Italienurlaub

Abwechslung wird auch überbewertet

Von Stefanie Bisping
 - 12:11
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Schon am Nachmittag wurden die Sonnenschirme zugeklappt und der Strand rot beflaggt. Abends war es warm und sehr windig. In der Altstadt Grados, die in goldgelbem Laternenlicht unter schwarzem Himmel lag, waren wie immer Flaneure und Musiker unterwegs, die Tische der Restaurants im Freien eingedeckt. Aus der Basilika der heiligen Eugenia drang Musik. In den Kirchenbänken fächelten sich die Damen Luft zu, im Altarraum spielten in historische Kostüme gekleidete Streicher. Zuhörer kamen und gingen. Auch uns wehte ein Windstoß in die Kirche. Bei Bach begannen Blitze am Himmel zu zucken, in die Musik mischte sich Donnern, dann das Rauschen von Regen. Als wir die Basilika verließen, war der Spuk vorbei. In den Straßen standen große Pfützen. Nur über der Adria leuchteten noch Blitze. Dafür waren die Laternen erloschen. In völliger Finsternis tasten wir uns zum Hotel an der Spitze der Landzunge.

Unser neunjähriger Sohn, der Unwetterlagen eigentlich nicht schätzt, findet unsere Nachtwanderung erstaunlicherweise spannend. Wie eigentlich alles, was wir erlebt haben, seit wir über schnurgerade Landstraßen den Damm erreichten, der uns nach Grado führte. Das Kind rekapituliert, wie wir am ersten Morgen den Fußball und ein Arsenal an Wasserpistolen holen wollten und die Autotüren nicht mehr aufgingen; wie der Techniker des Hotels dem Vater half, den scheintoten Wagen anzuwerfen; wie Papa dann eine Werkstatt suchte und in der Via Che Guevara in Aquileia eine neue Batterie kaufte. Wie wir später den fabelhaften Pool in der obersten Etage unseres Hotels entdeckten, durch dessen Fenster man die Ziegeldächer Grados und die Lagune sehen und auf der einen Seite Lignano, auf der anderen Triest erahnen konnte. So nahe am Meer zu sein ist toll. Am schönsten aber ist die Gleichförmigkeit, mit der die Tage verstreichen.

Morgens schlafen, bis das Geschrei der Möwen nicht länger zu ignorieren ist. Nach dem Frühstück mit einem Netz voller Wasserspielzeug an den Strand gehen. Die folgenden Stunden im Wasser verbringen, unterbrochen von gelegentlichen, elterlich verordneten Pausen, die die intensive Lektüre von Harry Potter erträglich macht. Bis der Ruf „Coco bello!“ die Ankunft des Mannes mit dem Eimer voller Kokosnussstücke anzeigt. Dann muss man von Schatten zu Schatten springen, um sich nicht die Fußsohlen zu verbrennen, und kann für zwei Euro ein köstliches Stück Kokosnuss kaufen. Abends Nudeln und gegrillten Fisch essen und ein bisschen durch die Stadt sausen. Das finden die Eltern wichtig, deren Wunsch nach Abwechslung überhaupt nach Grado geführt hat. Dem Knaben hätte es genügt, die Ferien nur im benachbarten Lignano zu verbringen. So teilen wir die Zeit zwischen beiden Orten.

„Mein kleines Florida“

Grado sei aber wirklich auch sehr schön, lobt das Kind: Der Strand nicht ganz so perfekt wie in Lignano, aber groß und das Wasser warm. Die Sträßchen, in denen abends immer so viel los ist, und die Plätze, auf denen Musiker spielen. Mitten im Ort der malerische Hafen. Hier steigen wir eines Morgens in ein Motorboot, um die Lagune zu erkunden. Vögel sehen wir und winzige Inselchen. Manche sind unbewohnt, auf anderen steht ein Haus oder ein paar Fischerhütten, die casoni heißen. Kurz vor der Hafeneinfahrt ragt ein Wegweiser aus dem Wasser: „Lignano“ ist dort in großen Buchstaben zu lesen. „Am liebsten würde ich jetzt sofort mit dem Boot da hinfahren“, erklärt das Kind. Wir denken an unser Auto und nehmen den Landweg.

Lignano, eine Halbinsel zwischen der Lagune von Marano und der Adria, kommt ohne historische Bedeutungsschwere aus, wenn man davon absieht, dass Generationen von Deutschen und Österreichern hier zum ersten Mal das Mittelmeer gesehen haben. Eine Sternstunde kam, als der Italien-Reisende Ernest Hemingway Lignano der sumpfigen Lagune wegen „mein kleines Florida“ nannte. Zum Dank für diesen unbezahlbaren Slogan durfte der Nobelpreisträger seinen Namen auch gleich dem Stadtpark von Pineta leihen.

