Japan

Ein Onsen heilt alles, nur die Liebe nicht

Von Jochen Müssig
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Eine junge Japanerin steht lächelnd auf den Stufen und formt mit ihren Händen eine Raute vor ihrem Bauch. Die Herumstehenden kichern, wissen sie doch offensichtlich, dass die Dame gerade die Merkel-Raute kopiert. Denn noch vor wenigen Monaten stand die Kanzlerin selbst auf genau diesen Stufen zum Jingu- oder dem Großen Ise-Schrein, dem bedeutendsten Japans, und formte - natürlich - ihre weltbekannte Raute. Doch die Raute der Macht half ihr nicht, weiter zum Glück vorzudringen: Den Kern des zweitausend Jahre alten Jingu-Schreins darf nur der japanische Kaiser betreten, den Vorhof nur die kaiserliche Familie. Und Angela Merkel kam, wie die anderen G-7-Teilnehmer, nur bis zum Vor-Vorhof.

Immerhin aber rund fünfzig Meter weiter als alle anderen Normalsterblichen, seien sie nun Japaner oder Ausländer. Es gilt die Regel: Wer näher dran ist am Schrein, der hat auch mehr Chancen auf das dort erbetene Glück. Denn nur um das geht es den sechs Millionen Pilgern jährlich. Auch die junge Frau mit der Merkel-Raute bittet am Großen Schrein um ein günstiges Schicksal. Moderne Japaner und Japanerinnen leben mit einer Mischung aus Shintoismus, Buddhismus und Atheismus. Mehr als zwei Drittel von ihnen glauben nicht an einen Gott. Aber sie glauben an Weisheiten, Glück, und sie sind verwoben mit ihren sozialen und gesellschaftlichen Regeln. So wurden unter Anleitung eines hohen Shinto-Priesters auch Angela Merkel und ihre Kollegen mit dem Reinigungsritus vertraut gemacht, ehe sich die Staatsoberhäupter gemeinsam zu Fuß durch den Wald in Richtung Schrein begaben: Wasser auf die linke Hand, Wasser auf die rechte Hand und den Mund ausspülen.

Der Ise-Shima-Nationalpark, in dem im Mai das letzte G- 7-Treffen stattfand, ist eine Gegend mit besonders vielen heißen Quellen und die Heimat des neuen „Amanemu“-Resorts.
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Glück holt sich der Japaner am Jingu-Schrein oder aber im Onsen. Onsen-Wasser ist stets Thermalwasser aus Vulkangestein. Und ein japanisches Sprichwort besagt: Wenn man in Japan tief gräbt, stößt man immer auf eine heiße Quelle. Und so macht rund eine Autostunde weiter südlich eine andere junge Frau keine Merkel-Raute, sondern sitzt glücklich in einem Onsen, umgeben von dichten Wäldern, puristischem Zen-Design und hübsch nachgebauten Minka-Bauernhäusern. „Ein Onsen ist das Einzige, was mir wirklich fehlt in Deutschland“, sagt Yurie, Japanerin mit Wohnsitz in Düsseldorfs Viertel Klein-Tokio und gerade auf Heimaturlaub: „Immer sechs Wochen Japan. Und jede Woche gehe ich dann mindestens zweimal ins Onsen.“ Der Ise-Shima-Nationalpark, in dem im Mai das letzte G- 7-Treffen stattfand, ist nicht nur die Region des verehrten Jingu-Schreins, sondern auch eine Gegend mit besonders vielen heißen Quellen und die Heimat des neuen „Amanemu“, in dem Yurie gerade ihr Glück gefunden hat.

Bambus ersetzte die Zahnbürste

Im „Amanemu“ hat man eine bereits vorhandene Quelle angezapft und stattet so alle Onsen-Becken, ob die großen Pools für alle Gäste, oder kleine Becken in den eigenen Räumlichkeiten oder den Privat-Onsen, mit sechsunddreißig bis achtunddreißig Grad warmem Wasser aus. Das Besondere an Onsen-Wasser ist die mineralische Zusammensetzung. Es hilft bei Muskelbeschwerden und gegen Stress. Eine japanische Weisheit besagt sogar: Ein Onsen kann alles heilen, nur die Liebe nicht.

Das Amanemu-Resort: „Aman“ heißt Frieden und „Emu“ Glück.
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Das „Amanemu“ hat seit März 2016 geöffnet. Zu knapp, dass ein Barack Obama oder eine Angela Merkel dort zum G7 hätte nächtigen können. Vorbereitungen für Staatsbesuche in Hotels haben monatelange Vorläufe. Das „Aman“ wäre sonst ganz sicher eine Wahl gewesen, denn das Konzept des Resorts oberhalb der Ago-Bucht, berühmt für ihre Zuchtperlen, ist einfach und schlüssig: „Minka“ - Min heißt „Leute“ und Ka „Haus“ - bedeutet, dass man wie Einheimische auf dem Land wohnt, nur komfortabler. Es gibt vier Villen und vierundzwanzig in Doppelhäusern untergebrachte Suiten, allesamt mit privaten Onsen-Bädern. „Aman“ heißt Frieden und „Emu“ Glück. Und alles zusammen ergibt ein authentisches Onsen-Erlebnis, ohne Gefahr zu laufen, in eines der vielen Fettnäpfchen zu treten, die in öffentlichen Bädern lauern.

