deshalb kehren wir alle zwei Stunden in unser Piratenzimmer zurück, legen uns aufs Bett und kontemplieren den Wahnsinn, dessen wir gerade ansichtig wurden. Wir schließen die Augen, riechen den Chlor, hören dem Spaßbadgedröhne zu, das unter der Kuppel herumechot. Wenn wir Pech haben, ist gerade irgendein Animationsprogramm in der Südsee, und es schallt Ibizastampfmucke durch die Halle. Kein Ton entweicht nach draußen, aller Lärm konzentriert sich hier und frisst an unseren Nerven. Nicht einmal in der Sauna ist Ruhe, selbst dort panflötet einem Eso-Gedudel mit Entspannungsabsicht ins Ohr. Ich war selten so nahe am Amoklauf.

Wem das nicht reicht an Amüsement, der schaut sich noch die Abendshow an. Sie heißt „Fantasia Tropical“. Akrobaten und Tänzerinnen aus Kuba und Kolumbien geben sich rechtschaffen Mühe, die gelangweilt vor sich hin starrenden Menschen aufzuheitern. Sie scheitern auf ganzer Linie. Wenigstens die Kinder lachen ein bisschen, als eine der Tänzerinnen sie an der Hand nimmt und wild mit ihnen herumwackelt. Ich schaue mir die Eltern der Kinder an und bekomme sehr düstere, zivilisationskritische Gedanken. Dann werfe ich der Showtruppe aufmunternde Blicke zu. Sie tun mir so leid. Was müssen sie denken von diesem seltsamen Land? Aber ich weiß ja selbst nicht mehr, was ich von alldem denken soll.

Draußen, also richtig draußen, ist gerade ausnehmend schönes Wetter, eigentlich sollten alle an irgendwelchen echten Seen in echter Natur sein. Aber es gibt anscheinend einen Haufen Leute, die Instant-Natur der echten vorziehen. Wir wären, ehrlich gesagt, jetzt lieber am See. Da riecht die Luft nach warmem Gras, und man hört Vögel. Wir sehnen uns sehr nach Gras und Vögeln und würden auch Ameisen in Kauf nehmen und Kinderpipi im Wasser. Egal.

Man kennt sich mit Wein nicht so aus

Hinter der Riesenrutsche ist der Notausgang. Wir beobachten ein Paar in Badebekleidung, das Hand in Hand vor der Glasscheibe steht und nach draußen schaut. Am Horizont ist Wald, davor ist nichts. Erdhügel türmen sich auf, rotweiße Bänder flattern, hier wird gebaut. Genau genommen: Hier wird expandiert, denn Tropical Islands bekommt ein Außengelände. Man möchte mehr Kunden, die länger bleiben, man möchte den Spreewald mit einbinden, man möchte den „Conference-Bereich“ erschließen.

Deshalb gibt es auch ganz normale Hotelzimmer ohne Pappmachézinnen und Dekorumfässer, und deshalb gibt es auch ein schickes neues Restaurant mit Fine-Dining-Anspruch. „Tropical Garden“ heißt das schicke neue Restaurant, und hier gibt es Tatar vom brandenburgischen Weiderind und Jakobsmuscheln und Risotto mit Wildlachs. Die Bedienung empfiehlt einen Hauswein, weiß aber gerade nicht, was da ausgeschenkt wird, und kennt sich mit Wein generell nicht so aus. Hier gibt es auch eine relativ schicke Bar, aber weil wir noch eine Runde in der abendlich faltigen Südsee schwimmen wollen, die momentan erfreulich leer ist, verpassen wir die Öffnungszeit.

Kurz vor Mitternacht wird’s eng in Sachen Gastronomie. Schließlich finden wir die Raucherlounge, die hat noch offen, und Cocktails gibt es auch. Also, so ähnlich. Als ich der Barkeeperin sage, ich hätte meinen Gin Tonic lieber ohne Gurke, schaut sie mich an, als hätte ich ihn mit Leberwurst bestellt. Sie schüttet No-Name-Tonic auf No-Name-Gin, die Begleiterin bekommt etwas sehr Klebriges mit Mango, zack, auf die nasse Theke geknallt, auf den Chip gebucht, fertig.

Tonbandaffen und Tonbandpapageien

Wir sitzen auf den Loungesofas bei artifiziellen und immer konstanten 25 Grad und trinken schlechte Mischgetränke. Neben uns feiern größere Männergrüppchen irgendwas. Wir hingegen sind vollkommen fertig. Für diese Art von Erholung sind wir nicht gemacht. Für die Sache mit dem Conference-Bereich müssen die noch ein bisschen üben, merke ich an. „An diesem Ort“, meine Begleiterin wird jetzt ein bisschen pathetisch, „ist keine Liebe!“ Dann gehen wir durch den Dschungel nach Hause. Tonbandpapageien und Tonbandaffen aus schlecht kaschierten Lautsprechern säumen unseren Weg. Die Echsen und die Vogelspinnen schlafen schon in ihren dunklen Volieren.

Am nächsten Tag verlassen wir mittags das Gebäude. Wir sitzen auf einem Parkplatz, Busse reihen sich aneinander, Tropical-Islands-Fahnen wehen. Es sieht schon wieder alles nach Baumarkt aus. Das Shuttle bringt uns zum Bahnhof. Hier draußen leben echte Menschen. Sie gehen ihrem Tagewerk nach. Wind weht uns an. Eine Elster landet auf der Oberleitung. Wir setzen uns auf den Steinboden des Bahnsteigs, schauen in den blauen Himmel und riechen an der Luft. Das kommt für uns jetzt etwas überraschend, aber dieser Overkill an Attraktionen, der uns unter der Kuppel bespaßen sollte, war eigentlich ein Experiment in Deprivation. Eventuell waren wir ungeeignete Versuchskaninchen.

Tropical Islands, Tropical-Islands-Allee 1, 15910 Krausnick, Telefon: 035477/605050, www.tropical-islands.de.

Quelle: F.A.Z.
Andrea Diener
Redakteurin im Feuilleton.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAnne FrankSüdsee

Anzeige