Dieser Stadtteil ist unsere Wahlheimat. Er ist keine siebzig Jahre alt und verdankt seine Existenz ausschließlich dem Tourismus. Die Pinien, die dem Ort den Namen gegeben haben, tarnen Hotels und Ferienhäuser, die hier ohnehin nicht hoch geraten sind. Herzstück Pinetas ist die Einkaufsstraße, in deren Mitte sich eine Reihe von beiden Seiten begehbarer Geschäfte, Restaurants und Bars befindet. Von hier aus windet sich die Straße Arco dell’Erica in Form einer Spirale nach außen. Diese eigenartige Stadtarchitektur faszinierte schon den Vater, der als Kind hier sein Ferientaschengeld in Flipper- und Pacman-Spielautomaten einspeiste. Tatsächlich beeindruckten ihn die Kindheitssommer in Lignano so sehr, dass er später auch die Mutter herbrachte.

Alles ist wie immer

Das Kind kennt all diese Geschichten, und unsere persönliche Historie ist nicht der geringste Reiz Lignanos. Auch diesmal schlendern wir am ersten Abend durch den Ort, laufen ein Stück über die Promenade und vergewissern uns vergangener Stationen: Da ist die Ferienwohnung, die einst Oma und Opa mieteten und in der Einbrecher am hellen Tag Opas Ehering klauten; da das Haus, aus dessen schmaler Einfahrt Papa als Achtzehnjähriger Opas Mercedes steuerte und eine Delle in die Tür fuhr; in dieser kleinen Seitenstraße liegt die Pension, in der wir – phantastisches Highlight unseres Sommerurlaubs 2014 – unter den schlechtgelaunten Blicken der Hausherrin aus Österreich Fußball-Weltmeister wurden.

Lignano beweist, dass Abwechslung im Urlaub überbewertet wird. Alles ist wie immer, und das ist schön. Den ältesten Stadtteil Sabbiadoro, der uns mit seinem Betonsteg ins Meer, den eng gestellten Liegestühlen und den vielen Geschäften zu trubelig ist, sparen wir uns für einen bedeckten Tag auf, der in diesem Sommer nicht kommt. Jeden Morgen steigen wir ins Auto, legen Edoardo Bennato oder Adriano Celentano ein und fahren nach Riviera. Im westlichsten und ruhigsten Teil Lignanos, kurz vor der Mündung des Tagliamento in die Adria, ist der Strand besonders breit und dazu nur sparsam beschirmt. Keine Musik dröhnt, stattdessen singen Zikaden. „So klingt der Sommer in Lignano“, erklärt das Kind, „und er riecht nach Pinien.“ Denn auch hier reichen die Nadelbäume bis an den Strand.

Langsam steigt die Temperaturanzeige an der Cafeteria, bis sie am Nachmittag bei zweiunddreißig Grad erschöpft haltmacht. Wir beobachten, wie die Italiener zur Mittagszeit verschwinden, um in Zimmer oder Garten zu rasten. Wir bleiben und schieben unsere Liegen dem Schatten folgend um den Sonnenschirm. Es ist die einzige Anstrengung. Das Kind planscht und liest. Wenn der Sand wieder kühl genug für nackte Füße ist, spielen wir Fußball oder Boccia. Auf dem Rückweg vom Strand halten wir an unserem Lieblingsrestaurant. Das Kind bestellt Pizza Margherita, die Eltern gegrillten Tintenfisch. Später am Abend mieten wir ein „Quadriciclo“, ein Fahrrad mit Dach und vier Rädern, und fahren durch die nach Pinien duftenden Straßen. Nächstes Jahr, überlegen wir, bleiben wir länger.

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Zweite Heimat

• Strand: Die „Bagni“ an den Stränden sind gebührenpflichtig. Für Schirm und zwei Liegen zahlt man bei mittlerer Entfernung zum Wasser etwa 130 Euro pro Woche.

• Übernachten: Das Vier-Sterne-Hotel Laguna Palace in Grado liegt am Ende der Halbinsel. Der Strand ist wenige Gehminuten entfernt. Ein Zimmer für drei Personen kostet für eine Woche ab 1300 Euro; mit Halbpension 175 Euro für Erwachsene, 98 Euro für Kinder (Riva Brioni, Telefon: 0039/04/3 185612, lagunapalacehotel.it). In Lignano Pineta verbindet das Drei-Sterne-Hotel Daniele freundliche Atmosphäre und fabelhaftes Frühstücksbuffet. Das Zimmer für drei kostet pro Woche im Juli 1125 Euro (Corso degli Alisei 28–30, Tel. 0039/04/31427166, www.hoteldaniele.de).

Quelle: F.A.Z.
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