Das Besondere an Onsen-Wasser ist die mineralische Zusammensetzung. Eine japanische Weisheit besagt sogar: Ein Onsen kann alles heilen, nur die Liebe nicht.
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„Seit ungefähr 710 nach Christus gibt es Onsen“, erklärt „Aman“-Bademeisterin Chieko Kobayashi. „Knapp fünfhundert Jahre später benutzten die Samurai das Onsen, um dann zur Meditation überzugehen.“ Erst in der Edo-Ära im siebzehnten Jahrhundert öffneten sich die Onsen für die Allgemeinheit: „Es war der einzige Ort, an dem es warmes Wasser für die Körperhygiene gab. Bambus ersetzte die Zahnbürste. Naturschwämme wurden zur Körperreinigung eingesetzt. Seife war noch unbekannt.“

Sind wir Deutschen eigentlich Schmutzfinken?

Bis heute hocken die Japaner auf einem winzigen Schemel im Waschraum, schrubben sich ab, was das Zeug hält, gießen literweise Wasser aus einem Bottich über den Körper und beginnen abermals mit der peniblen Körperhygiene. „Alle sind nackt. Und damit sind alle auch gleich“, sagt Chieko. Eine echte Ausnahme im sonst eher prüden Japan: Onsen sind deshalb auch die einzigen Örtlichkeiten, in denen ein Junger vor einem Alten etwa ein Becken betreten darf, ohne einen gravierenden Etiketteverstoß zu begehen, oder wo der Geschäftsführer mit einem seiner Arbeiter vom Fließband von Angesicht zu Angesicht im Wasser badet. Es gibt keine Verbeugungen oder andere der sonst üblichen Respektsbezeugungen.

Das Konzept des Resorts oberhalb der Ago-Bucht, berühmt für ihre Zuchtperlen, ist einfach und schlüssig: „Minka“ - Min heißt „Leute“ und Ka „Haus“ - bedeutet, dass man wie Einheimische auf dem Land wohnt, nur komfortabler.
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Nur das Ritual der peniblen Körperreinigung ist wie in Stein gemeißelt. Da fragt man sich: Sind wir Deutschen eigentlich Schmutzfinken? Die sich hoppla-di-hopp waschen (und tatsächlich manche auch gar nicht!), bevor sie ins öffentliche Bad gehen? Wenn man einem Japaner dabei zusieht, wie inbrünstig, intensiv und sorgfältig er sich reinigt, bevor er ins Onsen steigt, könnte man das meinen. In manchen japanischen Hotels ist vor der Dusche oder der Wanne bis heute ein Abfluss, weil sich viele Japaner schon vorher waschen. Dieser Habitus ist dem Onsen geschuldet, wonach man niemals ohne vorherige gründliche Körperreinigung in ein Becken steigt.

Im Onsen sind alle nackt und damit auch alle gleich.
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„Gut eine Stunde, manchmal bis zu zwei Stunden nehme ich mir fürs Onsen Zeit“, sagt Yurie, die Japanerin aus Düsseldorf. Wie bei uns die Saunen haben viele Onsen in den letzten zwanzig Jahren auch Entertainment-Charakter bekommen. Man trifft sich - winters wie sommers - mit Freunden zum Entspannen und Palavern. Zuweilen sind auch Sauna, Dampfbad oder Kaltwasserbecken dazu gekommen. Und ins Wasser werden inzwischen - entgegen der Tradition - auch Zusatzstoffe gegeben, etwa Kräuter oder saisonales Obst. „Die japanische Kultur kommt Ausländern sehr oft wie ein Buch mit sieben Siegeln vor“, weiß Yurie. Wer vorangeht, wie oft man sich verbeugt und wie man jemanden anredet, das sind schon bekannte Verhaltensregeln. Doch in Japan lernt man nie aus.

Tätowierte müssen oft draußen bleiben

„Aber unser Rad ist kleiner geworden“, sagt die japanische Germanistin in Anspielung auf Hermann Hesses „Unterm Rad“, das sie beeindruckt hat. Dennoch: „Das japanische Rad ist viel, viel größer als das deutsche.“

 Das Ritual der peniblen Körperreinigung ist in Japan wie in Stein gemeißelt.
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Und so wirkt der Verhaltenskodex im „Amanemu“ angenehm locker: Man kann sich einfach duschen, aber sich natürlich auch auf dem Hockerchen mit der Kelle vor dem Zuber waschen. In Japan verpönte Tätowierungen müssen nicht mit Pflastern abgeklebt werden - in traditionellen Onsen ist der Besuch für tätowierte Gäste vielfach verboten, das gilt auch für Urlauber der Generation Y. Und die Japaner machen im „Amanemu“ etwas, was sonst ebenfalls unmöglich ist: Sie gehen in Badekleidung in die großen Thermalbecken. Und zwar alle zusammen: Männlein, Weiblein und Kinder. Ein Vergnügen, das in einem traditionellen Onsen aufgrund strikter Geschlechtertrennung verboten ist. Im „Amanemu“ wären dann also auch Obama und Japans Premier Shinzo Abe in einem Onsen gesessen, vielleicht sogar zusammen mit der Bundeskanzlerin, Hollande oder Italiens Renzi. Ein Gipfeltreffen im Onsen mit Wellness auf Japanisch! Und Seidenbaum-Kräutertee in den Händen, der zum Ausgleich der Energieebenen getrunken wird. Wahrscheinlich hätte all das mehr gebracht als stundenlanges Sitzen an nüchternen Verhandlungstischen.

Wellness auf Japanisch

Informationen: Das „Amanemu“ liegt zwei Stunden von Nagoya entfernt, Website unter www.aman.com/amanemu. Der dortige Flughafen wird von der japanischen Fluggesellschaft ANA nonstop ab Frankfurt angeflogen. Flugplan im Internet unter www.ana.co.jp.

Quelle: F.A.Z.
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